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Nr. 38.

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Gießener Zeitung

( Steueste Nachrichten)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr- Für Aufbewahrung oder Rüd­sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

41. Jahrg.

Politische Tagesschau.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann fährt infolge einer Unpäßlichkeit nicht zur Eröffnung der Pressa" nach Köln. An seiner Stelle wird der Gesandte Dr. Freytag das Auswärtige Amt bei der Eröffnung der Pressa" vertreten.

*

Völlig überraschend wird mitgeteilt, daß Mussolini beschlos= sen hat, Italien doch noch an der Pressa"-Ausstellung in Köln teilnehmen zu lassen.

*

Der Senat des Repräsentantenhauses der USA. hat am 10. Mai die Schiedsverträge mit Deutschland und Italien sowie den Schlichtungsvertrag mit Deutschland angenommen.

*

Das albanische Kabinett ist infolge Meinungsverschieden: heiten zurückgetreten.

Die südchinesische Regierung hat in einem Telegramm die sofortige Einberufung des Völkerbundrates verlangt, um gegen die japanischen Uebergriffe Stellung zu nehmen.

Zu den kommenden Wahlen.

Listenverbindungen des Hessischen und Hessen- Nassauischen Wahlkreises.

Zugelassen wurden Listenverbindungen der Sozialdemokra­tischen Partei( 1. Liste Ulrich und Liste Scheidemann), des Zentrums( 3. Liste Dr. Bockius und Liste Dr. Dessauer), der Deutschen Volkspartei( 4. Liste Dr. Becker und Dr. Kalle), der Kommunisten( 5. Liste Remmele und Liste Münzenberg), der Demokraten( 6. Liste Dr. Helpach und Liste Dr. Peter Rein­hold), der Reichspartei des Deutschen Mittelstandes( 9. Liste Dr. Rhode und Liste Drewitz), der Nationalsozialistischen Deut­schen Arbeiterpartei( 10. Liste Strasser und Liste Sprenger), des Völkisch- Nationalen Blocks( 12. Liste Limpach beiderseits), der Christlich- Nationalen Bauern- und Landvolkpartei( 15. Liste Dorsch und Liste Hepp), der Volksrechtpartei( 16. Liste Dr. Best beiderseits), der Evang. Volksgemeinschaft( Liste Pfarrer Weid­ner beiderseits), des Deutschen Reichsblock der Geschädigten ( 18. Liste Schendel beiderseits). Die Verbindungserklärungen der Deutschen Bauernpartei, der Deutschnationalen, einer Pfar­rer Greber- Partei und des Volksblocks der Inflationsgeschädig­ten konnten nicht zugelassen werden.

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Samstag, den 12. Mai 1928

Provinz Oberhessen durch Ausgabe einer Ablösungsanleihe ist folgendes mitzuteilen: A. Für Inhaberschuldverschreibungen: 1. An Stelle des Normalsatzes, nämlich des Fünffachen des Nennbetrages= 12% Prozent des Goldmarkwertes, soll für die Ablösung des Altbesitzes das Achtfache des Nennbetrages = 20 Prozent des Goldmarkwertes gewährt werden. 2. In gleicher Höhe soll der Kleinbesitz und die Spitzenbeträge abge­funden werden. 3. Der Neubesitz, d. h. der Besitz, der erst nach dem 1. Juli 1920 erworben worden ist, wird nach folgenden Sätzen erfolgen: Inhaberschuldverschreibungen aus den Jahren 1902, 1909, 1913 und 1914 werden mit 2 Prozent des Goldmart­wertes in bar abgefunden, Inhaberschuldverschreibungen von 1920 mit 5 Prozent und diejenigen von 1923 mit 12% Prozent. B. Für Darlehen auf Grund von Schuldscheinen. 1. In gleicher Weise wie der Altbesitz aus Schuldverschreibungen( vergl. A 1 und 2) sollen die Darlehen der Bezirkssparkassen und anderer Kreditanstalten und Gemeinden, soweit sie als Altbesitz anzu­sprechen sind, behandelt werden. 2. Soweit derartige Anleihen als Neubesitz anzusehen sind, werden sie in der gleichen Weise behandelt wie der Neubesiz aus Inhaberschuldverschreibungen. ( Vergl. A 3.) 3. Die sogenannten Stromabnehmerdarlehen, d. h. diejenigen Darlehen, die die Provinz innerhalb der Mo­nate Dezember 1922 bis Mai 1923 von ihren Stromabnehmern für Zwecke des Ausbaues ihrer Ueberlandanlage erhalten hat, sollen eine besondere Behandlung erfahren, weil sie unter einem gewissen Zwang zustande gekommen sind. Abgesehen davon, daß sie, um den Goldmarkwert zu erhöhen, auf den 1. Dezem ber 1922 zurückdatiert werden sollen, erhalten sie eine 100pro­zentige Aufwertung des Goldmarkwertes.

