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Gießener Zeitung

Erscheint Samstags.

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( Gießener Tageblatt)

Bezugspreis 1,50 RM vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

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allem aber auch über den augenblidlichen Stand der Abrüstungs­verhandlungen unterrichtet. Das gleiche Thema ist auch im Kabinettsrat gestreift worden.

Bei der Kabinettssitzung, die am Freitagnachmittag statt­fand, war in der Frage der Bankenkontrolle bereits vorher eine gewisse Entscheidung gefallen. Die an hoher Stelle der Wil­Helmstraße geführten Verhandlungen mit dem früheren Reichs­tantpräsidenten Schacht haben einstweilen keine Einigung er­geben.

Die Reichsregierung hat sich in ihrer Freitag- Sigung mit ber Umwandlung der Preußenkasse in eine Deutsche Zentral­genossenschaftskasse und einer beschleunigten Durchführung der landwirtschaftlichen Entschuldung im Osthilfegebiet befaßt.

In einer in der News Chronicle" veröffentlichten Unter­redung setzt sich der italienische Kabinettschef und Hauptvertre­ter Italiens in Genf, Baron Aloist, für die Revision des Ver­Jailler Vertrages und die Anerkenung der deutschen Gleichberech­tigung ein.

In den streng geheim geführten Verhandlungen des 14­gliedrigen Ausschusses für die Neubildung der politischen Lei­tung des Völkerbundssekretariats ist jetzt im großen eine end­gültige Regelung gefunden worden, die in keiner Richtung den deutschen Interessen entspricht.

Am Mittwoch unterrichtete der Washingtoner französische Botschafter Claudel den Präsidenten Hoover davon, daß Frank­reich, bevor es irgendeiner Abrüstung zustimmen kann, ein Ab­Tommen mit den Vereinigten Staaten verlange, in dem Ame­rita die Bürgschaft für die französische Sicherheit übernimmt.

Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, hat das neue Arbeitsbeschaffungsprogramm über 200 Mill. RM. mit dem Gerete- Plan nichts zu tun. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm Der Reichsregierung vom Juni d. J. in Höhe von 135 Millionen ist um mehr als 200 Millionen erweitert worden.

Der Bundesvorstand des Reichslandbundes nahm in seiner vorgestrigen Sitzung einstimmig eine Entschließung an, in der es heißt, der Reichslandbund bekenne sich zum Grundsatz der autoritären, von den Parteien nicht abhängigen Staatsführung. Der Präsident des Thüringer Landtags hat es, entgegen sozialdemokratischen und kommunistischen Wünschen, abgelehnt, den Landtag noch vor den Reichstagswahlen einzuberufen.

Einige führende Reichsminister werden mit dem Wochen­ende einen lurzen Urlaub antreten.

Auf Veranlassung des Oberreichsanwaltes erfolgte in Ber­Lin und anderen Stellen Brandenburgs eine großze Polizeiaktion gegen fommunistische Drudereien und Schriftenvertriebsstellen.

Der Leiter der Völkerbundsabteilung am Quai d'Orsay, Massigli griff Deutschland in einer geheimen Sigung des Effet­tivausschusses der Abrüstungskonferenz wegen der, vertrags­widrigen militärischen Organisierung der deutschen Schuhpoli­Jei" an.

Der 5. Strassenat des Reichsgerichts verurteilte zwei lang= jährige Mitglieder der Kommunistischen Partei aus Hagen we­gen Vorbereitung zum Hochverrat in Tateinheit mit Verbre chen gegen das Sprengstoffgesetz zu zwei und dreieinhalb Jah­ren Zuchthaus.

Das Reichsgericht hat weiter den kommunistischen Reichs­tagsabgeordneten Jadasch aus Berlin- Wittenau wegen Vorbe­reitung eines hochverräterischen Unternehmens zu 1 Jahr 3 Mo= naten Festungshaft verurteilt.

In Hannover wurde von der Polizei ein umfangreiches Waffenlager entdeckt, das 19 Gewehre, ein schweres Maschinen­gewehr, 5000 Schuß Maschinengewehrmunition und ein Artille­riegeschoß enthielt.

Die Königlich- bulgarische Gesandtschaft Berlin teilt mit, Daß die Meldungen über eine angebliche Revolution in Süd­bulgarien jeglicher Begründung entbehren, daß vielmehr im ganzen Lande vollkommene Ruhe und Ordnung herrsche.

