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Gießener Zeitung
Erscheint Samstags.
( Gießener Tageblatt)
Bezugspreis 1,50 RM vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdfendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
44. Jahrg.
Rolitische Rundschau.
Der Termin für die Veröffentlichung der Notverordnung der Reichsregierung, der ursprünglich für Samstag vorgesehen war, ist auf Montag verschoben worden, weil man in Regie: rungsfreifen zum Samstag nicht mehr fertig werden zu können glaubt.
Reichstanzler v. Papen hat sich mit dem Reichstagspräsi dium in Verbindung gesetzt, um den Termin für den Wiederzujammentritt des Reichstages festzusetzen. Voraussichtlich wird der Reichstag am Donnerstag oder Freitag der nächsten Woche zusammentreten.
Mit dem 31. August ist auch nunmehr der verordnete Burgfrieden abgelaufen. Die Reichsregierung hat nicht die Absicht, Don dem Mittel des politischen Burgfriedens schon in allernächfter Zeit wieder Gebrauch zu machen.
Die Verordnung über das Inkrafttreten der Verordnung über Zolländerungen vom 23. August, die bekanntlich Zollerhöhungen für verschiedene landwirtschaftliche Erzeugnisse enthält, tritt, wie das„ Reichsgesehblatt" mitteilt, am 6. September 1932 in Kraft.
Die preußische Staatsregierung hat in ihrer Freitags: Sigung die Arbeiten an der neuen großen Verwaltungsreform abgeschlossen. Die Verordnung, durch die die Verwaltungsreform in Kraft gesezt wird, wird noch im Laufe des Samstags veröffentlicht werden.
Der Preußische Landtag nahm am Dienstag mit den Stimmen aller Fraktionen gegen die DNVP. und bei Stimmenthaltung der Christlich- Sozialen einen Antrag an, wonach der Landtag dem Reichskommissar v. Papen seine Mißbilligung ausspricht. Weiterhin wurde die Aufhebung der Notverordnung über die Einsetzung des Reichskommissars, die Aufhebung der Zeitungsverbote usw. gefordert.
Die Verlängerung des internationalen 90- Millionen- Dollar: Redistontkredites für die Reichsbant, die am 4. September notwendig wird, ist von sämtlichen in Frage kommenden Notenbanken zu den bisherigen Bedingungen gewährt worden.
Am Montag hat der deutsche Außenminister von Neurath den Berliner französischen Botschafter François Poncet empfangen und sich mit ihm über die deutschen Gleichberechtigungsforberungen unterhalten.
Der Arbeitgeberverband der Metallindustrie für Köln und Umgebung hat den am Tarifvertrag beteiligten Gewerkschaften mitgeteilt, daß er das Lohnabkommen zum 31. September d. Js. tändigt.
Auf das Ersuchen des deutschnationalen Fraktionsvorsitzenden Dr. Oberfohren, die schwarz- rot- goldene Fahne in der Wandelhalle des Reichstages entfernen zu lassen, hat Reichstagspräsident Göring geantwortet, daß er zurzeit keinen Anlaß dazu habe.
Die Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen hat in den deutschen Landkreisen am 31. Juli 1932 einen Stand von 853 000 erreicht. Das bedeutet gegenüber dem 30. Juni( 836 000) eine Steigerug Don fajt 2 v. H.
An Stelle des Abg. Kube, der auf sein Mandat verzichtet hat, tritt der Landwirt Erich von dem Bach- Zelewski, Dühringshof, Kreis Landsberg a. d. W.( NSDAP.) in den Reichstag ein.
Am Donnerstag fand eine Durchsuchung der Räume der Internationalen Arbeiterhilfe in Berlin statt. Es wurde Material beschlagnahmt, das zurzeit gesichtet und geprüft wird. Ferner wurden 11 Ausländer, die sich in den Räumen der JAH. befanden und sich über ihre Person nicht genügend ausweisen tonnten und wollten, der Abteilung 1 eingeliefert.
Die für Freitag, den 2. September, angesetzte Kundgebung des Kampfbundes gegen den Faschismus und der KPD im Neuköllner Stadion ist aus Sicherheitsgründen verboten worden.
Im Unterelbegebiet wurden in den letzten Tagen bei Hausfuchungen verschiedene Waffen gefunden. So beschlagnahmte die Bolizei bei einem SA.- Mann in Harber 2 Maschinengewehre und einen Kasten mit MG- Munition, sowie bei einem Hofbesitzer in Marbostel 3 Kisten mit MG- Patronengurten.
