Nr. 23
Samstag, den
Samstag, den 11. Juni 1932.
Man sieht, es ist immer das gleiche Lied: Als Minister sehen diese Herren sehr wohl die zerstörenden Wirkungen ihrer Politik; als Gewerkschaftsführer aber wagen sie nicht, die Folgerungen aus ihren Erkenntnissen zu ziehen.
Jene Bergarbeiterführer, die schon vor Jahren gelegentlich von Lohnverhandlungen im Ruhrrevier Zechenstillegungen im Austausch gegen Lohnerhöhungen in Kauf nehmen zu wollen erflärten, ebenso wie Herr Stegerwald, der in seinen Ausfüh rungen über die Jrrgartenpolitik im Oktober 1930 den Lohnerhöhungen die Wirkung einer Vermehrung der Arbeitslosigfeit zuschrieb, sie sind die besten Zeugen gegen den Stegerwald, der am 27. Mai die Aufrechterhaltung des staatlichen Lohnschutzes" forderte. Der Stegerwald, für den jede Neubelastung der Produktion so und so viele weitere Arbeitslose bedeutet, gibt wahrlich dem anderen Stegerwald flare Antwort auf seine Frage, ob nicht die Werke, die noch voll beschäftigt sind, zu höheren Beitragsleistungen in der Arbeitslosenhilfe herangezogen werden könnten".
Man muß der Erwartung Ausdruck geben, daß mit der neuen Reichsregierung ein neuer Geist im Reichsarbeitsministerium einzieht, und daß von nun an die wirtschaftlichen Notwendigkeiten dort bestimmenden Einfluß gewinnen. Diesen Notwendigkeiten endlich gerecht zu werden, liegt durchaus im Interesse der Gesamtarbeiterschaft, der nicht daran liegen kann, eingeteilt zu bleiben in eine Hälfte von Unterstützungen färglich lebender arbeitswilliger Nichtmehr- Arbeiter. Die gewerkschaftliche Lohnpolitik, die zwangsläufig zu solcher Klassifizierung innerhalb der Arbeiterschaft führt, muß einer möglichst beweglichen Gestaltung der Löhne weichen, die die Vorbedingung für eine Wiederausweitung der jeweils vorhandenen Beschäftigungsmöglichkeiten ist.
Lokales.
Sonntagsgedanken.
Am Sonntag schauen wir zurüd auf die getane Arbeit der Woche. Wir freuen uns, wenn sie segensreich und aufbauend war und legen uns andere Arbeitspläne für die nächste Woche zurecht und fassen gute Vorsätze, wenn Mißerfolge durch Umstände und Verhältnisse der Zeit oder durch ein Unglück störend auf unsere Arbeit wirften. Sollte nicht auch das deutsche Volk in stillen Sonntagsstunden an seine Gesamtarbeit denken?
,, Gießener Zeitung"
Die Arbeitsdienstpflicht in Oberhessen. Nach amtlichen Fest stellungen ist die Provinz Oberhessen mit über 4000 Arbeitsdienstfreiwilligen mit in erster Reihe im ganzen Reiche. An rund 170 Stellen ist jetzt in Oberhessen der freiwillige Arbeitsdienst im Gange. In Uebereinstimmung mit dem Arbeitsamt Gießen wird das Hessische Heimatwert, Sitz in Darmstadt, die geistige Betreuung der Arbeitsdienstfreiwilligen übernehmen.
Ein Novembersturm hat das deutsche Haus zusammenstürzen lassen. Mit viel Mühe und Not haben wir den Bauplatz von Schutt und Trümmern freigemacht. Fast zwölf Jahre bauen wir jetzt an dem neuen Haus und sind noch nicht fertig. Woran liegt das? Unter diesen Bauherren, Meistern und Gesellen fehlt der Friede. Und wo dieser fehlt, fann es nicht vorwärts gehen. Wenn die Gesellen sehen, daß die Meister streiten und die Bauherren uneinig sind, dann machen sie es ihnen nach. Unheimlich legen sie Messer und Gewehre bereit mit ge= heimnisvollen: ,, Wer weiß, wozu?"
* Universitätsgottesdienst. In der Neuen Aula hält morgen vormittag Professor Lic. Dr. phil. Adolph einen Universitätsgottesdienst ab.
* Tagung der hessischen Schulgeographen. Der Verband hessischer Schulgeographen, dem Lehrer aller Schulgattungen angehören, hält am 25. Juni in Darmstadt seine Hauptversammlung ab.
