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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­Jendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

41. Jahrg.

Politische Tagesschau.

Reichskanzler Müller wird heute abend mit dem fahrplan­mäßigen Zuge nach Genf abreisen und, wie bereits gemeldet, in Baden- Baden mit Dr. Stresemann zusammentreffen.

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Reichsminister v. Guérard wird an der am 8. und 9. Sep­tember in Mainz stattfindenden Huldigungsfahrt zum Rhein des ADAC., an dem auch der Deutsche Motorsportklub teil­nimmt, als Vertreter der Reichsregierung teilnehmen.

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Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Postichedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Samstag, den 1. September 1928

Der österreichische Ministerrat hat den Beitritt zum Kollegg­pakt beschlossen und den Justizminister beauftragt, Vorbereitun= gen für eine Amnestie zu treffen, die anläßlich des siebenjäh­rigen Bestehens der Republik gewährt werden soll.

Argentinien, Brasilien, Chile und Venezuela werden dem= nächst dem Kelloggpakt beitreten.

Der litauische Ministerpräsident Woldemaras ist gestern in Genf eingetroffen. Wie verlautet, hat Litauen nicht die Ab­ficht, den polnisch- litauischen Konflikt anläßlich der General: debatte über den Tätigkeitsbericht des Generalsekretärs vor die Bersammlung zu bringen.

Der deutsche Gesandte in Reval teilte dem estnischen Mi­nister des Aeußern mit, Deutschland habe den estnischen Vor­schlag, betreffend den Beginn der Handelsvertragsverhandlun= gen, angenommen.

Ein vorläufiger Ueberblick über die im megilanischen Kon­greß herrschende Stimmung läßt erkennen, daß über 60 Pro­zent der Mitglieder für die Wahl des mexikanischen Gesandten in London, Gilberto Valenzuela, zum provisorischen Präsidenten als Nachfolger des am 1. Dezember zurücktretenden Präsiden ten Calles jind.

Stinnes verhaftet.

Vor einigen Wochen war der frühere Privatsekretär von Hugo Stinnes, von Waldow, verhaftet worden, weil er 30 Mil­lionen Kriegsanleihe- Neubesitz als Altbesitz angemeldet hatte. Es lag die Vermutung nahe, daß von Waldow die Mittel zu dem Ankauf der Kriegsanleihe von Hugo Stinnes erhalten habe zu einer Zeit, in der Stinnes bereits in seinen Geldmitteln aufs äußerste beschränkt war. Daraus ergab sich der Verdacht, daß Stinnes von dem Zweck der Verwendung der 250 000 Mart wußte, die er von Waldow übergab.

Bei den früheren Vernehmungen hatte Stinnes jede Mit­wisserschaft von sich gewiesen. Bei der letzten Vernehmung aber fonnte er seine Behauptungen nicht mehr in vollem Maße auf­rechterhalten. Er wurde von Waldow und dem gleichfalls ver­hafteten Direktor einer Tochtergesellschaft des Stinneskonzerns, der Eisen- und Stahl- Uebersee- G. m. b. H., Rothmann, gegen­übergestellt, und dabei ergaben sich neue schwere belastende Momente gegen Stinnes, die zu seiner Verhaftung führten.

*

Woher aber 20 Milliarden Differenz?

Es scheint uns notwendig zu sein, im Zusammenhang mit der Affäre Stinnes einige grundsätzliche Bemerkungen zu dem Riesenbetrug in Kriegsanleihen zu machen. Selbst der Fall von Waldow- Stinnes erklärt noch nicht die enorme Differenz in der Höhe der Altbesitzanmeldungen und der tatsächlichen An­nahme. Es scheint notwendig, so schreiben die F. N.", daß sich hier das Reichsfinanzministerium einmal gegenüber der

Finanz- Allianz London- Paris.

Die englisch- französische Zusammenarbeit, die in den letzten Wochen auf politischem, militärischem und maritimem Gebiete sichtbar geworden war, soll eine weitere sehr bedeutungsvolle Ausdehnung auf finanziellem Gebiete erfahren. 3. 3. befin= den sich Vertreter der Bank von Frankreich in London, wo sie mit Vertretern der Bank von England an einer Konvention arbeiten, die sich auf die gemeinsame Verteidigung des Franken und des Pfund Sterling gegenüber dem Dollar bezicht.

Verwaltungsreform in Hessen.

Darmstadt. Der hessischen Verwaltungsreform, die der Hessische Innenminister in Aussicht gestellt hat, wird innerhalb und außerhalb Hessens mit Spannung entgegengesehen. Der Minister Leuschner äußerte sich dazu wie folgt:

In weiterer Durchführung der Verwaltungsreform wird im Herbst dieses Jahres der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Rechtsverhältnisse der Gemeindebeamten, dem Landtag zur Beratung und Beschlußfassung vorgelegt werden. Ein Vor­entwurf hierzu ist seinerzeit den Interessenten zur Stellung­nahme zugegangen; das hierdurch gewonnene Material wird bei dem endgültigen Entwurf nach Möglichkeit verwertet. Es ist beabsichtigt, ein Gesetz zu bringen, das den Bedürfnissen der neuen Zeit entspricht und die berechtigten Wünsche der Gemein­debeamten und der Kommunen erfüllt. Insbesondere will der Entwurf für die Besoldung der Gemeindebeamten eine Rege­lung finden, die schon des öfteren geäußerten Auffassungen des Landtages entspricht, und ferner Vorkehrungen treffen, die einer willkürlichen Entlassung von Gemeindebeamten entgegenwir= ten. Hervorzuheben ist, daß den Gemeindebeamten in Fragen seiner Besoldung in Zukunft ein Klagerecht zustehen soll. Fer­ner bringt der Entwurf die Bestimmungen über die Disziplinar­verhältnisse in Einklang mit den modernen Auffassungen in dieser Frage.

Im Anschluß an die Neuregelung des Gemeindebeamten­rechts soll dann die Vorlage einer einheitlichen Gemeindeord­nung erfolgen, die an die Stelle der zurzeit geltenden Städte und Landgemeindeordnung zu treten hätte. Die Vorarbeiten hierzu werden mit Nachdruck gefördert. Je nach Fertigstellung werden auch die weiteren Verwaltungsgesetze dem Landtag vor­gelegt werden. In der Gemeindeordnung wird zu beachten sein, daß der modernen Entwicklung ausreichend Rechnung ge­tragen und die Möglichkeit von Eingemeindungen tunlichst er= leichtert wird. Bei der Neuregelung der Rechtsverhältnisse der staatlichen Verwaltungsbezirke und der Kommunalverbände wird auch die Frage der Abgrenzung dieser Betriebe anschließend nach eingehender Prüfung aller Verhältnisse Gegenstand der Beschlußfassung sein müssen. Auch die Verwaltungsrechtspflege wird im Rahmen der Verwaltungsreform und der Billigung eine Ueberarbeitung zu erfahren haben.

Die Neuordnung der Verwaltung soll einer gesunden Ent­widlung im Leben von Staat und Volk die Wege ebnen.

30 Deutsche

für die französische Fremdenlegion.

Anfang Juli wurde in Kreutz a. d. Ostbahn der österreichische Staatsangehörige Franz Meŋer wegen Zechprellerei und Wer­bung von Deutschen für die französische Fremdenlegion verhaftet. Aus Briefen an die französische Botschaft ging hervor, daß er bereits 30 Deutsche für die Fremdenlegion geworben hatte. Das Große Schöffengericht in Schneidemühl verurteilte Meŋer wegen Betruges und Werbung von Deutschen zum ausländischen Heeres: dienst zu nur 6(!) Monaten Gefängnis.

Oeffentlichkeit äußert. Es müssen noch andere Fälle auf anderen Tschechen in Berlin

Gebieten vorliegen. Dabei ist beachtlich, daß die Auslandspresse Diese Vorgänge mir großer Aufmerksamkeit verfolgt und im Auslande erklärt wird, daß Betrügereien, namentlich nach Hol­land, Frankreich, möglicherweise auch nach Desterreich und Po­len führen. Material dafür dürfte wohl bei der deutschen Bot­schaft in Paris und bei der Pariser Polizei vorhanden sein. Der Reichsfinanzminister Dr. Hilferding würde gut daran tun, sich um diese Dinge einmal zu kümmer und gleichzeitig auch einmal der Oeffentlichkeit erschöpfend darüber Auskunft zu geben, wie ein Differenzbetrag von 20 Milliarden bei der An­meldung von Altanleihebesih eintreten konnte.

Die 51. Sagung des Völkerbundsrates ist Donnerstag vormittag in Gens mit einer Geheimsizung be­gonnen worden. Den Vorsitz führte der finnische Außenmini­ster Procope. Die Tagesordnung umfaßt lediglich Punkte zweiter Ordnung. Die wichtigen Fragen, vor allem der polnisch­litauische Streit, sind auf die nächste Woche verschoben worden, da man die Anwesenheit Briands und des Reichskanzlers Mül­ler abwarten will.

Professor Werner- Gießen,

der ehemalige langjährige Reichstagstagsabgeordnete, ist aus der Deutschnationalen Partei ausgetreten.

Reichsdeutsche in Prag.

Wo bleibt der Deutschen Selbstachtung?

Vor kurzem in Berlin. 150 tschechische Arbeiterturner be­suchten die dortigen Arbeitersportler. Schon beim Begrüßungs­abend waren Saal und Galerie überfüllt, um den Tschechen ein Huldigungsfest zu bereiten. Am Sportfest selbst nahmen Tau­sende von Zuschauern teil, es herrschte ungeheure Begeisterung. Besonders eindrucksvoll war der Abzug der tschechischen Turner: Fadelzug durch die Straßen Berlins, tschechische Nationallieder, ,, Nazdar"-Rufe der Berliner, tschechische Hymne auf dem Bahn­

hof.

( Gießener Tageblatt)

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Vor einem Jahr in Prag. Viele Hunderte reichsdeutscher Turner waren zur Arbeiter- Olympiade dorthin gekommen. Sie zogen mit klingendem Spiel durch die Straßen, aber feine Hand rührte sich, und beim Festzug, an dem die Reichsdeutschen teil­nahmen, war von Begeisterung nicht viel zu merken. Das Don­nerwetter ging erst los, als die deutschen Besucher weg waren; die tschechische Presse erregte sich heftig über das provokatorische Heilgeschrei, das die Straßen Prags erfüllte. Was hätte sie erst geschrieben, wenn die deutschen Turner am Bahnhof das Deutschlandlied gesungen hätten?

Die ,, Bohemia", der wir diese lehrreiche Gegenüberstellung entnehmen, wirft dazu die Frage auf: Wird das Echo in Prag dem festlichen Empfang in Berlin entsprechen, oder werden sich die Tschechen nicht, wenn sie von diesen stürmischen Huldigungen hören, schließlich doch nur ins Fäustchen lachen?

Nummer 69

Wehrgeist.

Auf dem Alzeyer Bauerntag( 8./9. 7. d. J.) hielt Dr. Werner Best, Mitglied der Landes­leitung des Nationalblods in Hessen, zur Weihe der Wimpel der Jungbauerngruppen Lonsheim und Flonheim folgende Ansprache:

Wenn unsere Ahnen, germanische Frei- und Edelbauern, sich zum Thing versammelten, um über Ordnung und Schutz des Gemeinwesens zu raten, erschien der freie Bauer in Wehr und Waffen. Ein Parlament von Kriegern, eine Heerschar von sor­genden Hausvätern, so vereinigte diese Volksgemeinschaft in Rat und Tat, in Verantwortlichkeit und Wehrkraft ihrer Träger eine Macht, die die deutschen Stämme in den Stürmen der Völ­ferwanderung den Boden von ganz Europa erobern ließ: eine Tat, deren befruchtende Wirkung erst das Wiederaufleben der anderen Völker ermöglichte, die aus deutschem Blute, durch ihren germanischen Adel groß geworden heute dem deutschen Volke nach dem Leben trachten.

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Die Zeiten wendeten sich: nachdem unendliche Kräfte in die Fremde verströmt waren, hatten die Deutschen sich im eigenen Lande feindlicher Angriffe zu erwehren. Wieder waren es ge­rade die bäuerlichen Gemeinschaften, in denen sich der Wille zur Selbsthilfe, der Wehrgeist des Volkstums verkörperte. Wenn von Bauernkriegen die Rede ist, so denkt nicht immer nur an jene unglückliche nationale Revolution, die fehlschlug, weil die verantwortlichen Stände sich ihr versagten. Denkt an die Dith­marscher Bauern, die bei Hemmingstedt das Heer des Dänen­fönigs vernichteten; ihr Sieg war die Frucht höchsten Opferwillens für die Freiheit: sie rissen die Dämme ein und gaben ihre Aecker dem Meere preis. Das Land ward Meer, doch es ward frei"! Denkt an die Schweizer Bauern, vor deren Streichen bei Murten und Nanzig die Panzerreiter Karls des Kühnen in den Sand sanken! Denkt an die wechselvollen Kämpfe der Tiroler Bauern! Und denkt an den siegreichen Kampf des Kärntener Landvolks, das nach diesem verlorenen Kriege aus eigener Kraft die serbischen ,, Sieger" aus dem Lande jagte und Kärnten deutsch erhielt.

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Warum ich auch hier von diesen geschichtlichen Beispielen von Selbsthilfe und Wehrgeist deutscher Bauern spreche? Weil wir in einer Zeit leben, die nicht nur den meisten Menschen das Rüdgrat gebrochen hat, die auch den wenigen, in denen noch Trotz und Treue zum Volkstum und zur Freiheit leben, die Seele aus dem Leibe reißen möchte, daß nur noch das feige, faule, gefräßige Tier übrig bliebe, Was ist aus dem, Thing" der wehrhaften Freibauern geworden, die ihren Gemeinwillen aus eigener Kraft, notfalls mit dem Schwerte zu verwirklichen gewohnt waren? Eine spießbürgerliche Protestversammlung unter Polizeiaussicht, über deren Worte und Papierergüsse die wirklichen Machthaber lachen. Der äußere Feind, dem die jahr­hunderte alte Furcht vor der deutschen Volkskraft in den Kno­chen sitzt, der Feind kannte unsere Kraft( und unsere Schwä­chen) immer besser als die Deutschen selbst, hat uns die äuße= ren Waffen genommen. Die Machthaber, in deren Hand heute unsere Staatsmaschine liegt, verhindern aus ihrer individua­listisch- pazifistischen Grundeinstellung heraus wie aus Angst um ihre Herrschaft. mit rechtlichen Fesseln jede Vorbereitung einer Erhebung. Viele von ihnen gingen lieber mit dem äußeren Feind gegen uns, als daß sie ihre Herrschaft über uns schmälern ließen.

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Wir wissen, daß wir nicht von heute auf morgen eine Wende erzwingen können. Wer am entschiedensten sein Ziel verfolgt, ist am sorgsamsten in der Wahl seiner Mittel. Radikalismus ist Sache des Ziels, nicht bestimmter Mittel. Heute gilt es eins: in den gesunden Teilen des Volkes und besonders der Jugend den Geist der Selbsthilfe und der Wehrhaftigkeit wachzuhalten, den Willen zur Freiheit und zum Siege. Die großen Kämpfe der Zeit sind ja im tiefsten eine geistige Spannung; der wird siegen, der seine Geistesrichtung rein und ungebrochen erhält und be­reit ist, alles für ihren Sieg einzusehen.

Fahnen und Wimpel waren uns von je Kampfzeichen, an denen die Ehre der Schar hing, die darunter marschierte. Die Ehre einer kämpfenden Schar aber ist, nicht nachzugeben, bis der Kampf ausgefämpft ist, so oder so.

Die Wehrwölfe des 30jährigen Krieges, eine Kampfgemein­schaft der niedersächsischen Bauern gegen landfremde Plünderer und Bedrücker, wir würden sie heute eine Selbstschukorgani­sation oder Heimatwehr nennen, setzten sich als Wahrspruch das zuversichtliche Wort: Helfet euch selbst, so helfet uns unser Aber Herre Gott". Wir nehmen das Wort auch für uns an.

es mag fallen wie es will, mag unsere Hoffnung noch so ge­ring sein, den Stolz und Trotz soll uns keiner aus dem Herzen reißen, den die niederdeutschen Bauern in die Worte faßten: ,, Lever dod als Stlav!" So weiß ich den beiden Fähnlein und den jungen deutschen Bauern, die unter ihnen marschieren sol­len, kein besser Wort mit auf den Weg zu geben, als dieses: Lieber tot als Stlav!

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