Sondersteuer und Wohnungsbau.

( Der hessischen Regierung zur Beachtung.)

Nach den reichsgesetzlichen Bestimmungen ist ein bestimm­ter Mindestsatz der aufkommenden Sondersteuer( Hauszinssteuer) zur Förderung des Wohnungsbaues zu verwenden. Laut§ 1 Abs. 4 des Gesetzes über den Geldentwertungsausgleich vom 1. Juni 1926( R. G. BI. 1 S. 251) sollten von der aufkommen­den Sondersteuer mindestens 15 bis 20 Prozent der Friedens­miete Bauzweden zugeführt werden. Diese Bestimmung sollte bis 31. März 1928 Geltung haben.

Unterm 26. März 1928( R. G. BI. 1928 S. 114) sind Be­ſtimmungen für die Zeit vom 1. April 1928 bis 31. März 1929 getroffen worden und zwar sollen in dieser Zeit ebenfalls min­destens 15 bis 20 Prozent der Friedensmiete zu Zwecken des Wohnungsbaues verwandt werden.

Es möge die Anfrage gestattet sein, warum die hessische Re­gierung sich an diese Mußvorschrift in feiner Weise hält. Die

Severing von Kommunisten tätlich angegriffen. hefische Regierung verwendet noch nicht die Hälfte des vorge

Die am Donnerstag in Bottrop angesetzte Wahlversamm- schriebenen Satzes für Bauzwecke, sie führt in gesetzeswidriger lung der Sozialdemokratischen Partei, auf der Innenminister a. D. Severing sprechen sollte, wurde empfindlich gestört. Der Saal war dicht von Kommunisten besetzt, die während der Ausführungen Severings lebhaften Widerspruch erhoben. Die Versammlung mußte vorzeitig geschlossen werden. wurde beim Verlassen des Saales von Kommunisten tätlich angegriffen. Es entspann sich zwischen den ihn schützenden Reichsbannerleuten und den Kommunisten eine größere Schlä­

getei.

Severing

Stresemann, Chamberlain und Briand nicht in Genf?

Voraussichtlich werden einige der wichtigsten Punkte der nächsten Völkerbundstagung vertagt werden müssen, da heute schon ziemlich sicher feststeht, daß Briand auf der Junitagung nicht erscheint. Man rechnet ebenfalls allgemein damit, daß auch Stresemann, weil die Regierungsbildung bis zum 4. Juni noch nicht erfolgt sein dürfte, und auch Chamberlain der Tagung fernbleiben werden.

Staliens Antwort auf Kelloggs Vorschlag.

Die Antwort Italiens auf den amerikanischen Vorschlag einer Aechtung des Krieges ist in Washington eingetroffen. Die Note der italienischen Regierung vermeidet, direkt auf den ame= rikanischen Pattvorschlag, oder auf die französischen Gegenvor= schläge einzugehen, sondern betont nur, daß Italien zur auf­richtigen Mitarbeit zweds Erreichung eines Abkommens unter den Mächten bereit sei.

Die Bremen Mannschaft in Chicago.

Die ,, Bremen"-Flieger landeten mit ihrer Junkersmaschine auf dem städtischen Flugplaze in Chicago am Donnerstagnach­mittag. Sie tamen von Cleveland. Trotz des ungünstigen Wet­ters hatte sich eine große Menschenmenge auf dem Flugplake eingefunden, die den Fliegern stürmische Ovationen darbrachte.

