10 Tbiermedicinische Rundschau ete. 1886/87. No. 1.

gehabt zu der Vermuthung, dass Diphtherie durch Milch einer erkrankten Kuh verbreitet wurde und dieser Verdacht, im Zusammenhalt mit den übrigen räthselhaften Umständen des vorliegenden Falles, führte auf den Gedanken, es möchte auch hier die Beschaffenheit der Milch selbst Ur- sache der Epidemien sein.

Durch sorgfältige Nachforschungen war es möglich festzustellen, dass der Beginn der Erkrankungen in der Stadt zusammenfiel mit der Ankunft von 4 neu angekauften Kühen auf der Farm, und dass ferner die Vertheilung der Erkrankungen in den einzelnen Stadtbezirken der Ver- theilung der neuen Kühe auf die verschiedenen Ställe ent- sprach. So stammte die nach dem bis dahin verschont gebliebenen St. John's Wood gelieferte Milch aus einem Stall, in den keine von den neuen Kühen gekommen war. Man fand ferner, dass die fraglichen Kühe an einem aus Bläschen und kleinen Geschwüren bestehenden Ausschlag litten, der besonders die Puter und Zitzen betraf, sich aber auch auf die behaarten Theile erstreckte. Die Krankheit äbertrug sich auf die anderen Kühe des gleichen Stalles und verbreitete sich bald über die ganze Farm; als aber in dem am längsten immunen Stalle, dessen Milch nach St. John's Wood geliefert wurde, die ersten Erkrankungen constatirt wurden, zeigten sich bald darauf auch dort die ersten Scharlachfälle unter den Consumenten. Das All- gemeinbefinden der erkrankten Thiere litt wenig, vielmehr plieben dieselben bei gutem Ernährungszustand und gaben reichlich Milch.

Nachdem der ursächliche Zusammenhang zwischen Infection und Milch genügend festzustehen schien, wurde der weitere Verkauf der Milch inhibirt und von diesem Zeitpunkte an kamen keine Erkrankungsfälle in den bis dahin ergriffenen Stadtbezirken mehr vor. Dagegen er- eignete sich der einem Experimente gleichzuachtende Fall, dass einige in der Nachbarschaft der Farm wohnende arme Familien sich in den Besitz der zur Vernichtung pestimmten Milch zu setzen wussten, und dieselben genossen. Nach Verlauf einer Woche brach Scharlachfieber fast in allen diesen(½ Dutzend) Familien mit grosser Heftigkeit aus, während keine Familie betroffen wurde, die nichts von der Milch erhalten hatte.

Zwei der erkrankten Kühe wurden nun angekauft und der Beobachtung Dr. Klein's in der Brown Institution unterstellt.(Diese Anstalt wurde von einem Irländer Brown gegründet, steht unter Verwaltung der Universität London und hat zum Zweck die Förderung des Studiums der Pr- krankungen der Thiere und deren Beziechungen zum Men- schen). Klein wies nach, dass die Krankheit sich durch directe Contagion unter den Thieren fortpflanzt, sowie dass sie durch Impfung übertragen werden kann; es gelang ihm ferner das Virus auf verschiedenen Nährböden rein zu kultiviren und zwar stellt dasselbe einen kettenbildenden Micrococcus dar, der dem bei der Klauenseuche gefundenen Streptococcus sehr ähnlich ist; beide finden in Milch einen sehr günstigen Nährboden, jedoch bringt der erstere die Milch zur Gerinnung, während der Streptococcus der Klauen- seuche dieselbe unverändert lässt.

Mit der 3. Generation einer Agar-Agar Reinkultur wurden 2 Kälber geimpft; von diesen ging eines nach 27 Tagen zu Grunde und zeigte bei der Obduction in den Organen, besonders in den Nieren entzündliche Verände- rungen, die von denen, wie sie bei Scharlach des Menschen in den gleichen Organen gefunden werden, absolut nicht zu unterscheiden waren. Das zweite Thier wurde nach weiteren 9 Tagen getödtet und zeigte die gleichen Ver- änderungen; hier fand man auch eine ähnliche Affection der Haut, wie bei den ursprünglich erkrankten Kühen.

Auf Grund seiner Befunde stellt Klein die vorläufige Ansicht auf, dass die Milch ursprünglich das Virus nicht enthält, sondern dass dieses erst durch den Act des Mel- kens ihr von den Eutern aus beigemischt wird; dass der Infectionsstoff sich sodann in der Milch sehr rasch ver- mehrt und nunmehr durch den Genuss dieser die Infection beim Menschen erzeugt wird.

Die Untersuchungen sind, wie erwähnt, noch nicht abgeschlossen, vielmehr wird an der Fortführung derselben intensiv gearbeitet. Obwohl daher bis jetzt ein endgültiges Urtheil über die wirkliche Bedeutung derselben nicht mög- lich ist, so verdient doch die eminente Wichtigkeit der Frage schon jetzt das allgemeine Interesse und es wäre übertriebener Scepticismus, wollte man die von anerkannt tüchtigen Forschern gemachten Beobachtungen von vorn- herein zurückweisen. Sollten dieselben sich jedoch end- giltig bewahrheiten, so wäre dies ein gewaltiger Fortschritt in unserer Kenntniss der Aetiologie einer der verheerend- sten Infectionskrankheiten, der anderen ähnlichen Ent- deckungen gegenüber um so freudiger zu begrüssen wäre, als durch denselben zugleich die Möglichkeit einer wirk- samen Prophylaxe gegeben wäre.

(Münch. med. Wochenschrift.)

Im englischen Unterhause richtete Sir. John Lubbock an die Regierung die Anfrage, zu welchen Resultaten die zum Studium der Pasteur- schen Schutzimpfungen gegen Hundswuth entsandte Commission gelangt sei. Darauf wurde erwidert, dass die Commission das Verfahren in Paris eingehend kennen gelernt habe und vor- läufig von dessen Wirksamkeit überzeugt sei: dass jedoch, pevor ein endgültiges Gutachten darüber abgegeben werden könne, die Ergebnisse weiterer Thierversuche abzuwarten seien.

Tagesgeschichte.

Der Kaiser von Russland hat durch Ver- mittelung des auswärtigen Amtes an Pasteur die Summe von 40000 Rubeln(100000 Franes) gelangen lassen als seinen Antheil an den Kosten der Prrichtung des internationalen Institutes zur Behandlung der Hundswuth in Paris. Dieses be- deutende Geschenk bringt die Höhe der auf dem Crédit Foncier centralisirten Subsecriptionen auf 1 600000 Francs.