Der hessische Innenminister hat auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten und der hessischen Ausführungsbestimmun= gen dazu die in Darmstadt erscheinende Hessische Landeszei­tung" mit ihren sämtlichen Kopfblättern bis zum 23. Oktober

enung nur ein Fußtritt einschließlich verboten.

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In der Donnerstagsigung teilte die Regierung dem Finanz­ausschuß die von ihr beabsichtigte Verordnung über die Einfüh­rung der Schlachtsteuer in Hessen mit. Der Finanzminister wies darauf hin, daß nunmehr in fast allen Ländern die Schlacht­steuer eingeführt sei. Die hessische Regierung befinde sich des­halb geradezu in einer Zwangslage, zur Deckung des durch den Minderertrag bei den Reichssteuerüberweisungen entstehenden Ausfall im Staatsvoranschlag auch die Schlachtsteuer heranzu­ziehen. Sie habe bisher immer noch Bedenken getragen, dieſe Steuer einzuführen, weil sie gehofft habe, daß in den Verhand­lungen der Länder mit der Reichsregierung sich ein anderer Weg für die Deckung dieses Fehlbetrages finden werde. Diese Soffnung fönne aber nicht mehr bestehen, weil das Reich in

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Samstag, den 15. Oktober 1932

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 41

Große Geldschiebungen durch frühere Minister.

Der frühere Finanzminister Dr. Klepper hat als Präsident der Preußenkasse, an deren Spitze er erst von 1928 bis 1931 ge= standen hat, an bisher feststellbaren Einnahmen ein Gehalt von jährlich 75 000 RM. zuzüglich einer jährlichen Vergütung von 25 000 RM. für die Tätigkeit als Vorsitzender des Aussichts­rats der Deutschen Genossenschafts-, Revisions- und Treuhand­100 000 G. m. b. 5. bezogen. Auf diese Gesamtsumme von RM. sei 1931 eine Kürzung um 20 Prozent erfolgt. Jetzt be= steht der Verdacht, daß bestimmte rechtswidrige und in viel= facher Hinsicht strafbare Verwendungen großer Summen aus der Preußenfasse vorliegen. Präsident Klepper habe über ein ,, Son­derkonto A" verfügt. Dieses Konto bedeute die Einrichtung eines schwarzen Fonds, der dem Präsidenten zur beliebigen Ver­wendung persönlich zur Verfügung gestanden habe.

Mit dem der Preußenkasse rechtswidrig entzogenen Beitrag von 200 000 RM. habe Klepper fortdauernd persönliche und par­teiliche Zuwendungen an Einzelpersonen, Presseunternehmungen und anscheinend auch an Mittelsmänner politischer Organisatio= nen gemacht. Er habe dieses Verfahren sogar noch fortgesetzt, als er bereits Finanzminister gewesen sei. Die während der Ministerschaft Kleppers über Dr. Schmidt abgehobenen Beträge stünden größtenteils unter dem dringenden Verdacht, als direkte oder indirekte Wahlkampfsubventionen der drei Regierungs­parteien verwendet worden zu sein. Hierüber sei die eidliche Vernehmung des Ministers Hirtsiefer, des früheren staatspartei­lichen Abgeordneten Wachorst de Wente und auch des Minister­präsidenten Braun erforderlich. Mit Billigung des letzteren 3. B. habe nach Angabe des Direktors Schaub von der Preußen­fasse eine Mittelsperson 5000 RM. zur ,, Beschaffung von Nach­richten über rechtsradikale politische Bewegungen" abgeholt. 20 000 RM. seien inzwischen am 6. Dezember 1929 und Mitte März 1932 aus diesem Fonds dem früheren Ministerialdirektor Dr. Spieder zugeflossen.

173 000 RM. sollen für eine überflüssige Zeitschrift verwen­det worden sein.

Ein Dr. Abegg befand sich in drückenden Schulden. Klepper hat trotz der Mahnung seitens des Direktors Siedersleben an­geordnet, daß an Dr. Abegg 17 600 RM. ausgezahlt werde zu einer Zeit, da einwandfreie Personen nicht einmal über ihr Guthaben verfügen konnten.

