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Gießener Zeitung
( Gießener Tageblatt)
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus.
ter allen Umständen mi Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdbinden des verletzten Glie endung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
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Dr. P. Lieb,
Wirtschaftsberater.
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44. Jahrg.
Rolitische Rundschau.
Die Londoner Finanzminister- Konferenz, die gestern nachmittag im Amtsraum des Ministerpräsidenten Macdonals im
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ian Klein in Gießen.
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Der geplanten deutsch- österreichischen Zollunion.
Mit Rücksicht auf den starken Rüdgang der Steuereingänge in den letzten zwei Wochen wurde am Montag eine Verordnung über Zuschläge für Steuerrückstände erlassen.
Die Reichsregierung ließ in Wien mitteilen, daß sie die Ausreisetage von 100 Mart im gegenwärtigen Augenblick nicht aufheben könne.
Am Montag abend fand eine Besprechung der in Berlin weilenden Minister statt, bei der u. a. auch die Angelegenheit Nordwolle zur Sprache fam.
In den Kommentaren der französischen Presse spiegelt sich deutlich der Stimmungsumschwung der fanzösischen Oeffentlichkeit wieder, der durch den Besuch der deutschen Minister in Paris herbeigeführt wurde.
Die französische Regierung hat dem Generalsekretär des Völferbundes in Genf eine Note übermittelt, die das Programm der französischen Regierung für die Abrüstungskonferenz enthält. Die ägyptische Regierung hat dem Hooverplan zugestimmt. Reichspräsident von Hindenburg hat auch für dieses Jahr seinen Besuch in Dietramszell angekündigt.
Nach dem Ausweis der Reichsbank vom 15. ds. Mts. beträgt die Dedung der Roten durch Gold und dedungsfähigen Devisen 35,8 Prozent gegen 43,6 Prozent in der Vorwoche.
Die Sowjet- Union hat erklärt, daß Verweigerung der Annahme der Mark in Ausländerläden unzulässig sei.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.
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Mittwoch, den 22. Juli 1931
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 58
streicht die Unerläßlichkeit guter politischer Beziehungen zwischen Wohin der Sozialisierungstaumel führt.
Frankreich und Deutschland.
2. Er gibt die Bereitschaft der Vereinigten Staaten zu erkennen, auch dann als Ergänzung des Hooverjahres eine Stügungsaktion für Deutschland anzubahnen, wenn Frankreich seine Mitarbeit verweigert.
3. Ein großer Rediskontkredit für die Stützung der deutschen Währung und Wirtschaft und für die Wiederherstellung des deutschen Vertrauens soll alsbald in die Wege geleitet werden. Dabei ist für ein ferneres Ziel die eventuelle UmwandLung dieses Rediskontkredites in eine langfristige Anleihe vorgesehen.
Amerita, England, Deutschland einig in dem Bestreben,
die französischen Forderungen zu umgehen. London, 21. Juli. Die amerikanische Regierung veröffent licht heute einige Verschläge für eine finanzielle Hilfsaktion zugunsten Deutschlands. Diese Vorschläge sehen ein internationales Banken- Abkommen vor, auf Grund dessen die kurzfristigen Kredite in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar, die Deutschland gewährt worden sind, in Deutschland belassen werden sollen. Weiter sollen neue kurzfristige Kredite nach Bedarf gewährt, in der Zwischenzeit aber eine Umwandlung von kurzfristigen Krediten in langfristige vorbereitet werden. Dieser Plan, dem England zustimmt, entspricht auch ungefähr den Forderungen, die Dr. Brüning gestern offiziell gestellt hat. Gelingt es, diesen Plan durchzusetzen, so dürfte es den Franzosen schwer fallen, ihre politischen Forderungen, die für langfristige Anleihen ge= dacht waren, auf der Basis kurzfristiger Kredite für Deutschland aufrechtzuerhalten. Von französischer Seite wird erklärt, daß man an einem Plan zur Erhaltung der Kredite in Deutschland nicht interessiert sei, da Frankreich fast keine Kredite in Deutschhabe habe.
In Sevilla und der Provinz ist ein Generalstreit ausges Am 1. August nur halbe Gehaltszahlung.
brochen.
