Reftor, Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Tilmann folgende Ansprache:„ Ich heiße Sie im Namen der Universität Köln herzlich willkommen. Sie kommen an den Rhein gerade in dem Semester, in dem die ganzen Rheinlande ihre tausendjährige Zugehörigkeit zu Deutschland durch ein lautes Bekenntnis für ihre unlösbare Verbundenheit mit den übrigen deutschen Stäm men zum Ausdruck bringen werden. Sie werden alle die gro= Ben Feste erleben, die aus Anlaß dieses historischen Momentes veranstaltet werden. Sie liegen alle in der Richtung der Hauptaufgabe der Kölner Universität, die als ein deutsches Bollwerk am deutschen Rhein gegründet wurde. So werden Sie die feste Ueberzeugung mitnehmen, daß keine Macht der Welt uns vom deutschen Land trennen kann, in dem die Wurzeln unserer Kraft verankert sind. Und gerade unsere Hochschule kann das mit besonderem Nachdruck betonen, da sie selbst das ehrwürdige Alter von 500 Jahren besitzt. Im Jahre 1388 wurde sie gegründet. Durch die Wirren der französischen Revolution und der nachfolgenden Kriege wurde sie geschlossen. Beim Uebergang der Rheinlande in den preußischen Staat wurde sie nicht wieder eröffnet, sondern Bonn als preußische Universität der Rheinlande erklärt. Es haben immer Bestrebungen bestanden, die Tätig= keit der Hochschulen in Köln und Bonn zu vereinigen. Die Besetzung der Rheinlande machte all diesen Bestrebungen ein Ende, und 1919 wurde unsere Universität neu begründet. Wie richtig der Gedanke war, zeigt die beispiellose Blüte unserer Hochschule, die im vergangenen Semester über 4000 Studierende zählte und die zweitstärkste Universität Preußens wurde. Es ist gut, daß man sich diese Entstehung immer vor Augen hält, daß es die erste Pflicht jedes Kölner Studenten ist, den deutschen Gedanken zu pflegen, nicht durch öffentliche lärmende Aufzüge und Demonstrationen, sondern durch die Einwirkung von Mensch zu Mensch. Denn jede zu öffentliche Betätigung dieses deutschen Gedankens ruft hier im besetzten Gebiet stets gegenteilige Maßregeln hervor. Sie treten hier in die große Gemeinschaft der Studierenden ein, die alle dasselbe Ziel haben, die alle in der Liebe zum ge= meinsamen deutschen Vaterland wetteifern. Auch alle Korporationen haben dasselbe Streben, nur wollen es die Einzelnen in verschiedener Weise erreichen. Deshalb müssen Sie auch jede Ueberzeugung achten. Darauf beruht die Kameradschaft und das ganze studentische Leben. Sie können für Ihre Ueberzeugung keine größere Achtung verlangen, als Sie der Weltanschauung Ihrer Kommilitonen entgegenbringen. Tun Sie das, dann ist der akamedische Friede gesichert. Die Studentenschaft ist jetzt organisiert. Sie stellt eine feste Körperschaft dar und wählt sich ihren Vorstand und den Vorsitzenden der Studentenschaft. Die Wahlen dazu, die in diesem Semester wieder fällig sind, haben bisher nicht in dem Frieden stattgefunden, den wir so sehr wünschen. Ich spreche die Hoffnung aus, daß die Not des Vaterlandes, die bei der Tausendjahrfeier Sie alle einig findet, auch das Band sein möge, das einen friedlichen Verlauf der Wahlen herbeiführt und allgemein befriedigende Ergebnisse bringt.
Sie kommen zur universitas litterarum, nicht zu einer Fachschule. Wenn auch das Fachstudium vorgeht, so soll das doch nicht Ihr ganzes Denken einnehmen. Sie sollen nach der allgemeinen Wahrheit streben, wie es so schön im Treppenhaus der Universität steht:„ Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird Euch freimachen!" Die Wahrheit führt zu einer Weltanschauung, die Sie zu festen Männern machen und Sie befähigen wird, Führer des Volks zu werden gerade in der
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jezigen Zeit, wo die materiellen Interessen überwiegen, sollen Sie den Jdealismus pflegen und die Kraft der Jdee erkennen, die Berge versehen kann und Sie stark macht, allen Anforderungen des Lebens zu genügen. Dann wird auch nicht der materielle Vorteil, der Ihnen nach Ihrem Studium winkt, die Triebfeder Ihres Strebens sein, sondern die reine Erforschung der Wahrheit. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nicht der den Sieg seiner Arbeit davonträgt, der ein bestimmtes Problem zu lösen bestrebt ist, sondern der, welcher unbekümmert um den Erfolg seiner Arbeit wissenschaftlich weiterstrebt, Tatsache an Tatsache reiht, und in stiller Laboratoriumsarbeit oder in konsequentem Quellenstudium seine Zeit verbringt. Dem fallen schließlich die Erfolge in den Schoß, die ihn dann zum berühmten Manne machen. Er muß dann nur logisch denken können. Amerika ist uns gewiß über in der Lebenskunst, in der Erwerbung materieller Güter, im Luxus des Lebens und im Lebensgenuß. Aber Deutschland verdankt seine glänzende Entwicklung der selbstlosen, energischen, stillen Arbeit im Laboratorium, den neuen Ideen, die es hervorgebracht, und der Fähigkeit, rein wissenschaftliche neue Jdeen in die Praxis umzusetzen. Nicht das Wissen macht den Mann, sondern die Erkennung der Bedeutung der Wahrheiten und ihre Umsetzung in die Praxis in der Industrie, der Medizin und im öffentlichen Leben.
So gehen Sie mit Mut und Frische an die Arbeit. Belasten Sie sich nicht mit zu vielen Vorlesungen, da die Aufnahmefähigkeit Ihres Gehirns auch beschränkt ist, und besuchen Sie regelmäßig die Kollegien. Das häusliche Studium ist gewiß auch wichtig, aber wichtiger ist der regelmäßige Besuch der Vorlesungen. Das Fehlen auch nur einer Stüße in dem Bau Jhres Wissens kann das ganze Haus zum Einsturz bringen. Die langen Ferien sind dazu da, daß Sie das im Semester Gehörte verdauen, und sich in der Welt umsehen, um Ihren Gesichtskreis zu erweitern. Ich weiß, daß viele von Ihnen die Ferien benutzen, um sich die Mittel zum Studium zu erwerben. Aber das ist ein Uebergangsstadium, das hinfällig wird, wenn unsere Wirtschaft sich wieder hebt, und das Vaterland wieder aufgebaut ist, jetzt ist es für diese Hreren eine Befriedigung und ein Ansporn zu doppeltem Eifer im Studium. Je größer das Opfer, um so größer der Erfolg.
Und nun endlich, vergessen Sie nicht, daß Sie auch die Freuden und Lichtseiten des Lebens genießen sollen. Bleiben Sie einfach und lehnen Sie die Ausschweifungen und Lascivitäten ab, die ja leider jetzt so weit gehen, daß sie die Schamröte ins Gesicht treiben. Dann werden Sie, wie wir Alten, mit Begeisterung an Ihre Universitätsjahre zurückdenken, die die herrlichsten unseres Lebens gewesen sind.
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