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Samstag, den 6. Februar 1932.

Lokales.

Sonntagsgedanken.

Eine gewaltige, unsichtbare Hand rüttelt an den Fundamen ten der Welt. Das erste Beben war der Weltkrieg. Jetzt hat die Katastrophe die Wirtschaft erfaßt. 23 Millionen Menschen haben Feierabend. Das gleicht einem Meer schwerer Not und Verzweiflung und es braucht nur der Sturm sich zu erheben und dieses Meer wird zur Sintflut.

Nicht ein Volk, nicht eine Klasse nur hat diese Krise erfaßt, sondern die ganze Welt, die ganze Menschheit, alle Völker, alle Klassen und alle Zweige menschlicher Arbeit. Nicht zu wenig Raum mehr hat die Erde, die Menschen und sie sind auch nicht zu arm geworden an Gütern, sondern zu reich.

Millionen von Menschen haben heute kein Brot, weil es zuviel Getreide gibt, wohnen in ungeheizten Räumen, weil es zuviel Kohle gibt, tönnen sich keine Kleider und Schuhe kaufen, während die Lager überfüllt sind. Ist es gewagt zu behaupten, daß die wirtschaftliche Struktur der Welt in ihren Fundamenten erschüttert ist?

Der Augenblid großer Ereignisse ist gekommen. Da heißt es vor allem für die christliche Kulturwelt wach zu sein, damit die Gefahr aus Rußland gebannt wird. Wir brauchen keine neuen Lehren, wenn wir die alten befolgen. Das ist die christliche Lehre von der wirtschaftlichen und sozialen Ethik. Wenn die Welt diese Gesetze beobachten würde, die geschrieben stehen nicht für eine Klasse und für ein Volk und für einen Erd­teil, sondern für alle Menschen, dann wären alle Konferenzen überflüssig, alle Kriege sinnlos und die Erde hätte Ruhe und Frieden. Der Sonntagsschreiber.

Ein Landfriedensbruch- Prozeß.

Das Erweiterte Bezirksschöffengericht Gießen beschäftigte sich dieser Tage mit der Verhandlung eines Landfriedensbruch­prozesses, der das gerichtliche Nachspiel einer Schlägerei zwi­schen Reichsbannerleuten und Nationalsozialisten in Hungen in der Nacht vom 27. zum 28. September v. J. darstellt. Bei die­sem Zusammenstoß tam es auch zu schweren Ausschreitungen gegen das dortige Gasthaus Solmser Hof", in dem die Natio­nalsozialisten vor den nachdrängenden Reichsbannerleuten 34= flucht gesucht hatten, und wobei das Stadthausgebäude arg mit­genommen wurde. U. a. wurden damals durch ein Steinbom­bardement nahezu sämtliche Fensterscheiben des Hauses zer­trümmert. Wegen Landfriedensbruchs waren 14 Personen an= geklagt, die zum größten Teil dem Reichsbanner angehören, zum Teil ihm nahestehen. Wegen verbotenen Waffenbesitzes standen zwei Nationalsozialisten unter Anklage. Zu der Ver­handlung waren 32 Zeugen geladen. Das Gericht sprach die beiden Nationalsozialisten und einen weiteren Angeklagten frei, erkannte bei Höcher wegen einfacher Körperverlegung, Landfriedensbruches und Auflauf auf drei Monate, eine Woche, bei Rich. Georg und Sch. Diehl als Rädelsführer auf je sech, bei weiteren zehn Angeklagten wegen Auflaufs und Landfrie­densbruchs auf je drei Monate Gefängnis.

* Abgabe von Steuererklärungen. Das Finanzamt macht darauf aufmerksam, daß die Steuererklärungen für die Ein­kommensteuer, Körperschaftssteuer und Umsatzsteuer für 1931 in der Zeit vom 15. bis 29. Februar 1932 unter Benutzung der vorgeschriebenen Vordrucke abzugeben sind.

* Vom städt. Elektrizitätswert. Die bereits fälligen Strom­gelder im Stadt- und Ueberlandgebiet für den Monat Dezember 1931 können noch bis zum 15. Februar 1932 ohne Kosten be­zahlt werden.

