Nr. 45
Samstag, den 6. Juni 1931
Mainz. Pfarrer Schreiber, der in die finanziellen Schwierigkeiten der Luther- Baugesellschaft verwidelt wurde, hat sein Stadtratsmandat aus Gründen, die sich aus der Entwicklung der Gesellschaft ergeben, niedergelegt.
Worms. Auf der hier am 13. Juni stattfindenden 11. Vertreterversammlung des Hessischen Landgemeindetages spricht Landrat a. D. Dr. Dr. Gerede, M. d. R., der Präsident des Deutschen Landgemeindetages, über das Thema„ Sorgen und Wünsche der Landgemeinden".
Nieder- Walgern. Ein fürchterliches Unglüd, bei dem zwei Menschen zu Tode tamen, ereignete sich gestern um 19 Uhr auf der Main- Weserbahn in der Nähe von Wenkbach bei NiederWalgern. Beim Ueberqueren der Eisenbahnstrecke am Ortsdurchgang in Wenkbach wurde das Ochsengespann des pensionierten Eisenbahnschaffners Scherer aus Wenkbach von dem aus Richtung Gießen kommenden Eilzug 69, der NiederWalgern 18.06 Uhr passierte, überfahren. Der Wagen wurde
„ Gießener Zeitung"
Bukarest. Mehrere Reservoirs der Romana- Raffinerie im Petroleumgebiet von Bacan wurden gestern vom Blitzschlag getroffen und explodierten. In wenigen Sekunden war die ganze Umgebung ein einziges Flammenmeer.
Wahres Geschichtchen.
Im Personenzug Plattling- Regensburg saß fürzlich ein Handwerksbursche, der glüdstrahlend erzählte, daß er eine neue Hose erhalten habe und daß er sie sogleich im verschwiegenen Dertchen des Wagens mit seiner abgetragenen wechseln wollte. Als er nach längerer Zeit nicht zurückgekehrt war, sah ein Mitreisender nach und fand den jungen Mann nur mit einem Hemd bekleidet vor. Mit tiefunglücklichem Gesicht seufzte der Arme:„ Jetzt han i die alt' Hosen gleich zum Fenster nausge= worfen und wia i die neue oziagn wui, siech i, daß gar koa Hosen is, sondern a Joppen!"
hinten erfaßt und zertrümmert. Die Insassen, das Ehepaar as lehrt die deutsche Auswanderung 1930?
Scherer und zwei Kinder, wurden in hohem Bogen aus dem Wagen geschleudert. Frau Scherer brach bei dem Sturz das Genid, der Ehemann erlitt schwere Verlegungen, denen er nach wenigen Minuten erlag. Die zwei Kinder, die in eine Wiese fielen, tamen wie durch ein Wunder unverletzt davon. Der Schrankenwärter, der die Schranke nicht rechtzeitig geschlossen hatte, ist flüchtig gegangen und konnte bis zur Stunde noch nicht gefunden werden. Das Gespann blieb unverletzt.
Weglar. Seit dem 4. Juni ist der Geschäftsführer Ernſt Waldschmidt aus Wetzlar flüchtig. W. hat im Laufe der Zeit 25 000 Mark unterschlagen und riß aus, als ihm die Entdeckung drohte. Es besteht die Möglichkeit, daß er sich in Frankfurt aufhält.
Frankfurt. Gestern abend ereignete sich ein schwerer Raubüberfall auf die staatliche Lotterie- Einnahme Sturm. Zwei junge Männer drangen, kurz bevor das Geschäft geschlossen werden sollte, in das Geschäftslotal des Kollekteurs und raubten aus dem Kassenschrank 3000 Mark. Den Inhaber der LotterieEinnahme fesselten und knebelten sie. Nachdem sie in aller Eile und Geräuschlosigkeit den Kassenschrank ausgeräumt hatten, machten sie sich schleunigst aus dem Staub und schlossen das Lotal pon außen ab. Zunächst fehlt von den Tätern jede Spur.
