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Der Bändiger.

Eine texanische Erinnerung.

Während meines Aufenthaltes in Texas, dem Dorado der Cowboys und Baqueros, war ich auch der Einladung eines meiner Bekannten, eines ehemaligen österreichischen Rittmeisters, welcher eine Farm in der Nähe von Columbus besaß, gefolgt. Eines Tages er­fuhren wir durch einen Nachbarfarmer, daß Treadwell, der berühmte Pferdebändiger, sich auf Gastspielreise" befände und sich auch in Kolumbus produzieren würde. Er habe erklärt, daß er jedes Pferd brechen resp. bändigen würde. Wir beschlossen, natürlich uns die Gelegen­heit nicht entgehen zu lassen und uns die Vorstellung, denn eine solche sollte es werden, anzusehen. Am fest­gesezten Tage begaben wir uns nach Kolumbus. Auf dem Marktplatz war ein richtiges Birkuszelt errichtet worden. Wir bezahlten unser Eintrittsgeld und nahmen unsere Pläge ein. Merkwürdigerweise war keine rich­tige Arena" errichtet worden, sondern eine Art recht ediger Raum, ungefähr 100 Fuß lang und 80 Fuß breit. Der Boden war reichlich mit Sägespänen bestreut. Eine dünne Bretterwand trennte den Zuschauerraum von der Manege". Wir sagten uns gleich, daß im Falle des Wildwerdens eines der Pferde diese Barriere für das Publikum absolut feinen Schutz böte, aber well, wir waren in Amerika, und noch dazu in Texas.

Zur festgesetzten Zeit betrat Treadwell den Innen­raum. Er war von hoher, imponierender, breitschultriger Gestalt und machte einen entschiedenen sympathischen und gentlemanlifen Eindruck. Er hatte eine lange Peitsche in der Hand. Zuerst hielt er einen kurzen Vortrag über Pferdebändigung und Zähmung im allgemeinen, dann befahl er seinem Gehilfen, das erste Pferd hereinzubrin­gen. Es war eine prachtvolle Stute. Ihr Besizer er­flärte sie für unbrauchbar, da sie im höchsten Grade scheu wäre. Treadwell trat auf das Pferd zu und sah ihm starr in die Augen, nach einer Minute ungefähr ging er rückwärts, beobachtete aber dabei immer das Pferd. Ueberraschender Weise folgte ihm dieses wie ein Hund, welchen Weg er auch immer einschlug. Dann ließ Tread­well ein Seil und einen Surcingle, einen sogenannten Pferdegürtel bringen. Der eine Vorderfuß des Tieres wurde festgeschnallt und es dann durch einen starken Ruck zu Fall gebracht. Treadwell setzte sich nun ganz gemütlich auf das liegende Pferd. Dann trieb er es wieder auf und jagte es im Raume umber, die Zügel in der einen, Seil und Peitsche in der anderen Hand. Jetzt versuchten mehrere Negerjungen durch vorgehaltene Papierstücke, Taschentücher usw. das Tier zum Scheuen zu bringen und vollführten mittels Trompeten, Trom­meln und alten Kochtöpfen einen Höllenlärm; sobald es einen Scheuversuch machte, brachte ein Ruck am Seil es auf die Knie und zur Besinnung. Schließlich wurden um das Tier herum Winchesterbüchstund Revolver ab­geschossen, einige schwache Versuche noch, und es war vollständig unterworfen und versuchte nicht mehr den ge­ringsten Widerstand. Zuletzt spannte man es noch ein und fuhr es abermals unter wahrem Höllenlärm umher, aber es machte nicht den kleinsten Versuch, zu scheuen. Unter donnerndem Beifall wurde es hinausgeführt.

Das nächste Pferd war ein non plus ultra in einer Beziehung. Der Besizer erklärte nämlich, daß das Tier nicht zum Rückwärtsgehen zu bringen sei. Er habe es am letzten Sonntag zur Kirche eingespannt und während derselben in einem Schuppen untergestellt; als er aber später, da der Raum zum Umwenden nicht groß genug war, es habe bewegen wollen, rückwärts zu gehen, habe es den Gehorsam verweigert und alle Mühe sei vergeblich gewesen. Man habe schließlich die eine Bretterwand ein­reißen müssen, um es herauszubekommen. Nach den

unglaublichsten Versuchen gelang es Treadwell das Tier zum Rückwärtsgehen zu bringen, aber nun wollte es nicht vorwärts gehen, und er meinte lachend, er kann über­Haupt nicht begreifen, wie der Farmer zur Kirche ge­fommen sei. Aber auch hier siegten schließlich sein be­rühmter Blick, und das Pferd konnte als geheilt" ent­lassen werden.