,, Gießener Zeitung"

* Verbotene Schokoladen- Verkaufsapparate. Die Schoto­laden- Verkaufsapparate Primosa" und Trumpf" fönnen bis auf weiteres aufgestellt bleiben.

* Postillons Abschied. Seither wurde noch die Paketbestel­lung innerhalb der Stadt mittelst Pferdepost wagen ausgeführt. Jezt sind kleine Postautos eingetroffen, die von nun an die Paketbestellung übernehmen. Am letzten Samstag fand ein fleiner Zug durch die Straßen statt. Voraus fuhren die alten Pferdepostwagen, die Postillone bliesen zum Abschied ihre Lieder auf dem einst so berühmten Posthorn, dahinter folgten mehrere neue geschmückte Kraftwagen. Wieder ist ein Stück der guten alten Zeit dahingegangen.

* Fundsachen im Monat Januar 1932. Das Verzeichnis über die im Monat Januar 1932 gefundenen bzw. abgeliefer= ten Gegenstände kann an der Anschlagtafel im Flur des Poli­Die zeiamts, Landgraf- Philipp- Platz 1, eingesehen werden. Empfangsberechtigten werden aufgefordert, ihre etwaigen Rechte innerhalb 2 Monaten beim Fundbüro während der Dienſtſtunden geltend zu machen.

* Aus dem Stadttheater. Wegen Erkrankungen im Perso­nal kann die auf den Sonntag- Nachmittag angesetzte erste Wie­derholung des Schwantes ,, Die drei Zwillinge" nicht stattfinden. Von dieser Aenderung wird aber die für den Abend angesetzte Erstaufführung der neuen Schwantopperette ,, Die tolle Lola" nicht berührt.

* Lukasgemeinde. Am Sonntag, den 7. Februar, abends 8 Uhr, findet im Lukassaale ein Familienabend, verbunden mit einem Lichtbildervortrag über oberitalienische Städte statt. Der Abend wird noch bereichert durch gesangliche Darbietungen der Gesangschule von Frau Dr. Meyer.

* Deutscher Verband für psychische Hygiene. Jm 4. öffent­lichen Vortrag am Sonntag, den 7. Februar, werden Geheimrat Prof. Dr. Sommer und Fräulein Dr. Geiger über das Thema: ,, Die psychische Hygiene der Frau", vormittags 11,15 Uhr, im Hörsaal der Nervenklinik sprechen.

* Schweinemarkt. Der Schweinemarkt am Mittwoch war mit rund 260 Ferkeln und Läuferschweinen beschickt. Nach ga tem Geschäftsgang hinterließ der Markt etwas Ueberstand. Man bezahlte für Ferkel bis zu 6 Wochen alt 11-15 RM., 6-8 Wochen alt 15-18 RM., 8-13 Wochen alt 18-25, Läufer­schweine 27-31 RM.

* Straßensperrung, mitgeteilt vom Oberhessischen Auto­mobil- Club E. V.( A. v. D.), Gießen. Wegen Einsturzgefahr der Nidderbrüde bei Windecken ist die Provinzialstraße Helden­bergen Windenden bis auf weiteres für den gesamt Kraft­fahrzeug- und Fahrverkehr gesperrt. Umleitung erfolgt für den Durchgangsverkehr über Friedberg- Vilbel- Bergen- Main­fur Hanau, für den Lokalverkehr über Höhen- Ostheim- Win­decken und umgekehrt.

Verbotene Schokoladenverkaufsapparate. Wichtig für Gast- und Schankwirte und Kolonialwarengeschäfte.

Nr. 5.

Bad Nauheim. Der neue Flügel des Konitzkystists, dessen Erstellung durch, Hergabe eines Darlehens einer Reihe von Landesversicherungsanstalten in Höhe von 1 Mill. RM. er­möglicht wurde, ist jetzt im Rohbau fertiggestellt. Die Inbetrieb­nahme wird Anfang Mai erfolgen.