Frankfurt a. M. Die acht privaten Tierärzte, die Montags im Frankfurter Schlachthof tätig sind, sind in den Streik ge= treten, weil der Magistrat beschlossen hat, ihr Honorar von 30 RM. um 20 Prozent zu kürzen.
Frankfurt a. M. Als die hiesige Reichsbankstelle gestern nachmittag einen Goldtransport im Austausch gegen Devisen nach Paris absenden wollte, kam es auf dem Hauptbahnhof zu erregten Protestkundgebungen. Die Menschenmenge war der Meinung, es handle sich um Reparationszahlungen und erhob dagegen lebhaften Einspruch. Die Polizei hatte keine Veranlassung zum Einschreiten, da durch die Kundgebung die Ord= nung nicht gestöri wurde und sich die Menge auch bald zerstreute.
Frankfurt. Ein 7jähriger Schüler, der zur Strafe nachsitzen sollte, stürzte sich aus dem 1. Stodwerk in den Schulhof. Er blieb bewußtlos liegen und mußte sofort in das Krankenhaus verbracht werden. Sein Zustand ist ernst.
Frankfurt a. M. Im Frankfurter Untersuchungsgefängnis befindet sich seit einigen Tagen Otto Schlesinger, der mit einem Komplizen zusammen seinerzeit wegen des Anschlages auf einen D- Zug, der in der Nacht zum 19. August 1926 Leiferte passierte, zum Tode verurteilt wurde. Schlesinger hat einen Antrag auf friminal- biologische Beobachtung gestellt, dem stattgegeben worden ist.
DIGN
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Im Jahre 1930 haben 37 085 einschließlich Antwerpen rund 37 300 das Deutsche Reich mit überseeischem Reiseziel über deutsche und fremde Häfen verlassen. Das sind rund 11 430= 23,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Seit 1926 ist somit die deutsche Auswanderung ständig gefallen und zwar in steigenden Hundertjätzen. Die sinkende Auswanderungskurve 1926/30 ist durch die Zahlen 65 280, 61 379, 57 241, 48 734, 37 300 gekennzeichnet. Die Abnahme gegen das Vorjahr stieg im gleichen Zeitraum von 6 Prozent( 1926/27) über 6,7, 14,9 auf 23,5 Prozent( 1929/30).
Aus diesen sinkenden Auswanderungsziffern auf ein Nachlassen des Auswanderungsdranges zu schließen, wäre verfehlt. Das beweist die steigende Ueberlandauswanderung, die leider in Deutschland statistisch noch nicht erfaßt wird. Aus den Vormerkungen bei den amerikanischen Konsulaten zu schließen, war schon 1929 der Auswanderungsdrang auch nach überseeischen Ländern fünfeinhalbmal groß wie die Auswanderungsmög
lichkeit. Der gesteigerte Auswanderungsdrang und die verminderte Auswanderungsmöglichkeit wirkt sich auch in gesteigertem Maße durch innere Spannungen aus. Hauptursachen der verminderten Auswanderung sind nach wie vor die verschärften Einreisebestimmungen der Haupteinwanderungsländer, sowie die fehlenden Barmittel, die zu jeder Auswanderung nötig sind.
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Von der Gesamtzahl der Auswanderer waren = 53,4 Prozent männlichen und 17 269= 46,6 Prozent weiblichen Geschlechts. Die einzigen Länder in Deutschland, in denen etwas mehr weibliche als männliche Personen auswanderten, sind Württemberg, Bremen und Lippe. Angesichts der Tatsache, daß es immer noch zwei Millionen mehr weibliche als männ liche Einwohner im Deutschen Reich gibt, und daß in vielen auslandsdeutschen Gebieten, besonders in Uebersee, ein Mangel an deutschen Frauen besteht, ist eine gesteigerte weibliche Aus= wanderung zu begrüßen. Sie läßt sich bei geringer Pflege der persönlichen Beziehungen zu vorher Ausgewanderten noch steigern, was der Erhaltung deutschen Volkstums in Uebersee förderlich sein wird. Die deutschen Auslandssiedlungen erscheinen durch den verhältnismäßig geringen Nachschub aus der Heimat und die gesteigerten Assimilierungsbestrebungen der Gastländer stark gefährdet, bedürfen daher eines sorgfältig ausgewählten Nachschubs aus der alten Heimt mehr denn je.