Weise die dem Wohnungsbau gehörenden Gelder anderen( Ber­waltungs-) Zweden zu. Dadurch werden zunächst die Wohnung­suchenden benachteiligt, aber auch der Hausbesitz leidet darunter, weil dadurch eine Besserung auf dem Wohnungsmarkt hintan­gehalten und der Wohnungsmangel tünstlich verlängert wird. Darauf gründet die hessische Regierung dann ihre Abneigung gegen die Lockerung der Zwangswirtschaft in Hessen. Andere Länder, vornehmlich Preußen, verwendet 50 Prozent zum Bauen. Die dadurch herbeigeführte Entlastung auf dem Woh­nungsmarkt gestattete auch einen Abbau der Zwangswirtschaft bis zu einem gewissen Grade, der ohne nennenswerte Reibungen vor sich gegangen ist. In Hessen hat man vom Regierungstisch nur Worte für die bedauernswerten Opfer der Wohnungs­zwangswirtschaft auf beiden Seiten. Von der Bevölkerung ver­langt man Respektierung der Gesetze. Das Beispiel der hessi­schen Regierung kann in dieser Beziehung feineswegs als Vor­bild dienen. Gibt es keine Instanz, die die hessische Regierung zur Einhaltung der reichsgesetzlichen Bestimmungen anhalten tann?

Erdbebennot einer deutschen Schule.

Aus Kreisen der Deutschen Schule in Philippopel wird uns über das Erdbeben in Bulgarien berichtet:

,, Das Unglück, das Bulgarien betroffen hat, ist groß. Unser neuer, schöner Schulbau hat auch großen Schaden gelitten, der sich jedoch mit erheblichen Kosten beheben läßt. Das alte Ge­bäude dürfte nicht mehr zu gebrauchen sein. Der Schaden wurde von einer bulgarischen Kommission auf Millionen Lewa geschätzt. Gottlob sind Lehrer, Schüler und deren Eltern wohlauf.

Reichspräsident und Sport.

Der 1. Vorsitzende des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen, Erz. Dr. Lewald, wurde vom Reichspräſi­denten zur Berichterstattung über die deutschen Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele empfangen. Der Reichspräsident bekundete hierbei erneut die große Bedeutung, die er der im Aufblühen begriffenen deutschen Turn- und Sportbewegung

20prozentige Aufwertung für die Anleihen beimist und den Wert, den für diese die Vorbereitungen zu

der Provinz Oberhessen.

Zu der vom Provinzialtag der Provinz Oberhessen in sei­ner lezten Sigung beschlossenen Ablösung der Anleihen der

den Olympischen Spielen besitzen. Er bedauert ein übertrie­benes öffentliches Herausstellen einzelner sportlicher Leistun­gen und wünschte die weiteste Verbreitung gesunder Leibes­übungen im ganzen Volke, insbesondere auf dem Lande.

( Gießener Tageblatt)

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Nummer 39

Wirtschaftliche Notwehr.

Deutsche, tauft keine Auslandswaren! Wenn ein Hausvater ständig mehr für den Unterhalt seiner Familie ausgibt, als er einnimmt, so sagt jeder, daß es mit diesem Manne bald zu Ende sein muß. Gibt er dazu noch Geld für Dinge aus, die er nicht braucht, oder die er seinem eigenen Vorrat entnehmen könnte, so nennt der solide, umsichtige Bürger ihn einen Verschwender, der sein Schicksal verdient.

Ein Volk steht als wirtschaftende Gesamtheit den Einzel­menschen gleich. Es braucht den Unterhalt für die Zahl seiner Menschen und beschafft ihn durch den Erfolg seiner Wirtschafts­tätigkeit, durch den Ertrag der Nationalwirtschaft. Bleibt der Wirtschaftserttag hinter den Bedürfnissen zurück, so wird zu­nächst die Wirtschaftssubstanz aufgezehrt, indem entweder in­ländische Wirtschaftswerte unmittelbar an das Ausland ver­äußert werden oder indem die restliche Substanz, der Rest des Nationalvermögens, durch stets wachsende, nie abzutragende Schulden belastet wird. Am Ende steht, wenn das Volk nicht, wie in den Zeiten der Völkerwanderung, der Ostsiedlung, der Kolonisationen, die Kraft zu einem gewaltsamen Ausbruch nach außen findet, der Volkstod in der Gestalt sozialer Zersetzung, bevölkerungspolitischer Auflösung, physischer und seelischer De­

generation.

