Sonnabend, den 20. August 1927.
„ Evangelische Warte"
net steht die Schar der Zuschauenden zu beiden Seiten der mit Guirlanden geschmüdten Kirchentür, als hätten sie den Auftrag, Heute feiert Minchen, des eine Ehrentompagnie zu bilden. Schulzen Schwester, Hochzeit, und das ist doch etwas Besonderes! Da tommen sie, voraus fleine Mädchen Blumen streuend, die sie in zierlichen Körbchen tragen. Ein Schimmer und Zauber liegt auf dem heranziehenden Zug. Sie tragen alle ihr Feiertleid mit viel Würde und ehrfürchtig sieht man auf das Brautpaar, das gesenkten Hauptes in die Kirche eintritt.
tenden durch ihre Gaben bestärkten und ihnen dadurch an ihrer| Ruf Sie tommen"! geht von Mund zu Mund. Beinahe geordGeele schadeten. Wie oft war es vorgekommen, daß die mit Geld beschenkten Handwerksburschen sich Schnaps und Zigaretten ge= tauft, oder gute und brauchbare Gegenstände, wie Stiefel, Hosen und dergleichen um einen Spottpreis für Altohol vertauscht hatten. Der arme Pfarrer war sehr erschroden, als er dieses alles hörte, und seine Frau nicht weniger. Er hatte es so gut gemeint, hatte den Leuten helfen wollen und war nun so betrogen wor den. Am meisten schmerzte es ihn, daß er selbst es gewesen, der die Bettelnden in Versuchung geführt, indem er ihnen die Mittel geschenkt hate, sich schädliche Dinge zu laufen, und indem er sie durch seine Leichtgläubigkeit in ihren Lügen bestärkt hatte. Er nahm sich fest por, es fünftig anders und besser zu machen; er jah ein, daß nicht Geld, sondern Arbeit das Mittel ist, womit geholfen werden muß. So beriet er denn mit seiner jungen Frau, wie es wohl möglich sei, fünftig den Bettlern Arbeit zu derschaffen. Vor allem wendete er sich an das Arbeitsamt, das ja auch in seiner kleinen Gemeinde der gegebene Weg war, um Arbeitswilligen zu helfen. Sollte aber bei der großen Arbeitslosigfeit in unserer Zeit da nichts zu machen sein, so richtete er in seinem Hof einen Holzpart auf, legte eine Art dazu und beauftragte jeden Bettler, der an seine Türe tam, damit eine bestimmte Menge Holz zu haden und sich damit Geld zu verdienen, anstatt zu erbetteln. Für Frauen hatte er von einem nahen Dekonomiehof zerrissene Säde erbeten. Diese unter Aufsicht der Pfarrfrau zu fliden, war eine leichte Arbeit, die jede Frau leisten konnte, und für die ihr dann ein entsprechender Lohn ausgezahlt wurde. Wohl tam es einmal vor, daß ein Mann mit der Agt heimlich davonging, ebenso wie eine Frau einen Sad mitnahm, aber es waren Ausnahmen und ließen sich bei genügender Aufsicht ver
meiden.
Merkwürdig war es, wie von dieser Zeit an die Bettler abnahmen. Nur wirklich Bedürftigen wurde fortan geholfen, und zwar nicht mit Geld, sondern durch Erkundigung nach ihren Verhältnissen, Empfehlungen, guten Adressen und Verschaffen von Arbeitsgelegenheit. Und damit gewann der Befehl Christi: ,, Liebe deinen Nächsten" einen viel tieferen Inhalt, seine- Ausführung wurde wohl schwerer, aber wirklicher. Nicht mehr schöne Ideale, aber Kraft und Leben ging fünftig von diesem Pfarrhaus aus, und kehrte in reichem Maße auf seine Bewohner zurück.
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Gretchens Erlebnis.
