18 Thiermedicinische Rundschau etec.
1886/87. No. 2.
vor der klinischen Untersuchung bereits ein Jahr krank. Erscheinungen im Leben und im Tode in der Hauptsache wie bei den Fällen von Zschokke. Bemerkenswerth war die bis auf 40,6 gesteigerte Temperatur, welche bis zum Tode anhielt. Von anatomischen Veränderungen waren die ohne nachgewiesene Lokalerkrankung im Leben vor- handenen Haemoglobininfarcte. Den akuten Ver- lauf der Krankheit leitet Redner aus dem un- günstigen Finfluss des Stehens im Stalle auf die Circulation her. In einem zweiten Falle handelt es sich um ein wegen Dämpfigkeit vorgeführtes Pferd, das ein Jahr vorher eine schwere Brust- affektion überstanden hatte. Das Thier ging bei hohem Fieber unter den geschilderten Erschein- ungen 7u Grunde. Am bemerkenswerthesten, be- sonders pezüglich der Aetiologie, erscheint der dritte vom Vortragenden beobachtete Fall. Hier war ein mit einer äusseren Verletzung bebaftetes und in einem schlecht ventilirten Stalle behandel- tes Pferd plötzlich unter hohem Fieber, vermehr- ter Herzthätigkeit erkrankt. Bei sonst reger Fresslust trat grosse Mattigkeit ein, daneben blasse Schleimhäute und starker Nasenausfluss. Im Blute befanden sich Bacillen sechs Tage nach Beginn der Erkrankung. Besserung trat erst nach neun Tagen ein mit langer Reconvalescenzperiode. In demselben Stalle waren schon öfters derartige
Erkrankungen bei Pferden beobachtet, was im Verein mit dem Blutbefunde die Annahme recht- fertigt, dass es sich bei der perniciösen Anämie um eine Infectionskrankheit handelt. Voran- gegangene grosse Anstrengungen. schwere Krank- heiten, langes Stehen im Stalle geben die Prä- disposition dazu.
Redner bemerkt bei Anführung des letzten Falles, dass derselbe in Erscheinungen und Ver- lauf viel Aehnlichkeit mit der von Dieckerhoff unter dem Namen Scalma beschriebenen Er- krankung der Pferde hat. Ob es sich jedoch that- sächlich um identische Processe handelt, müssen weitere Untersuchungen lehren. An diesen Vor- trag schliesst derselbe Redner eine Mittheilung
über die Wirkung der Blausäure als Antipyreticum.
In Form von Cyankali und Aqua amyg- dalarum amarum angewendet, konnte bei Hun- den ein sicherer aber allmählicher Temperatur- abfall nachgewiesen werden. Redner glaubt, dass ihre Wirkung ähnlich wie vom Chinin auf die Vorgänge des Stoffwechsels zu beziehen sind. Toxische Gaben erregten Temperatursteigerung.
Nach kleiner Pause beginnt Herr Professor Dr. Schütz-Berlin den angekündigten Vortrag über das Contagium der Influenza pecto-
Zweck der Versammlung sei, wissenschaftliche Vorträge zu hören, die Jeder bequem zu Hause lesen könne, als vielmehr durch Wechselverkehr mit den specielleren Fachgenossen Anregung zu weiterem Arbeiten zu erhalten. Die Tage der Naturforscherversammlung waren seit lange Fest- tage des Volkes und Redner möchte am wenigsten ihnen diesen Charakter abstreifen. Das vor- liegende Programm zeigt aber auch, dass der Haupttheil der Zeit der ernsten Arbeit gewidmet sein soll. Nach der Arbeit ziemt es sich jedoch der Erholung und dem freundschaftlichan Verkehr ihr Recht zu lassen. Das war auch die Meinung der Gründer dieser Versammlung. Das Statut, welches nunmehr 64 Jahre alt ist, erklärt im §2 als den Hauptzweck der Gesellschaft, den Naturforschern und Aerzten Peutschlands Ge- legenheit zu verschaffen, sich persönlich kennen zu lernen. Niemand hat die Bedeutung dieses Paragraphen klarer entwickelt, als der Altmeister Alexander von Humboldt. Vor 58 Jahren, als er die Versammlung in Berlin eröffnete, sagte er:„der Hauptzweck des Vereins besteht
nicht, wie in anderen Akademieen, die eine ge- schlossene Einheit bilden, in gegenseitiger Mit- theilung von Aphandlungen, in ahlreichen Vorlesungen, die alle zum Druck bestimmt, nach mehr als Jahresfrist in eigenen Sammlungen erscheinen. Der Hauptzweck dieser Gesellschaft ist die persönliche Annäherung derer, welche dasselbe Feld der Wissenschaft bearbeiten; die mündliche und darum mehr anregende Abwechs- lung von Ideen, sie mögen sich als Thatsachen, Meinungen oder Zweifel darstellen; die Gründung freundschaftlicher Verhältnisse, welche den Wissen- schaften Licht, dem Leben heitere Anmuth, den Sitten Duldsamkeit und Milde gewähren. Auf die Blüthezeit des hellenischen Alterthums dann verweisend, sagte er:„das alte Geschlecht kannte den Werth des lebendigen Wortes, den begeistern- den Einfluss, welchen durch ihre Nähe hohe Meisterschaft ausübt und die auffallende Macht des Gesprächs, wenn es unvorbereitet, frei und schonend zugleich das Gewebe wissenschaftlicher Meinungen und Zweifel durchläuft. Entschleierung ist ohne Divergen? der Meinungen nicht denkbar,


