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Gießener Zeitung

( Gießener Tageblatt)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­endung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

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44. Jahrg.

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Politische Rundschau.

Der Reichspräsident empfing Dienstag den neuernannten französischen Botschafter Francois Poncet zur Entgegennahme kines Beglaubigungsschreibens. An dem Empfang nahmen außer den Herren der Umgebung des Reichspräsidenten Staatssekretär Dr. von Bülow teil.

Am Dienstagvormittag empfing der Reichskanzler Dr. Brü­ning den Reichstagspräsidenten Löbe, um sich mit ihm über die Sorbereitung der parlamentarischen Winterarbeit auszusprechen. In dieser Unterredung ist vereinbart worden, daß der Reichstag, Die vorgesehen, am 13. Oktober zusammentreten soll.

Im Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes fand eine grund­ähliche Aufrellung des internationalen Reparations- und Schul­denproblems durch den bekannten holländischen Sachverständigen Collijn statt.

Der Völkerbundsrat ist am Dienstagvormittag zusammen­getreten, um über den Appell Chinas an den Völkerbundsrat pum Eingreifen in den chinesisch- japanischen Streitfall zu ver­handeln.

Auf die Einladung der dritten Völkerbundskommission, an den Beratungen über den italienischen Vorschlag eines Rüstungs­tierjahres teilzunehmen, anwortete Litwinow, daß, abgesehen von anderen, in der Einladung erwähnten Bedingungen, schon die Kürze der Frist es der Sowjetregierung nicht ermögliche, Ver­treter nach Genf zu entsenden.

Die türkische Regierung hat den Beschluß gefaßt, an dem Sölkerbundsausschuß zur Vorbereitung der Abrüstungskonferenz teilzunehmen. Zum Vertreter der Türkei wurde der Gesandte in Bern ernannt.

Bei der Finanzabteilung des Völkerbundssekretariats ist am Dienstag die Mitteilung eingegangen, daß auch Griechenland und Italien die Zahlungen nach der Goldparität aufheben wollen.

Der hessische Minister des Innern hat den Rhein- und heffen- Bauer" auf die Dauer von fünf Tagen verboten.

Der Landesparteitag der SPD. hat die Kandidatenliste für den hessischen Landtag aufgestellt. An der Spitze der Liste stehen Dr. Abelung und Innenminister Leuschner.

Die sächsische Regierung hat die seit einiger Zeit angekün­digte Sparnotverordnung veröffentlicht.

Der Aeltestentat des Preußischen Landtags hat die vor: peitige Einberufung des Landtages abgelehnt.

Die Aenderungen des Tabalsteuergesetzes mit der Zulassung tiner Schnittbreite von 0,5 Millimeter für steuerbegünstigten feinschnitt und anderes sind im Finanzministerium beschlossen Dorden. Die Aenderungen treten am 1. Oktober in Kraft.

Die Verhandlungen über die Lohn- und Arbeitszeitfragen in Ruhrbergbau sind bis auf weiteres verschoben worden. Die Vereinigten Stahlwerke, Abteilung August Thyssen­hütte, haben einen Stillegungsantrag für die Walzenstraße und die Drahtstraße gestellt und gleichzeitig um gekürzte Sperrfrist his zum 6. Oktober gebeten.

Nach den neuesten Dispositionen treffen die französischen Minister am Sonntagvormittag in Berlin ein und wollen bis Jum Dienstagvormittag bleiben.

Am Montag wurde in Belgrad ein königliches Dekret unter­zeichnet, durch das die Gehälter der unteren Beamten um fünf Frozent, jene der höheren Staatsbeamten um sechs Prozent ge­firzt werden.

In offiziellen Kreisen Washingtons ist man der Ansicht, daß Großbritannien in der Lage sein wird, sein Finanzproblem zu lisen, ohne daß sich sehr ungünstige Wirkungen für die Vereinig­ten Staaten ergeben werden.

Die Imperialbank of India hat ihren Diskontsatz von 7 auf 8 Prozent erhöht. Der Sag von 7 Prozent war seit dem & August in Kraft.

Die Stadt Tichan- tschun ist nach schweren Kämpfen von ja­panischen Truppen erobert worden.

