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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdfendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
41. Jahrg.
Politische Tagesschau.
Der Reichskanzler gab zu Ehren des englischen Arbeiterführers Macdonalds ein Frühstüd, an dem der großbritannische Botschafter, die Reichsminister Hilferding, Koch und Severing und der preußische Ministerpräsident teilnahmen.
Der Reichstagsausschuß für Strafrechtsreform hielt eine Sigung ab, der Reichsjustizminister Koch beiwohnte. Zur Beratung stand Paragraph 15, der sich mit der strafrechtlichen Verantwortlichkeit der Jugendlichen beschäftigt.
Der Reichsverkehrsminister teilt mit, daß er wegen des Antrages auf Aenderung der Bestimmungen über die Gewährung der Fahrpreisermäßigung für Schwerkriegsbeschädigte( Benugung der Polsterklasse) befürwortend an die Deutsche Reichsbahngefellschaft, Hauptverwaltung, herangetreten sei.
Die deutschen Flieger Lindner und von Hünefeld, bie in Shanghai cingetroffen sind, wollen am Mittwoch um 3 Uhr hiesiger Zeit den Flug ohne Zwischenlandung nach Tokio autreten. Sie glauben, daß sie die japanische Hauptstadt in 18 Stunden erreichen können.
Zu Beginn der gestrigen Sigung des Landtags von Thüringen gab der Abg. Dr. Dinter die Erklärung ab, daß er nicht mehr Abgeordneter der Nationalistischen Deutschen Arbeiterpartei sei.
Die italienische und japanische Regierung haben der Veröffentlichung des Schriftwechsels, der sich auf das englisch- fransche Flottenkompromiß bezieht, zugestimmt.
Der Graf Zeppelin" in Amerika.
Das Luftschiff„ Graf Zeppelin" ist am Montag um 5.40 Uhr amerikanischer Zeit( 11.30 Uhr ME3.) auf dem Flugplatz Lakehurst glücklich, gelandet und 20 Minuten später in die Halle eingebracht worden. Als das Luftschiff vom Flugplatz aus geächtet wurde, war die Dunkelheit schon so weit vorgeschritten, daß das Schiff erst zu erkennen war, als es bereits unmittelbar über dem Flugplatz stand. Die Zahl der auf dem Flugplatz versammelten Menschen ging in die Hunderttausende. Viele hatten feit Sonntag ununterbrochen auf das Luftschiff gewartet. Jm ganzen hat das Schiff 111% Stunden sich in der Luft aufge= halten und dabei über 11 000 Kilometer bei einer DurchschnittsStundengeschwindigkeit von 100 Kilometer zurückgelegt. Dic Landung erfolgte unter Hilfeleistung von 400 Helfern. Das Schiff war furz nach 11 Uhr ME3. über dem Luftschiffhafen erschienen. Die Passagiere verließen sofort das Schiff, dem dann die Zollbeamten einen kurzen Besuch abstatteten. Die Mannchaft machte noch einen recht frischen Eindrud.
Es ist das in Anbetracht der ungünstigen Wetterverhältnisse auf der Fahrt eine technische Leistung ersten Ranges. Die Fahrt mutet an wie ein Märchen, wenn man bedenkt, daß sie in viereinhalb Tagen über halb Europa, Afrika und über das Weltmeer in seiner größten Ausdehnung geführt hat.
*
Newyork rüstet sich
su einem Empfang von größtem Ausmaß für die Zeppelinflieger. Jm Extrazug werden die Zeppelingäste nach Jersey und von dort mit dem Dampfer der Stadt Newyork in Beglei tung von Vertretern der Stadt Newyork, von deutsch- amerikanischen Organisationen zur Battery gebracht werden, wo der Festzug beginnt. Der Zug geht dann dem Brodway entlang zar City Hall, wo Oberbürgermeister Walker die Gäste begrüßt. Daran schließt sich ein Zug durch ganz Newyork an. Ganz Amerita befindet sich im Zeppelin- Fieber. Die Zeitungen bringen nur Zeppelin- Nachrichten. Seitenweise werden Bilder veröffentlicht, die„ Graf Zeppelin" während der Ueberfliegung Amerikas zeigen. Daneben findet man in allen Zeitungen die Köpfe Edeners und des Grafen Zeppelin. Große Firmen ver öffentlichen mit einem deutschen ,, Willkommen Zeppelin" überhriebene Inserate. Die Schaufenster sind mit deutschen Flaggen geschmüdt. Jeder bewundert den Flug, der als neue deutsche Großtat gefeiert wird.
