Nr. 37.
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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdlendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
41. Jahrg.
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Politische Tagesschau.
Der diesjährige Friedensnobelpreis soll u. a. dem amerikanischen Staatssekretär des Aeußeren, Kellogg, verliehen werden. Das Nobelkomitee hat Kellogg zu dieser Ehrung ausersehen, weil er durch seine Antikriegsaktion, die jetzt in London, Paris, Brüssel, Tolio und Berlin zur Diskussion gestellt ist, sich we fentlich um die Sicherung des Friedens verdient gemacht habe.
Das englische Unterhaus hat den Gesezentwurf, der den Frauen in gleicher Weise wie den Männern vom 21. Lebensjahre das Stimmrecht gewährt ohne Debatte in dritter Lesung angenommen.
Die Besserung des Gesundheitszustandes Briands schreitet nunmehr rasch vorwärts, so daß er in Kürze seinen Erholungsurlaub beenden tann. Vermutlich wird sich Briand aber auf
laffen.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M
Mittwoch, den 9. Mai 1928
schallt, ist gewiß alles andere als eine freudige Zustimmung. Man versucht mit den gehässigsten Mitteln und einer Beschwörung der Kriegspsychose Deutschland bei den Vereinigten Staaten zu verdächtigen, sowie gegen Shurmann Sturm zu laufen. Jedoch deckt der amerikanische Staatssekretär des Aeußeren, Kellogg, seinen Botschafter. Newport meldet dazu: Staatssekretär Kellogg lehnte es ab, die Pariser Pressemel dungen zu kommentieren, wonach Shurmanns Heidelberger Rede eine schmerzliche Ueberraschung in Frankreich hervorgerufen habe. Shurmann habe eigenen Anschauungen Raum gegeben, die sich jedoch, wie betont wurde, mit der Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten in Uebereinstimmung befinden. Die Shurmannsche Rede könne feineswegs als ein Affront gegen Frankreich umgedeutet werden.
( Gießener Tageblatt)
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Nummer 38
verurteilt und begnadigt wird, wenn der Zweck des Prozesses erreicht ist. Und auch dieser Zwed ist nach der Anklageschrift deutlich sichtbar. Moskau braucht Sündenböcke, um die Aufmerksamkeit des Auslandes und der Opposition im Innern von den wirklichen Ursachen der chaotischen Zustände in den ver= schiedensten Industriegebieten der Sowjetunion abzulenken. Es will ,, Sabotage" feststellen, wo doch nichts anderes die Schuld an den wirren Wirtschaftsverhältnissen trägt, als das bolschewistische System, das einfach nicht imstande ist, eine zerrüttete Volkswirtschaft mit marxistischen Experimenten wieder zu festigen.
Hessische Verhandlungen mit dem Ministerium der besetzten Gebiete.
Staatssekretär Schmid vom Reichsministerium für die besetzten Gebiete weilte am Mittwoch und Donnerstag in Beglei
Der Genfer Ratstagung im Juni durch Paul- Boncour vertreten Von den deutschen Ingenieuren in Rußland. tung des Miniſterialdirektors Dr. Dilthey und des Oberregie
Brinz Karol von Rumänien ist auf Beschluß der englischen Regierung aus England ausgewiesen.
Brasilien, das gebeten war, seine Austrittsmeldung aus dem Bölkerbund zurückzuziehen, besteht auf derselben.
Zu den kommenden Wahlen.