Aus Bergen wird gemeldet, daß das U- Boot ,, Nautilus" ver­shrottet oder versenkt werden soll, da es keinesfalls nach Amerika prüdfahren könne.

Das Motorboot ,, Annemarie", das mit 18 Personen einen Ausflug von Borkum nach der Insel St. Juist unternommen hatte, soll auf der Rückfahrt gesunken sein.

Die deutschen Ozeanflieger Rody und Johannsen und ihr portugiesischer Begleiter Veiga sind nach sechstägigem Treiben af offenem Ozean von dem norwegischen Dampfer ,, Belmoira" aufgefunden und lebend geborgen worden.

Französisches Kapital

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deutsche Arbeit.

Paris, 22. September. Das Programm der Reise Lavals ind Briands nach Berlin ist nunmehr endgültig festgestellt. Als de Devise dieses Besuches kann man bezeichnen: ,, Deutsch- fran­psische Wirtschaftszusammenarbeit" oder auch: Französisches Sapital Deutsche Arbeit." Die Möglichkeit einer derartigen usammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiete, die einen Ein­titt französischen Kapitals in deutsche Unternehmungen bedeu­ten würde, soll vorerst von einer Kommission höherer Beamter leider Länder besprochen werden, denen wirtschaftliche Berater

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Mittwoch, den 23. September 1931

von Fall zu Fall beigegeben werden sollen. Man zeigt sich hier über die Möglichkeit einer derartigen Zusammenarbeit und über das mögliche endgültige Ergebnis der Beratungen durchaus optimistisch. Ob und was Deutschland dabei etwa zu gewinnen hat, ob es Zusammenarbeit" wird oder ein ,, Wuchergeschäft" das wird man wissen, wenn die Karten erst einmal aufgedeckt

werden.

Beamtengehaltstürzung in Hessen.

Die nunmehr von der hessischen Regierung bekanntgegebene hessische Notverordnung sieht an erster Stelle eine allgemeine Gehaltskürzung bei den Beamten vor. Die Gehälter über 1500 Mark Jahreseinkommen erfahren eine Kürzung von 5 Pro­zent; für die unverheirateten Beamten tommt eine weitere Kürzung um 5 Prozent hinzu und bei den verheirateten Be­amten ohne Kinder eine solche von drei Prozent. Außerdem werden die Bezüge der Beamten fünftig nicht mehr monatlich im voraus, sondern erst am Monats en de gezahlt werden.

Der Reichsernährungsminister tommt nach Darmstadt. Darmstadt. Der Reichsernährungsminister Schiele wird Ende der Woche eine Reise nach Süddeutschland antreten, um sich dort noch einmal persönlich über die besonderen Bedürfnisse der Landwirtschaft zu unterhalten. Er wird am Samstag in Darmstadt sein und die Maßnahmen zur Beseitigung der außer= ordentlichen Ernteschäden in Hessen mit der Regierung besprechen.

Devisensperre in England.

London, 22. September. Das Schahzamt hat heute mittag im Verordnungswege auf Grund der Vollmachten des neuen Bank­gesetzes ein Devisenantaufsverbot für englische Untertanen und für die Ausländer erlassen, die in England ihren Wohnsitz haben. Dieses Verbot tritt damit an die Stelle der freiwilligen Devisenkontrolle, die die Banken zugesichert hatten. Drei Aus­nahmen für den Ankauf von ausländischen Zahlungsmitteln wer­den gemacht, einmal für die Finanzierung von normalen Han­delsbedürfnissen, zweitens von Kontrakten, die vor dem 21. Sep­tember abgeschlossen worden sind und für Reiseausgaben und andere persönliche Bedürfnisse.

Börsenfeiertage.

Laut Beschluß des Berliner Börsenvorstandes findet am Dienstag und Mittwoch kein Verkehr in Effekten, Metallen und Devisen statt. Die anderen deutschen Effektenmärkte haben sich dieser Regelung ebenfalls angeschlossen. Eine Neuordnung des Börsenverkehrs ist also erst am Donnerstag zu erwarten.