Friedberg. Der Verband hessischer landwirtschaftlicher Ge­nossenschaften veranstaltete im hiesigen Kasinosaal einen Vor­tragskursus für die Direktoren und Rechner der landwirtschaft­lichen Genossenschaften und Darlehnskassen unseres Bezirks. Be= handelt wurde das augenblickliche Kreditproblem und seine Auswirkungen auf die Genossenschaften.

Darmstadt. Zu je einem Monat Gefängnis wurden vier | Kommunisten aus Dieburg verurteilt, die eine Drudschrift mit beleidigendem Inhalt ohne Genehmigung der Behörde verbrei­tet hatten.

Das Polizeiamt teilt mit: In letzter Zeit sind vielfach Schokoladeausspielapparate unter dem Namen Primosa", ,, Komm- Stich- Süß", Ewari, Süßer Kakadu" und anderen Bezeichnungen öffentlich aufgestellt worden. Bei ihnen tauft der Spieler die auf eine schon sichtbare Kugel entfallende Ware und sticht eine weitere farbige Kugel aus dem Apparat, die bei nochmaliger Einsatzahlung zum Erwerb eines ihrer Farbe cnt­sprechenden, unter Umständen höherwertigen Gegenstandes be= rechtigt. Diese Apparate verstoßen nach Ansicht der Straf­verfolgungsbehörden, da mit ihnen Ausspielungen von Waren öffentlich veranstaltet werden, gegen§ 286 Reichsstrafgesetzbuch. Vor ihrer Aufstellung wird hiermit nachdrücklichst gewarnt. Wer solche Apparate aufstellt oder schon aufgestellte nicht umgehend wieder beseitigt, hat Strafanzeige zu gewärtigen. Dieses Vor­gehen erstreckt sich selbstverständlich auch auf die verkaufsapparate, bei denen die zu kaufende Ware nicht schon durch eine von Anfang an sichtbare farbige Kugel bestimmt ist, sondern erst durch das völlig vom Zufall abhängige Heraus­stechen einer zunächst unsichtbaren farbigen Kugel bestimmt wird. Es kommen hier vor allen Dingen in Frage die Schokolade­verkaufsapparate Nowa"," Piccolo" ,,, Reform, Rud- Zud, ,, Süße Trommel", Bruwa", Schnudi, Ropid" und andere.

Schokolade­

Aus Nah und Fern.

Darmstadt. In dem beiderseitigen Bestreben nach einer für die Darmstädter Volksbank möglichst zwedmäßigen und ra­

Bezugspr

Redattions/ ch

Wendung nicht

schen Lösung haben die Verwaltung und die ehemaligen Auf- 45. J

sichtsratsmitglieder einen Vergleich abgeschlossen. Demzufolge wurde die Regreßtlage zurüdgezogen, gleichzeitig die Verbin= dung mit den betreffenden Firmen und ihrem Interessenkreis erneut geschlossen und damit wiederum insgesamt die Grundlage für ein ruhiges und ersprießliches Arbeiten geschaffen.

Laubach. Zur Wiedereinbürgerung des Uhus im Vogels­berg hat die zoologische Abteilung des Forstinstitutes der Lan­desuniversität Gießen einen Plan ausgearbeitet, der gegen­wärtig in den großen Waldungen des Grafen von Solms­Laubach am Fuß des südwestlichen Vogelsberges zur Durchfüh= rung fommt. Es kommen dabei keine Tiere in Betracht, die etwa in Gefangenschaft waren, sondern es kann sich nur um die Einsetzung von wildgefangenen Alttieren handeln. Man darf gespannt sein, welchen Erfolg das jetzt in Angriff genommene interessante Experiment haben wird. Nidda.

