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Gießener Zeitung
Erscheint Samstags.
( Gießener Tageblatt)
Bezugspreis 1,50 RM vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
44. Sabeg.
Politische Rundschau.
Das preußische Staatsministerium hat eine große Zahl Personalveränderungen beschlossen; unter anderem werden zahl=
rige Entzündung bereiche Landräte in den Ruhestand versetzt.
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Die DNVP. fordert, daß sofortige Anklage bei dem Staats: gerichtshof gegen die ehemaligen preußischen Minister erhoben wird, die beschlossen hätten, den Fonds zur Bekämpfung des Verbrechertums von 260 000 auf zwei Millionen RM. zu er
höhen, da sie das Etatsrecht verlegt hätten.
Die zuständigen englischen Stellen teilen mit, daß auch Desterreich und Rumänien dem englisch- französischen ,, Vertrauensabfommen" beitreten wollen.
Die ungarische Regierung hat durch ihren Pariser Gesandten der französischen Regierung mitgeteilt, daß sie dem engItsch- französischen Vertrauenspakt beitrete.
Der spanische Geschäftsträger in London hat der britischen Regierung den Beitritt Spaniens zum französisch- englischen Konsultativpatt mitgeteilt.
Der Vernehmungsrichter im Berliner Polizeipräsidium hat den Schriftsteller und Reichsbannerführer Breuer mangels dringenden Tatverdachts aus der Haft entlassen.
Gegenüber dem ständigen Boykott Polens gegen Danzig find deutscherseits als Gegenmaßnahmen Sonderfahrten des Seedienstes Ostpreußen nach Danzig unter dem Namen„ Hanseatische Sonderfahrt" eingerichtet worden. Die Freigrenze für deutsche Marlbeträge wird für Besucher von Danzig zum Besuch der Waldoper von 200 auf 400 Mark erhöht.
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Vor dem Obersten Gericht in Helsingfors begann der Proze gegen 102 Anführer der Lappo- Bewegung, die im März dieses Jahres einen Aufstand versucht hatten. Unter den Angeflagten befindet sich auch General Wallenius.
In Begleitung des ägyptischen Gesandten beim Quirinal ist der ägyptische Ministerpräsident Sedky Pascha in Rom eingetroffen.
Ein Teil der großen Pariser Presse beschäftigt sich noch einmal mit dem französisch- englischen Konsultativabkommen, das nunmehr nach dem Beitritt Deutschlands als für die französische Politik verhängnisvoll bezeichnet wird, nachdem es bisher stets als die Wiedergeburt der Entente cordiale gefeiert worden war.
Bei der Nachwahl in Wednesbury in Mittelengland hat die Arbeiterpartei einen weiteren der im Oktober an die Konjervativen verlorenen Wahlkreis zurüderobert. Der Kandidat der Arbeiterpartei erhielt dort 21 977 Stimmen gegenüber 29 842 bei der Hauptwahl, während die konservativen Stimmen Don 25 000 auf 18 898 zurüdgingen. Das Ergebnis wird in der Presse als ein bedeutungsvoller Umschwung der politischen Stimmung innerhalb der Wählerschaft bezeichnet.
Die Hoffnung, daß in letzter Stunde ein neuer Versuch zur Seilegung des englisch- irischen Konflikts unternommen würde, hat sich nicht bestätigt.
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In Paraguay herrscht Kriegsbegeisterung. 10 000 gayanische Reservisten haben sich freiwillig in den Kasernen um Dienst gemeldet. In Bolivien ist die allgemeine Mobilnachung angeordnet worden. Die Kriegserklärung an Paraguan soll, wie verlautet, am 6. August erfolgen.
Die brasiilianischen Regierungstruppen haben einen Großangriff gegen die Aufständischen des Staates Sao Paulo eröff= Tet. Mit der Uebergabe der Aufständischen wird stündlich gerechnet.
Die japanische Regierung hat die gesamte militärische und jivile Verwaltung der japanischen Interessen in der Mandhurei einem bevollmächtigten Sonderdelegierten unterstellt, ler gleichzeitig auch Gouverneur der Provinz Kwantung und Oberaufsichtsbehörde für die südmandschurische Eisenbahn sein vird. Dies Amt ist General Muto übertragen worden.
Der Reichspräsident hat den Vortragenden Legationsrat Reinebed zum Gesandten in Reval ernannt.
Reichskanzler v. Papen spricht am Samstag, den 30. Juli, ibends 7,30 bis 8 Uhr, für alle deutschen Sender.
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Die englische Regierung hat dem Generalsekretär Billerbundes offiziell mitgeteilt, daß der Jrat seine Aufnahme in den Völkerbund beantrage. Mit der Aufnahme des Jrak in den Völkerbund würde die britische Mandatsherrschaft über dieses Gebiet erlöschen.
Die zum 31. Juli aus polnischen Diensten entlassenen französischen Militär- und Marinemissionen haben ihre Tätigkeit ingestellt.
In Charbin wurde ein höherer sowjetrussischer Eisenbahnleamter namens Salter von vier Russen erschossen, die chinefiche Kleidung trugen. Es soll sich um einen Rachealt von Weißgardisten handeln.