Der Kluge Hauswirt macht es anders, wenn zuckende Blizze ihm sagen, daß die Luft voll elektrischer Spannungen ist. Er verräumt das blizanziehende Messer in die hinterste Schublade und bringt die Sense in einen abgelegenen Gartenwinkel. Es Sollten wir in der Gesamtheit nicht daran lernen? fnistert noch überall von elektrischen Funken und wir sind nicht sicher, ob es nicht morgen da aufloht, übermorgen dort und am nächsten Tag vielleicht im ganzen deutschen Hause. Wie soll da dieses Haus fertig werden, an dem wir nun zwölf Jahre arbeiten?
* Gießener Freiwillige Feuerwehr. Die Kapelle der Wehr veranstaltet morgen nachmittag in der„ Waldeslust" ein Konzert, das vorwiegend volkstümliche Weisen bringen wird.
Am Sonntag schauen wir zurüd auf die getane Arbeit und sollen neue gute Vorsäge fassen für neue Werke. Wir dürfen nicht immer zuerst fragen: ,, Was tut mir wohl?", sondern: ,, Tut das meinem Bruder nicht weh?"
Wenn wir so weiter bauen würden, so wäre das deutsche Haus bald fertig, weil ein Höherer seinen Segen dazu geben würde. Der Sonntagsschreiber.
* Straßensperrung. Wegen Vornahme von Rohrarbeiten durch das Gas- und Wasserwerk und Erneuerung der Straßendecke durch das Tiefbauamt wird die Sonnenstraße, zwischen Schulstraße und Kreuzplatz, von Montag, den 13. Juni 1932 ab bis auf weiteres für den Verkehr mit Fahrzeugen aller Art polizeilich gesperrt. Umleitung erfolgt durch Neuenbäue. Die aufgestellten Sperrschilder sind unter allen Umständen zu be= achten.
| schuß von 3 918 605 RM., ein Betrag, der um 1563 785 RM. höher ist als der Fehlbetrag des Gesamtvoranschlags.
* Fundsachen im Monat Mai 1932. Das Verzeichnis über die im Monat Mai 1932 gefundenen bzw. abgelieferten Gegenstände kann an der Anschlagtafel im Flur des Polizeiamts, Landgraf- Philipp- Platz 1, eingesehen werden. Die Empfangsberechtigten werden aufgefordert, ihre Rechte innerhalb 2 Monaten beim Fundbüro während der Dienststunden geltend zu machen.
Verschließt die Speicher und sonstigen Räume!
Die Zeitverhältnisse und vor allem die große Arbeitslosig= keit bringen es mit sich, daß sich vielfach lichtscheues Gesindel umhertreibt. Nicht selten suchen solche Leute mit brennenden Zündhölzern oder offenem Licht unverschlossene oder schlecht abgesperrte Räume, wie Speicher, Scheunen, Keller usw. ab, in der Absicht, Gelegenheit zum Uebernachten zu finden oder Passendes zu stehlen und verursachen dabei leicht erhebliche Brandschäden. Erst kürzlich ist in München ein großes Lagerhaus einem solchen Brande zum Opfer gefallen.
Der Bevölkerung wird daher empfohlen, Werkstätten, Speicher und sonstige Räume gut verschlossen zu halten und die Polizei von dem Unterschlupf verdächtiger Personen zu ver: ständigen. Nur, wenn auch die Bevölkerung durch erhöhte Aufmerksamkeit auf Bettler, Wanderer oder Landstreicher usw. mithilft, können Schädigungen durch das Treiben dieser Leute verhindert werden.
Aus Rab und Fern. Nah
Mainz. In der letzten Zeit sind in Mainz falsche Fünf-, Zwei- und Einmarkstüde in größeren Mengen in Verkehr gesezt worden. Den Bemühungen der Kriminalpolizei ist es jetzt ge= glückt, die Hersteller und einen Teil der Verbreiter des Fals geldes zu ermitteln, sowie die zur Herstellung des Falschgeldes benutzten Geräte aufzufinden und zu beschlagnahmen. Ins gesamt sind bis jetzt 14 Personen, darunter eine Frau, fest genommen worden.
Heuchelheim. Die bekannte Wanderausstellung„ Gesundheitspflege und Fürsorge" weilt hier vom 17. bis 21. Juli in der Turnhalle.
Bingen. Der Bund„ Königin Luise" hielt seinen dritten Landesverbandstag in Bingen ab. Zahlreiche Vertreterinnen aus allen Kreisen Hessens hatten sich eingefunden. Die Füh rerin des Landesverbandes, Frau von Ulrich- Kassel, hielt eine Ansprache über die Ziele des Bundes. Freifrau von Hadeln Halle hielt die Festrede, die mit großem Beifall aufgenommen wurde und Frau Stiebler, Gauführerin von Hessen, gab den Jahresbericht, aus dem das stete Wachstum des Bundes zu er sehen war.