Durch ein polnisches Dekret werden die Strafen für HochDerrat, Sabotage gegen staatliche Einrichtungen usw. bedeutend verschärft. Alle derartigen Verbrechen, die bisher mit Zuchthaus bis 5 Jahren bestraft wurden, kommen von nun an vor ein Standgericht und werden mit der Todesstrafe bedroht.
Dem in Paris erscheinenden weißrussischen Blatt„ Die legten Nachrichten" zufolge zählt die russische Luftflotte gegenwärtig 1270 Flugzeuge mit 5000 Piloten. Es gebe 40 Flugzeugfabriken, die unter der Leitung deutscher Ingenieure stünden(?)
Nach japanischen Meldungen ist das Defensivbündnis zwischen der Mandschurei und der japanischen Regierung bereits abgeschlossen worden. Danach erhält Japan vor allem das Recht, in der Mandschurei ständig und überall Truppen zu unterhalten. Das chinesische Kabinett befaßt sich mit einem Gesezentwurf über die Einführung der allgemeinen Militärdienstpflicht in China.
Der Bürgermeister von New York, Jimmy Walker, ist zurüdgetreten. Der Rücktritt Walkers tommt überraschend.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedtonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 3. September 1932
Der neue Kurs im Reichstag.
Kein Sozialdemokrat im Präsidium.
Die in der Dienstag- Sitzung des neuen Reichstages vorgenommene Wahl des Präsidiums brachte insofern eine Ueberraschung, als der für sämtliche vier Präsidentensitze vorgeschla= gene bisherige Reichstagspräsident Loebe bei feinem Wahlgang eine Mehrheit erhielt. Die Sozialdemokratie ist damit zum ersten Mal seit der Umwälzung im Präsidium des Parlaments nicht vertreten. Gewählt wurden die Abgeordneten Göring ( Nationalsozialist) als Präsident, Esser( 3entrum) als 1. Vizepräsident, Graef- Thüringen( Deutschnational) als zweiter und Rauch- München( Bayerische Volkspartei) als dritter Vizepräsi= dent. Präsident Göring betonte, der Verlauf der Sitzung habe eindeutig erwiesen, daß der neue Reichstag über eine große, arbeitsfähige nationale Mehrheit verfüge und somit in keiner Weise der Tatbestand eines staatsrechtlichen Notstandes gegeben sei. Präsident Göring wurde weiter ermächtigt, die nächste Sitzung des Reichstages selbst festzusetzen.
Die Koalitionsverhandlungen.
Berlin. Die Nationalsozialisten und das Zentrum haben folgende gemeinsame Erklärung herausgegeben: ,, Gegenüber zahlreichen Kombinationen in der deutschen Oeffentlichkeit wird bezüglich der zwischen den Nationalsozalſten und dem Zentrum schwebenden Verhandlungen festgestellt, daß diese Verhandlungen begonnen wurden und fortgesetzt werden mit dem Ziel der Beruhigung und Festigung der innerpolitischen Verhältnisse in Deutschland auf längere Sicht, da nur auf der Grundlage der Wiederherstellung des Vertrauens eine erfolgreiche und eine dauernde wirtschaftliche Besserung und Beseitigung der außenpolitischen Stimulierung erzielt und gesichert werden kann."
Die Beuthener Todesurteile
in lebenslängliche Zuchthausstrafen umgewandelt. Berlin, 2. September. Durch Entschließung des preußischen Staatsministeriums vom 2. September sind die Todesstrafen, die durch das rechtskräftige Urteil des Sondergerichts in Beuthen gegen
1. Den Elektriker Reinhold Kottisch,
2. den Grubenarbeiter Rufin Wolnika,
3. den Häuer August Graupner,
4. den Markenkontrolleur Helmut Josef Müller, wegen Totschlags begangen aus politischen Beweggründen und 5. den Gastwirt Paul La chmann
wegen Anstiftung zu diesem Verbrechen verhängt worden sind, im Gnadenwege in lebenslängliche Zuchthausstrafen umgewandelt worden.
Für die Entschließung war maßgebend, daß die Verurteilten zur Zeit der Tat noch keine Kenntnis der Verordnung des Reichspräsidenten gegen politischen Terror vom 9. August 1932 und ihren schweren Strafandrohungen gehabt haben.