Die Regierung von Paraguay hat erklärt, daß sie ihre gejamten militärischen Befehlshaber an den Grenzen angewiesen habe, sich streng in der Defensive zu halten.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 30. Juli 1932
( Neueste Nachrichten)
Anzeigenpreise: die 30 mm breite Petitzeile auswärts 24 Pfg.. lofal 12 Pfg., die 90 mm breite Reflame- Petitzeile 96 Pfg. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholung Rabatt. Für Bollklischee- Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung
Eine Verordnung des Reichspräsidenten.
Nummer 30
Alle öffentlichen Versammlungen bis zum 10. August verboten.
Berlin. Auf Grund des Artikels 48 Abs. 2 der Reichsver-| schen Versammlungen unter freiem Himmel, die in festumfriefassung wird folgendes verordnet: deten, dauernd für Massenbesuch eingerichteten Anlagen stattfinden sollen, verboten sind.
§ 1.
Für die Zeit vom 31. Juli 1932 bis zum Ablauf des 10. August 1932 sind alle öffentlichen politischen Versammlungen verboten. Als politisch im Sinne dieser Vorschrift gelten alle Versammlungen, die zu politischen Zweden oder von politischen Vereinigungen veranstaltet werden.
§ 2.
Die Bestimmungen der 2. Verordnung des Reichsministers des Innern über Versammlungen und Aufzüge vom 18. Juli 1932 in der Fassung der 3. Verordnung des Reichsministers des Innern über Versammlungen und Aufzüge vom 22. Juli 1932 bleiben mit der Maßgabe unberührt, daß für die Zeit vom 31. Juli 1932 bis zum Ablauf des 10. August 1932 auch alle politi
§ 3.
Wer eine Versammlung, die nach den Bestimmungen dieser Verordnung verboten ist, veranstaltet, leitet, in ihr als Redner auftritt oder den Raum für sie zur Verfügung stellt, wird mit Gefängnis bestraft, neben dem auf Geldstrafe erkannt werden fann. Wer an einer solchen Versammlung teilnimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 150 RM. bestraft.
§ 4.
Diese Verordnung tritt mit dem 31. Juli 1932 in Kraft. Neudeck, den 29. Juli 1932. ( Folgen Unterschriften.)
Das Vaterland über die Partei!
,, Aber einmal müßt ihr ringen Noch in ernster Geisterschlacht, Und den letzten Feind bezwingen, Der im Innern drohend wacht!" Auch an unser Gewissen hat Schenkendorf dieses Lied gesungen. Morgen wird es sich entscheiden, ob die seelischen, sitt= lichen, vaterländischen Wiederaufbaukräfte im deutschen Volke stark genug sind, um den Sieg zu erringen.
Verloren ist nur das Volk, das sich selbst verloren hat. Das ist hundertmal gesagt worden und muß noch tausendmal gesagt werden. Wer resigniert, hat die deutsche Kraft falsch geschätzt. Und die deutsche Kraft ist der Geist, der unsere Geschichte getragen hat. Der Geist, der Deutschland zur Höhe geführt hat und der auch uns wieder zur Höhe führen wird, wenn wir nur wollen! Aus solchem Vertrauen steigt der Glaube an die deutsche Zukunft; aus diesem Glauben wachsen Adlerflügel, aus ihm wächst der Wille zum Reich!
Dieses ist der tiefere Sinn dieser Wahlen: sie sollen sein ein Ausschrei unseres nationalen Gewissens, und dieser Aufschrei richtet sich an alle inneren und äußeren Mächte der Sitte, der Vernunft, des Gewissens. Diese Mächte sind noch nicht erstorben. Sie können unterdrückt, aber niemals getötet werden. Deshalb kann der Weg nie versperrt, sondern nur verzögert werden nur durch eigene Schuld! Es gilt ja gerade jetzt, die deutsche Welt aus der Passivität emporzureißen und an die Stelle des Wortes den Willen zur aufbauenden Tat zu setzen. Und wer es vorsieht, am Sonntag daheim zu bleiben, verstärkt zugleich, so parador das klingt, die Partei, die dem Staatswesen kaum weniger gefährlich ist als die Sozialisten und Kommunisten. Das ist die Partei der Nichtwähler! Jede Stimme, die so aus der Liste der Kämpfer für das Vaterland gestrichen wird, vermehrt die Gefahr, daß das Reichsparlament abermals unter die Botmäßigkeit von Parteien gelangt, die dem nationalen Gedanken und dem Gedanken der unzertrennbaren Reichseinheit fremd und kalt oder gar mit bewußter Feindseligkeit gegenüberstehen.
Wir singen so gern und so stolz den Vers:
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Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht,
wer
der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht!" Darum: Handle und wähle! Ob Mann oder Frau nur weiblich klagt, paßt nicht in diese harte Zeit. Ob Mann oder Frau- nur wer handelnd zugreift, wird Herr über die Not der Zeit. Und je schlimmer die Zeit, um so gebieterischer die Forderung:
,, Und Handeln sollst du so, als hinge Von dir und deinem Tun allein
Das Schicksal ab der deutschen Dinge Und die Verantwortung sei dein!"