16 Wahlvorschläge in Hessen.
Darmstadt, 8. Mai. Der Kreiswahlausschuß für den Wahlausschuß 33( Sessen- Darmstadt) tagte unter dem Vorsitz des Kreiswahlleiters, Ministerialrat Bornemann zwecks Prüfung und Festlegung der für die nächste Reichstagswahl eingelaufe: nen Wahlvorschläge. Eingegangen sind: Vorschlag
Nr. 1 Sozialdemokratische Partei, Spitzenkandidat UlrichDarmstadt;
Nr. 2 Deutschnationale Volkspartei, General a. D. von Preu schen Darmstadt;
Nr. 3 Zentrumspartei, Dr. Bodius, Rechtsanwalt Mainz; Nr. 4 Deutsche Volkspartei, Minister a. D. J. Beder- DarmStadt;
Nr. 5 Kommunistische Partei, Remmele Berlin, GalmOffenbach;
Nach monatelanger Verschleppung hat die russische Regierung den deutschen Ingenieuren, die am 10. März verhaftet wurden und angeblich in eine große Sabotageaktion von Gegenrevolutionären verwickelt sind, jetzt endlich wissen lassen, was man ihnen eigentlich zur Last legt. Die Anklageschrift ist veröffentlicht worden und bestätigt alle Vermutungen, die man bisher über Material und 3wed dieses großen Prozesses hegen durfte. Sie beschuldigt in den üblichen, ganz allgemeinen Redewendungen die deutschen Ingenieure, ja deutsche Firmen selbst, der Teilnahme an den kühnsten ,, gegenrevolutionären" Plänen und vermag als Kronzeugen dafür niemand weiter als einen einzigen russischen Ingenieur anzuführen, der angeblich ein um= fassendes Geständnis abgelegt hat, aber offensichtlich keine andere Rolle spielt, als die des Spitzels, der der Form halber mit
rungsrates Haaser zu einem Besuch der Hessischen Regierung in Darmstadt. Die Besprechungen bezogen sich u. a. auf folgende Punkte: Verbreiterung der Rheinbrüde zu Mainz, kulturelle Maßnahmen für das besetzte Gebiet, verschiedene die Stadt Mainz berührende Angelegenheiten, Ordonnanz 64 über die Musterungen für die Besatzungsmächte im besetzten Gebiet, die Möglichkeiten, für die Wirtschaft des besetzten Gebiets Hilfs= maßnahmen zu ergreifen u. a. m. Hessischerseits wurde besonders auf die Tatsache hingewiesen, daß die hessischen Wünsche auf Beteiligung an den Mitteln des sog. Grenzfonds nach den Beschlüssen des Reichstags und Reichsrats nicht erfüllt worden sind. Wieweit hierfür ein Ausgleich gefunden werden kann, wird sich aus den weiteren Verhandlungen, die mit Berlin zu führen sind, ergeben.
Eine Handwerkerversammlung des Bezirksverbandes Gießen.
Gestern, Dienstag, den 8. Mai 1928, nachmittags 4 Uhr, eröffnete der Vorsitzende des Bezirksverbandes, Herr Prof. Krausmüller, die Bezirksversammlung im Sauerschen Saal mit der Begrüßung des Referenten, Herrn Direktor Schüttler von der Handwerkskammer. Nach kurzen einleitenden Worten erteilte er Herrn Direktor Schüttler das
Nr. 6 Deutsche Demokratische Partei, Minister Help ach Wort, der folgendes ausführte: Baden;
Nr. 8 Linke Kommunistische Partei Ebner, Mechaniker, Isenburg;
Nr. 9 Reichspartei des Mittelstandes( Wirtschaftspartei), Dr. Rhode Frankfurt a. M.;
Nr. 10 Nationalsozialistische
München;
Arbeiter- Partei, Strasser
Nr. 11 Deutsche Bauernpartei, Karl Schuster in Rastenberg
( Württemberg);
Nr. 12 Völkisch- nationaler Blod, Rimba ch- Marburg; Nr. 15 Christlich- Nationale
Dorsch Wölfersheim;
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Bauern und Landvolkpartei,
Nr. 16 Volksrechtpartei( Aufwertungspartei), Oberlandesge: richtspräsident a. D. Dr. Best- Darmstadt;
Nr. 17 Evangelische Volksgemeinschaft( Evangelische Partei Deutschlands), Pfarrer Weidner- Ober- Lais; Nr. 18 Deutscher Reichsblock für Geschädigte, Buchhändler Schenk in Berlin;
Nr. 19 Alte Sozialdemokratische Partei, Redakteur Münch= Potsdam.
Die Reichsliste Nr. 7, Bayr. Volkspartei, Nr. 13, Hannover, und 14 fallen für Hessen aus. Die Liste 11, Deutsche Bauernpartei, hat für ihren Wahlvorschlag nicht die für einen Anschluß an die Reichswahlliste nötigen Unterschriften beigebracht. Die übrigen Parteien haben entweder die für einen gültigen Wahlvorschlag in Hessen nötigen 500 Unterschriften( wie die Evang. Volksgemeinschaft) vorgelegt, oder die zu einem Anschluß an die Reichsliste notwendigen 20 Stimmen beigebracht und gelten daher für zugelassen.
Wir haben demnach in Hessen mit 16 verschiedenen Wahlvorschlägen zu rechnen.
Die Stellung des Jungdeutschen Ordens zu den Wahlen.
Der Jungdeutsche Orden erörterte auf einer Tagung in Berlin das Verhalten des Jungdeutschen Ordens zur kommenden Wahl. Das Hochkapitel erklärte u. a. einmütig: Es besteht keine Hoffnung, daß Deutschland durch das gegenwärtige parteiistische System gesundet. Aber noch ist die Zeit der Wahlenthaltung nicht reif. Der Jungdeutsche Orden entsendet keine Vertreter in die Parlamente des Reiches und der Länder. Or: densbrüdern ist es nicht gestattet, bei den kommenden Wahlen zu kandidieren.
Stresemann, Shurmann, Kellogg.
Anläßlich der Ueberreichung der Ehrendoktordiplome weilten Stresemann und der amerikanische Botschafter Shurmann lektens in Heidelberg. Beide Staatsmänner hielten bei dieser Gelegenheit bedeutungsvolle Ansprachen als Kundgebung für die gemeinsame Friedenspolitik Deutschlands und der Vereinigten Staaten. Das Echo, das aus Frankreich zu uns herüber
Eine selbstverständliche Pflicht der Berufsvertretung eines Standes ist es, nicht nur zu akuten Fragen allgemein Stellung zu nehmen, sondern wenn eine neue Regierung antritt, dieser ein Programm, die Forderung des Standes zu übermitteln. Auch die Handwerkskammer hat nach der Regierungsneubildung so= fort die Verhandlungen aufgenommen und hat ein Programm ausgearbeitet, das mit dem Minister für Arbeit und Wirtschaft schon durchgesprochen ist und auf welches er schon im Landtag Bezug genommen hat. Trotzdem ist es nötig, auch durch Handwerkerversammlungen im Lande: 1. die Standesangehörigen zu unterrichten und 2. dieselben geschlossen hinter die Führer' zu stellen. Man sieht es an den Landwirten, die sich auf den Ruf ihrer Führer zu machtvollen Kundgebungen vereinigt haben, um ihre Forderungen durchzudrücken. Daß diese Kundgebungen der Landwirtschaft im Gegensatz zu denen des Handwerks so start besucht sind, liegt daran, daß die Landwirtschaft ein einheitlicher Berufsstand ist, während im Handwerk rund 60 verschiedene, zum Teil sich wirtschaftlich bekämpfende Stände vereinigt sind. Es ist ja langweilig, immer wieder auf die Oris, immeand ganisation zurückzukommen, aber es ist notwendig, immer wieder davon zu sprechen, denn es ist nachweisbar, daß werk schon Schaden gelitten hat, weil die Handwerker nicht so einheitlich und straff organisiert sind wie andere Berufsstände.
Wohl mag im Handwerk Erbitterung herrschen, veranlaßt vor allem durch die drückenden Steuerlasten und Abgaben. Aber jeder bedenke, wir haben einen verlorenen Krieg und einen Massentonturs, die Inflation, hinter uns. Die Tatsachen haben nun bewiesen, daß an diesen Mißständen, die alle treffen, festgefügte Organisationen mit dem nötigen Rückhalt für ihren Stand helfend haben eintreten können. Besonders die Arbeitnehmerschaft hat im jahrzehntelangen Kampf eine überaus machtvolle Organisation geschaffen. Das könnte das Handwerk auch, denn in Deutschland gibt es
1% Million selbständiger Handwerksbetriebe,
die 3 Millionen Arbeiter beschäftigen. In Hessen hat die Gewerbesteuerveranlagung 1926 38 300 selbständige Handwerksbetriebe, in denen insgesamt 105 000 Menschen arbeiten, ge= zählt. Das sind 9,5 Prozent der hessischen Gesamtbevölkerung. Eine Macht, auch unsere Forderungen durchdrücken zu können.
In den hessischen Handwerksbetrieben sind über 40 Millionen Mark investiert, die sich auf die Landesteile wie folgt ver= teilen:
Oberhessen 10 900 Betriebe mit 9 000 000 M, Starkenburg 16 700 Rheinhessen 10 700
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18 800 000 M 15 300 000 M.