Montagnachmittag ist in Schneidemühl ein polnisches Mili: tärflugzeug notgelandet.
Am Montag begann vor dem französischen Staatsgerichtshof der Hochverratsprozeß gegen den ehemaligen französischen Justizminister Peret.
Am 1. Juli 1931 sind in Deutschland 3719 594 Rundfunksverleihungsinhaber gezählt worden.
Die Ausfuhr der Vereinigten Staaten im ersten Halbjahr 1931 beträgt 1 315 956 000 Dollar gegenüber 2 075 717 000 in der gleichen Zeit des Vorjahres. Die Einfuhr beträgt 1 109 600 000 Dollar( im Vorjahr 1735 891 000 Dollar).
Der deutsche evangelische Kirchenausschuß hat dem schwedi: schen Kultusminister zum Tode Söderbloms telegraphisch das Beileid der vereinigten deutschen evangelischen Landeskirchen ausgesprochen.
Der Ober- Präsident von Hessen- Nassau hat die in Hanau crscheinende Zeitung„ Der Stempler", Organ der R. G. O., auf drei Monate verboten.
Die erste Bolljikung
der Londoner Konferenz.
London, 21. Juli. In der heutigen Vollsitzung der Londoner Konferenz, die um 10 Uhr begann und nach 13 Uhr beendet wurde, wurde von amerikanischer Seite noch nicht, wie man allgemein erwartet hatte, ein neuer Plan zur zeitweiligen Lösung der deutschen Finanzkraft in Vorschlag gebracht. Vielmehr beschränkte man sich dorauf, generelle Diskussion abzuhalten.
Sofort nach Eintritt in die Debatte ergriff der amerikanische Staatssekretär Stimson das Wort und forderte eine eingehende Darstellung der Finanz- und Wirtschaftslage in Deutschland. Cr interessierte sich insbesondere für die Frage, welche Umstände eigentlich die Zurückziehung der Kredite aus Deutschland verursacht hätten.
Im weiteren Verlauf der Sitzung wandte sich die Aussprache dem Problem des sogenannten Stillhaltekonsortiums zu. Es ist also tatsächlich so, daß die Erwägungen der Konferenz auf eine Art von Abkommen zwischen den Notenbanken und Privathäusern zusteuern mit dem Ziel, eine weitere Zurückziehung von Geldern aus Deutschland durch freiwillige Abkommen zu unterbinden. Die Frage des Rediskontkredites für Deutschland ist Um 16 Uhr werden die ebenfalls bereits gestreift worden. Finanzminister der Mächte unter dem gemeinsamen Vorsitz von Macdonald und Brüning zusammentreten. Sie werden sich nach allgemeiner Erwartung über die praktischen Möglichkeiten einer Stützungsaktion unterhalten.
Es wird bekannt, daß die Regierung in Washington der hiesigen amerikanischen Delegation Instruktionen hat zukommen lassen.
Der amerikanische Kreditvorschlag
wird sich voraussichtlich auf der folgenden Basis bewegen: Es handelt sich um einen Gegenvorschlag zu dem betannten langfristigen Anleiheplan der Franzosen. Er unter
1.
Notverordnung des Reichspräsidenten
über die Auszahlung von Dienstbezügen vom 18. Juli 1931. Amtlich wird mitgeteilt: Auf Grund des Artikels 48, Absatz 2 der Reichsverfassung wird verordnet: § 1.
1. Die Reichsregierung zu ermächtigen, Vorschriften zu erlassen über die Zahlungsweise:
a) für Bezüge, die mit Rücksicht auf eine gegenwärtige oder frühere Tätigkeit im öffentlichen oder privaten Dienst gewährt werden.
b) für Anteile der Länder an Ueberweisungssteuern.
c) für Leistungen der Länder an öffentlich- rechtliche Religionsgesellschaften.
2. Die Reichsregierung ist zu ermächtigen, Vorschriften zum Schutze von Schuldnern gegen die Folgen zu treffen, die sich aus der veränderten Zahlungsweise ergeben.
Diese Verordnung tritt mit ihrer Verkündigung in Kraft.
Protest in Desterreich.