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Und wie einfach liegen die Dinge diesmal für den Wähler! Es kommt dieses Mal darauf an, der Kampffront der Marristen und Marxistenfreunde die nationale Kampffront gegenüberzustellen. Hinter welche nationale Partei wir auf dem Stimmzettel das Kreuz machen, ist sehr viel weniger wichtig, als die Entscheidung, ob wir uns der Front der Marxisten anreihen, oder ob wir uns auf die Seite der christlichen, der vaterländischen, der deutschbewußten Abwehrfront stellen. Und diese Entscheidung kann doch keine Schwierigkeiten bereiten. Denn die Parole muß heißen: Ueber die Partei das Vaterland! Denn in diesem Vaterland sind alle Werte unseres staatlichen und nationalen Lebens geborgen: Recht, Religion, Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft, der Reichtum einer großen geschichtlichen Vergangenheit. Und dieses Vaterland, geknechtet, gedemütigt, zerrissen, niedergebrochen dieses Vaterland gilt es wieder aufzubauen, zu schützen, wieder zum Hort und Bürger unserer inneren Freiheit zu machen. Und finden wir die innere nationale Einheit, dann wird uns auch einmal die äußere Freiheit leuchten!
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Wer fragt heute nach einem Parteiprogramm? Nach diesem oder jenem Parteiführer? Niemand! Wichtiger ist die Frage: Welche Parteien garantieren mir mit absoluter Sicherheit die Abwehr des Margismus, welche Parteien sind in der Lage, den vaterländischen Standpunkt am wärmsten zu vertreten? Und da muß die Antwort immer wieder lauten: Keine Stimme den Marxisten!
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Es steht Großes auf dem Spiele. Da darf es kein Zögern und kein Zaudern, keine aus früherer Zeit konservierte Empfindlichkeit geben. Da muß jeder seine Pflicht tun. Denn es gibt etwas, das trotz allem höher steht als die Partei: das ist das deutsche Vaterland! Dieses deutsche Vaterland, in dem für das deutsche Volk neue Lebensformen geschaffen werden sollen, in dem ein dem deutschen Wesen gemäßigter geistig und seelisch fester fundierter Staat begründet werden soll; feſter als der Notbau von Weimar es sein konnte. Nur eine wahrhaft nationale Regierung ist imstande, eine sozialistisch- kollettivistische Front erfolgreich niederzuringen, die Erwartungen der Jugend, die heute ihren Lebensweg durch wirtschaftliche Not versperrt sieht, mit neuen Hoffnungen zu erfüllen, das Gut der bürgerlichen Freiheit, die Würde der selbstverantwort lichen Persönlichkeit, das Glück des frei Schaffenden und Arbeitenden zu sichern.
Darum: Wähle und handle nach dem Gesichtspunkte: Das Vaterland über der Partei!
Der Reichskanzler an Amerifa. Reichskanzler v. Papen sprach in der vergangenen Nacht um 12 Uhr in englischer Sprache nach Amerika. Der Inhalt seiner Ausführungen ist im wesentlichen folgender: Angeborene Ordnungsliebe des Deutschen hat sich in den Ereignissen der letzten Wochen erneut gezeigt. Infolge der zunehmenden Spannung zwischen den Anhängern der äußersten Rechten und der äußersten Linken schwebte über Deutschland die Gefahr eines Bürgerkrie= ges. Während die Nationalsozialistische Bewegung ausschließlich eine nationale Wiedergeburt anstrebt, muß der Kommunismus als eine revolutionäre Bewegung und eine Gefahr für das Land und die Welt bezeichnet werde. Die Ruhestörungen der letzten Zeit sind mit sehr wenigen Ausnahmen auf die gesetzwidrige Tätigkeit der Kommunisten zurückzuführen. Keine Regierung hätte diesen Zustand länger dulden können, ohne ihre eigene Autorität aufgeben zu können. Die Ordnung in ganz
Deutschland ist nun wieder hergestellt. Kein deutscher Staat wird in seiner Unabhängigkeit beeinträchtigt werden. Weder ich noch meine Kollegen in der Regierung werden einen Schritt zur Errichtung einer Diktatur begünstigen. Der Urgrund aller Verzweiflung in Deutschland liegt im Versailler Vertrag, dessen Bestimmungen kein Deutscher als gerecht anerkennen würde. Für das deutsche Volk ist es unerträglich, daß ihm heute noch sein Anspruch auf Gleichberechtigung, zu dem es sich als große Kulturnation berechtigt fühlt, durch die diskriminierenden Be stimmungen des Versailler Vertrages immer noch vorenthalten wird. Ich bin überzeugt, daß gerade das große Land, zu dessen Bürgern ich heute sprechen darf, diese Gefühle völlig verstehen und würdigen wird. Recht und Gerechtigkeit sind die Grundsäge, die immer in der Welt herrschen müssen.
Morgen, Sonntag, alle Deutschen zur Wahlurne!


