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Gießener Zeitung

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Bezugspreis 25 Pfg. monatlich

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( Neueste Nachrichten)

vierteljährlich 75 Pfg, vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig. ausgabestellen, vierteljährlich 60 Bfg. Erscheint Nedaktion: Selters Mittwoche und Samstags. weg 83. Für Aufbewahrung oder Rüdiendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag ber Gießener Beitung" G. m. b. p.

Nr. 52.

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Telephon: Nr. 382.

Huf dem Wege zum Frieden.

An der Beilegung des Zwistes der Balkanstaaten wird fortgesetzt mit Hochdrud gearbeitet. Die Absichten des russischen Ministers des Aeußeren gehen in der Hauptsache nunmehr dahin, zunächst wenigstens die vier Ministerpräsidenten des Ballanbundes zur Fahrt nach Petersburg zu veranlassen, um Einzelbesprechungen mit ihnen herbeizuführen und so eine Grundlage für die Bermittelung zu schaffen.

Eine für die gegenwärtige Lage überraschende Nach richt, die, wenn sie sich als richtig erweisen sollte, nicht freudig genug begrüßt werden könne, bringt das Lon­doner halbamtliche Reutersche Bureau"; danach fann die Gefahr eines Krieges zwischen Bulgarien und Ger­bien jetzt als beseitigt angesehen werden." Es sei zwar noch feineswegs sicher, daß Serbien das Schiedsgericht des Kaisers von Rußland über die bestehenden Mein­ungsverschiedenheiten bedingungslos annehme, jedoch seien hinreichend bestimmte Zusicherungen gegeben wor­den, so daß man dem Ausgang der bevorstehenden Ver­handlungen mit Zuversicht entgegensehen fönne. Man habe Grund, zu glauben, daß Serbien ebenso wie Bul­garien der Aufforderung Rußlands nachkommen werde, feine Forderungen in einer besonderen Denkschrift dar zulegen, wenn es dies nicht etwa schon getan habe.

Schließlich muß hier noch eine Stimme der halb= amtlichen Wiener Allgem. 3tg." angeführt werden, die

die Stellung der Donaumonarchie zur gegenwärtigen Balfanlage, besonders hinsichtlich der Folgen eines russi­scher Schiedsspruches, erörtert. Das Blatt erklärt, De­jterreich- Ungarn habe den lebhaften Wunsch, daß der Konflikt zwischen den Verbündeten endlich einmal fried Wissensch, solid beigelegt werde. Wie dieses Ziel erreicht werde, chtskranke fonne ihr gleichgültig sein; erst, wenn ein entgültiges Resultat an den Tag treten sollte, werde die Monarchie zur Teilung der von den Verbündeten eroberten Gebiete Stellung nehmen und prüfen, ob dadurch ihre Interes­jen nicht berührt würden; denn es sei selbstverständlich, daß weder Vereinbarungen der Balkanstaaten unter= einander, noch ein auf Grund dieser Vereinbarungen ge­fällter Schiedsspruch irgendwelche verbindliche Kraft für Desterreich- Ungarn besitze. Daher sei auch die Meldung, derzufolge der österreichisch- ungarische Botschafter in Pe­tersburg mit Minister Ssasonow Besprechungen über die Frage der Teilung gepflogen hätte, durchaus nicht fichhaltig.

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Sofia, 27. Juni. Gestern ist hier die griechische Antwort auf die bulgarische Gegen- Aeußerung zur Frage der Abrüstung angelangt. Die griechische Note geht an dem bulgarischen Vorschlag der gemischten Besatzung

Die Nachbarn vom Heideland.

35)

Roman von Ludwig Blümde.