Rheinhessen mahnt seine Anteil- Gelder. Mainz. Der Provinzialtag der Provinz Rheinhessen hat in seiner diesjährigen öffentlichen Versammlung u. a. ein um= fangreiches Arbeitsbeschaffungsprogramm beschlossen, für das rund 750 000 RM. vorgesehen sind. Bedingung für die Ausführung des Programms ist jedoch, daß der hessische Staat seiner Verpflichtung nachkommt und der Provinz die Anteil- Gelder zur Verfügung stellt. In einer Entschließung an die hessische Regierung heißt e. u. a.: Der Provinziallandtag ist der Auffassung, daß die Provinz einen Rechtsanspruch auf die ihr ge= hörigen Gelder hat, die seinerzeit auch ausdrücklich zugesichert worden sind. Der Povinzialtag erwartet, daß die dem hessi= schen Staat vom Reich überwiesenen Beträge aus dem Auftommen der Kraftfahrzeugsteuer in Zukunft sofort nach Eingang bezahlt und weitergeführt werden und nicht für andere Zwede Verwendung finden.
Die wirtschaftliche Lage des Handwerks im August 1932.
Der Reichsverband des deutschen Handwerks schreibt uns: Die Berichte über die wirtschaftliche Lage des Handwerks im Monat August lassen erkennen, daß eine Besserung der Verhältnisse nicht eingetreten ist. Fast durchweg wird für alle Gewerbezweige berichtet, daß ein völliger Mangel an Aufträgen zu verzeichnen ist. Die unsichere politische Lage und die Ungewißheit über die zukünftige Entwicklung führen zu einer weitgehenden Zurückhaltung des Publikums auch da, wo an und für sich noch die Möglichkeit zur Vergebung von Aufträgen vorhanden wäre. Da die letzten Reserven in den Handwerksbetrieben zum größten Teil verbraucht sind, so sind die Sorgen für die Zukunft sehr groß.
Immer wieder wird festgestellt, daß das völlige Daniederliegen des Baumarktes eine der Hauptursachen für die schlechte Wirtschaftslage des Handwerks ist, da von diesem Schlüsselgewerbe auch sonst die Belebung der übrigen Handwerkszweige auszugehen pflegt. Der große Auftragsmangel führt überall da, wo wirklich noch ein Auftrag vergeben wird, zu einem starken Druck auf die Preise für Lieferungen und Leistungen des Handwerks, so daß die einkommenden Erträgnisse einen Vez
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dienst kaum noch abwerfen, sondern lediglich zur Deckung der allgemeinen Unkosten herangezogen werden können. Dieser Preisdruck wird nicht allein von dem selbständigen Unternehmer ausgeübt, sondern noch verstärkt durch die ungeheuere Zahl der Schywarzarbeiter, die sich mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit immer noch vermehrt. Wenn auch das Handwerk einsicht, daß die Schwarzarbeit im letzten Grunde nur durch eine Wiederingangsegung der Gesamtwirtschaft beseitigt werden kann, so wird doch allgemein bedauert, daß die Reichsregierung sich nicht zu einem allgemeinen Durchgreifen gegen die Schwarzarbeit ent schließen kann. Die Zwangslage des Handwerks wird dadurch noch vergrößert, daß die Kundschaft sehr lange Zahlungsfristen in Anspruch nimmt und der einzelne Handwerker nicht einmal scharf vorgehen kann, um nicht die letzten Kunden zu verlieren.
Von dem Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung verspricht sich das Handwerk im allgemeinen nicht sehr viel, weil es bislang bei der Vergebung von Aufträgen sehr wenig berücksichtigt ist. Der übergroße Teil ist an die Großindustrie und in die Großstädte gegangen, so daß das Handwerk auf dem flachen Lande überhaupt gänzlich unberücksichtigt geblieben ist. Das Handwerk könnte daher nur mittelbar einigen Anteil an der Vergebung von Reichsaufträgen haben, indem die dabei beschäftigten Arbeitnehmer der Großindustrie etwas kaufkräftiger werden. Diese Auswirkung ist naturgemäß nur sehr gering geblieben. Deshalb erwartet das Handwerk eine fühlbare Hilfe der Reichsregierung hinsichtlich der Ingangsetzung der Reparatur des Althausbesites.
Ruf zu neuer Arbeit.