Von den reichsdeutschen Auswanderern des Jahres 1930 Die gingen 21 526 über Bremen und 14 295 über Hamburg. Differenz zwischen beiden Häfen, die im Vorjahre 6470 Auswanderer betrug, ist somit 1930 auf 7231 zugunsten Bremens gewachsen. 1479 deutsche Auswanderer gingen, soweit sie stati
VORTRAG
Freitag, den 12. Juni 1931, abends 8 Uhr in Giessen im ,, Postkeller"( Wagengasse) spricht
Herr Otto Hägert
über
Finanzierung des Neubaus und Kaufs von Eigenheimen und über Ablösung von Hypotheken
durch die
ÖFFENTLICHE BAUSPARKASSE
Abt. der Landeskommunalbank Girozentrale für Hessen in Darmstadt.
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Hierzu lädt alle Interessenten ein:
BEZIRKSSPARKASSE GIESSEN
stisch erfaßt wurden, noch über fremde Häfen, gegen 1177 im Vorjahr, also 302 mehr.
Was die Herkunft der Auswanderer betrifft, so stehen nach Bremen( mit 250,4 Auswanderern auf 100 000 Einwohner) und Hamburg( 148,2) wieder Baden( 126,9), Württemberg( 121,9) und Oldenburg( 121,7) an der Spize. Aus Preußen wanderten 41,1 auf 100 000 Einwohner aus, aus Bayern 84,1. Der Reichsdurchschnitt betrug 56,8 auf 100 000 Einwohner.
Die Entwicklung der Auswanderung, besonders die gestei= gerte Spannung zwischen Auswanderungsdrang und Auswan= derungsmöglichkeit, erfordert gesteigerte Aufmerksamkeit der verantwortlichen öffentlichen und gemeinnützigen Beratungsstellen gegenüber schwindelhafter Bauernfängerei, aber auch erhöhte Bemühungen, die noch vorhandenen Möglichkeiten der Auswanderung soweit als möglich zu nutzen und durch sorgfältige Auswahl und Vorbereitung der Auswanderer dafür zu sorgen, daß Mißerfolge vermieden werden.
Neue Bücher.
,, Talente gesucht!" Unter diesem Titel bringt die neueste Nummer der Zeitschrift der Frau„ Das Heft", einen interessanten Bericht über eine Aufnahmeprüfung neuer Schüler in der Tonfilmschule. In dieser Nummer findet die Leserin allerlei Ratschläge für die Reisezeit. In den warmen Sommertagen wird jede Leserin gern die vielen Rezepte studieren, die sie unter dem Titel ,, Salate" findet. Es folgen mehrere Kurzgeschichten und Skizzen. Jede Frau sollte besonders aufmerksam die unter dem Titel„ Frau und Beruf" stehenden Aufsätze lesen. Beson ders reizend sind die Butteridmodelle. Der laufende Roman noch bleibt der Weg nach El Oro", von Nanny Lambrecht, die lustige Preisaufgabe und die vielen ernsten und heiteren Illustrationen machen diese Nummer der Zeitschrift gerade in der Reisezeit zu einem angenehmen Begleiter.
"...
Das Juniheft der„ Deutschen Rundschau"( Verlag Berlin W. 30) führt den Leser in die kulturelle und politische Spannungssphäre Europas, wie sie sich in den beiden extremen Staatsideen, Faschismus und Kommunismus, darstellt. Edgar J. Jung stellt im Leitaufsatz ,, Die Bedeutung des Faschismus für Europa" klar, des Faschismus in seinen Bedingtheiten sowohl als in seinen wertvollen Ansätzen.
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44. Jahrg.
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Dem Mitarbeiter der Münchener Jilustrierten Presse ist es gelungen, die ersten Aufnahmen nach der Landung Professor Piccards auf dem Schneeferner bei Obergurgl zu machen. In der neuesten Nummer der Münchener Jllustrierten Presse( Nr. Aus dem weite23) findet man diese interessanten Bilder.
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