Mittwoch
Mittwoch, den 29. Juli 1931.
Lokales.
Die Kleingartenbewegung.
Von Diplomlandwirt Dr. P. Lieb, Landwirtschaftslehrer und Wirtschaftsberater.
Die Kleingartenbewegung gewinnt von Jahr zu Jahr an Umjang. Immer weiter hinaus schiebt sich an die Peripherie der Städte der Gürtel der Kleingartenkolonien. Und dies ist eine gesunde Bewegung, Gartenarbeit kann jeder willige Mensch ausüben, ja sie stellt eine ideale Erholung dar nach der eintönigen Tagesarbeit in schlecht gelüfteten Fabrikräumen und Büros.
Dazu kommt der tatsächliche Nutzen, den so ein Stückchen Land abwirft und der nicht zu unterschätzen ist. Um ausgiebig von einem Garten leben zu können, also einschließlich Frühkartoffeln, Erdbeeren und einigen Beerensträuchern braucht man pro Kopf etwa 100 Quadratmeter, wobei sogar noch ein Eckchen für Blumen abfällt. Die Kosten hierfür sind je nach Lage mit Wasser 2-6 Pig. Pacht je Quadratmeter und Jahr. Das wäre bei einer 4köpfigen Familie 16 RM. im Durchschnitt; rechnet man für Aussaat und Dünger 20 RM., so tostet ein Gartenland, das die Gemüse- und Obsternährung der Familie sicherstellt, 3 RM. im Monat, soviel wie 3 Pfd. Fleisch.
Fehlschläge sind am Anfang natürlich unvermeidlich, besonders in der Aussaat und Düngung. Als Düngemittel kommen fast ausschließlich Nährsalze in Frage und deren richtige Zusam= menstellung bereitet dem Laien oft Schwierigkeiten. Glücklicherweise gibt es aber Düngesalze, die von vornherein die zum Wachstum nötigen Stoffe im richtigen Verhältnis enthalten und besonders für den Nichtfachmann alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumen. Die Anwendung dieser Volldünger, wie z. B. des sehr beliebten Hakaphos, der Stidstoff, Kali und Phosphor im richtigen Verhältnis der Pflanze zuführt, ist denkbar einfach, sie fönnen flüssig und fest gegeben werden und bieten sicheren Schutz vor Mißerfolgen durch einseitige Düngung, so daß die Schwierigkeit der richtigen Düngung bei ihrer Verwendung wegfällt.
So ist es heute jedem, der Interesse und guten Willen hat, ein Leichtes, seiner Familie die Segnungen eines Gartenlandes zukommen zu lassen, wenn er sich rechtzeitig nach einem Kleingarten umsieht. Wenn er dann noch die Vorteile und Vereinfachungen, die ihm heute geboten werden, ausnutzt, wird er auch ohne längere Erfahrung in Bälde gute Resultate erzielen.
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Wolkenbruch.
Das plötzlich ausbrechende Gewitter am Samstag nachmittag hat an verschiedenen Stellen im Weichbild der Stadt heftiger gewütet, als man anfänglich geglaubt hat. Nicht allein, daß in den Parkanlagen und in den Waldungen an dem Baum= bestand Schaden angerichtet wurde und eine Menge abgebrochener Aeste später den Boden bedeckte, wurden auch die Früchte einer großen Anzahl Obstbäume von dem Wetter abgeschlagen, Aepfel und Birnen waren nachher in gar manchen Obstanlagen förbeweise aufzulesen. Die niedergegangenen Regenmengen waren an manchen Stellen so stark, daß die Kanäle sie nicht aufzunehmen vermochten und daher vorübergehend Ueberschwemmungen verursacht wurden.
* Rentenauszahlungen in voller Höhe. Um etwaigen Zweifeln zu begegnen, weist das Reichs postministerium darauf hin, daß an den Postschaltern Militärversorgungsgebührnisse, sowie die Unfall- und Invalidenrente an den üblichen Zahltagen in voller Höhe zur Auszahlung gelangen.
* Auch der Lohn des„ Schwarzen Mannes" wird abgebaut. Nach einer Bekanntmachung des Hessischen Innenministers verden die Schornsteinfegergebühren ab 1. August neu geregelt. Die neuen Sätze sehen einen Abbau von durchschnittlich 6-10 Prozent der seitherigen Gebühren vor.