Die Dorfjugend hat sich gesammelt. Schon seit einer Stunde steht sie in der Nähe der Kirche und wartet auf die HochzeitsTeute, die heute getraut werden sollen. Aeltere Frauen kommen nun auch hinzu, denn die Gloden beginnen zu läuten, und der
Da, wer tommt noch im letzten Augenblick über den Kirchplay gelaufen? Pastors Gretlein ist's; schon steht sie in den Reihen der Zuschauenden. Sie ist noch damit beschäftigt, die saubere Schürze umzubinden, denn sie mußte doch schnell mit der groben Küchenschürze vertauscht werden. Es war nach Tisch, und Gretchen wollte gerade anfangen mit Aufwaschen. Das heiße Wasser war schon eingegossen, und eigentlich... Einen Augenblick überlegt sie noch, denn es ist ihr plötzlich so unbehaglich zumute:„ Soll ich nicht doch lieber fragen?" Doch schnell ist aller Zweifel zurüdgedrängt, und mit leuchtenden Augen und hochroten Baden eilt sie mit den andern zuru Empore hinauf. Die Orgel jetzt ein und mit dem schönen alten Liede:„ Jefu, geh' voran". Das Brautpaar tritt vor den geschmüdten Altar. Die Sonne sendet ihre Strahlen durch die bunten Fensterscheiben. Die vielen Blumen glühen so leuchtend, und die alten Messing leuchter blizen. Jetzt schweigt die Orngel, und die Worte des Pfarrers flingen voll Ernst und Warmherzigkeit zu den andächtig Lauschenden. Nun kniet das Paar nieder, um den Segen Gottes zu empfangen. Die Orgel spielt leise dazu:„ Go nimm denn meine Hände". Ach, wie ein Schauer geht es dem Gretlein den Rüden herunter. Dieses schöne, liebe Lied hatte sie selbst einmal vor dem Altar gesungen. Es war noch nicht so lange her, als sie dort auch gekniet hatte mit den andern Konfirmanden, und aus tiefstem Herzen mitgesungen:„ So nimm' denn meine Hände und führe mich". Ja, es war ihr Ernst gewesen:„ Ich fann allein nicht gehen, nicht einen Schritt, wo Du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit." Seither liebt sie dieses Lied ganz besonders und singt es oft. Heute will es nicht recht gelingen, die Kehle ist wie zugeschnürt. Warum wohl nur? Bloß, weil sie ohne Erlaubnis gegangen war? Ach was! Frau Pastor hatte es ja immer erlaubt, daß sie zusehen durfte, warum sollte sie heute etwas dagegen haben? Nun ist ja auch die Trauung zu Ende. Wie schön ist es doch anzusehen, wenn ver Brautzug langsam hinter dem Altar herumschreitet! Jetzt tommt er wieder nach vorn und bewegt sich vom Altarraum herab durch das Kirchenschiff hinaus. Die letzten Orgelflänge verhallen, und mit den Zuschauern ist auch unser Gretlein die Treppe hinab- und hinausgeeilt.
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Nr. 34.