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( Nachdruck verboten.) Thoro stieß mit ihm an und trank. Es war nichts Auffälliges zu fonstatieren. Johannsen mußte also recht gehabt haben. Aber, noch sind nicht zwei Mi­nuten verstrichen, da verdreht der Müller plötzlich die Augen, wird totenblaß und greift an seine Kehle, als wollte er sich von einer unsichtbaren Hand, die ihm die­selbe zuschnürt, befreien. Dann stürzt er hinaus wie ein Wahnsininiger, schreit und lamentiert, daß es un­heimlich über die Heide schallt. Auch Hendrik empfindet heftige Magenschmerzen und hat das Gefühl, als würge ihn jemand. Jest wälzt Thorö sich in furchtbaren Kräm­pfen am Boden. Sein Gesicht ist gräßlich verzerrt, die Schmerzen müssen unerträglich sein.

Während Johannsen entsetzt und ratlos die Hände ringt, und der Fischer davonläuft, um Hilfe zu holen, frächzt Hendrik mit teuflischer Schadenfreude: Das wolltest Du mir antun, Du Schurke, aber meine Klug­heit hat mich gerettet, Du mußtest Dein Gift selber trinken."

Da stößt der Vergiftete einen Fluch aus, und feine Schmerzen scheinen an Heftigkeit noch zuzunehmen.

Der Eichhofer, Lorenzen und Lehrer Holm sind dte ersten, die da herbeietlen.

" Helft mir, ich ersticke, es brennt wie höllisches Feuer in mir!" stöhnt Thorö. Ich will alles einge­stehen und gutmachen, wenn Ihr mir helft. O, es ist in mir alles zerschnitten und zerrissen."

Was Hinrichsen in seinem Doktorbuch als Gegen­gift für Arsenik findet, das läßt sich nicht in der Eile auftreiben. Der Knecht vom Krug war sofort zu Dok­tor Schröder gefahren. Eine Stunde später brachte man vor Schmerz und Ermattung ohnmächtig gewor=

சமதிரி

Expedition: Seltersweg 85.

Samstag, den 28. Juni 1913.

vorbei, erklärt aber drohend, daß, falls Bulgarien einen Krieg hervorrufe, die griechische Flotte und das Seer bereit seien, sich der Provokation entgegenzustellen.

Saloniki, 25. Juni. Das bulgarische Haupt­quartier wurde nach Dubnibca verlegt. Der General= stab und die Oberkommandos der 7. Division, die sich bisher in Doirom befanden, sind nady Strumniza ab­gegangen. Mit dem Generalstab zusammen sind zwei Bataillone des 14. Infanterie- Regiments nach Strum­niza abmarschiert.

Aus Bukarest wird gemeldet, daß die ru­mänische Regierung, wenn alle Mittel, eine Kriegser= flärung zwischen den Ballanstaaten zu verhindern, er­schöpft sein werden, sofort die Mobilisierung der Armee pornehmen und diese über die bulgarische Grenze schif­fen werde. Man glaubt, daß dieser Entschluß Rumä­niens nicht ohne Wirkung auf die Haltung Bulgariens niens nicht ohne Wirkung auf die Haltung Bulgariens sein werde.

Politische Rundschau.

Deutschland.

Kiel, 26. Juni. Der Kaiser nahm gestern nachmittag die Meldung des Oberpräsidenten v. Bülow entgegen. Er fuhr dann zu den Flaggschiffen des Ge­schwaders und stattete den Admiralen, darunter dem Großadmiral von Tirpitz und dem Flottenchef v. In­genohl, Besuche ab. Auf dem Flottenflaggschiff melde­ten sich beim Kaiser auch die bei der Kieler Woche an

wesenden Militärattachees Englands, Frankreichs, Dester­reichs, Japans, Italiens und der Vereinigten Staaten, sowie der Nachfolger des bisherigen amerikanischen Ma­rineattachees. Gesandter v. Treutler traf in Vertretung des Auswärtigen Amtes bei dem Kaiser in Kiel ein.