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V Dienstleistung der Beamten bei öffentlichen Wahlen. Das hessische Gesamtministerium hat in einem Rundschreiben an sämtliche staatlichen Dienststellen Hessens die Aufforderung geriditet, wonach bei öffentlichen Wahlen, die bekanntlich an Sonntagen stattfinden müssen, die Beamten und Angestellten des Landes und der Gemeinden verpflichtet sind, ihre Dienste 11 11= entgeltlich zur Verfügung zu stellen. Das gilt insbesondere für die Tätigkeit bei den Wahlkommissionen.
* Vom Versicherungsamt. Ueber die Beiträge zur Landund forstwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft liegt die Heberolle für das Jahr 1930 beim städtischen Versicherungsamt in der Lonnstraße bis zum 9. August 1931 zur Einsicht offen.
* Rumänisches Konsulat in Hessen. Der föniglich rumänische Wahlkonsul in Mainz, Ernst Bamberger, dem namens des Reichs die Erequatur erteilt wurde, ist anerkannt und zur Ausübung konsularischer Verrichtungen im Volksstaat Hessen zugelassen worden.
* Vermehrter Umlauf von Falschgeld. Es muß erneut auf das häufigere Auftauchen von Falschgeld aller Art aufmerksam gemacht werden. Hauptsächlich handelt es sich um falsche Zwei-, Drei und Fünfmarkstüde, deren Herkunft noch nicht ermittelt werden konnte. Bei einiger Aufmerksamkeit dürften die Falschstücke leichi zu erkennen sein, denn die meisten dieser Stücke sind aus einer einfachen versilberten Zinnlegierung im Guß verfahren hergestellt und daher auch klanglos; auch sind die Prägeseiten unklarer und verschwommener als die der echten Münzen.
* Briefsendungen mit ungenauer Anschrift. Bei den Frankfurter Postämtern gehen z. B. täglich über 9000 Briefsendungen mit veralteter Wohnungsangabe ein. Die veraltete Angabe muß vor der Zustellung berichtigt werden, was Zeit erfordert und infolgedessen zu Verzögerungen führt. Man wirke daher bei einem Wohnungswechsel auf seine Bekannten, Geschäftsfreunde usw. ein, daß die Aenderung alsbald in der Postanschrift berüdsichtigt wird. Versender mit starkem Briefverkehr bedienen sich hierzu am besten gedruckter Merkzettel.
„ Gießener Zeitung"
* Schöffengericht. Der Führer des Lastautos, das Anfang April auf der Landstraße Lich Nieder- Bessingen zwei Motorradfahrer überfahren und getötet hatte, wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
* Zurück von der Senne. Nach vierwöchentlichem Aufenthalt auf dem Uebungsplay Sennelager trifft das hiesige Bataillon heute, Mittwoch, nachmittags gegen 3 Uhr, wieder ein.
* Rindermarkt. Zum Verkauf auf dem gestrigen RinderNutzvieh- Markt standen 58 Fresser, 169 Kälber und 519 Stüd Großvich. Der Verkauf bewegte sich in mäßigen Grenzen. Das Pfund Lebendgewicht für Kälber wurde bis 40 Rpf. bezahlt. Kühe erster Qualität wurden bis 475 RM. bezahlt.
* Straßensperrung, mitgeteilt vom Oberhessischen Automobil- Club E. V.( Av.D.), Gießen. Die Ortsdurchfahrt Oberseemen ist vom 3. bis 31. August 1931 für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung über Gedern- Hartmannshain. Die Sperre auf der Provinzialstraße Butzbach- Hochweisel ist wieder aufgehoben.
* Deutsche Lehrerinnen fürs Ausland gesucht. Deutsche weibliche Lehrkräfte für die naturwissenschaftlichen und neusprachlichen Fächer fehlen nach Mitteilung des Auswärtigen Amtes an vielen deutschen Schulen im Ausland. Deutsche Lehrer haben in erhöhtem Maße an ausländischen Schulen Stellungen angenommen. Die Anmeldung von Lehrerinnen genügen jedoch nicht der Nachfrage.
* Schafflers Wettervorhersage für August. Der Monat Auguit beginnt aller Voraussicht nach veränderlich, um bald in schönes, heißes Sommerwetter überzugehen, das in der ersten Wochenmitte furze Störung erleidet. Darauf starkes Ansteigen der Temperatur, Gewittergefahr. Um den 11. bis 13. Auguſt ungünstig, gewitterig, Hagelgefahr, als Folge Abfühlung. Die dritte Woche dürfte nach anfänglicher Störung wieder schön sein und heiß. Ende der vierten Woche gewittererich, örtlich schwere Unwetter.
Eiweiß aus Steinkohle.