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Diese Zahlen beweisen, daß das Handwerk gleichfalls verlangen darf, gehört und berücksichtigt zu werden.
Als nun die Landwirtschaft mit ihren Forderungen die Regierung veranlaßt hat, zu Hilfmaßnahmen zu schreiten, die andere Berufsstände schädigen und benachteiligen, meldete sich der Reichsverband des Handwerks und Geweroes mit seinen Forderungen:
Bereinfachung der Steuergesetzgebung,
Sparmaßnahmen in allen Verwaltungen, Einschränkung der sozialen Lasten,
die, selbst wenn Rücklagen ja nötig sind, in den wenigen Jahren nach der Inflation nicht Hunderte von Millionen in den Ver= sicherungsinstituten zwangsläufig zu sammeln brauchten.
Restlose Einführung der Reichsverdingungsordnung, Ablehnung von Krediten für einzelne Stände, Re: giebetriebe usw.
Diese Forderungen hat die Hessische Handwerkskammer für hessische Verhältnisse umgearbeitet und spezialisiert und im Der Punkt 1 gibt Handwerkerprogramm zusammengestellt.
der Erwartung Ausdrud, daß die Spiken des hessischen Handwerks vom hessischen Staat anerkannt werden.
Punkt 2. Die Gewerbesteuer muß als ungerechte Sondersteuer verschwinden. Wenn diese Forderung auch in absehbarer Zeit noch nicht verwirklicht werden kann, muß man sie doch bei programmatischen Erklärungen immer wieder aufstellen. Bis zur Beseitigung dieser Steuer ist dieselbe umzustellen auf eine allgemeine Berufssteuer, alle müssen die Lasten tragen, die Defizite von 1,5 Mill. in Mainz, 1,2 Mill. in Darmstadt und die von Worms und Gießen und anderen Städten dürfen nicht einfach durch Erhöhung der Gewerbe- und Grundsteuer ausgeglichen werden. Besonders in Mainz und Darmstadt haben in letzter Zeit die Steuerzahlerschichten einmütig zusammengestanden und die Forderungen der Stadtverwaltungen erfolg= reich bekämpft.
Die Handwerkskammer hat es nunmehr erreicht, daß bei der Beratung des Gewerbesteuergesetes im Finanzausschuß des Landtags seine Forderung auf allgemeine Berufssteuern anerkannt wurde, so daß nunmehr nur noch der Landtag zuzustim= men hat, um auch die sogenannten freien Berufe, Rechtsanwälte, Aerzte, Dentisten, Geometer usw. zur Gewerbesteuer heranzuziehen.
Weiterhin ist vom Finanzausschuß dem zugestimmt wor= den, daß in Zukunft die Steuersäge für das Ertragskapital im Gegensatz zu denen für das Anlage- und Betriebskapital möglichst niedrig zu halten sind. Das Handwerk kommt bei dieser Regelung günstiger weg.
Diese Punkte sind von der Handwerkskammer im Finanzausschuß durchgedrüdt. Jezt müssen die Vertreter des Handwerks im Landtag dort ein gleiches tun.
Auf die Reichsgesetzgebung im Steuerwesen hat die Organisation des hessischen Handwerks nur insoweit Einfluß, als sie in Gutachten zu steuerlichen Maßnahmen beim Reichsverband Stellung nehmen kann.
Viele alte Handwerker mit geringem Einkommen müssen auch noch Sondersteuer( Hauszinssteuer) abführen. Das Handwerk fordert, daß alle alten und schwachen Personen mit einem Einkommen von weniger als 5000 M von der Sondersteuer be= freit werden. Weiterhin wird verlangt, daß der neue§ 33 des Mieterschutzgesetzes, dessen Durchführung den Länderregierungen überlassen ist und der besagt, daß mit Hilfe öffentlicher Gelder nach 1918 erbaute Häuser unter das Mieter- Schutzgesetz gestellt werden können, in Hessen keine Anwendung findet. Das prizum vate Kapital würde dann überhaupt nicht mehr bauen Schaden vieler Handwerksbetriebe.
Der Punkt 3 beschäftigt sich mit den Regiebetrieben, mit Gefängnis- und Strafanstaltsarbeiten, die doch nichts einbringen. Gefordert wird ein Gesetz, daß die Einrichtung von