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Aus der Fülle der Glückwünsche.
Coolidge an Hindenburg.
,, Ich möchte Sie beglückwünschen zu der herrlichen Leistung Ihrer Landsleute, die den Flug von Deutschland nach den Vereinigten Staaten im Lufschiff„ Graf Zeppelin" durchgeführt haben. Der Flug hat das amerikanische Volk mit Bewundecung erfüllt und verzeichnet eine weitere Stufe in dem Fortschritt und in der Entwicklung der Luftverbindung."
Hindenburg an Coolidge:
„ Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für die Glückwünsche and Anerkennung, die Sie dem„ Graf Zeppelin" und seiner Bejagung in so freundlicher Weise gezollt haben. Namens des ideutschen Volkes spreche ich gleichzeitig für die dem Luftschiff und seiner Besatzung gewährte glänzende Aufnahme und Unterstützung meinen aufrichtigsten Dank aus. Ich hoffe, daß mit diesem neuen Fortschritt in der Luftfahrt die freundlichen Beziehungen, die zwischen dem großen amerikanischen Volke und Deutschland bestehen, noch enger geknüpft werden.
v. Hindenburg, deutscher Reichspräsident."
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Bostschedionto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M
Mittwoch, den 17. Oktober 1928
Hindenburg an Dr. Edener:
( Gießener Tageblatt)
Anzeigenpreise: die 30mm breite Petitzeile auswärts 24 Pfg. lokal 12 Pfg., die 90 mm breite Reflame- Petitzeile 96 Pfg. Plaẞvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholung Rabatt. für Vollklischee- Anzeigen außerdem besondere Ermäßigung.
Nummer 82
Zur glüdlich durchgeführten Ueberfahrt des„ Graf Zeppe Wie sich die hohen Steuern erklären.
lin" nach Amerika spreche ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche aus. Ich verbinde damit den Ausdrud meiner auf= richtigen Anerkennung für die vorzügliche Leistung, die Sie und die bewährte Mannschaft des Luftschiffes unter so schwierigen Witterungsverhältnissen vollbracht haben.
von Hindenburg, Reichspräsident."
Der Reichskanzler an Dr. Edener:
,, Zu der so sehnlich erhofften glücklichen Ankunft des Luftschiffes ,, Graf Zeppelin" in den Vereinigten Staaten von Ame= rika spreche ich Ihnen und der vortrefflichen Besatzung des Luftschiffes die herzlichsten Glückwünsche aus. Ganz Deutschland ist stolz darauf, daß Sie nach Ueberwindung so großer Schwierigkeiten Ihr Ziel erreicht haben, und dankbar, daß Sie mit Ihrer Fahrt die Verbindung zwischen dem großen und befreundeten amerikanischen Volk und dem deutschen Volk enger geknüpft haben. Müller, Reichskanzler."
Der amerikanische Botschafter an Dr. Edener: ,, Sie siegten glänzend über widrige Elemente. Das lieferte den praktischen Beweis für die Richtigkeit Ihrer mir kürzlich in der Berliner Botschaft erläuterten Theorie von der Ueberlegenheit des Luftschiffes über das Flugzeug im Sturm. Sie haben überzeugend die Möglichkeit eines transatlantischen Handelsflugverkehrs bewiesen. Das ist ein neuer Weg deutscher Wissenschaft, Ausdauer und deutschen Muts. Dr. Shurmann." Schwedens König an Hindenburg:
,, Mit großer Freude erfahre ich die glückliche Ankunft des ,, Graf Zeppelin" in Amerika Zu diefer bewunderungswurd!= gen und großartigen Tat dentjaier Männer spreche ich Ihnen meine wärmsten Glückwünsche aus.( gez.) Gustaf."
Englands Luftfahrtminister an die deutsche Regierung: ,, Die englische Luftfahrtbehörde entbietet herzliche Glüdwünsche zur erfolgreichen Vollendung von„, Graf Zeppelins" denkwürdiger Reise nach Amerika."
Hauptmann Köhl an den Zeppelin: ,, Graf Zeppelin, Du kannst es doch besser. Herzlichen Glückwunsch.( gez.) Hauptmann Köhl."
Ein wenig verstimmt.
