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Mittwoch, den 23. September 1931.

,, Gießener Zeitung"

Wie kann Deutschland sich selbst helfen

und die Arbeitslosigkeit wirksam und schnell bekämpfen?

Wohnungszwangswirtschaft und Hauszinssteuer( Sondergebäudesteuer) müßten sofort aufgehoben werden! Von Dr. h. c. Ludwig Roselius, Bremen.

Den hente notleidenden Ländern wird kein anderer Aus­weg bleiben, als neben der allgemein gültigen internationalen Währung eines Landes, die durch Gold gedeckt ist, eine zweite Währung zu schaffen, die sicher gestellt wird durch andere Werte, wie z. B. Hypotheken auf Häuser und Grundstücke. Diese Vorschläge müssen in jedem Staat den besonderen Ver­hältnissen entsprechend ausgearbeitet werden. Was Deutsch land angeht, so müssen wir einen einzigen Fehler, den wir in völliger Verkennung der Lebensgrundsäße einer Volksgemein schaft begangen haben, wieder gut machen. Beseitigen wir die sen Fehler, so wird die Zahl der Arbeitslosen nicht erhöht wer den, sondern bis Ende des Jahres auf 2 Millionen verringert werden können. Deutschland muß den letzten Rest der Zwangs wirtschaft beseitigen und seine Haus und Hypotheken- Wirt­schaft auf gesunden Boden stellen Da Deutschland von außen Kapital nicht erhält, muß es sich selbst Kapital schaffen. Das ist nur möglich durch völlige Neuordnung der ersten Grand­lage einer gesunden Wirtschaftsordnung durch die Wieder­herstellung der Besitzrechte der Grundeigentümer. Nämlich: 1. Alle Beschränkungen des Wohnwesens müssen so­fort durch Notverordnung aufgehoben werden. 2. Die Hauszinssteuer, die nur als vorübergehende Steuer gedacht war, wird aufgehoben.

3. Da der Staat die Einnahmen aus der Hauszins­steuer nicht entbehren kann, gewähren ihm die Hauseigentümer fünfprozentige erste Hypothefen gegen Hergabe von Inlandsgeld in Form von Ren­tenmart.

Angenommen also, ein Haus hat im Jahr 1000 RM. Hauszinssteuer bezahlen müssen, so wird jetzt zugunsten des Staa­tes eine Hypothek eingetragen im Betrage von 20 000 Mark, die mit 5 Prozent zu verzinsen ist. Der Staat erhält nach vie

vor also 1000 Mark im Jahr Das wäre ohne Gegenleistung Diebstahl, deshalb bezahlt der Staat den Hauseigentümern die Schuld in deutschem Inlandsgeld, in Rentenmark. Dieses Geld ist voll gedeckt durch die Staatshypotheken auf sämtliche Vorkriegshäuser bezw. Grundbesitz. Das deutsche Inlands­geld, die Rentenmark, ist also vollwertig.

Nur von einem Gedanken muß der Staat sich von vornherein freimachen, wenn dieser Vorschlag vollen Erfolg haben soll, nämlich von dem Gedanken der Mitbestimmung über die Ver­wendung der Rentenscheine, die die Hypothekengläubiger emp fangen. Die Vielseitigkeit der Empfänger der freien Wirt schaft verbürgt eine bessere Verteilung, als der Staat sie je organisieren und vornehmen könnte!

Diese einfache Maßnahme würde sofort eine Blüte der deutschen Wirtschaft hervorrufen. Die Goldwährung und unsere internationalen Verpflichtungen werden durch sie nicht berührt. Deutschland erhält aber genügend Umlaufsmittel, um seine Wirtschaft wieder anzukurbeln. Man bedenke: Deutschland hat bei 60 Millionen Einwohnern rund 4 Mil­liarden Umlaufsmittel, Frankreich bei 40 Millionen Einwoh­nern dagegen 12½ Milliarden Umlaufsmittel. Auf alle Fälle reichen unsere Umlaufsmittel nicht aus, um unsere Wirtschaft in Gang zu halten. Im Laufe des Winters werden 50 Pro­zent aller jetzt noch laufenden Betriebe zum Erliegen kommen. Die Schornsteine werden nicht mehr rauchen, die Getriebe hören auf zu laufen, und die Arbeiter und Angestellten müssen entlassen werden.

Es gibt nur eine Rettung! Schafft Umlaufsmittel aber vollwertige! Da das Ausland sie nicht gibt, muß Deutsch­land sie selbst aufbringen. Der bitteren Notwendigkeit des Lebenmüssens und Wolfens der Gefahr des Bürgerkriegs gegenüber hat jede Parteikritik zu schweigen.

Was wir in Deutschland brauchen, ist Umsatz, und zwar schneller und großer Umsag das ist wichtiger und viel ratio= neller als jede Arbeitslohn- Beschränkung. Haben wir großen Umsag im Inland, können wir auch billiger exportieren und damit die uns fehlenden Valuten ins Land schaffen Schaffen wir den Umsag, dann steigen die Löhne und mit dem Steigen der Löhne vergrößert sich automatisch der Verbrauch im eige nen Land. Das ist eine Wechselwirkung. Der deutsche Ar­beiter will keine Almosen er will Arbeit und volle Bezah lung, die ihm ein anständiges Leben ermöglicht.

