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Giessener Zeitung
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Amts- u. Vereinsnachrichten
Bezugspreis:
60 Goldpfennig mona lich frei Haus, bei obligatorisch. Bezug durch Vereine 30 Goldpf. Telephon Str. 1362.
Nr. 26.
Expedition: Südanlage 21 anzeigenpreis: 5 Goldpfennig
Redaktion, Druck und Verlag:
Albin Klein in Gießen, Ferlagsbruderei, vorm. Keller, gegr. 1783.
für 1 mm Höhe und 30 mm Brette; für Auswärts 10 Goldpfennig;
1 Reklameze le 90 mm breit 120 Goldpfg.
Samstag, den 28. Juni 1924
Ein Vorschlag zur Schaffung einer Pfandbriefmark zwecks Gesundung der Wohnungsnot und Geldknappheit.
Drei Grundforderungen stellt das Leben an den Menschen: Die Beschaffung der Nahrung, der Kleidung und der Wohnung. Die Ernährungsfrage bildeté schon im Frieden das Schmerzenskind unseres wirtschaftlichen Lebens, weil die deutsche Landwirtschaft trotz rationellster Bodenausnutzung nicht imſtande war, die Bevölkerungsmassen des Reiches zu ernähren. Nach dem Kriege haben sich die Ernährungsverhältnisse für Deutschland noch wesentlich verschlechtert, weil uns die großen östlichen Kornkammern Posen und Westpreußen an Polen verloren gingen. Es war somit Aufgabe des Reichskabinetts, für die ausländische Zufuhr der nötigen Lebensmittelmengen Sorge zu tragen. Diese Ausgabe wurde befriedigend gelöst, ein Nahrungsmangel herrscht gottlob heute in Deutschland nicht mehr und ein Blick in die Lebensmittelgeschäfte zeigt uns, daß jetzt wieder ,, alles" zu haben ist. Die Lebensmittelzufuhr hängt innig mit unserem industriellen Export zusammen; ist unsere Industrie in der Lage, genügend zu exportieren, so sehlt es uns nicht an Devisen zum Ankauf von Lebensmitteln. Es darf natürlich nicht wieder vorkommen, daß wie leider geschehen unsere schönen Devisen durch sinnlose, vom Gewinnhunger diftierte Frankenspekulationen oder ähnliche Börsenmanöver flöten gehen. Aber wie gesagt, die Er nährungsfrage ist, vorläufig wenigstens, geregelt und die bessere oder schlechtere Ernährung unseres Volkes hängt lediglich von der Gestaltung unseres gesamten Wirtschaftslebens ab.
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Auch die Bekleidungsfrage macht uns keine Schwierigkeiten mehr. Die hochentwickelte Textilindustrie Deutschlands hat den Markt reichlich versorgt und wenn man den Riesenkonsum allein an Florstrümpfen( doch ein gewisser Luxusartikel!) berücksichtigt, muß es uns eigentlich auf diesem Gebiete ganz gut gehen.
Ganz anders aber liegen die Dinge auf dem Wohnungsmarkte. Hier haben sich Zustände eingefressen, die das Familienleben bedrohen, die gesetzlich garantierte Freizügigkeit vernichten und einen Hauptgrund der allgemeinen Unzufriedenheit des Volkes bilden. Wir dürfen uns nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß die furchtbare Wohnungsnot und die dadurch bedingte Zwangswirtschaft sich immer mehr zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Katastrophe auswachsen. Es ist auch grund sätzlich falsch, diesen Krebsschaden an unserem Volkskörper( wie es sonst geschieht) dem Umsturz auf das Sündenkonto zu schreiben. Der Wohnungsmangel ist vielmehr ein Kriegsübel und es ist eine der unseligsten Taten des ehemaligen Kanzlers Bethmann-Hollweg, der da glaubte, dem drohenden Wohnungsmangel durch die Wohnungszwangswirtschaft abhelfen zu können. Wie anders stünden wir heute da, hätte Bethmann die Millionen von Kiegsgefangenen, die in Deutschland interniert waren, und unter denen sich eine gewaltige Menge von Bauhandwerkern befanden, zum Wohnungsbau angehalten. So aber hat er durch die Zwangswirtschaft den Wohnungsmarkt ruiniert und die Wohnhäuser, die ein Drittel des deutschen Nationalvermögen darstellen, entwertet; auch in der Nachkriegszeit wirkte. dieses Kriegsübel wie eine schleichende Krankheit fort und verhinderte selbst in der Inflations:
37. Jahrg.
zeit, als das Papiergeld auf der Straße lag, die Aufnahme einer geregelten Bautätigkeit, da der Häuserbau infolge der lächerlich geringen Mietenfestsetzung auch nicht den bescheidensten Ertrag abwirft. Dabei hat die Zwangswirtschaft weder dem Mieter noch dem Vermieter irgend welchen Nutzen gebracht. Im Gegenteil, die Wohnungsnot ist heute schlimmer denn je und jeder, der in einem Wohnungsamte tätig ist, steht dieser katastrophalen Entwicklung machtlos gegenüber. Es spricht Bände, wenn man hört, daß allein in Berlin am 1. Januar 1924 die Zahl der Wohnungssuchenden sich auf 223 000 belief! Aehnlich liegen die Verhältnisse in allen deutschen Kommunen. Der Zwangsmieter, den man mit Hilfe des Mietgefeßes notdürftig in eine Wohnung eingepreßt hat, fühlt sich besonders wenn seine Familie inzwischen größer geworden ist zwischen größer geworden ist nach jeder Richtung hin beengt; der Vermieter ist dauernd verärgert, weil man ihm Räume, die er früher benußen fonnte, abfnöpfte; junge Leute, die heiraten wollen, finden keine Wohnung; der Stellungsuchende, dem aus wärts eine lohnende Beschäftigung winkt, kann mit seiner Familie nicht dorthin ziehen, weil die Unterkunft fehlt kurzum, jeder einzelne Deutsche leidet unter den Wirkungen dieser total verfehlien gesetzgeberischen Maßregel, auf die, wie gesagt, die allgemeine Unzufriedenheit unseres Volkes in der Hauptsache zurückzuführen ist.
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Alle Vorschläge und Versuche, dem Wohnungsunglück zu steuern, haben sich bisher als unzulänglich erwiesen. Man bedenke, daß im Frieden jährlich 120000 neue Wohnungen in Deutschland fertig gestellt wurden und daß die reguläre Bautätigkeit seit nunmehr 10 Jahren stockt, um zu ermessen, wie groß der Wohnungsmangel geworden ist, denn die Familienbildung ist weiter fort
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