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Gießener Zeitung
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44. Jahrg.
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Bolitische Rundschau.
Ueber die einstündige Unterredung des deutschen Botschajters von Hoesch bei Briand am 31. Dezember meldet der Pari ser„ Matin", daß die deutsch- polnischen Streitfragen ausschließ lich zur Aussprache gestanden haben. Brienes Absicht, in Gen zwischen der deutschen und der polnischen Auffassung zu ver: mitteln, sei der deutschen Regierung bekanntgegeben und es bcstehen seine übertriebenen Befürchtungen für die Genfer Rats: tagung.
Wie aus Berlin gemeldet wird, hat sich der britische Außenminister Henderson, der Anregung Deutschlands entsprechend, bereit erklärt, den Vorsitz in der Bölkerbundstagung im Ja nuar zu übernehmen. Reichsaußenminister Dr. Curtius wird dann bei der nächsten Ratstagung als Präsident fungieren.
In Genfer unterrichteten Kreisen verlautet, daß die polnische Regierung auf der Januartagung des Völkerbundsrates die französische Unterstützung zunächst in dem Sinne suchen werde, daß durch Anzweiflung der Zuverlässigkeit des in den drei deut schen Beschwerdenoten vorgebrachtn Anklagematerials eine jofortige Entscheidung unmöglich gemacht wird.
Obwohl das Schlichtungsverfahren im Lohnkonflikt des Ruhrbergbaues noch nicht beendet ist, sondern am 7. Januar 1931 neue Verhandlungen stattfinden werden, versuchen die Kommunisten jetzt schon, eine Streitbewegung zu inszenieren. Am Freitagmorgen sind zur Frühschicht mehrere tausend Arbeiter auf verschiedenen Zechen zur Arbeit nicht erschienen. Betroffen sind die Reviere Hamborn, Gladbed, Hamm und Buer. Alle anderen Gegenden sind streikfrei.
Der Staatliche Schlichtungsausschuß fällte unter dem Vorsitz des Beigeordneten Bragard einen Schiedsspruch, der eine Sentung der Löhne in der Wuppertaler Textilindustrie um 7 Prozent vorsieht. Der Schiedsspruch tritt am 16. ds. Mts. in Kraft und schafft eine Regelung bis zum 15. Juli ds. Js. Er gilt für mehr als 45 000 Arbeiter.
Die deutsch- französischen Verhandlungen über den Handel mit Wollwaren, die unterbrochen worden waren, sollen wieder aufgenommen werden.
Während die Neujahrsnacht in Thüringen allgemein ruhig verlaufen ist, wurde in Gotha, kurz vor Mitternacht, ein Sprengstoffanschlag auf die Geschäftsstelle der Nationalsozialisten ver: übt. Es wurde ein 63 Zentimeter langes und 3 Zentimeter startes mit Sprengstoff gefülltes Stahlrohr mit Hilfe einer Zündschnur zur Explosion gebracht.
Das Reichsbanner in Berlin hat für Sonntag große Protestfundgebungen gegen das Ueberhandnehmen der politischen Ucberfälle auf das Reichsbanner angekündigt.
Nach einer Linzer Meldung bringt das soeben erschienene Landesgesetzblatt die amtliche Mitteilung, daß die Vorführung des Films Im Westen nichts Neues" für ganz Oberösterreich verboten worden ist.
Das französische Marinebudget für das Jahr 1931-32 erreicht die Höhe von 2 856,5 Millionen Franken. Es ist um 133,7 Millionen Franken höher als das des Vorjahres.
,, News Chronicle" verzeichnet das in Kanada umlaufende Gerücht, daß Baldwin der Posten des Generalgouverneurs von Kanada als Nachfolger Lord Willingdons, der als Vizekönig nach Indien geht, angeboten werden soll.
Der Kohlenstrnit in Südwales hat mit dem 1. Januar be: gonnen. Die Bergleute sind fast vollzählig dem Rufe der Gewerkschaftsführer gefolgt und von ganz geringen Ausnahmen abgesehen, stehen sämtliche Gruben still. Man schäßt die Zahl der streikenden Arbeiter auf 140 000 bis 150 000 Mann, die sich zu den 100 000 ohnehin schon erwerbslosen Bergleuten des wali: sischen Distrikts gesellen.