Nun schnell an die Arbeit! Noch einmal so flink soll es jetzt gehen, damit die versäumte Zeit eingeholt wird. Vielleicht merkt es dann keiner, und man braucht nichts mehr davon zu sagen, so denkt Gretchen auf dem furzen Weg zum Pfarrhaus. Doch wie ungemütlich! Frau Paftor ist in der Küche. Sie sagt kein Wort des Tadels, und doch wäre ein Tadel jetzt beinahe eine Erlösung gewesen. Mit einem bedrückten Herzen tut Gret chen ihre Arbeit. Sie macht auch noch Besorgungen im Dorf, bei denen sie vom Regen überrascht wird. Sie ist naß geworden, was ihr sonst gar nichts macht heute aber fühlt sie sich schlecht, hat Kopfschmerzen, und als Frau Pastor sie voll Teilnahme nach der Ursache fragt, meint fie, es tame wohl von dem Gewitter schauer, in den sie ohne Regenschirm geraten sei. Aber die Pfarrfrau sieht tiefer. Sie sagt:„ Mein Gretlein, stimmt das wirklich? War das der Regenguß, oder haben die Kopfschmerzen nicht noch eine andere Ursache?" Und indem sie ihr dabei voll Liebe in die Augen schaut, bricht das Mädchen in Tränen aus. Unter Schluchzen stammelt sie die Worte: Nein, nein, es ist nicht der Regen, es ist ja von heute Mittag, weil ich fortging ohne zu fragen." Nun ist es heraus! Ein tiefer Seufzer folgt, und wie befreit sieht sie die Pfarrfrau an, die sagt:„ Nicht wahr, so schwer machst du dir das Leben nicht wieder. Ein an dermal fragst du schnell, damit du mit fröhlichem Herzen den Hochzeitsleuten zusehen kannst." Jetzt fühlt Gretchen eigentlic erst richtig, wie schredlich doch der Nachmittag gewesen ist, jetzt. wo der Druck von ihrem Herzen gewichen ist. Sie hatte sich faum mehr vorwärts zu schleppen vermögen, und nun ist's plös lich, als seien ihr Flügel gewachsen, so leicht beschwingt eilt sie durchs Haus. Eine Kleinigkeit hat dem Gretlein den ganzen Nahmittag verdorben.
Frau St.
Aus unserer Bewegung. Stellungnahme zum Reichsschulgejezentwurf.
Der in Nr. 32 der Evangelischen Warte" genannte Aus schuß der Evangelischen Volksgemeinschaft tagte am 15. Auguft im Hospitz Baseler Hof" zu Frankfurt a. M. Die Verhand lungen wurden eingeleitet durch zwei tiefgründige Referate, von denen das erste den Standpunkt der Bekenntnisschule, das zweite den der christlichen Simultanschule vertrat. Die nach folgende Aussprache entsprach der Höhe der beiden sachverstän digen Vorträgen und dem Ernst und der Wichtigkeit des Gegens standes. Zuletzt einigte man sich auf eine das Ergebnis der Aussprache zusammenfassende Entschließung, welche zugleich die Stellungnahme der EV. zum Reichsschulgesetzentwurf darstellt. Wir werden dieselbe in der nächsten Nummer der„ Evangelischen Warte" zum Abdruck bringen und gleichzeitig eine ausführliche Begründung dazu folgen lassen.
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Das deutsche Zur Lüneburger Rede des R Der Reichswirtschaftsmin tius, hat auf dem nordwest in Lüneburg sich ausführlich n werk in der Gegenwart befaßt. hiedene Maßnahmen an, die zur Unterstützung des Handwe nächster Zeit schon durchgeführt Bemerkenswert war an Reichswirtschaftsministers vor von der Notwendigkeit des San ten gibt es in der deutschen no enchaft eine Richtung, die des Handwerks verneint und d mert müsse der fortscheitenden rung erliegen. Während der auch oft den Anschein, als ob meister nicht mehr mit der Er fönnten und als ob die Schei aus der deutschen Wirtschaft g tiefer in die Zusammenhänge daß ein so starker und in gen barer Stand bei der Rückkehr lich von der Bildfläche verschwi mit der Industrie nicht aufgefo bekannte Leipziger Volkswirtsc hat es denn auch immer mit chen ,,, das das Handwerk als untergehen kann". Es besteh über, daß das Handwerk auch derte überlieferten Betriebs prägtester Mechanisierung D funft hat. Wo die Leistung dürfnis bedingt ist, hören, wi sehr richtig sagte, die Grenzen erzeugung auf. Sier muß und es wird in dieser Bezieh sein. Außerdem wird man handwerksmäßig geschulte für gewisse Arbeiten, die nu geschaffen werden können. fich die Erkenntnis von der des Handwerks wieder me daß, je mehr die Mechani der Industrie fortschreitet, Handwerker wieder größer Aber das Handwerk ha ren Sorgen zu kämpfen. 3 den Nachwehen der Inflati es Sorgen, die in der Gest lebens begründet sind. V frage, die gar manchem stattet, das zu leisten, was hat schon die mittlere un tämpfen, die nötigen Betr
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