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Samstag, den 27. September 1924.
Unsere Steuern sind Bolschewismus.
Von Dr. Oswald Spengler.
Der berühmte Verfasser des„ Untergang des Abendlandes" wendet sich neuerdings der Beurteilung wirtschaftlicher Probleme zu. Seine vernichtende Kritik der heutigen Steuerpolitik die wir nach einem von ihm kürzlich im Rheinland gehaltenen Vortrag wiedergeben, wird Aufsehen erregen:
Im Jahre 1890 begann die phantastische Steigerung des Steuerbetrages. Das Staatensystem der Welt tritt in die Krise ein, welche zum Weltkrieg führt. Die Maschinenindustrie hat Menschen gezüchtet, weil sie sie brauchte, und die Menschen for= dern nun einen Lebensraum. Die Weltpolitik versteht unter Machtzielen in steigendem Maße die Herrschaft über Rohstoffund Absatzgebiete, die Verdrängung fremder Wirtschafts- Interessen, ihre Unterordnung unter die eigenen, unter Umständen ihre Ausschaltung und Vernichtung. Dies und die Rüstungsaus gaben, welche von der Angst um die Grenzen der Erde nicht ganz zu trennen sind, fordern Steuerbeträge, die bis dahin unerhört waren. Und gerade jetzt, wo es nötiger als je gewesen wäre, das Problem ganz von neuem zu stellen, verhinderte die Gestaltung der inneren Politik aller maßgebenden Staaten ein Begreifen der Steuer als der Notwendigkeit, dem lebenden Wirtschaftsorga= nismus Blut zu entziehen. Denn gleichzeitig mit dieser Steigerung des Bedarfs setzt sich der Parlamentarismus durch: Die Steuerauswahl wird von der Interessenpolitik der Parteien abhängig. Die Drohung mit neuen Steuern wird eine Waffe im Wahlkampf. Aus dem unbewußt unsachlichen wird oft genug der bewußt unsachliche Standpunkt. Neid und Haß lösen die Ressorteinstellung der Finanzämter ab und fordern die Belastung des politischen Gegners, um auf ihn zu drücken, selbst wenn der Staat daraus keinen Gewinn zieht.
Auf der Grundlage solcher Instinkte beruht die Forderung städtischer Parteien auf Belastung der Landwirtschaft, die Forderung der Bauern, den Reichtum der Industrie stärker zu er= fassen, das Geschrei der Lohnempfänger über den, welcher mit dem Risiko eines Geschäfts auch dessen Gewinn hat, vor allem der Hang nach Luxussteuern, deren Reinertrag weder eine Rolle spielt, noch von den Betroffenen allein getragen wird. Es kommt dahin, daß mehr als eine Regierung sich die Freiheit staatsmännischen Handelns durch steuerliche Zugeständnisse von den Parteien erkaufen muß. Der Mangel an Mut zu unpopulären Maßregeln verhinderte gegen Ende des Jahrhunderts völlig die sachliche Erörterung des Steuerproblems. Im Gegenteil: es liegt im Interesse heutiger Parteien, die Wählerschaft von dieser Sachlichkeit fernzuhalten. Die„ Weltanschauung des Steuerzahlers" ist ein zu wichtiges Mittel im Kampf um den Besitz der Regierungsgewalt.
Dann kam der Weltkrieg, und nun steigt, in Deutschland noch viel schneller als anderswo, der Steuerbedarf ins Sinnlose, je mehr die Wirtschaft verwüstet wird, je geringere Reinerträge mit den heutigen Methoden herauszupressen sind. Hier stehen wir vor der welthistorischen Gefahr, die weit über eine bloße Lähmung der Wirtschaft hinausgeht. Das allgemeine, persön= liche, auf Selbsteinschäzung beruhende System trifft die Schichten
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der Gesellschaft ungleichmäßig, und die wertvollsten am schwersten, weil sie beruflich der Spefulation am fernsten stehen. Je entschiedener sich die unsichtbaren Vermögen und Gewinne der Last entledigen, je mehr einzelne Bevölkerungsschichten infolge ihrer politischen Organisation die Steuergesetzgebung zu ihren Gunsten gestalten können, desto schwerer trifft das System den Rest. In Deutschland ist der Rentnerstand und der fleinbürgerliche Hausbesig ihm zum Opfer gefallen. Denn Inflation und Herabdrücken der Mieten sind verschleierte Stenern, deren Erhebung das Vielfache des Reinertrages vernichtet. Aber die Gefahr ist größer: Es handelt sich um die seit Generationen hochgezüchtete Schicht, welche auf westeuropäischem Boden den Träger unserer Kultur darstellt. Kultur ist ohne eine gewisse Höhe der Lebenshaltung nicht zu denken. Der Nachwuchs für Wissenschaft, Kunst und Technik bedarf einer geistigen Verfeinerung, welche den groben Kampf ums Dasein schon für die Väter und Mütter ausschließt. Vernichtet man diese Voraussetzung, wie es in England seit der Steuergesetzgebung von 1908 langsam, in Deutschland seit der Revolution in erschreckendem Tempo geschieht, so verzichtet man auf die Zukunft seines Volkes zugunsten des Augenblicks.
Hier stehen wir vor der Tatsache, von der sich nichts wegdeuten läßt, daß die westeuropäische Steuerpolitik in einen trockenen Bolschewismus ausartet, der alles einzuebnen droht, was über die Masse hervorragt, alles, was gezüchtet und erzogen ist, alles, was zu den Vorbedingungen zuletzt auch der Höhe technischen Denkens und damit der Höhe unserer Wirt= Wir sehen in Europa eine schaftshaltung gehört. Enteignung der wertvollen Schichten durch den Steuerzettel, ein neues Emigrantentum nicht aus dem Vaterlande, sondern aus altem Besiz. Ganze Schichten sind schon vernichtet, welche die Träger unserer Bildung im höchsten Sinne des Wortes gewesen waren. Die Kriegsgewinnler von 1870 wurden erzogen, die von 1918 wirken erzieherisch, weil es eine erziehende Gesellschaft nicht mehr gibt.
Dieser Gefahr gegenüber, welche darauf zurückgeht, daß man einen sehr großen Teil der kreisenden Werte aus der Privatwirtschaft der einzelnen durch den Staatshaushalt hindurchleiten muß, ohne zu verstehen oder verstehen zu wollen, um was es sich dabei handelt, scheint nur eine Rettung möglich, und hier könnte Deutschland als das Land der Jdeen vorbildlich für die ganze Welt werden, die an dem gleichen Fehler zu erliegen droht. Das Steuerproblem muß vom Wirtschatfsleben aus neu gestellt und durchdacht werden, an Stelle der Hoheitsrechte des 18., der Ideologie des 19. muß die wirtschaftliche Erfahrung des 20. Jahrhundert treten. Es sollte ein Weltkongreß berufen werden, der von dieser Erfahrung aus die Form der Ueberführung der
Neftle& Kindermehl, das gib Deinem Kind, hast du es lieb!