Der spanische Ministerpräsident, General Berenguer, er: klärte, daß die Wahlen zum spanischen Parlament am 1. März und die Wahlen zum Senat am 15. März stattfinden werden.
Der seit 1928 im Amt befindliche Präsident Arosemena des Staates Panama ist gestern durch einen Putsch gestürzt worden. Die Rebellen haben in den Morgenstunden das Polizeipräsidium nach einem kurzen, überraschenden Gefecht erobert. Es ent: spann sich dann ein wechselvoller Kampf um das Präsidentenpalais, in dem die Aufständischen Sieger blieben. Präsident Arosemena wurde gefangen genommen. Die Aufständischen haben eine neue Regierung gebildet, an deren Spitze Rechtsanwalt Harmedico Arias steht.
Am 1. Januar, dem Unabhängigkeitstage in Indien, den die Nationalisten im ganzen Lande feierten, lam es zwischen Demonstranten und Polizei in fast allen Teilen von Bombay zu blutigen Zusammenstößen und wahren Straßenkämpfen.
Nach einer amtlichen Mitteilung ist es zwischen amerikaniichen Marinesoldaten. und Banditen im Berglande Nicaraguas zu einem heftigen Feuergefecht gekommen, in dessen Verlauf acht Marinesoldaten getötet und zwei schwer verwundet wurden. Präsident Hoover empfing am 1. Januar im Weißen Hause 6429 Neujahrgratulanten, denen er die Hand schütteln mußte. Der Leiter der von einem deutschen Syndilat übernomme= nen Arbeiten zum Bau des nördlichen Teils der Transpersischen Bahn veröffentlicht die Mitteilung, daß die ersten 128 Kilometer vor dem 1. Februar fertiggestellt sein werden.
( Gießener Tageblatt)
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Samstag, den 3. Januar 1931
Beamtenschaft und Handwerk.
Dieser Tage fand im Bundeshaus des Deutschen Beamtenbundes auf Veranlassung des Reichsverbandes des deutschen Handwerks eine Aussprache statt zwischen den Vertretern des Deutschen Beamtenbundes und der Spitzenverbände des Hand
werks.
Die handwerkerlichen Vertreter brachten ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, daß zwischen den beiden Berufsständen Mißhelligkeiten überhaupt entstanden seien und verurteilten jede unverantwortliche Hetze gegen das Beamtentum. Sie wiesen ferner auf die außerordentlich schwierige Lage des Handwerks hin, die nicht überall eine gerechte Beurteilung fände und durch die Konkurrenz der beamtemvirtschaftlichen Einrichtungen eine weitere Erschwerung erfahre. Troß aller Schwierigkeiten sei das Handwerk bereit, die eingeleiteten Maßnahmen der Reichsregierung zur Senkung der Preise weitestgehend zu unterstützen und habe auch bereits Preissenkungen in beachtlichem Umfange vorgenommen.
Die Vertreter des Beamtenbundes erklärten, daß die deutsche Beamtenschaft dem Handwerk durchaus Verständnis ent gegenbringe. Das Abrücken des Handwerks von der Heze gegen die Beamten in den letzten Jahren werde von der Beamtenschaft lebhaft begrüßt. Die besonderen Opfer der Beamten zwängen diese zu Maßnahmen zur Erhaltung ihrer Kaufkraft. Dorum müsse auch die von der Reichsregierung betriebene Preissenkung nach Kräften unterstützt werden und auch die Gefolg schaft des Handwerks finden. Bezüglich der beamtenwirtschaftlichen Einrichtungen wurde betont, daß der Deutsche Beamtenbund das Recht auf wirtschaftliche Selbsthilfe grundsätzlich bejahe, indessen selbst gewerkschaftliche Aufgaben zu erfüllen habe und sich mit derartigen wirtschaftlichen Einrichtungen nicht be faffe.
In der weiteren Aussprache wurden verschiedene Einzelheiten sowohl der Einstellung weiter Kreise gegenüber den Beamten wie auch besonders der Preissenkung eingehend erörtert und dabei zum Ausdruck gebracht, das unliebsame Vorkomm nisse durch vertrauensvolle Zusammenarbeit geklärt werden solIen. Es bestand Einverständnis darüber, daß die eingeleiteten Besprechungen je nach Erfordernis mit einzelnen Fachverbänden des Handwerks fortgesetzt werden.