Aus den Fremdenverkehrszentren Oesterreichs sind zahlreiche Hilferufe an die österreichische Regierung gelangt, in denen um eine Intervention gegen die deutsche Ausreisetage ersucht wird. Ein Wiener Blatt berechnet den durch den Wegfall der deutschen Sommergäste der österreichischen Wirtschaft entstehenden Schaden auf 50 Millionen Schilling.
Auch der Schweizerische Bundesrat hat sich am Montag eingehend mit der deutschen Notverordnung beschäftigt.
Die Landesbank der Rheinprovinz.
Die Landesbank der Rheinprovinz, die größte der deutschen Landesbanken und Girozentralen, ist in eine gewisse Jlliquidität geraten, weil Kündigungen, die sie für kurzfristige Kredite an die großen Gemeinden des Rheinlandes durchführen mußte, insofern wirtungslos waren, als die Städte die Kredite auch nicht zu einem Teil zurückzahlen konnten. Dazu kam, daß auch die Landesbank der Rheinprovinz unter den Abziehungen von Auslandskrediten zu leiden hatte. Zu betonen ist, daß es sich feineswegs um eine Zahlungseinstellung handelt, sondern lediglich um eine vorübergehende Jlliquidität, die sich aus der ganzen Lage der kommunalen Finanzen erklärt. Die großen rheinischen Kommunen haben eine Stügungsaktion eingeleitet.
Nordwolle geht in Konkurs.
Nachdem sich am Dienstagvormittag ergeben hat, daß die wegen Gewährung eines Moratoriums und Beschaffung neuer Mittel für die Norddeutsche Wolltämmerei und Kammgarnspinnerei in Bremen geführten Verhandlungen als endgültig gescheitert anzusehen sind, begaben sich Dienstag mittag die vier stellvertretenden Mitglieder der Nordwolle zusammen mit Rechtsanwald Dr. Lifschütz, dem Vertreter des holländischen Gläubigers, der Konkursantrag gestellt hat, zum Konkursrichter, teilten mit, daß die Norddeutsche Wollfämmerei und Kammgarnspinnerei zahlungsunfähig sei und meldeten den Konfurs der Nordwolle an, der sofort eröffnet wird.
Die leitenden Organe der deutschen Sozialdemokratie haben die furchtbare Kreditkrise, die Deutschland und mit ihm ganz Mitteleuropa erschüttert, zu einem heftigen Vorstoß im Sinne einer Sozialisierung der„ kapitalistischen Riesenunternehmun gen" benutzt. In ihrer Kundgebung vom 14. Juli haben sie die groteske Behauptung aufgestellt: Die Selbstherrschaft der Banken und der Schwerindustrie führt die Wirtschaft in den Abgrund".
Es ist deshalb heute mehr denn je angebracht, aus der Geschichte der Gegenwart heraus dem Volke zu zeigen, wohin der Sozialisierungstaumel führt. Bekannt ist, daß einzelne Staaten des australischen Staaten bundes, so Neu- Südwales, Neuseeland und Queensland völlig und daß der Bund nahezu bankrott sind. Sie haben das dem Segen der nach dem Krieg durchgeführten Sozialisierung zu verdanken. In Queensland sicherte sich der Staat schon furz nach dem Krieg die Leitung in fast allen Industriebetrieben und beseitigte nahezu jede Privatinitiative. Da die sozialisierten Betriebe infolge einer höchst großzügigen sozialistischen Lohnpolitik Ueberschüsse nicht mehr erbrachten, verfiel die Steuerkraft. Man mußte den sozialistischen Fürsorgestaat durch Anleihen aus England erhalten. Genau so erging es anderen Staaten Australiens, so daß sich der Staatenbund vor zwei Jahren gezwungen sah, die Haftung für Als am alle Anleihen der Bundesstaaten zu übernehmen.