Der preußische Innenminister, einer der Passagiere, führte wörtlich aus:„ Ich freute mich über die ungeheuere Begeiste rung, als wir Amerikas Städte überflogen, änderte freilich meine Meinung, sobald wir das Luftschiff verließen. Wir wurden wegen der Zollangelegenheiten durch einen Kordon von Polizeibeamten nach der Zollabfertigung geführt, gerade, als ob wir den Zollbehörden oder Paßbehörden etwas untersula: gen wollten. Dafür aber sollte doch der Name Dr. Edener gut sein! Ich bin als Privatmann gekommen, sonst hätte ich als Polizeiminister die Sache noch an demselben Tage geregelt. Ich mache Amerika und sein Volt nicht verantwortlich dafür. Ich sage nur, daß solche Vorkommnisse nicht wieder geschehen sollten!" Tie Ausschreitungen der Marinesoldaten gingen so weit, daß selbst der amerikanische Flottensekretär Warner von seinen eigenen Leuten angehalten und mit Arrest bedroht wurde. Ein höherer deutscher Beamter wurde von dem wachthabenden Blauen Jungen ins Gesicht gestoßen. Der Zeitungsvertreter Rolf Brandt erklärte ebenfalls, bei der Landung des Luftschiffes geschlagen worden zu sein, angeblich, weil er zu lang= sam gegangen sei. Der Zeichner Matejko erklärte, es sei sein erster Besuch der Vereinigten Staaten; aber er sei in Albanien und Bulgarien gewesen und habe dort eine höflichere Behand lung durch die Eingeborenen gefunden. Alle Passagiere zeigten das höchste Erstaunen über diese Vorfälle, da sie doch mit guten Gründen erwarten tonnten, mit der gleichen Freundlichkeit empfangen zu werden, mit der Amerikaner bei ähnlichen Anlässen in Berlin empfangen werden.
Die hessische Finanznot.
Durch Reichsverordnung gehalten, müssen die Länder laufende Ausweise über ihre Einnahmen und Ausgaben veröffentlichen. Dieser verlangte Finanzausweis ist für den hessischen Staat für das Vierteljahr vom 1. April bis 31. Juli 1928 recht depremierend. Der ordentliche Haushaltsplan für diese Zeit schließt wie folgt ab:
Einnahmen Ausgaben Defizit
21 159 000 Rmt.
32 752 000 Rmt.
11 593 000 Rmt.
Aus dieser Zahl darf etwa nicht gleich auf die Höhe des Jahresfehlbetrages geschlossen werden, aber dieser Abschluß läßt doch ohne weiteres erkennen, in welch heillose Unordnung die hessischen Staatsfinanzen geraten sind.
Das aber steht fest, daß die ganze Wirtschaftsweise der Regierung geändert werden muß, wenn zwischen Einnahmen und Ausgaben ein gesundes Verhältnis hergestellt und die Bevölferung vor Steuerüberlastung bewahrt werden soll. Verringerung der Zahl der Landtagsabgeordneten und Ministerien, Herabsetzung der Ministerpensionen, Vereinfachung des Verwaltungsapparates und Sparsamkeit in allen Verwaltungszweigen ist zumindestens nötig, um das Defizit für die Zufunft zu verringern.
Die gesamte Bevölkerung schmachtet unter unerhörtem Steuerdruck. Insbesondere die Wirtschaft wird steuerlich geradezu ausgesogen und täglich fallen Existenzen diesem raffinierten Steuersystem zum Opfer. Man begnügt sich heute nicht mehr mit Betriebsüberschüssen, sondern zwingt die Steuerzahler dazu die Substanz anzugreifen, um den steuerlichen Verpflichtun gen nachzukommen. Unter den Wirtschaftskreisen ist es in erster Linie der Hausbesitz, der zum Spielball der geldhungrigen Verwaltungsorgane gemacht wird.
Obwohl nach dem Finanzausgleichgesetz die Länder verpflichtet sind infolge der Mehrzuweisungen aus Reichsmitteln die Realsteurn zu senken, kümmert man sich um diese Bestim mung nicht, man geht sogar noch dazu über die Realsteuern 311 erhöhen( s. Mainz, Darmstadt, Offenbach usw.).