Dem Bochumer Gelehrten, Prof. Dr. Glund, ist es gelungen, fünstliches Eiweiß aus Steinkohle zu erzeugen. Hiermit wäre der entscheidende Schritt zur Gewinnung von Lebensmitteln aus toten Stoffen erfolgt. Die Erfindung ist von unübersehbarer Bedeutung für die Menschheit.
Generalversammlung
des Gewerbevereins Gießen.
Am vergangenen Montag, den 27. Juli, hatte sich eine an= sehnliche Zahl Handwerker und Gewerbetreibender im Krausmüllersaal, im Hause der Gewerbebank, zur diesjährigen Hauptversammlung eingefunden, die der Vorsitzende, Schreinermeister Haubach gegen 8,30 Uhr eröffnete. Aus dessen kurzen Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr 1930-31 ging hervor, daß der Gewerbeverein 3. 3t. 316 Mitglieder zählt, eine Zahl, die im Verhältnis recht klein ist, will diese Mittelstandsgruppe ihren Belangen, zumal in der jetzigen wirtschaftlich schweren Zeit, die nötige Beachtung verschaffen. Das zeigte auch die Veranstaltung in der Reichshandwerkswoche, wo es doch galt, den breitesten Bevölkerungsschichten zu zeigen, welche bedeutende Rolle das Handwerk und Gewerbe in unserem Wirtschaftsleben spielt. Jeder Handwerfer und Gewerbetreibende sollte durch die Mitgliedschaft zum Gewerbeverein, seiner Interessenvertretung, bezeugen, daß er an dem Wohl und Wehe seines Standes mitarbeitet.
Es folgte dann die Rechnungsablage
durch Reallehrer a. D. Haggemüller und die Entlastung des Rechners Reichel. Weiter wurde der Voranschlag für das Rechnungsjahr 1931-32, der einen Ueberschuß von etwa 4700,- R.-M. vorsieht, gutgeheißen, bei einem gleichen Mitgliedsbeitrag wie für das vergangene Jahr. Die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder Marx, Lenz und Wagner wurden wiedergewählt. Dann gab Syndikus Röhr ein Stimmungsbild unserer Zeit, die im Zeichen der Kapitalknappheit steht. Er führte u. a. aus; daß die verfahrene wirtschaftliche Lage auch viele andere Länder aus dem Gleise durch unsere Krise gebracht worden sind, somit eine Weltwirtschaftskrise entstanden ist, und diese sich jetzt durch das Fehlen an Bargeldmitteln besonders bemerkbar mache. Unsere Währung sei trotzdem gesichert. Weitere Sparmaßnahmen sind zu erwarten, womit aber auch eine weitere Drosselung unserer Wirtschaft verbunden ist. Welche Folgen aber die Maßnahmen der Reichsregierung, besonders im Wech selgeschäft, haben werden, kann man jetzt noch nicht übersehen, dabei muß es aber trotzdem bei allen in der Wirtschaft stehenden heißen: Ruhe und Vertrauen bewahren! Größte Bestürzung haben die Maßnahmen der Reichsregierung in der Steuerpolitik bei dem gesamten Mittelstand hervorgerufen, zumal die Lasten an und für sich vom Mittelstand kaum noch getragen werden können. Ganz energisch Front muß gemacht werden gegen die vielen Regiebetriebe und gegen jede Zwangsbewirtschaftung, dazu gehört in erster Linie das Wohnungs- und Tarifwesen. Hier eine geschlossene Front bilden, sollte das Ziel aller im Wirtschaftsleben stehenden sein. Obermeister Löber sagt im Anschluß daran, daß man im Handwerk und Gewerbe schon seit geraumer Zeit die größte Sparsamkeit hat eintreten lassen, um die Betriebe überhaupt noch über Wasser zu halten. Installationsmeister Rödiger erhebt die berechtigte Forderung, daß man nicht nur die Löhne und Gehälter der Beamten und Arbeiterschaft sicher stelle, sondern auch die notwendigsten Gelder für die Handwerker und Gewerbetreibenden bereit stelle, bei den enormen Steuerleistungen, die diese Berufsgruppen ausbringen müssen. Schreinermeister Lenz führt dann eine Rundfunkrede an in der gesagt worden sei: dem Handwerk und Gewerbe ginge es noch gut."(!!) Solche Vorträge sind nicht angeian, der Oeffentlichkeit die wahre Lage zu zeigen; denn eine große Zahl von Betrieben lebt heute fast ohne jeden Verdienst bei diesen Zinsenlasten, die durch die erneuten Erhöhungen entstehen. Auf seinen Antrag hin soll in den nächsten Tagen eine Willens fundgebung des Handwerks und Gewerbes an die Deffentlichkeit gerichtet werden. Der Vorsitzende konnte dann die gut verlaufene Hauptversammlung schließen.