Brunsbüttelfoog, 25. Juni. Während des gestrigen Regattadiners antwortete der Kaiser auf eine Ansprache des Bürgermeisters Dr. Schröder mit einem Trinkspruche, in dem er zunächst des dahinge­schiedenen Bürgermeisters Dr. Burchardt mit rühmlichen Worten gedachte und schließlich die Rede mit einem Hin­weis auf die Bedeutung des Wassersports mit den Wor­ten beendete: Mein Wunsch ist, daß die nächsten 25 Jahre dieselbe aufsteigende Kurve inne halten mögen. Das kann nur geschehen, wenn der Himmel es zuläßt, daß wir uns des Friedens erfreuen wie bisher. Jch trinke auf das Wohl der Stadt Hamburg und und auf den Sport auf der Elbe.St Berlin. Der Herzog von Cumberland hat in den letzten in den letzten Tagen in seinem Gmundener Schloß sämt­liche führenden Mitglieder der Welfenpartei empfangen.

* Ueber die Beratungen zum Wehr bei­trag hat nunmehr die Budgetfommission des Reichs=

denen Müller in seine Wohnung und berichtete seiner Gattin, was geschehen war. Hermine fiel jetzt eine schwierige, ihr recht widerwärtige Aufgabe zu. Der Arzt hatte ihr, nachdem er kräftige Gegenmittel angewendet, anbefohlen, seine Verordnungen strengstens zu befol­gen und den Kranken Tag und Nacht auss sorgfältigste zu verpflegen. Nur so wäre die Möglichkeit, ihn noch einmal gesund zu kriegen, nicht gänzlich ausgeschlossen. Es wäre thre heilige Pflicht, allen Vergnügungen in dieser Zeit zu entsagen und ganz für den kranten Mann zu leben. Nicht einen halben Tag hielt Hermine das aus. Es fehlte ihrem Herzen eben jeglicher Funke von wahrer Liebe. Troßdem Thorö es durchaus nicht wollte, mußte eine Pflegerin aus Flensburg ihn versehen.

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Der Lumpenhendrik war nach acht Tagen vollkom­men wieder hergestellt. Doch sollte er sich dessen nicht lange freuen, denn, als er das Zimmer zum erstenmal verließ, da wurde er verhaftet. Zunächst in der ver­giftungsfache vernommen, gestand er, daß er durch wie­derholte Erpressungen 300 Taler von Thorö erhalten. Was er damals an jenem Dezemberabend im Buschwerk der Sandgrube gesehen und gehört, gab er nach einigem Zögern ganz genau an.

Als Thorö auf seinem Schmerzenslager nun eben­falls verhört wurde, da stellte sich die Richtigkeit von Hendriks Angaben heraus, und damit war der Beweis erbracht, daß Ewald Lorenzen nur in der Notwehr ge­handelt, somit also für unschuldig gelten mußte.

Der Lumpenhendrik wurde wegen einer Reihe von Schwindeleien zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Schleswig verbüßen sollte. Da ihm das ge wohnte Maß an Alkohol hier natürlich nicht gewährt wurde, so verfiel er nach wenigen Tagen in Säufer­wahnsinn, tobte und lärmte fürchterlich, fuchte sich selber zu erdrosseln und starb schießlich nach einigen Wochen in diesem Delirium. Das war das Ende dieses allbe­

( Gießener Tageblatt)

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Telephon Nr. 362.

25. Jahrg.

tages einen Bericht von 168 Seiten im Drud veröffent licht, dem einige Anlagen beigegeben sind. Diesen 3 folge ist der Ertrag des Wehrbeitrages nach den gefaß ten Beschlüssen 1000 Millionen Mark, nämlich Wehrbei­trag aus dem Vermögen 880 Millionen Mark, vom Ein­fommen 80 Millionen Mark, vom Vermögen der Aktien­Gesellschaften 40 Millionen Mark. Diese Zahlen wer den im einzelnen belegt.

Berlin. Zu den neuen Steuervorlagen sind im Reichstag nicht weniger als 111 Petitionen einge­gangen.