Wir haben in unserer Zeitung wiederholt darauf hingewiesen und beanstandet, daß der öffentliche Haushalt in trassestem Gegensatz steht zu der Not des Volkes. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, daß das Volk verarmt ist, weil es bei Reich, Staat und Gemeinden sein Geld verloren hat. Es wird aus dem Vollen gewirtschaftet als wenn wir ein reiches Volk wären. Immer mehr Amtsstellen werden geschaffen und immer mehr Autos angeschafft, während die große Masse der Bevölkerung kaum ihre Stieselsohlen bezahlen kann. Wo früher zwei Bürgermester genügten, leistet man sich heute deren vier oder fünf, und so geht es durch alle Amtsstellen. Man betrachte sich nur den nicht übertriebenen, sondern auch direkt überflüssigen Apparat bei den Kreis- und Provinzialbehörden, die die Steuerzahler, in erster Linie den Haus- und Grundbesiz, belasten. Wir haben diesen Aufwand wiederholt kritisiert, ohne Verständnis bei der Volksvertretung zu finden. Ob das daran liegt, weil durch diese überflüssigen Behörden die Mög lichkeit für den einen oder anderen Volksvertreter besteht, Kreis oder Provinzialdirektor zu werden, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls steht fest, daß schon einige Parteimänner die Stufe des Provinzialdirektors erflommen haben. Alles schreit nach Sparsamkeit, nach Rationalisierung, sogar in der Regierung und im Landiag, aber getan wird nichts. Das Volk läßt es sich ja gefallen, ihm wird ein blauer Nebel vorgemacht, zu diesem Zwed braucht jemand nur Redetalent zu haben, und schon ist er was.
Zu dem Thema der Ueberschrift liegt uns reichhaltiges Material vor, aus dem wir heute nur den Haushalt zweier Gemeinden in der Nähe Darmstadts mit je etwa 8000 Einwohnern terousnehmen.
Die Gemeinde Eberstadt bei Darmstadt hat nach ihrem Voranschlag folgende Ausgaben an Gehältern gehakt:
1 Bürgermeister, Beigeordneter und Büropersonal der Bürgermeisterei
2. Gemeinde- Einnehmerei
3. Polizeidiener und Nachtwächter 4. Feldschützendienst
5. Schuldiener
6. Gemeindebaudienst
1914 jetzt 7750 M 22000 M 3250 M 11000 M
5175 M 15800 M 3400 M 10800 M 1875 M 6000 M 500 M 5500 M
zusammen 21750 M 71100 M oder eine Steigerung auf 327 Prozent von 1914 bis heute. Aehnlich liegt es bei der Gemeinde Pfungstadt. Dort betragen die Gehälter für:
1. Bürgermeister, Beigeordnete und Personal der Bürgermeisterei
2. Gemeindeeinnehmerei
3. Polizeidiener und Nachtwächter
4. Feldschützendienst
5 Schuldiener
6 Gemeindebaudienst
7. Krankenschwestern
8 Kinderschullehrerinnen
1914 jegzt
6850 M 30000 M 6800 M 13000 M 6350 M 19000 M 5200 M 17000 AL 2400 M 5500 M 500 M
4700 M
1540 M
6000 M
1600 M 6000 M
zusammen 31240 M 101200 A
oder eine Steigerung auf 324 Prozent gegen 1914.
In beiden Gemeinden werden mehr als 10 000 Mart allein an Gehalt für den Gemeindebaudienst ausgegeben, anstatt dieses Geld zu verbauen und dadurch der Wohnungsnot abzuhelfen. Die Verwendung der Steuergelder soll doch lezen Endes dem Zwed dienen, der Bevölkerung Wohnungen zu verschaffen und nicht Beamtenstellen zu schaffen und von der Wohnungsnot nur zu reden. Für das Geld fönnte in jedem Jahr in jeder der Gemeinden eine Wohnung bezuschußt werden. Man betrachte sich ferner das Kapitel: Feldschüßendienst. 10 800 Mark und 17 000 Mart werden allein ausgegeben für Gehälter an die Feldschützen. Um diese Stellen für die Gemeinde rentabel zu machen, müßten im Feld für rund 28 000 Mark an Früchten gestohlen werden, bezw. mehr gestohlen werden als eben. Daß bei den heutigen Verhältnissen davon nicht im Entferntesten die Rede sein kann, wird ernstlich wohl kaum bestritten werden.
In den obigen Zahlen, die sich durch alle Instanzen wiederholen, finden unsere Leser die Erklärung, wo die vielen Milliarden Steuergelder hinkommen und daß trotzdem neue Schulden gemacht werden und für welche Zwecke die rund 2 Milliarden Sondersteuer im Reich verwendet werden, statt in erster Linie dem Volk für Wohnungen zu sorgen. Wer das eine sieht und auch das andere, wird irre an unserer heutigen Zeit.


