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Nr. 98

Gießener Zeitung

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( Gießener Tageblatt)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

44 Jahrg.

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedtonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

( Neueste Nachrichten)

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Donnerstag, den 24. Dezember 1931

Weihnachten 1931

Nicht hell und fröhlich werden die Weihnachtsglocken in diesen Tagen flingen, weil die Fäuste, die die Glockenstränge ziehen, nicht fröhlichen Menschen gehören, weil die Menschen drunten in Stadt und Land nicht mehr fröhlich sein können weil Deutschland eines seiner traurigsten Weihnachten begeht.

Aber was hilft es! Es gilt das Selbstvertrauen nicht zu verlieren! Das Fest der Liebe aber sollte die letzten Hemmungen in uns niederreißen, sollte unsere Leser, sollte uns Deutsche alle in sich finden lassen und uns in unserer Not vereinen. Und dann heiße die Zarole:

Einer für alle, alle für einen!"

Ist das unser Wunsch, so ist unsere Bitte: Laßt diesen Spruch schon vorher in Euch wirken. Helfe ein jeder, so weit er tann, seinen Nächsten eine Freude zu bereiten. Damit macht er nicht nur dem anderen, sondern auch sich selbst die größte Weihnachtsfreude!

Politische Rundschau.

Der Reichsrat trat am Dienstagmittag nochmals zu einer Bolligung zusammen und genehmigte bei Stimmenthaltung Bayerns die Verordnung der vorstädtischen Kleinsiedlung und Bereitstellung von Kleingärten für Erwerbslose.

Im Reichsjustizministerium haben Besprechungen mit Ver­tretern der deutschen Länder über die Möglichkeit einer Milde­rung des Kündigungsrechts der Mieter stattgefunden.

Der Bierte Straffenat des Reichsgerichts hat am Montag das am 26. November d. J. vom Berliner Polizeipräsidenten für drei Monate ausgesprochene Verbot des Nationalsozialisti­schen Pressedienstes aufgehoben.

Das Reichsgericht hat die Beschwerde des braunschweigi­schen Innenministers gegen den Reichsinnenminister, der seiner­zeit das Verbot des Braunschweigischen Volksfreundes" auf­gehoben hat, als unbegründet zurückgewiesen.

Die amtliche Ernennung des Baron de Kerokhove Den­terghem zum belgischen Gesandten in Berlin steht unmittelbar bevor.

,, Times" zufolge verlautet, daß die britische und die fran­zösische Regierung sich dahin geeinigt haben, den anderen inter­essierten Regierungen vorzuschlagen, die Reparationskonferenz der Regierungen nach dem Haag für Mitte Januar einzube­rufen.

Der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drum­mond, hat sich am Montag nach London begeben, um mit der englischen Regierung über das Programm der bevorstehenden Abrüstungskonferenz zu verhandeln.

ür Landes- und Volls herausgegeben von Dr. C Marburg- Lahn.- In He gen über die Kasseler Lan licher Forschung zu Ende zines hessischen Fürsten des jante Beiträge runden den hängige, rüdhaltlose Rury che, wirtschaftliche, steuer und Vorsorgen enthält die e" des Verlags für Win rftr. 20. Preis 60 Rpfg. find komisch, schimpfen auf mitunter nichts so heite Boche"-Roman Hunge von der Münchener Ne von jugendlichen Erwerbs Thema bringt die neue en Presse"( Nr. 51) einer

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an Klein in Gießen.

KSACHE

ESSEN

vormals Keller, gegr. 1789

Die Presse berichtet übereinstimmend, daß in Cannes zwi­schen Henderson und Agnides der endgültige Beschluß gefaßt worden sei, den Zusammentritt der Abrüstungskonferenz unter dem Vorsitz Hendersons auf den 2. Februar 1932 festzusetzen.

Die Gerüchte, daß die englische Regierung eine Verschie= bung der Abrüstungskonferenz vorschlagen wolle, werden von den juständigen Stellen als völlig unbegründet bezeichnet. Man rechnet in London zurzeit damit, daß die Abrüstungskonferenz planmäßig eröffnet werden wird.

Verlag und Schriftleitung.

die in Deutschland schon seit Monaten zum täglichen Handwerks­zeug aller Erörterungen über die Notlage gehören. Die Tat­sachen, Zahlen und Ziffern, die der Bericht widergibt, sind in Deutschland bekannt; sie werden aber durch den Bericht nun auch der Weltöffentlichkeit vor die Augen gehalten und wer­den dadurch hoffentlich dazu beitragen, in den Ländern, in de­nen bisher noch Unklarheiten über die wirtschaftliche Zerstö­rungsgewalt der Reparationen bestanden haben, eine klarere Einsicht in die weltwirtschaftliche Bedeutung des Problems zu eröffnen.

Genfung der Postgebühren.

Berlin. Das Reichskabinett stimmte in seiner gestrigen Sitzung der Senkung der Postgebühren mit Wirkung Dom 1. Januar 1932 zu. Die Senkung soll sich, um bei der Höhe des zur Verfügung stehenden Betrages von 120 Mill. RM. wirksam zu sein, auf zwei wichtige Verkehrszweige, den Paket- und den Fernsprechverkehr, erstrecken. Bereits am 28. Dezember wird der Arbeitsausschuß des Reichspostverwaltungsrats und am 29. das Plenum des Verwaltungsrats zusammentreten, um die end­gültige Entscheidung zu treffen, insbesondere um die Einzel­heiten der Gebührensenkung festzusetzen.

Hessische Politik.

Karl

Der Petitionsausschuß des Hessischen Landtags lehnte in seiner gestrigen Sitzung die Anfechtungsklage der Wirtschafts­partei gegen die Hessenwahl ab. Den sozialdemokratischen An­fechtungsantrag gegen die Wahl der Abg. Lenz, Döring und Hauer( alle NSDAP.) gab man an den hessischen Staats­gerichtshof weiter. Gleichfalls die Angelegenheit des Wilhelm Schäfers aus Offenbach wird an den Staatsgerichtshof geleitet. Der Staatsgerichtshof wird also reichlich Arbeit vor­finden, um so mehr als er sich auch mit der Frage zu befassen hat, ob die vom Landtag beschlossene sofortige Abberufung des Innenministers Leuschner rechtlich zulässig ist.

Vertrauen und Zuversicht.

Die Beruhigung des Publikums hat erhebliche Fortschritte gemacht. Die Einzahlungen bei den Sparkassen bewegen sich wieder in aufsteigender Linie, und die Abhebungen haben nach­

Die englisch- französischen Verhandlungen in Paris über die Schulden- und Tributfragen sind unterbrochen worden. Sie sol- gelassen. Einzahlungsüberschüsse werden immer zahlreicher, und len demnächst wieder aufgenommen werden.

Der Senat hat gestern das Hoover- Moratorium mit 69 gegen 12 Stimmen ratifiziert. Damit erlangt das Moratorium, das nur noch Präsident Hoover zur formellen Unterzeichnung vorzulegen ist, Gesetzestraft.

Das fommunistische von den Sozialdemokraten unterstützte Boltsbegehren auf Auflösung des Danziger Vollstages hat die erforderliche Stimmenanzahl erbracht.

Arnaldo Mussolini, der Bruder des Chefs der italienischen Regierung, ist gestorben. Der Verstorbene war Chefredakteur des Popolo d'Italia".

es scheint so, als ob die Hamsterer sich allmählich flar werden über den Unsinn, den sie mit dem Geldhamstern begehen.

Die ständigen einmütigen Betonungen aller amtlichen und Regierungsstellen und der Verbände und Parteien aller Rich­tungen, daß sie eine Inflation unter allen Umständen ableh= nen, haben das Vertrauen in die deutsche Währung weiter ge= stärkt. Ebenso hat auch die Tatsache, daß der Zahlungsverkehr nun schon seit Monaten sich wieder reibungslos vollzieht, die allgemeine Stimmung wesentlich gebessert.

So schwer auch gegenwärtig die wirtschaftliche Not ist, es ist nicht berechtigt, alles nur schwarz in schwarz zu sehen. Manche Gründe lassen es berechtigt erscheinen, daß wir zuversichtlicher in die Zukunft sehen können. 3. B. ist im technischen Ausbau un­

Nummer 99

Der Göße mit der Geißel.

Mir fällt da eine Unterredung ein, die ich vor zwei Jahren hatte. Ich kenne einen Anstreichermeister, der früher als Arbeiter und als Meister in einer Farbenfabrik gearbeitet hat. Er hat den Ehrgeiz, auf eigenen Füßen zu stehen und sich ohne In anspruchnahme von öffentlichen Mitteln in der schweren Zeit über Wasser zu halten. Ueberall, wo er gearbeitet hat, ist er ge­schätzt wegen seiner Tüchtigkeit, seiner Zuverlässigkeit und seiner unermüdlichen Arbeitslust, die keine Mühe scheut. Anspruchslos und sparsam, wie er ist, würde er unter Verhältnissen, wie sie in der Vorkriegszeit herrschten, rasch auf einen grünen Zweig gekommen sein. Diesem Manne begegnete ich also vor zwei Jahren. Wir begrüßten uns, und ich erkundigte mich natürlich auch danach, wie es ihm geschäftlich ginge. Er sieht auf ein großes Haus in der Nähe und erzählte mir, daß er seinen Au­strich ausgeführt habe. Ich gratulierte ihm zu dieser Leistung und sprach die Hoffnung aus, daß er dabei auch befriedigend verdient habe.

,, Verdient?" rief er erregt aus ,,, verdient? Ach nee! Verdient haben die Gesellen, verdient hat auch der Staat, dem ich die Lohnsteuer abliefern muß. Für mich kommt nocy nicht einmal der Lohn für meine eigene Arbeit heraus; hätte ich nicht selbst täglich stundenlang über die gesetzliche Arbeits zeit hinaus gearbeitet, dann müßte ich noch Geld zusetzen. Wissen Sie, die Sache ist so: in Deutschland ist doch kein Geld. Namentlich auch die Hausbesizer sind alle knapp damit. Sie sagen einem: Soundsoviel können wir für den Anstrich ausgeben; verlangen Sie mehr, dann müssen wir es uns eben verkneifen. Danach muß sich dann der Meister einrichten. Im allgemeinen arbeite ich ja allein, aber das ist ja bei einem so großen Hause nicht möglich. Da habe ich mir denn beim Arbeitsnachweis ein paar Gehilfen geholt, in der Hoffnung, daß die hohen Löhne wenigstens durch flotteres Arbeiten wett­kein Ju gemacht würden. Aber daran haben die Leute gar Wenn's dir nicht paßt, teresse; drängte ich, dann hieß es: fönnen wir ja wieder stempeln." Ich bin also der Dumme gewesen. Aber einmal und nicht wieder! Nie wieder werde ich eine Arbeit übernehmen, bei der ich auf fremde Arbeitskräfte angewiesen bin. Soll ich für andere Arbeit suchen, ihnen die Löhne zahlen, für sie Kassenbeiträge und Steuern bezahlen und dazu ich umsonst arbeiten und mich auslachen lassen? Nein, nie wieder! In Deutschland wird der Strebsame und Fleißige bestraft. Glauben Sie mir, an den übertrieben hohen Löhnen, die schließlich keiner mehr bezahlen kann, an dem starren Tarif und Schlichtungskram und dem Uebermaß von sozialen Lasten werden wir noch zugrunde gehen."

Dieser Erguß eines schlichten und wackeren Handarbeiters, der sich mir fast wortgetren eingeprägt hat, zeigt deutlicher als theoretische Erörterungen die Schädlichkeit des herrschenden Ty stems, vor allem die der üblichen Lohnpolitik, die den Lohn als ein Ding für sich nimmt, losgelöst aus den wirtschaftlichen Zu sammenhängen, in denen er nu einmal steht. Wir haben hier ein Beispiel für die schädlichen Wirkungen vor Augen, die diese Lohnpolitik gerade auch für Arbeitnehmer hat, denen sie Arbeits: gelegenheiten und Aufstiegsmöglichkeiten wegnimmt. Die unbe quemen Mahner, die darauf hinweisen, versucht man herkömm licherweise damit mundtot zu machen, daß man sie als ,, Sozial­reaktionäre" hinstellt. Nun, dann gehört auch der bekannte sozialdemokratische Wirtschaftspolitiker Mar Cohen( Reuß), Mitglied des Reichswirtschaftsrates, zu den Sozialreaktionä ren". Denn in einem Vortrag, den er am 20. November v. J. in Dortmund auf einer Tagung des Reichsverbandes für Herren­und Knabenkleidung gehalten hat, führte er unter den Ursachen für die Krise in Deutschland neben der Ueberspannung der öffentlichen Lasten und der Aufbauschung der Verwaltung auch die zu hohen Löhne an. Jede Lohnerhöhung, so sagte er nach dem Bericht der ,, K. 3.", sei auf Kosten der Arbeitslosen vorgenom men worden, und er meinte, den Kreislauf der Erzeugungskosten, Verbraucherpreise, Absatmangel und Arbeitslosigkeit hätten nun endlich(!) auch die Gewerkschaften begriffen.