Nr. 60
Aus Nah und Fern.
Nidda. Vom Amtsgericht in Nidda erhielt die Witwe Karl Repp 1. aus Unter- Schmitten 200 Mark Geldstrafe, weil sie Wasser in die Milch gepantscht hatte, und zwar in einem Falle auf 100 Teile Milch 33 Teile Wasser.
Bad Nauheim. Der amerikanische Zeitungsverleger Ran dolph Hearst, der sich seit einigen Wochen in Deutschland auf hält, ist zu einem mehrwöchigen Kuraufenthalt hier einge troffen.
Friedberg. In seiner letzten Sitzung hatte sich der hiesige Stadtrat zum dritten Male mit der erhöhten Bürger- und Biersteuer zu beschäftigen, deren Erhebung der Stadtverwaltung ministeriell nahegelegt worden war. Die Erhöhung wurde mit 7 gegen 6 Stimmen, bei 2 Enthaltungen, abermals abgelehnt obwohl Bürgermeister Dr. Send eindringlich darauf verwiesen hatte, daß bei Ablehnung die Stadt für die Dedung eines mög licherweise sich ergebenden Kassendefizits keinen Anspruch auf Mittel des staatlichen Ausgleichsstocks habe.
Stornfels. Am Samstag schlug der Blizz in das Grund stück des Landwirts Lauster ein. Der Brand äscherte Stallungen eine Scheune mit der Heuernte und einen Teil der Getreids ernte, einen Laden und die Waschküche ein.
Hirzenhain. Am Sonntag fand hier Bürgermeisterwahl statt, um für den verstorbenen Bürgermeister Henkel einen Imts nachfolger zu bestimmen. Von den 427 abgegebenen Stimmen ( bei 449 Wahlberechtigten und einer ungültigen Stimme) ent fielen auf den Dreher Hch. Vielmeter 207, auf den Schlosser Karl Birr 200 und auf den Untererheber Otto Hende 19 Stimmen Zwischen Vielmeter und Birr muß Stichwahl stattfinden.
Herchenhain. Diplom- Ingenieur Carsch aus Frankfurt a. M. stürzte am Sonntag beim Segelflug ab und erlitt eine Gehirnerschütterung. Der Flugschüler Reitz aus Frankfurt stürzte beim Uebungsflug und erlitt einen Bluterguß. Beide Segelflugzeuge wurden beschädigt.
Lauterbach. Am Samstag nachmittag wurde die 17jährige Feldarbeiterin Rosa Bien aus Blankenau, die bei einem schwe ren Gewitter vor dem Regen unter einer Eiche Schutz gesucht hatte, vom Blitz erschlagen. Ein Knecht, der ebenfalls unter dem Baum gestanden und sich entfernt hatte, da die Pferde unruhig geworden waren, entging durch diesen Zufall einem tragischen Ende.
Flieden. Ein Eisenbahnassistent, der seit Jahren in der hie sigen Bahnmeisterei umfangreiche Unterschlagungen und Ur kundenfälschungen betrieben hatte, wurde verhaftet. Er hat vornehmlich die Lohnlisten gefälscht und dabei hauptsächlich die Rottenarbeiter um einen Betrag von 10 000 RM. gebracht.
Mainz. Die Stockung des Reiseverkehrs, die anläßlich der Bankfeiertage einsetzte, ist seit zwei Tagen wieder behoben. Der Ausflugsverkehr im Mainzer Bahnhof und auf den Rheinschiffen hat seit Samstag wieder merklich zugenommen, der Fremdenverkehr in Mainz nähert sich wieder normalen Verhältnissen.
Hechtsheim. In der Feldscheune des Landwirts Kerz mur den zwei Arbeiter vom Blitz getroffen. Einer von ihnen wurde gelähmt.
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Worms. Wegen Werkspionage zum Nachteil der Firma Cornelius Heyl in Worms wurden ein Kaufmann, ein Ingenieur, ein Laborant und eine in diese Geschäfte verwidelte Ehefrau vorläufig festgenommen. Umfangreiches Belastungsmaterial, aus dem hervorgeht, daß mit Unterstützung von Werksangestellien zahlreichen ausländischen Firmen der Lederbranche ein Geheimverfahren angeboten wurde, ist festgestellt worden.
Worms. In der Waschküche eines Hauses explodierte der fupferne Behälter einer Waschmaschine, den die Besitzerin und ihre Hausangestellte zur Reinigung von Wäsche mit Benzin gefüllt hatten. Beide Frauen erlitten furchtbare Verletzungen und starben noch am selben Abend.
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