Ein Leitgedanke gibt den neuen wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Reichs Sinn und Richtung: Neueinstellung von Arbeitskräften, Linderung der furchtbaren Arbeitsnot kann in größerem Ausmaße nur auf dem Wege einer
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Belebung der produttive Wirtschaft
erreicht werden. Das Wirtschaftsprogramm bedeutet demnach einen Versuch, die bedrohliche Erstarrung des Wirtschaftslebens zu überwinden, vorhandene, brachliegende Kräfte zu mobilisieren und sie, zielbewußt und bahnbrechend, für einen neuen Aufstieg anzusetzen. Nicht um ein eigentliches Arbeitsbeschaffungsprogramm im herkömmlichen Sinne handelt es sich also, mit anderen Worten: nicht um Notstandsmaßnahmen, wie z. B. Jnangriffnahme von Land- und Wasserstraßenbauten, landwirtschaftlichen Meliorationen etc. So nützlich und wichtig solche Maßnahmen an sich sind sie bleiben doch verhältnismäßig begrenzte Behelfs= mittel. Angesichts des besorgniserregenden Umfangs der Arbeitslosigkeit und der schweren Gefahren, die für Volk und Staat daraus erwachsen, müssen derartige Behelfsmittel, auf die Dauer allein angewendet, unzureichend bleiben. Man halte sich nur vor Augen, daß Mitte August ds. Js. 5,4 Millionen Erwerbslose gezählt wurden, also etwa 1,2 Millionen mehr als im August 1931 und rund 2,6 Millionen mehr als zur entspre= chenden Zeit des Jahres 1930. Jn voller Würdigung dieser Sachlage versucht das Reich nunmehr, neue Wege zu beschreiten, um das Schicksal unseres Voltes zum Besseren zu wenden.
Es ist von weitesttragender Bedeutung, daß sich der neue Wirtschaftsplan nicht lediglich an bestimmte Wirtschaftsgruppen wendet, sondern umfassender Natur ist. Auf breitester Basis soll vorgegangen und versucht werden, zu einer Ankurbelung der gesamten Volkswirtschaft zu gelangen. Nicht durch staatliche Aufträge und Bauprojekte, sondern nach einem Programm, das sich organisch und den gesamten voltswirtschaftlichen Prozeß eingliedert und alle Erwerbszweige und Berufsgruppen gleichermaßen umfaßt. Nicht weniger als insgesamt 2,2 Milliarden RM. sollen nach und nach flüssig gemacht und der produttiven Wirtschaft zugeleitet werden. Unmittelbar oder mittelbar fönnen dadurch günstige Rüdwirkungen auf den Arbeitsmarkt eintreten. Es steht zu hoffen, daß Massen von Arbeitern, die bisher monatelang, sogar jahrelang erzwungenermaßen feiern mußten, zu neuer Arbeit in die Betriebe gerufen werden.
Kein Zufall ist es, daß dieses Programm gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt in Angriff genommen werden soll. Solange die Wirtschaftsfonjunktur scharf absinft und noch kein Ende der Krise abzusehen ist, wäre aller Aufwand zur Wiederankurbelung nuglos vertan. Anders aber, wenn nach menschlichem Ermessen mit einem Abebben der Krise in absehbarer Zeit gerech net werden kann. So liegen die Dinge heute. Die Auffassung gewinnt auch jenseits der Grenzen an Boden: der Tiefpunkt der Krise sei nunmehr so gut wie erreicht, man tönne auf eine baldige Wendung zum Besseren hoffen. Verwiesen wird dabei insbesondere auf die Entwicklung der Verhältnisse in den Vereinigten Staaten, auf das Steigen der Börsenkurse, die Preisentwicklung an einzelnen Rohstoffmärkten; auch eine hoffnungsfreudigere Stimmung in wichtigen Teilen des Auslandes wird viel beachtet. Wie dem auch im einzelnen sei manche Anzeichen deuten jedenfalls hin, daß ein Wendepunkt in der weltwirtschaftlichen Entwidlung wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zeit in Sicht steht. Es ist also auch, konjunkturpolitisch gesehen, an der Zeit, unserer Volkswirtschaft, die, kapitalarm und in ihrer Substanz durch die unglückliche Nachkriegsentwicklung geschwächt, unter den Schlägen der Krise am schwersten gelitten hat und Gefahr laufen könnte, den Anschluß an einen kommenden Wirtschaftsaufstieg im Ausland zu verpassen, durch wirtschaftspolitische Maßnahmen, soweit wie möglich, neue Impulse zu geben.