Als Ergebnis der Aussprache darf festgestellt werden, daß sie ihren Zweck, Klarheit über das Verhältnis beider Berufsgruppen zueinander zu schaffen, vollkommen erreichte und daß auch auf beiden Seiten das aufrichtige Bestreben vorliegt, für die Zukunft Unstimmigkeiten jeder Art nach Möglichkeit auszuschalten.
Stillegung
auf der Hütte Ruhrort- Meiderich.
Nachdem die Hütte Ruhrort- Meiderich der Vereinigten Stahlwerke während des ganzen letzten Jahres bereits mit Kurzarbeit und Feierschichten gearbeitet hatte, hat sich infolge der anhaltenden Absatzschwierigkeiten und des Mangels an Aufträgen die Notwendigkeit ergeben, in nächster Zeit einige Betriebsabteilungen der Hütte vorläufig stillzulegen. Von dieser Maßnahme, die am 1. Februar in Kraft treten soll, werden be! einer Gesamtbelegschaft von rund 7000 Personen etwa 3500 Arbeiter betroffen.
Neue Steuern.
Worms. Der Staatskommissar der Stadt Worms, Oberregierungsrat Dr. Seyferth aus Mainz, hat die Einführung folgender Steuern angeordnet: 33% prozentige Erhöhung der Grundsteuer für bebaute Grundstüde, 50prozentige Erhöhung der Grundsteuer von land- und Forstwirtschaftlich benutzten Flächen, 50prozentige Erhöhung der Gewerbeertragssteuer, Erhöhung der Biersteuer und Einführung der Bürgersteuer und der Getränkesteuer.
Wie ist das möglich?
Das deutsche Volk kauft täglich folgende Waren aus dem Auslande:
Gemüse im Werte von. Aepfel und Birnen im Werte von Orangen im Werte von. Bananen im Werte von
Milch, Butter und Käse im Werte von Eier im Werte pon. Weizen im Werte von Französische Parfümerien im Werte von Südwein im Werte von. Kunstseide im Werte von Amerikanische Kraftfahrzeuge im Werte von Englische und französische Kleider, Hüte usw. im Werte von
Glaswaren im Werte von
Wer seinem deutschen Vaterland in Zeiten der will, der klage und jammere nicht, sondern handle!
378 000 RM 184 000 RM 230 000 RM 132 000 RM
1 550 000 RM 770 000 RM
1 220 000 R
324 000 RM
180 000 RM 265 000 RM 160 000 RM
82 000 RM 90 000 RM Not helfen
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 1
Jahresrückbetrachtungen des Handwerks
Das Jahr 1930 war wie für die gesamte Wirtschaft so auch für das deutsche Handwerk ein großes Notjahr. Die wirtschaftliche Entwicklung gestaltete sich schlecht. Selbst die Handwerkszweige, die in den verschiedenen Jahreszeiten normaler weise eine saisonmäßige Belebung aufzuweisen haben, waren mit dem Geschäftsgang sehr unzufrieden. Sparmaßnahmen der Behörden, Unsicherheit über die Verteilung der Hauszinssteuermittel sowie Kapitalknappheit bei den privaten Bauunterneh mern hemmten im Februar März den ordentlichen Beginn der Bautätigkeit und ließen diese auf das ganze Jahr hindurch nicht zu einer günstigen Auswirkung kommen. Die schlechte Lage in der Metallindustrie und im Bergbau blieben ebenso wie die mangelnde Rentabilität der Landwirtschaft weiter von nachteiligem Einfluß. Der Beschäftigungsgrad in den besten Monaten des Jahres stand weit hinter dem des Vorjahres zurück.
Die große Arbeitslosigkeit schwächte die Kaufkraft der für das Handwerk in Betracht kommenden Kreise in stärkstem Maße. Im Zusammenhang hiermit mußte eine beträchtliche Zunahme der sogenannten Schwarzarbeit Erwerbsloser( unange= meldete gewerbliche Nebenarbeit) festgestellt werden. Mag auch das Bemühen, wenigstens hier und da durch eine kleine Ge legenheitsarbeit noch etwas zu verdienen, menschlich verständlich sein, allein der Mißstand droht verschiedenen handwerkerlichen Berufen einen großen Teil der Reparaturarbeiten vollständig zu entreißen. Eine weitere Gefahr liegt für das Handwerk darin, daß diese Nebenarbeit zu den niedrigsten Preisen angeboten wird. Sie kann bei ungleichen Voraussetzungen auch billiger zur Ausführung gelangen, da der Schwarzarbeiter steuerliche Vorschriften leicht zu umgehen weiß und auch keine sozialen Abgaben zu entrichten hat. Die starke Konkurrenz untergräbt für das Handwerk die Möglichkeit nach ausreichenden Preisen.