Kommunist ersticht einen Nationalsozialisten. Mainz. In der Nacht von Montag auf Dienstag fam es in einer Wirtschaft in der Altstadt zwischen einem 29jährigen Kom­munisten und einem verheirateten, 28 Jahre alten National­sozialisten zu Streitigkeiten. Hierbei versetzte der Kommunist seinem Gegner drei Messerstiche in die rechte Brustseite, Bauch und Unterschenkel, die den Tod nach kurzer Zeit zur Folge hatten. Der Täter konnte verhaftet werden.

Expreß in die Luft gesprengt.

Berlin. Der transsibirische Expreß ist zwischen Charbin und der russischen Grenzstation Mandschuria in die Luft gesprengt worden. Ueber die Zahl der Opfer, sowie den Hergang und die Urheber des Attentats ist noch nichts bekannt. Man befürchtet in Pekin, daß die ernste Lage in der Mandschurei durch diesen Vorfall eine weitere gefährliche Verschärfung erfährt.

Die Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen- Nassau.

Ueber die Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen- Nassau be­richtet das Landesarbeitsamt in Frantjurt: Die Verschlechterung der Arbeitsmarktlage hat auch in dieser Berichtszeit angehalten. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist in der Zeit vom 1. bis 15 Sep­tember um 2789 oder 1 Prozent auf 273 381 gestiegen, die der Hauptunterstützungsempfänger in der Arbeitslosenversicherung um 2594 auf 76 417 u. die der Hauptunterstützungsempfänger in der Krisenunterstützung um 1199 auf 66 056. Die Beschäftigungs­verhältnisse haben sich besonders verschlechtert in den Angestell­tenberufen( Zunahme 736 Arbeitsuchende), im Baugewerbe( plus 525), bei den häuslichen Diensten( plus 523), im Holzgewerbe ( plus 420), in der Industrie der Steine und Erden( plus 367), Landwirtschaft( plus 350), Metallindustrie( plus 284) und im Nahrungsmittelgewerbe( plus 227). Bei Notstandsarbeiten, die mit Mitteln der Reichsanstalt gefördert werden, waren am 31. August ds. Js. 1071 Personen beschäftigt.

Pflichten des Betriebsrates

Ein Arbeitnehmer verlegt die ihm als Mitglied des Be­triebsrates und des Arbeiterrats obliegenden Pflichten( nän lich die Pflicht, den Betrieb vor Erschütterungen zu bewahren), wenn er in der Nähe des Eingangs zum Werf unter die um diese Zeit ( vor Arbeitsbeginn) zahlreich dem Werk zuströmenden Leute des eigenen Betriebes ein Flugblatt verteilt, das zum politischen Massenstreit und zur Stillegung der Betriebe auffordert. Diese Tätigkeit geht über die nach Art. 118 Reichsverfassung gewähr­leistete freie Meinungsäußerung hinaus und rechtfertigt es, die Mitgliedschaft des Täters in der gesetzlichen Betriebsvertretung für erloschen zu erklären.( RArbG.)

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 76

Was ist der deutsche Hausbesik wert?

( Schluß)

Die Frage, die logischerweise im Anschluß hieran auf taucht, ist die: liegt die Schuld an diesen Zwangsversteigerun gen an der mangelnden Geschäftstüchtigkeit der jeweiligen Be­sizer oder ist der Hausbesitz heute so schwer zu halten, rentiert er eben nicht? Die Frage ist so schnell beantwortet, wie ge­stellt. Der deutsche Hausbesitz ist nichts mehr wert. Selbst der tüchtigste Hausbesitzer kann nicht gegen die Flut der öffent­lichen Lasten und Abgaben, gegen die Unmenge der Steuern ankämpfen und muß über kurz oder lang, wenn er nicht über irgendwelche Betriebsreserven verfügt, ganz zusammenbrechen.

Das Wirtschaftselend, die enormen Grund- und Sonder­gebäudesteuern, die Verknappung des Geldmarktes der letzten Monate hat aber noch etwas anderes zur Folge. Die Preise für Hausbesitz sind an und ür sich schon gedrückt und unzurei chend gewesen. Jetzt aber bedeutet Zwangsversteigerung Ver schleuderung des Volksvermögens im wahrsten Sinne des Wor­

tes.