Bad Nauheim. Die Bad- und Kurverwaltung teilt mit, daß bis zum 9. Juni 1932 der Gesamtbesuch 8965 Gäste betrug, darunter 1283 Ausländer. Anwesend sind zurzeit 3460 Gäste. Nidda. Der Heimatbund für Hessen veranstaltet am 11. und 12. Juni d. J. sowohl in Nidda als auch in Hungen Heimattagungen. An beiden Plägen referieren Lehrer Eidmann aus Darmstadt über„, Heimatnot und Heimatschule" und Pilzforscher Kallenbach aus Darmstadt über ,, Naturpfad und Heimatpflege".
Offenbach a. M. Der städtische Etat für 1932 weist einen ungedeckten Fehlbetrag von 7,8 Millionen auf. Trotz Kürzung der Unterstützungssäge beträgt der Wohlfahrtszuschuß 8,7 Millionen.
Worms. Die Stadtverwaltung teilt mit, daß der Voran
Schöne weiße Zähne schlag der Stadt Worms für das Rechnungsjahr 1932 zur Be
Jahon nach einmalig. Pugen mit der herrl. erfrisch. schmedenden„ Chlorodont 3ahnpaste", schreibt uns ein Raucher. Tube 50 Pf. und 80 Pf."
Die Landsknechte
Sportroman von Emil Wöhner.
( Nachdruck verboten.)
5. Fortsetzung. ,, Na, Benjamin, nun hast du wohl genug von der Seefahrt?" Aber er schüttelte nur den Kopf. Nach ein paar Tagen hatte er sich wieder erholt und blieb auch von nun an von der Seekrankheit verschont.
Ich hatte es so eingerichtet, daß wir beide immer zusammen die Wache hatten. Wie manche Nacht haben Benjamin und ich unter dem Tropenhimmel gemeinsam die Wache gehalten! Ich mußte ihm dann von fremden Ländern und Menschen erzählen. Am liebsten hatte er es, wenn ich dann noch meine Handharmonika holte und darauf Matrosenlieder spielte und dazu sang. Besonders ein Lied hatte er so gern:„ Lustig ist's Matrosenleben...".
Ich hatte den Jungen ganz in mein Herz geschlossen und besaß auch sein Vertrauen. Nur von seinen Angehörigen sprach er nie. Jm Anfang hatte ich es wohl versucht, ihn dazu zu bringen, einen Brief nach Hause zu schreiben. Aber sobald ich davon anjing, wurde er einsilbig und machte sich anderswo zu schaffen. Vielleicht hatte er auch keine Eltern mehr. Ich habe es nie erfahren.
In der freien Zeit hatte ich ihm das Schnitzen beigebracht. Er war sehr geschidt und konnte es bald besser als ich. So hatte er sich ein kleines Segelschiff geschnitzt mit allem, was dazu ge= hört.
Als es fertig war, sagte ich zu ihm:„ Das schichst du doch sicher nach Hause, damit sie sehen, was du gelernt hast." Er sah über's Wasser.
ratung und Beschlußfassung vorgelegt wurde. Der neue Voranschlag weist einen Fehlbetrag von 2 354 820 RM. auf. Der Sondervoranschlag des Wohlfahrtsamts erfordert einen 3u=
,, Nein. Ich gehe nicht wieder nach Hause. Vielleicht, wenn ich Kapitän bin
"
Jugendtag der Sportjugend.
Am letzten Maisonntag hielt die Jugend des Deutschen Fußballbundes und die der Deutschen Sportbehörde ihr alljähr liches Fest. Im Gau Gießen- Wetzlar des Westdeutschen Spiel verbandes wird der Tag am 10. Juli in Braunfels gefeiert. Es ist fein Sporttag im gewöhnlichen Sinne, sondern ein Tag freier und froher Feier!