Ich wiederhole mein Rezept, das bis Ende des Jahres Deutschlands Not beseitigt und die Gefahr des Bürgerkrieges bannt, ein Rezept, das Deutschlands Wiederaufbau verbürgt. Die Regierung erlasse folgende Notverordnung:

a) Die Zwangswirtschaft auf dem Wohnungs-, Häuser­und Grundstücksmarkt wird mit sofortiger Wirkung aufgehoben.

b) Die Hausmietzinssteuer wird dadurch beseitigt, daß der Staat sie kapitalisiert indem er sie mit 20 multipliziert und sich die dann ergebenden Beträge als 1. Hypothek eintra­gen läßt.

Die Folgen einer solchen Neuregelung würden sein: Der Hausbesitz wird die dringend notwendigen Reparaturen und Um­änderungen mit dem Gelde, das er erhält, vornehmen lassen können, Handwerker, Angestellte und Arbeiter erhalten sofort Beschäftigung. Der Hausbesitzer wird wieder selbst Haus: herr werden. Die Unterteilung der Wohnungen, Umwand lung von Privat: in Mietshauser ist ein Kapitel, das nur in­folge der Zwangswirtschaft nicht angeschnitten werden konnte. Die Bautätigkeit wird von einem zum anderen Tage angefeuert und zwar aus den eigenen Mitteln der Bevölkerung lich wieder ein gesunder Zustand Die Hypothekenbanken er­halten durch die Abzahlungsmöglichkeit der bisherigen ersten Hypotheken Geld in Hülle und Fülle und sind in der Lage, die jetzt so dringend fehlenden ersten Hypotheken für Fabriken und Nachkriegsbauten zu gewähren Tausende von Fabriken wer den durch diese Hypothekengelder vor dem Stillegen gerettet. Ebensoviel könnten wieder anfangen zu arbeiten. Die Wirt­schaft beginnt zu leben!

end:

c) Der Staat bezahlt die Hypotheken mit neu zu drucken­der Rentenmark, die als vollgültiges Geld auf dem Wege über die Hausbesitzer in den Verkehr fließen.

Wie ein Ernte bringender Regen wird es sich über ganz Deutschland ergießen. Innerhalb acht Wochen können wir von der größten Misere zu ertragbaren Verhältnissen kommen!

d) Alle in Deutschland bisher bestehenden ersten Hypothe ken können durch Zahlung in Kentenmark ohne Rücksicht auf Fälligkeit und Zinsfuß mit sofortiger Wirkung abgelöst wer

den.

Alle 1. Hypothekengläubiger, die nicht an die 2. Stelle zu rücken wünschen, können verlangen, daß die dem Hausbe sitzer zufließenden Beträge in Kentenmark zur ganzen oder teil weisen Abdeckung ihrer bisherigen 1. Hypothek verwandt

werden.

e) Der Staat behält sich vor, die Auszahlung der Hypothekengelder ratenweise vorzunehmen, damit nicht plötzlich zuviel Geld in den Verkehr gebracht wird und dadurch eine zu plötzliche Wirtschaftsumstellung entsteht.

Durch eine solche Notverordnung wird folgendes erreicht:

Die Technik der Bauern.

Nr. 76.

Wenn man von der Landtechnik spricht, verbindet man da mit unwillkürlich im allgemeinen Vorstellungen von großen Motorpflügen, gewaltigen Adermaschinen, Mähdreschern und dergl. Wir wollen ruhig zugestehen, daß die Nachahmung ameri: kanischer Vorbilder auch gerade in der Agrartechnik eine große Rolle gespielt hat und heute noch spielt. Aber wie wir bei manchen anderen Problemen gemerkt haben, daß nicht alle amerikanischen Erfahrungen ohne weiteres auf deutsche Ver hältnisse übertragen werden können, so ist es auch in der Land­

1. Die Reichsmart wird entlastet, weil rein tech­nisch sich der Haupt- Innenverkehr Deutschlands in Ren­tenmart abspielen wird. Dadurch ist die Reichsmark gegen jede Inflation gesichert und bleibt vollgültiges internationales Goldzahlungsmittel. Die Beschaffung der für Deutschland notwendigen Valuta wird der Reichsbank teine Sorge mehr machen.

Ericheint M Bezugspreis 2,40 M

technik. Die größeren Betriebe sind zweifellos technisch in den ultionschluß früh 8 U letzten Jahren außerordentlich vervollkommnet.. worden. Auch ang nicht verlangter

kleinere Betriebe haben von diesen Vervollkommnungen Nutzen gehabt, so weit sie durch gemeinsame Maschinenverwendung auf genossenschaftlicher Basis davon Gebrauch machen konnten. Wir dürfen uns aber nicht darüber täuschen, daß in den bäuerlichen Familienbetrieben die Handarbeit wenigstens 80 Prozent der Berufstätigkeit ausfüllt und daß auch bei weiterer Mechanisie­rung die überwiegende Bedeutung der Handarbeit nicht anszu­schalten ist.