Ein Volk kann das Glück haben, die Grundlage seiner wirt­schaftlichen Existenz, die Nahrungsmittel, das Brot für seine Menschen im eigenen Raum in genügender Menge zu finden. Dann dient sein wirtschaftlicher Verkehr mit dem Ausland nur der Vervollkommenung, nicht der Fundierung seiner wirtschaft­lichen Befriedigung. Ein Volt kann aber auch in der unglüd­lichen Lage sein, daß sein Raum seine Menschen nicht ernährt; dann ist dieses Volk für die Befriedigung seiner ursprünglichsten. Bedürfnisse auf den Austausch mit dem Ausland angewiesen: es muß Produkte seiner Arbeitskraft absehen, um für den Er­trag den fehlenden Lebensunterhalt einzuführen. Ein Volk in solcher Lage ist stets in Gefahr, daß bei mangelnder Aufnahme­fähigkeit oder fehlendem Abnahmewillen des Auslandes die Einnahmen hinter den durch das Nahrungsbedürfnis des Volkes bedingten Ausgaben zurückbleiben. Dann beginnt die Aufzeh­rung der Substanz und die Verschuldung. Das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben nennt man Zahlungsbilanz; soweit es sich mit dem Verhältnis von Warenaus- und-einfuhr deckt: Handelsbilanz. Ueberwiegt die Einnahme( oder Ausfuhr), so nennt man die Bilanz aktiv; überwiegt die Ausgabe( oder Ein­fuhr), so nennt man die Bilanz passiv.

Das deutsche Bolt wirtschaftet seit dem Kriege mit pas= siver Bilanz. Der durch die Friedens" diktate vetengte deutsche Raum ernährt die deutschen Menschen nicht. Auf ein Bolt mit unzureichendem Nahrungsspielraum wurden die er­drückenden Lasten der Kriegstribute gebürdet. Alles, was fehlt, soll durch die Leistungen der Arbeitskraft, durch Ausfuhr deut­scher Waren hereingeholt werden. Der Ertrag ist aber ab­hängig vom Absatz, den die anderen Völker im Interesse ihrer Industrien nach Kräften zurückdrängen. So ist die deutsche Wirt­schaftsbilanz seit dem Kriege fast ohne Unterbrechung hoff= nungslos passiv. Die Passivität wächst: die Gesamtpassivi­tät des vergangenen Jahres hat die ungeheure Summe von fast 4 Milliarden RM. erreicht; sie übertrifft die des Jah­res 1925 um fast 400 Millionen und stellt das höchste Jahres­defizit der Nachkriegszeit dar. Im Januar 1928 hat die Passi­vität mit 508 Millionen die seit Januar 1925 höchste Mo­natsziffer erreicht. Das bedeutet, daß diese Summen jeweils über die vorhandenen Einnahmen hinaus, also aus der Substanz, verbraucht wurden.

Wie können wir diese rasende Fahrt zum Abgrund auf­halten? Die Ausfuhr, die Gelo einbringt, gegen den Wider­stand des Auslandes beliebig zu steigern, liegt nicht in unserer Hand. Die Einfuhr, die wir bezahlen müssen, besteht zum großen Teil aus schlechthin notwendigen Lebensmitteln und Rohstoffen. Die Eigenproduktion der Lebensmittel so zu heben, daß die feh­lende Menge, die ungefähr den Betrag des Gesamt­defizits ausmacht, im Lande erzeugt wird, steht nicht in der Macht des Einzelnen.( Ueber die agrarpolitischen

Aufgaben, die sich aus diesen Erkenntnissen ergeben, ist an

anderer Stelle zu sprechen.) Dagegen entfällt ein beträchtlicher Teil der Ausgaben der Gesamtwirtschaft auf ausländische Verbrauchsgüter, die entweder nicht notwendig sind oder ebenso gut im Inland, d. h. ohne Verlust für die National­wirtschaft, gekauft werden könnten. Da ist es der gleiche, solide, umsichtige Bürger, der auf den Verschwender verächtlich herab­sah, der seinerseits eine Reichsmark nach der anderen für fremde Waren auf Nimmerwiedersehen ins Ausland wirft. Er ist Südfrüchte, trinkt fremde Weine, gebraucht ausländische Toi­lettegegenstände, trägt ausländische Kleider( sie sind ja auch so viel feiner!) fährt ein amerikanisches Auto, weil es gerade Mode ist, usw. usw. Und die deutsche Nationalwirtschaft, von der alle die leben müssen, die kein eigenes Vermögen zu ver­zehren haben, nimmt einen Pump nach dem anderen auf. Das wird so weiter gehen, bis zum großen Kladderadatsch. Denn der ehrbare Bürger, der auf jeden unsoliden Haushälter herab­sieht, will sich ja nicht einschränken, wenn sein Gau­men oder seine Eitelkeit oder seine Modegelüste etwas begehren. Hier fehlt uns der Begriff des wirtschaftlichen Landesverrats". Entsprechend§ 89 des Strafgesetzbuchs: