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Nr. 95.

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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr.- Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

41. Jahrg.

Politische Tagesschau.

Die deutsche Delegation für die Völkerbundsratsfizung, die in Lugano stattfindet, verläßt am 7. Dezember Berlin. Den Reichsaußenminister Dr. Stresemann begleiten Staatssekretär von Schubert, Ministerialdirektor Gaus, Geheimrat Weiz­jäder, Gesandter Freytag und ein Vertreter der Ostabteilung.

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Der Reichstag führte die Aussprache über die Not der Landwirtschaft zu Ende und vertagte sich auf 11. Dezember. Die erste Lesung des Haushaltsplanes für 1929 erfolgt erst nach Weihnachten.

Die Reichstagsfraktion der Wirtschaftspartei hat an die Reichsregierung eine Anfrage gerichtet, welche Schritte sie ge­gen die ungesetzlichen Schritte des Ministers Hirtfiefer in der ungerechtfertigten Unterstügung der Ausgesperrten im Eisen­tonflikt zu tun gedente.

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Der deutsche evangelische Kirchenausschuß hat beschlossen, den dritten deutschen evangelischen Kirchentag, die verfassungs­mäßige Tagung der obersten Kirchenvertretung des deutschen Brotestantismus, Ende Juni 1930 in Nürnberg abzuhalten.

Der Beschluß sämtlicher Gewerkschaften der österreichischen Bostangestellten, in passive Resistenz zu treten, ist Montag Nacht zur Durchführung gelangt.

Eine Krisis ist innerhalb der Baneuropäischen Union" aus: gebrochen. Der Vorsigende der Union, Graf Coudenhove- Ca­lergi, weigere sich, über die ansehnlichen Mitgliederbeiträge und Spenden Rechnung abzulegen. Er beansprucht das Recht, diese Gelder ohne jede Kontrolle zu verwalten. U. a. hat auch Reichs­tagspräsident Löbe aus diesen Gründen seinen Austritt er:

llärt.

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Die französische Kammer nahm das Budget des Kolonial: ministeriums an. Kolonialminister Maginot wies darauf hin, daß die Regierung beabsichtige, die deutschen Naturalleistungen zur Ausbeutung der Kolonien heranzuziehen.

Severings Schlichtertätigkeit.

Nachdem Reichsinnenminister Severing am Montagabend in Dortmund eine Aussprache mit Generaldirektor D. Vögler von den Vereinigten Stahlwerken gehabt hat, ist er am Diens­iag in Essen mit Vertretern des Deutschen Metallarbeiterver­bandes und in Duisburg mit den christlichen Metallarbeiterge= werkschaften in Fühlung getreten.

Am Dienstagnachmittag fand in Düsseldorf eine Bespre= dung mit dem Arbeitgeberverbande Nordwest statt. Der Innen­minister wird daraufhin am Mittwoch nach Berlin zurückkehren. Man nimmt an, daß er im weiteren Verlaufe seiner Prü­fungsarbeiten die Parteien nochmals einzeln und später gege= benenfalls gemeinsam zu Besprechungen laden wird. Bei dem großen Umfang des Materials, das ihm von den Parteien über ben gesamten Fragenkomplex( Lohn, Arbeitszeit, Selbstkosten und Erlöse) unterbreitet worden ist, rechnet man damit, daß der Spruch faum vor vierzehn Tagen gefällt werden wird. Dienstagnachmittag fand auch eine Besprechung der freien Ge­werkschaften in Essen statt, in der die Richtlinien für die Ver= handlungen mit Severing festgestellt wurden.

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Am

Die Ankurbelung des rheinisch- westfälischen Industriegebie­tes erfolgt überall in beschleunigtem Tempo. In den Betrieben der weiterverarbeitenden Industrie sind am Dienstagmorgen ins­gesamt 80 000 Arbeiter wieder eingestellt worden. Jm Duisbur ger Bezirk konnten bereits am Montagvormittag wieder die ge­jamten Hochofenanlagen in Gang gesetzt werden.

Heute Wahl des österreichischen Präsidenten.

Der Beschluß der Sozialdemokraten in letzter Stunde für die Wiederwahl des Bundespräsidenten Hainisch auf eine Amts­dauer von vier Jahren einzutreten, hat sämtliche Voraussagen und Berechnungen für die heutige Präsidentenwahl über den Haufen geworfen. Die Christlichsozialen, völlig überrascht, er­flären, daß sie an ihrem Kandidaten, dem christlichsozialen Ab­geordneten Miklas, festhalten und gegen Hainisch stimmen wür­den. Für Hainisch sind zur Stunde die Sozialdemokraten, der Landbund und die Großdeutschen. Wie im Jahre 1920 ist auch diesmal eine Ueberraschung bei den Präsidentenwahlen nicht ausgeschlossen.

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Postschedionto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Mittwoch, den 5. Dezember 1928

Hauptverhandlung darf ein Verteidiger bestellt werden. Nach den Bestimmungen des Militärrechts im besetzten Gebiet muß dieser Verteidiger aber ein Franzose sein. Deutsche werden wegen Gefährdung der Staatssicherheit abgelehnt. Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, hat die französische Krimi­nalpolizei in der Angelegenheit auch drei Franzosen verhaftet, darunter einen Offizier.

Das ganze Theater, was in Mainz von den Franzosen aufgeführt wird, scheint dazu dienen zu sollen, gewisse Drud­mittel gegen die deutschen Richter im jetzt beginnenden In­dustriespionageprozeß gegen französische Agenten in der Hand zu haben.

Der Industriespionageprozeß.

Die von dem amtlichen französischen Industrie- und Werks­spionagedienst der französischen Sureté( Geheimpolizei) in den Werken Ludwigshafen und Oppau der J. G. Farbenindustrie mit Hilfe deutscher Agenten betriebene Industriespionage, dic der gestern begonnenen Verhandlung gegen die ermittelten Agenten der Sureté zugrunde liegt, dürfte hinsichtlich des Um­fanges wie der Größe des angerichteten Schadens und nicht zu= lett hinsichtlich der Gefährdung der deutschen Wirtschaft einer der größten Werksspionagefälle sein, dem man bisher in Deutsch­land auf die Spur gekommen ist.

Hat doch die französische Sureté versucht, durch ihre Agenten in außerordentlich wichtige Gebiete der chemischen Industrie Deutschlands, vor allem in das Hochdruckverfahren, der Kohle­verflüssigung und Herstellung des synthetischen Benzins einzu­dringen.

Die französische Industriespionage war am Werke, neue wichtige und erfolgversprechende Betriebsgeheimnisse auf Ge= bieten, die für die deutsche Wirtschaft weittragende Bedeutung haben, auszukundschaften und der französischen Industrie aus­zuliefern.

Die Hauptschuldigen sind die Auftraggeber: Der Leiter der gesamten französischen Werks- und Wirtschaftsspionage im be­setzten Gebiet, Nordes in Paris, der bisherige Chef des Spionagedienstes in Ludwigshafen, Kapitän Lauriquet, der Chef der Sureté in Ludwigshafen, Kapitän Joulin, und der Sureté- Beamte Stoessel.

Diese Herren genießen den Schuh des Rheinlandabkommens und sind als französische Besagungsangehörige der deutschen Gerichtsbarkeit entzogen.

Die auf der Anklagebank sitzenden Deutschen sind ihre Opfer. Der französische Industrie- und Werksspionagedienst hat sie skrupellos für seine Zwecke zum Schaden Deutschlands ausgenutzt. Die Auftraggeber sind in Sicherheit, während die verbrecherische Handlungsweise ihrer Agenten jetzt die gerechte Sühne finden mußt. Ihre Schuld besteht darin, daß sie nicht genügend moralische Widerstandskraft gegen die Verlockungen ihrer Verführer aufbrachten und daß sie aus schnöder Gewinn­sucht Verrat übten.

Langjames Tempo im hessischen Landtag.

Am Montag mit vielen Reden eröffnet, trat der Landtag gestern in seine Arbeit ein. Die Tatsache aber, daß der hessische Landtag in vierstündiger Sizung von der über 70 Punkte um= fassenden Tagesordnung nur drei erledigte, zeigt, daß unendlich viel geredet wurde. Der 1. Beratungspunkt war eine Regierungs­vorlage über die Besteuerung des Wandergewerbes. Das Ge­setz wird entsprechend den Ausschußbeschlüssen angenommen.

Wie in allen früheren Jahren so gibt es dann heftige Aus­einandersetzungen über sozialistische und kommunistische An­träge auf Gewährung von Barbeihilfen an Erwerbslose, Sozial-, Invaliden- und Kleinrentner. Schließlich wird ein sozialdemo­kratischer Antrag angenommen, nach dem an alle Unterstützungs­empfänger eine Winterbeihilfe von durchschnittlich 40 Mart gezahlt werden soll.

Unglaubliche Zahlen!

Für die allgemeine Verwaltung brauchte Deutschland in Reich, Ländern und Gemeinden im Jahre 1913 insgesamt 483,6 Millionen Mark. Jm Rechnungsjahre 1925-26 kostete uns diese Verwaltung 789,4 Millionen Mark. Auf den Kopf der Bevöl­ferung gerechnet, kostete die Verwaltung eines jeden Deutschen 1913 8,34 Mark und 1926 12,65 Mart, was einer Steigerung von 51,1 Prozent entspricht. Es ist nur schade, daß das deutsche Volk nur merkt, daß es 50 Prozent teurer, aber nicht, daß es besser verwaltet wird.

die verhafteten Mainzer ohne Rechtsbeistand. Kopf der Bevölkerung. Da aber faſt ausschließlich die deutschen

Das Verfahren gegen die wegen angeblicher Spionage berhafteten Deutschen ist so weit abgeschlossen, daß in den nächsten Tagen die Militärstaatsanwaltschaft Anklage auf schwe= ren Einbruchsdiebstahl und militärische Spinonage erheben Der Angeklagten wird während der ganzen Zeit der Un tersuchung kein Rechtsbeistand bewilligt. Erst am Tage der

mind.

Unser Wohnungswesen fostete uns 1913 nur 33,9 Millionen oder 0,59 Mark auf den Kopf der Bevölkerung. Im Jahre 1926 kostete es uns nach den Angaben des statistischen Jahrbuches 1928 sage und schreibe 1,09 Milliarden oder 17,38 Mark auf den Hausbesitzer die zuletzt genannten Kosten aufbringen müssen und da man annehmen kann, daß jeder zehnte Deutsche Hausbe­sitzer ist, beträgt deren Anteil an der Aufbringung der Kosten für das Wohnungswesen pro Hausbesitzer über 170 R.-M. jähr­lich.

( Gießener Tageblati)

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Nummer 96

Warum Reichszuschuß

an die Sozialversicherung?

Die Ueberspannung der deutschen Sozialversicherung ist be= kannt. Einige Zahlen aus der jüngst erschienenen Ausgabe des statistischen Jahrbuches für das Deutsche Reich 1928 sollen uns ein klares Bild davon geben. Es betrugen die Gesamteinnahmen der deutschen Sozialversicherung 1913 1,55 Milliarden Mark, 1926 dagegen 3,37 Milliarden R.-M. Von dieser Summe ent­fielen auf Beiträge 2,93 Milliarden, auf Reichszuschuß 208 Mil­lionen und auf Zinsen 229, 6 Millionen Mart. Im Jahre 1913 waren die Bestandteile 1,29 Milliarden Beiträge, 58 Millionen Reichszuschuß und 199 Millionen Zinsen. Der Ueberschuß betrug 1926 über eine halbe Milliarde. Die Frage erhebt sich hier, warum das Reich über 200 Millionen Zuschuß zahlt, trotzdem ein so hoher Ueberschuß erzielt wird. Diese 200 Millionen wür den im Interesse der Wirtschaft viel besser zu Steuersenkungen benutzt.

Glückliches Ungarn!

In Ungarn wird am 1. Mai 1929 der freie Wohnungsver­fehr bei 100prozentiger Friedensmiete wieder eintreten. Der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen erwiderte auf eine sozialistische Interpellation:

,, Der Staat oder die Gemeinde haben nicht die Aufgabe, Wohnungen zu bauen. In der bürgerlichen Gesellschaft und nor­malem Staatsleben ist eine derartige Sozialisierung unmöglich! Wir müssen auch hier zum Prinzip des Privateigentums zu­rückkehren. Seit 1918 sind bereits zehn Jahre verflossen, und noch heute sind die im Kriege aufgebauten Schranken gegen Haus­besitz und Privateigentum nicht gänzlich abgebaut. Solange auf diesem Gebiete das Privateigentum nicht hergestellt ist, gibt es keine normalen Zustände".

Bericht über die wirtschaftl. Lage des deutschen Handwerks im Monat November 1928.

Vom Reichsverband des deutschen Handwerks wird uns ge= schrieben:

Im November pflegt der Geschäftsgang des Handwerks stets nachzulassen, vorwiegend beeinflußt durch den Rückgang der Tä­tigkeit auf dem Baumarkt; andererseits fehlen aber auch noch die Anregungen, die beispielsweise im Dezember in der Regel durch das Weihnachtsgeschäft ausgelöst werden. Auch in diesem Jahre ist die Beschäftigung im Berichtsmonat unter dem Ein­fluß der Jahreszeit allgemein gesunken und zwar dieses Jahr verstärkt durch den allgemeinen Rückgang der Konjunktur. In den westlichen Kammerbezirken beeinflußte vor allem der Ar­beitskampf in der Eisengruppe Nordwest die Lage des Hand­werks nachteilig. Abgesehen von dem verringerten Absatz in den Handwerksberufen, der durch die Massenentlassungen be= dingt ist, machen sich auch die Auswirkungen dieses Kampfes durch mangelhafte Belieferung des Handwerks und damit ver­zögerter Arbeitsleistung im Handwerk unliebsam fühlbar. Jm Bauhandwerk ist trotz der verhältnismäßig günstigen Witte­rung, die an sich die Möglichkeit einer etwas länger dauernden Tätigkeit gab, eine ziemlich erhebliche Geschäftsstille einge­treten. Lediglich mit einzelnen Bauten für die öffentliche Hand war das Handwerk noch beschäftigt. Von seiten der In­dustrie und Privatwirtschaft wurden nach Beendigung der im Sommer erteilten Aufträge keine Neuarbeiten vergeben. Für Handwerke, deren Saison vorwiegend in den Berichts­monat fällt, wie beispielsweise für das Schneiderhandwerk, wirkte die unverhältnismäßig warme Witterung hemmend. Das diesjährige Herbstsaisongeschäft blieb weit hinter dem des Vorjahres zurüd. Gute Beschäftigung meldet von den Saison­handwerken lediglich das Elektro- Installateurhandwerk, das vor allem durch die Ausdehnung der Lichtreklame zahlreiche Auf­träge erhielt.

Die an die diesjährige günstige Ernte geknüpften Hoff­nungen, daß die Landwirtschaft in größerem Umfange Aufträge erteilen würde, haben sich noch immer nicht erfüllt. Im Gegen­teil, die Landwirte beschränken sich in ihrer Auftragserteilung nach wie vor auf die unbedingt erforderlichen Reparaturen.

Als Folge der zahllosen Streifs und Aussperrungen hat die Schwarzarbeit im Handwerk außerordentlich zugenommen. Auch die ständige Zunahme der Waren- und Kaufhäuser engt beständig den Absahmarkt des Handwerks weiter ein. Nach Meldung der Kammer Dortmund benutzen die dortigen Kon­sumvereine die Aussperrung zu einer großzügigen Propaganda in der Presse.

Die Lage auf dem Geld- und Kreditmarkt ist weiter äußerst angespannt geblieben. Die Bezahlung der Rechnungen ist denk­bar schlecht, selbst von Behörden gehen die Zahlungen nur lang­sam und stockend ein. Abgesehen von Materialmangel bei den eisenverarbeitenden Gewerben als Folge des Kampfes in der Eisenindustrie werden Schwierigkeiten in der Rohstoff- und Materialbeschaffung nicht gemeldet. Verschiedentlich liegen Berichte über Preissteigerungen für Kohle, Zinn und Zink vor. Außerdem ist eine Erhöhung der Schlachtviehpreise für Schweine eingetreten. Der Arbeitsmarkt hat sich für die meisten Hand­werksberufe verschlechtert. Lediglich nach Gold- und Silber­schmieden und Elektro- Installateuren bestand eine stärkere Nachfrage.

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