12 Millionen RM. hat die Stadt Köln bekommen.

Abg. Steuer berichtete weiter über die Angelegenheit eines 12- Millionenkredits an die Stadt Köln. Als im Dezember 1930 Köln wegen Erlangung eines solchen Kredits in erheblicher Verlegenheit gewesen sei, habe Minister Hirtsiefer die Presse­referentin der Preußenkasse, Frau Burthmann, in das Land­tagsrestaurant gebeten, um zu veranlassen, eine Verbindung zwischen dem Oberbürgermeister von Köln, Dr. Adenauer, und Dr. Klepper herzustellen. Es sei auch in diesem Fall ein Zwi­schenträger eingeschaltet worden. Diesmal sei es die Kölner Filiale der Deutschen Bank und Diskonto- Gesellschaft, geleitet von Dr. Brüning- Köln, gewesen, die von der Preußenkasse am 19. Dezember 12 Millionen reichsbankfähige Genossenschafts­wechsel erhalten habe. Den Gegenwert habe sie aber nicht an die Preußenkasse zu zahlen brauchen, sondern sie hätte ihn an

seinen Entschließungen auf die wenigen kleinen Länder, die bis jetzt noch von dieser Steuer abgesehen haben, keine Rücksicht neh­men könne. Die Frage, ob die Hausschlachtung der Steuer ent­zogen werden solle, sei noch nicht endgültig geflärt. Es entstehe dadurch nicht nur ein erheblicher Ausfall, sondern auch die Ge­fahr, daß diese Befreiung zu Schwarzschlachtungen ausgenutzt werde. Trotzdem werde die Regierung versuchen, einen Weg zu finden, der den Wünschen des Finanzausschusses Rechnung trage.

Der Finanzausschuß beschloß einstimmig, die Regierung zu ersuchen, die Schlachtsteuer in Hessen nicht einzuführen. Falls jedoch die Regierung die Steuer durch Notverordnung in Kraft setzen müßte, solle sie die Hausschlachtung von der Schlachtsteuer befreien.

Gebührensenkung bei Feldbereinigung.

Das hessische Gesamtministerium hat eine Verordnung er= lassen, durch die für die Vermessungsarbeiten im Feldbereini­gungsverfahren ein Gebührentaris festgesetzt wird. Die Ge­bühren sind so bemessen, daß die Kostenbelastung der Feldberei­nigungsgesellschaft gegenüber dem seitherigen Verfahren um et­

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ein Drittel ermäßigt wird.

Oskar Daubmanns Lügenlabyrinth.

Wer ist wirklich Oskar Daubmann? Das Märchen des ,, Letzten Kriegsgefangenen". Ein Lügengebirge ist zusammengestürzt. Der angebliche Kriegsheld Ostar Daubmann, der sich der letzte Kriegsgefan­gene" nannte, ist als Schwindler entlarot worden. Damit iſt ein Fall erledigt, der bereits internationale Schwierigkeiten zu machen begann. Worum handelt es sich bei dem Fall Daub­mann?" Im Mai 1932 kehrte angeblich aus Afrika nach einer gefährlichen und mühevollen Flucht ein ehemaliger deutscher Feldgrauer wieder, der nach seinen Angaben am 21. Oftober 1916 in englische Gefangenschaft geraten und dann nach zahl­

die Stadt Köln ausleihen können. Dieser Kredit sei bis heute. noch nicht zurückgezahlt. Um die Kreditverlängerung habe sich immer wieder Dr. Adenauer bemüht.

,, Kölnische Volkszeitung" und ,, Germania" haben 2 450 000 RM. erhalten.

Bei ihrer Vernehmung im Finanzministerium hat Frau Burthmann ausgesagt, sie sei im Sommer 1930 zu einer Be­sprechung von Zentrumspolitikern hinzugezogen worden, in der darüber geklagt wurde, daß der preußische Staat zwar demokra­tischen Zeitungen gegenüber eine offene Hand habe, den Zeitun­gen des Zentrums gegenüber aber nicht. Um dieser Ungleichheit abzuhelfen, sei der Plan debattiert worden, den preußischen Staat an der ,, Kölnischen Volkszeitung" finanziell zu beteiligen. Es sei dann zu einer Besprechung zwischen Braun, Hirtsiefer und Höpter- Aschoff gekommen. Da Höpfer- Aschoff eine Beteili= gung des Staates nicht für möglich hielt, sei Präsident Klepper beauftragt worden, das Geschäft aus Mitteln der Preußenkasse zu machen. Damit in deren Büchern nichts davon zu ersehen sei, sei in diesem Fall die Heim- Bant dazwischen geschoben wor­den. Insgesamt seien 2,33 Millionen aus Mitteln der Preußen­tasse über die Heimbank zum Erwerb von Aktien der Kölnischen Volkszeitung" verwandt worden. Später seien noch 120 000 RM. für die Aktien der Germania" hinzugekommen. Im Dezember 1930 habe ein deutschnationaler Landtagsabgeordneter auf die­ses Geschäft durch eine Anfrage im Landtag aufmerksam ge= macht. Um die Oeffentlichkeit weiter irreführen zu können, habe daraufhin Klepper die ihm befreundete Gewerkschaftsbank ver­anlaßt, ihrerseits der Heimbank einen Kredit zu geben, mit dem sie den für die ,, Kölnische Volkszeitung" aufgenommenen Be­trag abdecken fonnte. Später sei dann die Preußenkasse wieder an die Stelle der Arbeiterbank getreten. Nach der geschäftlichen Situation der Kölnischen Volkszeitung" sei das aufgewendete Geld als verloren zu bezeichnen.