Der reine Kampfsport tritt im allgemeinen zurüd, um einer gelösteren Form fröhlichen Spiels und spielenden Kämpfens Platz zu machen. Es geht nicht um Punkte und Mei sterschaften: es soll ein Fest sein! Wenn auch die geldknappen Zeiten teine großen Dinge erwarten lassen, wenn darunter äußerer Glanz und Pomp verstanden wird, so sind sie doch nicht imstande, Freude und Kraft, freies Spiel und fröhliches Wan dern zu unterbinden. Der Tag unterliegt in seinem Aufbau feinem Schema, er soll sich frei aus sich selbst und dem Schwung der Jugend aufbauen. So sind die Formen des Tages örtli ganz verschieden. Für alle aber soll es ein Tag frohen Feierns werden. Musikkapellen der Vereine werden dabei sein, die Wim pel und Fahnen werden über den Köpfen flattern, Gesang frober Lieder und, wo es geht, auch Theaterspiele werden die Freude junger Herzen zum Ausdruck bringen. Unwissende Leute machen dem Sport oft den Vorwurf der Einseitigkeit. Hier geht der Sport über den Rahmen des Rein- sportlichen hinaus und feiert! Es ist richtig, daß der Sport noch keinen Stil für seine Feste hat. Die Sportjugend ist dabei, den ihren zu finden!
Weiß Gott, was der Junge schon Schweres in seiner Heimat durchgemacht hatte. Wir alle mochten unseren Benjamin, an dem kein Falsch war, wirklich gern.
Nur einer war da an Bord, so ein langer, rothaariger Geselle, den wir alle nicht leiden konnten. Der behauptete eines Tages, Benjamin hätte ihm seine Uhr gestohlen. Er hätte sie unten im Logis liegen lassen. In dieser Zeit wäre sonst keiner unten gewesen als Benjamin. Nachher stellte sich heraus, daß er die Uhr gar nicht weggelegt hatte, sondern bei sich trug. ,, Du Dieb!" schrie er Benjamin an.
Es war oben an Deck. Auf das Schreien kamen wir alle zusammen. Benjamin sah kreideweiß aus, zitterte am ganzen Körper und hatte die Fäuste geballt.
,, Was sagst du?" fragte er mit heiserer Stimme. ,, Ein Dieb bist du!" schrie der Rothaarige wieder.„, Gib die Uhr sofort heraus oder..."
In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Mit einem Wutschrei stürzte Benjamin auf den roten Hünen los, und ehe er sich's versah, sprang er an ihn hinauf und versetzte ihm einen Faustschlag ins Gesicht, daß der rote Riese wie ein gefällter Baum auf die Dedsplanten schlug und besinnungslos liegen blieb.
Als wir ihn dann mit kaltem Wasser und ein paar Rippenstößen wieder zur Besinnung gebracht hatten, sahen wir, daß er die Uhr bei sich trug. Die Abreibung könnten wir ihm von Herzen.
Ja, er war auch tapfer und mutig, unser kleiner Benjamin. Lagen wir im Hafen, so gingen Benjamin und ich immer zusammen an Land. Mit seinem blauen Matrosenanzug, der
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ID
35. MITTELRHEINISCHES KREISTURNFEST
TRIER
VOM5-8.AUG.
Jeder Ba braucht täglich hung des Bode tigften hilfsm Spaten, Sade Erntegerätes, befferungsmög Der größt
kurzen Pfeife und dem braungebrannten Gesicht sah er aus mie ein richtiger Seemann.
Einmal waren wir im Hafen von Rio. Benjamin und li hatten uns landfein gemacht und bummelten durch die Palmer stadt.
„ Ich habe heute Geburtstag, Klaus," sagte Benjam ,, Wir wollen ein Glas Bier trinken, ich will einen ausgeben ,, Wie alt bist du denn heute, Benjamin?" ,, Sechzehn Jahre."
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,, Sieh mal an, so jung noch. Dann hast du ja das ga Leben noch vor dir. Im nächsten Jahre fährst du als Lei matrose. Wenn du dann Vollmatrose bist, gehst du auf de Schule und machst dein Steuermannexamen. Und in zehn J ren bist du Kapitän.
,, Ach, Klaus, bis dahin kann noch viel passieren. Die Haup sache ist, daß wir beide noch lange zusammenbleiben." Wir gingen in eine deutsche Wirtschaft. Ich fannte Wirt gut. Benjamin bestellte zwei Flaschen Bier. ,, Na, Benjamin, auf dein Wohl!"
,, Prost, Klaus! Auf eine glückliche Reise!" In der Ede stand ein Klavier. Darauf lag eine Gee Benjamins Blide gingen immer wieder dahin. Schließlich for er:„ Klaus, ich möchte mal auf der Geige spielen." „ Ja, man zu. Kannst du denn spielen?" Er nidte.
„ Ich habe ja nun lange keine Geige mehr in der Hand habt, aber es wird wohl noch gehen. Kann hier nicht jem Klavier dazu spielen?"
Ich fragte den Wirt.
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( Fortsetzung folgt)
Ju fürzen.
,, Maria," rief er in die Wohnstube ,,, die Gäste möchten was Mufit hören."