To waren Rückgang an Aufträgen und verminderte Umsagtätigkeit bei geringer Verdienstspanne die Kennzeichen des Jahres. Dabei ließen sich weitere Verluste infolge der schlechten Zahlungsweise der Kundschaft nicht vermeiden. Das Borgunwesen hat einen noch nie gekannten Umfang erreicht. Während der Käufer sich daran gewöhnt hat, im Warenhaus bar zu zahlen, glaubt er, beim Handwerksmeister recht lange Kredit in Anspruch nehmen zu sollen. Wie sehr auch gerade dieser auf den Eingang seiner Außenstände angewiesen ist, wird meistens übersehen. Nachdem auch das Weihnachtsgeschäft nicht den gehegten Erwartungen entsprach, sollten sich aus allgemeinvolkswirtschaftlichen und menschlichen Gründen die säumigen Zahler befleißigen, ihre Schulden beim Handwerk zu tilgen. Sie können damit dem Berufsstand wenigstens nachträglich noch eine kleine Weihnachtsfreude bereiten.
Ungünstig beeinflußt war das Geschäftsjahr noch infolge der im zweiten Halbjahr hervortretenden Bestrebungen der Reichsregierung auf Preissenkung durch die dadurch bedingte Zurückhaltung der Käufer. Das Handwerk verschließt sich daraus nicht diesen Notwendigkeiten. Im Gegenteil, es hat sich wiederholt zu Preisherabsetzungen bekannt und solche auch mehrfach vorgenommen. Allein es darf nicht verkannt werden, daß es sich hierbei um Vorleistungen handelt, da die für eine Herabsetzung der Preise in Betracht kommenden Unkostenfaktoren noch keine merkliche Senkung erfahren haben. Auch die Hoffnungen, deren Erfüllung man mancherorts gerade beim Handwerk erwar tet, werden sich nicht so rasch verwirklichen können. Das Handwerk gehört zu den in der Gütergewinnung abhängigen Schich ten und besitzt aus dieser Stellungnahme heraus auf die meist Fartellmäßig gebundenen Preise seiner Vorlieferanten keine Einwirkungsmöglichkeit. Die direkte Verbindung des Handwerks mit den Käufern beschwert zudem den Berufſtand mit allen Folgen der bisherigen verfehlten Wirtschaftspolitik, deren unerträgliche Belastung in sozialer und steuerlicher Hinsicht bekannt ist. Auch auf die Entwicklung der Löhne konnte das Handwerk angesichts der staatlichen Schlichtungspolitik kaum einen Einfluß gewinnen. Andererseits sorgt die wirtschaftliche Lage ganz von selbst für einen möglichst niedrigen Stand der Das Handwerk Geschäftsunkosten und des Gewinnanteils.
ist sich hierbei seiner Verantwortung bewußt, bei den bei der Preisbildung seinen Einfluß unterliegenden Faktoren nur mit Das Handgrößter Gewissenhaftigkeit vorgehen zu können. werk weiß sehr wohl, daß eine Preispolitik, die etwa im dauernden Gegensatz zu der allgemeinen Lebenshaltung stände, zu einer zunehmenden Einschränkung des Absages, ja zu einer völligen Verdrängung vom Markte führen müßte.
Hoffentlich beginnt mit den Notverordnungen vom 26. Juli und vom 1. Dezember 1930 das unbedingt notwendige, Das Handwerk durchgreifende, gesetzgeberische Reformwerk. hat den darin festgelegten Wirtschafts- und Finanzplan der Reichsregierung als einen Anfang der Maßnahmen anerkannt, die zur Gesundung der öffentlichen Finanzen in Deutschland und zur Rettung der deutschen Wirtschaft vor weiterem Verfall notwendig sind. Allein den ersten Schritten müssen weitere folgen, um eine wirkliche Entlastung der Wirtschaft und damit die Möglichkeit zu einem wirksamen Preisabbau zu geben. Das gilt sowohl für die steuerliche wie auch für die soziale Belastung. Auf stenerlichem Gebiet muß vor allen Din