Aus dem Gesamtfomplex aller fünf Fälle zieht der Bericht­erstatter den Schluß, daß der Vorwurf politischer Korruption insbesondere gegen den früheren Minister Klepper durchaus be= gründet erscheine.

Verhaftung beantragt.

*

Auf Antrag des Berichterstatters beschloß der Ausschuß, am Dienstag die Verhandlungen fortzusetzen und zunächst die Ma­terie ,, Kölnische Volkszeitung" zu behandeln. Unter den gela­denen Zeugen befinden sich Ministerpräsident Braun und die Minister Hirtsiefer, Klepper und Höpker- Aschoff. Außerdem sollen geladen werden Prälat Kaas, Konsul Maus von der ,, Kölnischen Volkszeitung" und der Vorsitzende der Rheinischen Zentrumspartei Mönnig. Mit den Stimmen der Nationalso­zialisten und der Deutschnationalen, bei Stimmenthaltung der Kommunisten, wurde ein nationalsozialistischer Antrag ange­nommen, der die Staatsanwaltschaft ersucht, gegen die schuldigen Personen auf Grund des Aftenmaterials sofort ein Strafver­fahren einzuleiten und die Betreffenden in Haft zu nehmen. Bon nationalsozialistischer Seite wurde besonders betont, daß sich dieser Antrag vornehmlich gegen den früheren Minister Klepper richte.

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reichen Zwischenfällen zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war. Die alten Daubmanns fonnten ihn zwar fangs nicht erkennen, da er sich sehr stark verändert hatte. Aber nach so langer Zeit sind derartige Aenderungen möglich, und schließlich glaubten die Eltern auch, daß sie ihren Sohn um­armten. Die Regierung entsandte einen Regierungsrat vom Badischen Landespolizeiamt, um Daubmann zu verhören. Es stellte sich aber heraus, daß offenbar alles in Ordnung war. Daubmann wußte soviel Einzelheiten zu erzählen, daß man an der Wahrheit seiner Mitteilungen nicht mehr zweifelte.

Nun war aber Oskar Daubmann von den Franzosen als tot gemeldet worden. Sein Name befinde sich auch auf der Ehrenliste auf dem Denkmal der Gefallenen von Endingen ein­gemeißelt. Aber der angebliche Flüchtling erklärte, daß er am 21. Oktober 1916 nur bewußtlos gewesen sei und darum für tot gehalten wurde. Später aber sei er zum Leben erwacht und in Gefangenschaft geraten. Plötzlich meldete sich die französische Regierung und erklärte, daß in den Akten des Gerichtes von Amiens, des Kriegsgerichtes und der Gefängnisse in Afrika der Name Ostar Daubmann nicht vorkommen. Das Auswärtige Amt konnte aber von der französischen Regierung immer nur die Mitteilung hören, daß die Erzählungen des angeblichen Daubmann Märchen seien, denn Daubmann sei in Wirklichkeit gefallen. Jetzt wurde einwandfrei erwiesen, daß der Mann, der sich als Kriegsgefangener Ostar Daubmann ausgab, nicht Daubmann, sondern der Schneider Karl Ignaz Hummel ist, der vorgestern morgen der Freiburger Staatsanwaltschaft zuge­führt wurde. Die Untersuchung soll mit größter Beschleunigung durchgeführt werden; trotzdem dürfte geraume Zeit vergehen, Die Eltern ehe Hummel vor seinen Richtern stehen wird. Ostar Daubmann haben übrigens für ihren vermeintlichen Sohn erhebliche Geldaufwendungen gemacht, ohne daß Hummel ihnen diese durch die ihm reichlich zufließenden Mittel ersetzte. Sie haben die Barschaft und das Sparkassenbuch von Hummel beschlagnahmen lassen.