Hätte sich diese Annahme berbahrheitet, dann ständen wir heute ganz anders da und könnten mit größerer Zuversicht in die Zukunft sehen. Es sind leider nur vereinzelte Stimmen der Ver­nunft, die aus dem Gewerkschaftslager ertönen. So, wenn Friz Naphtali in seiner Broschüre ,, Wirtschaftskrise und Arbeits­losigkeit" schrieb: ,, Es hat noch keine Krise gegeben, in der cie Löhne nicht nominal gesunken wären, und ich glaube, man wird sich darüber klar sein müssen, daß auch im Verlaufe dieser Krise das Ende der Lohnsenkungen noch nicht erreicht ist. Ohne Lohn­In der Praxis der Gewerkschaften hat man aber von einer Befehrung bisher nichts gemerkt. Ihr hartnäckiger Widerstand gegen eine auch vom Reichskanzler Brüning für notwendig erklärte elastischere Ge­staltung des Tarifvertragswesens hat sogar zur Anbahnung einer ,, Einheitsfront der Gewerkschaften" geführt, die man neuerdings recht pfiffig durch Angliederung der sonst so heftig bekämpften Nationalsozialisten zu verlängern versucht hat.

Einigung des Basler Sonderausschusses. erer Induſtrie und im Wohnungsbau eine gewiſſe Sättigung ſenkung geht es auch diesmal nicht ab.

Basel. Der Basler Sonderausschuß erreichte gestern abend um 7 Uhr eine vollständige Einigung über den Wortlaut des Endberichtes Die Konferenz wurde um 10.15 Uhr abends mit der Unterzeichnung des Endberichtes durch die elf Sachverstän­digen endgültig abgeschlossen. Das englische Grunderemplar trägt nunmehr die Unterschriften von Beneduce- Italien, Layton, England, Melchior- Deutschland, Rist- Frankreich, Franqui- Bel­Djuritsch­gien, Nohara- Japan, Stewart- Vereinigte Staaten. Jugoslawien, Colijn- Holland, Bintschedler- Schweiz und Rybeck­Schweden.

Der Bericht ist, wie vorauszusehen war, keine Sensation und keine Enthüllung neuer Erkenntnisse. Er bringt Tatsachen,

erreicht, sodaß der von diesen beiden Seiten bisher sich geltend machende Kapitalbedarf nachläßt. Der Außenhandelsüberschußz erleichtert Deutschland die Abtragung der Last seiner Auslands: schulden. Der Geburtenausfall während des Krieges wirkt sich in den nächsten Jahren in einer Entlastung des Arbeitsmart­

bes aus.

Die Aussichten sind also nicht so schlecht, wie es vielen und wir dürfen es scheint. Wenn wir Vertrauen haben haben und wenn wir wie bisher entschlossen den Weg der Selbsthilfe, wo immer sie möglich ist, gehen, dann werden die Wirtschaftsnöte der Gegenwart, Arbeitslosigkeit und Eintom­menrüdgang, schneller als viele glauben, überwunden werden.

Man braucht nicht lange zu suchen, um auf die zerstören­den Wirkungen der gewerkschaftlichen Lohnpolitik zu stoßen. Vor dem Kriege z. B. trugen weite Kreise in Deutschland Maß­schuhe, und das Schuhmacherhandwerk war ein blühendes Ge­werbe, das strebsamen jungen Kräften ein gutes Fortkommen bot.