1. April d. J. der Staat Neu- Südwales die Zinszahlungen an die Bank von England und andere Londoner Banken einfach einstellte, wurde festgestellt, daß auf die australische Bevölkerung von 6,4 Millionen Einwohnern durch die sozialistische Staatsführung eine Schuldenlast von rund 20 Milliarden Mt., d. h. 3500 Mt. auf den Kopf, gehäuft war. Man hatte bisher Zinsen und Abzahlungen nur leisten können, indem man immer neue Anleihen auf die alten pfropfte. Als es aber im Jahre 1930 infolge der Weltwirtschaftskrise unmöglich wurde, das schöne Leben auf Pumb fortzuführen und als gleichzeitig die Hauptausfuhrerzeugnisse des Landes, Wolle und Weizen, start im Preise fielen, bedeckte sich der Himmel dieses sozialistiDie Arbeitsschen Paradieses mit dunklen Gewitterwolfen. losigkeit wurde größer als in irgendeinem Agrarland der Erde. Die australische Währung ging um 25 Prozent im Werte zurüd, obwohl im Jahre 1930 nicht weniger als 522 Millionen Mark in Gold nach England abgegeben und versucht wurde, mit anderen, verzweifelten Mitteln das australische Pfund zu halten.
Durch die sozialistische Lohnpolitik wurde jede Wirtschaftlichkeit der Betriebe untergraben, wurden alle Neuinvestitionen, z. B. in Eisenbahnanlagen, zu Fehlschlägen gemacht. Wenn je irgendwo, so wurde die sozialistische Theorie ,, KonjunkturbeTebung durch Kauftraftsteigerung der Massen" in dem sozialistischen Australien durch die harten Tatsachen widerlegt. Nur um den durch die politischen Löhne geschaffenen hohen Lebensstandard der australischen Arbeiterschaft aufrecht zu erhalten, sperrte sich das erschließungsbedürftige Land durch Einwanderungsverbote gegen den Wettbewerb fremder Arbeitskräfte, durch hohe Zollmauern gegen den Wettbewerb fremder Waren ab, spottete so als sozialistischer Staat der vornehmsten sozialistischen Grundsätze. Aber es half alles nichts, und heute müssen die sozialistischen Führer das Fiasko eingestehen.
Der britische Finanzberater Sir Otto Niemeyer sieht nur noch einen Ausweg: Rücksichtsloser Abbau der Löhne und Gehälter, schärfste Einschränkung aller öffentlichen Ausgaben und eine brutale Steuerpolitik. Die Ministerpräsidenten der Einzelstaaten haben sich mit Erhöhungen der Einkommen-, Verkehrsund Zinssteuern einverstanden erklären müssen, ebenso mit einem 20prozentigen Abbau aller Löhne und Gehälter, sowie einer Verringerung der Pensionen um 16 Prozent, nachdem ihnen der Prmierminister Bruce dargelegt hatte:„ Australien hat größere Ausgaben als Einnahmen; es tann und muß seine Ausgaben herabsetzen. Die Ursache der gegenwärtigen Depression liegt in den zu hohen Produktionskosten, deren Herabsetzung den Weltmarkt für australische Waren wieder öffnet und den australischen Arbeitslosen wieder Verdienstmöglichkeiten bietet. Eine Rettung ist nur möglich durch erhöhte Arbeitstätigkeit und Zusammenarbeit zwischen Regierung, Arbeitgebern und Arbeitnehmern zweds Sentung der Produktionskosten."
So wurde Karl Mary in Australien durch die harten Lehren der Wirklichkeit widerlegt. Der sozialistische Kampf hat dort gegen dieselben privatwirtschaftlichen Kreise und mit den gleichen Mitteln begonnen, wie sie jetzt bei dem sozialistischen Kampf in Deutschland in Erscheinung treten. Schon im April 1923 forderte der Generalrat des Angestelltenbundes des austra= lischen Bergbaus die Verstaatlichung der Gruben wegen der ,, Tendenz der Grubenbesizer auf Lohntürzung", wegen ihrer ,, Eigenmächtigkeit und Untüchtigkeit".
Wäre es allein nach den Forderungen der deutschen Sozialdemokratie gegangen, so hätte die deutsche Arbeiterschaft, insbesondere die des Bergbaus, sicherlich den tragischen Weg bis zum völligen Zusammenbruch schon vollendet. Weit genug ist sie durch die fortgesetzten, ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Tragbarkeit, aus rein politischen Gründen diftierten Lohnerhöhungen auf diesem Wege schon geführt worden. Dagegen wurden in dem ohnehin geologisch und frachtlich begünstigten englischen