* Asta- Wahlen. Am Donnerstag fanden an der Landes­universität die Wahl zum Allgemeinen Studenten- Ausschuß ſtatt Die Wahl, deren Ergebnis für das Sommersemester 1932 und für das Wintersemester 1932-33 gilt, verlief in vollster Ord­nung. Wahlberechtigt waren rund 1800 Studierende, von de­nen 1483 abstimmten, so daß die Wahlbeteiligung rund 80 v. H. betrug. Von den abgegebenen Stimmen entfielen auf Liste 1 Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund 767 Stimmen ( im Vorjahre 745): 13( im Vorjahre 14) Size; Liste 2 Groß­deutsche Arbeitsgemeinschaft 397( 461) Stimmen= 7( 8) Size; Liste 3 Gruppe für Asta- Reform 108( 0) Stimmen 2( 0) Der diesjährige Schäfertag des Oberhessischen Sitze; Rote Liste 87( bei der vorigen Wahl unter der Bezeich- Schäfervereins findet am Sonntag, den 7. Februar hier statt. nung Republibanische Arbeitsgemeinschaft 136) Stimmen= 1 ( 3) Sitze; Liste 5 Katholische Arbeitsgemeinschaft der katholi­schen Studentenvereine und der katholischen Freistudenten 114 ( 0) Stimmen 2( 0) Sitze.

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Dillenburg. In einer Sigung des Dill- Kreistages wurde Bericht über die finanzielle Lage des Dill- Kreises erstattet. Es ergab sich für 1931 und die vorhergehenden Jahre ein Gesamt­fehlbetrag von nahezu einer halben Million Mark.

Bad Nauheim. Die Kriminalpolizei nahm hier ein Be­trügerpaar fest, das zahlreiche Schwindeleien großen Formats auf dem Kerbholz hat. Der Mann ist ein von der Polizei steckbrieflich gesuchter Dieb und Betrüger.

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Dillenburg. Die Allgemeine Ortskrankenkasse Dillkreis hat gemäß der Notverordnung vom 9. Dezember 1931. die Beiträge ab 1. Januar auf 5,5 Prozent gesenkt.

Haiger. Die Staatsanwaltschaft in Limburg an der Lahn hat das Verfahren gegen die ehemaligen Vorstandsmitglieder der Haigerer Bank, die der Veruntreuungen schuldig gemacht wurden, niedergeschlagen, da man den Nachweis der Untreue nicht beibringen konnte.

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Frankfurt a. M. In einer von Viehhändlern aus Hessen­Nassau, Hessen, Bayern, Baden und Württemberg zahlreich be­suchten Versammlung sprach der Vorsitzende des Fränkischen Viehhändlervereins über die Notlage des Viehhandels. Die Viehpreise lägen 30 Prozent unter Friedenspreis.

Koblenz. Der Koblenzer Kriminalpolizei ist es gelungen, zwei Männer zu ermitteln und festzunehmen, die in Koblenz eine Falschmünzerwerkstatt errichtet hatten. Sie fertigten nach eigenem Geständnis mehrere Einmartstücke an.

Trier. Die Gemeinderäte eines Landortes haben sämtlich ihre Aemter niedergelegt, da sie die Verantwortung für die Steuerveranlagung und Sanierung der Gemeinde nicht tragen

wollen.

Das Reichsehrenmal.

Die Frist zur Einreichung von Vorschlägen für das Reichs­ehrenmal bei Berka ist am 1. Februar abgelaufen. Die Zahl der eingegangenen Entwürfe ist überaus groß. Das Preis­gericht wird voraussichtlich Anfang März zusammentreten.

Tietz- Schön Frankfurter Sechstagefieger.

Die Ungewißheit über den Ausgang des Vierten Frank­furter Sechstagerennens hatte dem Frankfurter Sportpalast an letzten Abend einen Besuch von nahezu 7000 Zuschauern gebracht. Die Sieger Schön- Tietz wurden viel bejubelt, ebenso aber auch die Placierten.

Das Schlußergebnis: 1. Schön- Tietz 243 Punkte, 3292,600 Kilometer, 1 Runde zurüd: 2. Rausch- Hürtgen 447 P., 3. Van Kempen- Braspenning 341 P., 4. Göbel- Dinale 257 P., 5. Char­lier- Deneef 133 P., 6, Kroll- Maidorn 114 P., 2 Runden zurüd: 7. Wambst- Broccardo 122 P., 3 Runden zurück: 8. Severgnini­Negrini 245 P., 5 Runden zurüd: 9. Schorn- Zims 181 P.

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