4. Jahrg.

Rolitisch

Reichspräsident von

Wer den Bauern in diesen Verhältnissen technisch helfen denten i. R, und che will, muß also die Handarbeit erleichtern, muß die Handarbeits- en Professor Dr. D. M

geräte vervollkommnen, so vervollkommnen, daß der Bauer die bisherigen Arbeiten auf Acker und Hof in kürzerer Zeit ausfüh ren kann. Dann kann er mit den gleichen Familienangehörigen mehr leisten, kann manche Nebennutzung vervollkommnen und kann insbesondere bei der Pflege der Qualität und der markt. mäßigen Aufmachung mehr Sorgfalt verwenden. Nicht zuletzt bekommt dadurch der Bauer, der nicht mehr förperlich so start überanstrengt ist, die Möglichkeit, sich die vielfältigen Betriebs dispositionen mit flarem Kopf zu überlegen. Vergessen wir nicht, daß gut achtzig Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland von Bauernwirtschaften bearbeitet wird.

2. Der Geldverkehr Deutschlands wird wieder normal werden. Die Banken bekommen auf dem Wege über die Hausbesitzer und Hypothekengläubiger soviele Einlagen, daß sie Handel und Verkehr die notwendigen Kredite voll und ganz zur Verfügung stellen können. Angenommen, der Betrag der Hauszinssteuer beträgt 300 Millionen im Jahr, so be­deutet das bei einer Kapitalisation zu 5 Prozent se chs Milliarden Mark Umlaufsmittel. diese Umlaufsmittel durch eine völlig mündelsichere Hypothet mit knapp ein Viertel des Wertes gedeckt sind, so ist eine Inflation dieser Rentenmark ausgeschlossen. Der Reichsbant- Diskont wie überhaupt der Zinsfuß im ganzen Lande wird durch diese Maßnahme zwangsläufig auf ein für die Wirtschaft erträgliches Maß von 5 bis 6 Prozent zum Sinten gebracht werden.

3.

Da

4. Die Zahl der Arbeitslosen wird bis Weihnachten auf knapp zwei Mil­lionen sinken. Gehälter und Löhne brauchen nicht herabgesetzt zu werden. Dadurch wird vermieden, daß der Umsatz weiter sinkt und daß eine weitere Ver­teuerung sämtlicher Industrieprodukte eintritt.

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Besonders klar liegen die Verhältnisse in einem so ausge sprochenen Kleinbauernbetrieb wie Hessen, wo 64 Prozent der mische Staatsangehöri Nutzfläche mit Zwergwirtschaften unter 2 Heftar besetzt sind und In Walversammlung 84 Prozent mit Kleinwirtschaften unter 5 Hektar. So verstandenminister Severing es sich von selbst, daß die Darmstädter Herbsttagung der Deut schen Landwirtschafts- Gesellschaft sich fast ausschließlich mit bäuer lichen Fragen beschäftigte und dabei von diesen primitiven Vor­aussetzungen der Technik des Bauern ausging. Die Vielfältig feit der daraus sich ergebenden weiteren Maßnahmen der Selbst hilfe tann man sich vorstellen, wenn man nur ein paar Themen aus den einzelnen Abteilungsversammlungen der D.L.G. nimmt. Düngungsversuche, Stallmistpflege, Umstellung der ländlichen Haushaltsführung, Schweinestallhygiene, Saatgutwechsel, Acker­futterbau, Schafleistungssteigerung, Kraftfuttermittelverwendung und Kartoffelverwertung, Bekämpfung der Aufzuchtkrankheiten des Viehes, Sortenwahl bei Obstbau und dergleichen. Ueber allem stand aber die Förderung des Absages, die heute mehr noch als früher vom ersten Anfang der Produktion an berüd­sichtigt werden muß. So wird auch im nächsten Jahr die Wander­ausstellung in Mannheim unter diesem Zeichen der Bauern technik und der Absatzförderung stehen. Diese Einstellung der agrartechnischen Selbsthilfe aus die jeweiligen Wirtschaftsver: hältnisse ist bei der D.L.G. nun schon bald fünfzig Jahre lang Tradition. Dadurch und durch die Förderung der Gemeinschafts­arbeit mit den anderen Berufsständen haben die großen land wirtschaftlichen Wanderausstellungen ihre Bedeutung bekommen, die regelmäßigen Winterversammlungen in Berlin und diese Herbsttagungen, deren nächste für Danzig in Aussicht genom men ist. Aber die Erfahrungen der bäuerlichen Betriebe und wiederum besonders im Gartenbaugebiet Südwestdeutschlands, das gegenwärtig im Obst erstickt, haben gelehrt, daß die Selbst­hilfe nur dann zum Enderfolg führt, wenn auch die staatliche Wirtschaftspolitik die erforderliche Hilfsstellung leistet.

5. Der deutsche Arbeiter wird aus dem unwürdigen Zustand, von Almosen der Regierung leben zu müssen, befreit. Er bekommt wieder Ar­beit und damit eine volle und menschenwürdige Ent­lohnung.

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