Alle Eingaben großec Wirtschaftsverbände, u. a. auch des Zentralverbandes Deutscher Hausbesitzervereine und des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages an die Reichs­und Länderregierungen, die Zwangsversteigerung in dieser wirt schaftlich trostlosen Zeit im Interesse der Besizer und Hypo­thekengläubiger zu unterbinden, haben höheren Drtes nicht das nötige Verständnis gefunden. Man konnte sich nicht zu einem generellen Verbot entschließen und hat sich nur bereit gefun den, in einzelnen Fällen auf Antrag eines Beteiligten in eine ,, wohlwollende Prüfung: ob oder nicht"... einzutreten.

So ist es denn leicht zu verstehen, daß bei vielen Zwangs versteigerungen nicht nur der ehemalige Hausbesitzer, früher eine Stüße des Staates, als Bettler von seinem Hause schei den muß, sondern auch noch nachstellige Hypothekengläubiger ausfallen und leer ausgehen. Also Elend und Not auch hier! Obendrein fällt dann der ehemalige Hausbesiger und u. II. auch der Hypothekengläubiger der Wohlfahrtspflege zur Last.

In den oben angeführten vier Heften des Grundeigen­tum" werden auch Ergebnisse von Zwangsversteigerungen aus diesen Wochen angeführt. Einige seien im Nachfolgenden mit Hinblick auf das oben Gesagte einzeln ausgewertet. Zu be achten ist dabei, daß als Verhältniszahl besonders der Nußungs­wert, der in fast allen Fäller. wohl mit der Jahresrohmiete gleich zu setzen ist, in Frage kommt.

Grundstück

1. Rückerstraße 3, Berlin 2. Joachimstraße 13, Berlin 3. Waldenserstraße 33, Berlin 4. Pücklerstraße 19, Berlin 5. Bandelstraße 16, Berlin

6. Manteuffelstraße 94, Berlin

7. Schwedterstraße 49, Berlin

8. Mauerstraße 95, Berlin

9.

Simon Dachstraße 26, Berlin 9. Linienstraße 24, Berlin 11. Flughafenstr. 90, B.- Neukölln 12. Knesebeckstr. 98, B.- Neukölln 13. Ererzierstraße 9, B.- Wedding 14. Schönholzer Weg, B.- Wedd. 15. Köllnische Straße 66, Berlin- Schönereide

16. Kaiser Wilhelm Straße 50, Berlin- Pankow

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977 1 40 000 4,1 Der Multiplikator für die neue Einheitsbewertung be wegt sich in Hessen zwischen 7-12. Nehmen wir für Groß­Berlin an, daß der Multiplikator kleiner ist, aber ganz bestimmt wird auch in Berlin ein Geschäftsgrundstück z. B. noch.nit dem 10fachen der Jahresrohmiete bewertet. Man schaue sich darauf hin obige Beispiele an Mit Absicht sind oben die Grundstücke genau bezeichnet Manchem Leser dürfte Berlin soweit bekannt sein, daß er die Geschäftslage" des einen oder anderen Hauses beurteilen kann

Wie dem auch sei, eines erkennen wir mit erschrecken der Deutlichkeit, es ist hente Unsinn, Grundbesig zwangsmäßig zu versteigern. Beispiel 12 oben: Nuzungswert Jahres rohmiete 1945, Me., Zuschlag 3000,- ME. Man muß sich überlegen, ein uzungswert von ca. 2000, Mk. trifft in Hessen für viele Häuser zu. Und in dem Zuschlag von 3000, Mk. kommt nicht nur die gegenwärtige Geldknapp. heit zum Ausdruck, sondern und nun sei wieder an das Thema angeknüpft die traurige Tatsache, daß der deutsche Hausbesitz durch die leider immer noch bestehende Wohnungs­zwangswirtschaft und Hauszinsstener( in Hessen Sonder­gebäudesteuer genannt) ruiniert und wertlos ist. Und so lange diese beiden Blutegel am deutschen Volke saugen, so lange wird Arbeitslosigkeit und gesunkene Moral in Deutschland in erhöhtem Maße bestehen.

Wie dem Unglück zu steuern ist, ist in dieser Zeitschrift an anderer Stelle erörtert. Burgeleit.