Die zwischen dem Deutschen Reich und Bulgarien am 29. September 1911 abgeschlossenen Rechtsverträge wurden am 24. Juni ratifiziert und aus­getauscht, nämlich ein Konsularvertrag, ein Vertrag über Rechtsschutz und Rechtshilfe in bürgerlichen Angelegen= heiten und ein Auslieferungsvertrag.

Gegen die Aufhebung des Reichs= wertz uwady s steuergesetzes richtete der Vor­stand des preußischen Städtetages eine Eingabe an das Reichsschazzamt, in der er dringend bittet, von jeder Maßregel Abstand zu nehmen, die die Finanzen der Städte schädigt", und beantragt, falls das Reichswert­zuwachssteuergesetz aufgehoben wird, die benachteiligten Gemeinden in vollem Umfang zu entschädigen, etwa durch Ueberweisungen aus dem Ertrage der Reichsver­mögenszuwachssteuer.

Berlin. Die, sozialdemokratische Fraktion

wählte in ihrer letzten Sitzung an Stelle des verstorbe­nen Genossen Kaden, Ledebour in den Fraktions- Vor­stand.

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Zwischen den Vertretern der Nationalliberalen Partei, der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozial­demokratischen Partei in Baden ist ein Abkommen da­rüber zustande gekommen, daß bei den im Herbst 1913 stattfindenden Landtagswahien zur Abwehr einer droh­enden flerifal- konservativen Mehrheit ein Großabkom­men für den zweiten Wahlgang abgeschlossen werden muß.

Schweiz.

Bern. Die vom schweizerischen Bundesrat an die europäischen Staaten gerichtete Anfrage wegen Ver­anstaltung einer neuen Konferenz über den internationa­len Arbeiterschutz wurde von den meisten Regierungen zustimmend beantwortet.

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Holland.

* Bei den Stichwahlen für die holländische Zweite Kammer wurden gewählt: 1 Katholik, 1 Antirevolutio= när, 2 Christltch- Historische, 21 Liberale, 5 Demokraten,

fannten Schroindlers, non dem noch nach Jahrzehnten die unglaublichsten Geschichten in den schleswig- holstet­nischen Landen erzählt wurden. Den Müller Thorö hatte der Tod noch immer nicht von seinen Qualen er­löst. Brennender Durst, ständige Schmerzen, ein un­sagbares Angst- und Betlemmungsgefühl verließen thn nicht. Sein Körper verdorrte geradezu wie eine Pflanze in der Wüste. Das Leben, das er so sehr geliebt und in so vollen Zügen genossen, tonnte ihm auch nicht das mindeste mehr bieten.

" Ich entsinne mich aus meiner Kindheit der bibli­schen Geschichte vom reichen Manne und vom armen Lazarus," sagte er eines Tages zu Lehrer Holm, der thn aus christlicher Nächstenliebe häufiger besuchte. Ge­radeso wie dem reichen Manne, der in seinen Höllen­qualen nach einem Tropfen Wasser lechzte, geht es mir."

Niemand konnte sehnlicher wünschen, daß der Tod ihn erlöste, als Hermine. Wie Dr. Schröder ihr heute zu verstehen gab, daß bei des Kranken zäher Natur die­ses Leben der Qual noch Monate währen könnte, da machte sie sich eines Tages mit einer ansehnlichen Bar­summe und ihrem ganzen Staat auf die Reise nach Hamburg, um dort in Saus und Braus zu leben. Ste fühlte sich hier bei ihrem Gatten vollkommen überflüssig:

Das hatte zur Folge, daß Thorö, außer sich über diese Lieblosigkeit, den Rest seines Vermögens in seinem Testament Leuten vermachte, die wahrlich nicht daran gedacht hatten. Sogar der Lehrer Holm wurde mit einigen hundert Talern bedacht. Endlich nach dreimonat= lichen Qualen wurde der Kranke von seinen Schmerzen erlöft.

( Fortsetzung folgt.)