Jezt kam die Sensation des Abends, Richter Sealeys berühmter Durchbrenner" Billy". Der Hengst war be. fannt als Ausreißer von reinstem Wasser, und man war allgemein auf den Verlauf der Dressur gespannt. Das Tier erregte große Bewunderung. Seine glänzend schwarze Haut, die fehlerlose Erscheinung und die stolze Art, den Kopf zu tragen, als ob er sich seiner Schönheit bewußt wäre, machten einen brillanten Eindruck. Als er so herumgeführt wurde, fühlte man wohl sein feuriges Temperament, von Tücke und Bosheit war aber absolut nichts zu merken, im Gegenteil, er erschien sehr liebens­würdig. Ruhig ließ er sich dann aufzäumen. Sobald Treadwell ihn aber werfen wollte, opponierte er ziemlich heftig. Erst nach verschiedenen Experimenten gelang dies. Jezt wurde ihm das berühmte Seil mit dem Ring übergeworfen und mit dem einen gefesselten Vorderfuß verbunden. Außerdem wurden ihm noch ein paar starke Fahrzügel angelegt und vermittels dieser trieb der Neger das Tier jezt im Raum auf und ab. In der anderen Hand hielt er Peitsche und Seil. Plößlich bei einem Hieb mit der Peitsche, verfing sich die Schnur in einer Spalte der Barriere, und der starke Ruck entriß sie Tread­well. Er bückte sich, um sie wieder aufzunehmen, ließ aber dabei das Seil fallen. In diesem Augenblick machte das Tier plößlich einen Sprung vorwärts, es schien fast, als ob es nur diese Gelegenheit abgewartet hätte. Tre­adwell stemmte sich zurück, dabei seine Hacken tief in den Boden bohrend und die Zügel mit aller Kraft haltend; aber sie reichte nicht aus. Noch einmal sprang das Tier vorwärts, dann bog es plöglich nach links ab, riß Tread­well mit, und als er dabei niederfiel, schleifte es ihn hinter sich her. Krampfhaft hielt Treadwell die Zügel fest und ließ nicht locker. Das furchtbar aufgeregte Pferd mieherte und schlug wild um sich. Zwei. Gehilfen eilten herbei; der eine versuchte es beim Kopf zu fassen, wurde aber umgerissen, und dem anderen versette es einen bösen Huftritt. Noch einmal bäumte es sich hoch auf und machte dann einen Sprung auf die Barriere zu. Im Publikum entstand eine entsetzliche Panii; Bänke wurden umgerissen, und einer stürzte über den Anderen weg, da­durch das Tier noch rasender machend. Treadwell hielt es noch immer an den Zügeln fest. Das Seil konnte er nicht erfassen, ohne die Zügel loszulassen, und dies war zu gefahrvoll. Auf einmal drehte der Hengst auf den Hinterbeinen herum und übersprang den am Boden liegenden Treadwell, ihm dabei einen Huftritt verseßend. Da, mit beispielloser Geistes gegenwart, ergriff der Neger das ihn streifende Seil, ein kräftiger Ruck, und der Hengst wälzte sich am Boden. Im Nu war Treadwell auf; noch ein-, zweimal das Seil angezogen, das Tier war hilflos und lag zitternd und schaumbedeckt am Bo­den. Treadwell war über und über beschmutzt und blu­tete aus einer Kopfwunde. Er setzte sich auf das Pferd, dann sagte er zu ihm:" Get up, my boŋ"! brachte es empor, beruhigte es, und nach 15 Minuten hatte er es lammfromm.

Vorstellung. Jedenfalls hatte sich Treadwell als ein sehr Da kein Pferd weiter angemeldet war, schloß die geschickter und mutiger Dresseur erwiesen.

F. Baumann.

Für

Ein neues Touristen- Dorado.

ür die europäische Reiselust ist es nicht leicht, immer neue touristische Gebiete in Vorschlag zu bringen. Wo kann man eigentlich noch hingehen? Diese Frage hört man heut zutage nur zu oft. Man will neue Länder, neue Völker, neue Kultur, kurz und gut, etwas vom Altäglichen Ab­weichendes sehen. Tie alte Postkutsche hat dem sausenden Expreßzug und dem Auto Play gemacht, die alten Ozeans­segler haben sich in glänzende schwimmende Riesenpaläste verwandelt, die Aviatiker haben den Vögeln das Geheimnis des Fluges abgelauscht, und sogar den Fischen ist in den Unterseeboten eine Konkurrenz entstanden. Aber immer weiter geht der Menschen Drang und Sucht nuch Neuem.

Sind nun tatsächlich schon alle Heerstraßen der modernen Reiserouten abgeklappert"? Antwort: Nein! Denn die Mehrzahl der Touristen folgt dem Schema- F- Wege und ist nur bedacht, das Reiseprogramm in fliegender Haft und Eile zu absolvieren. Bei dieser Galapp- Reiselust bleiben nur allzuoft die Veilchen, die nicht einmal im Verborgenen blühen, unbemerkt, und der vom Schnelligkeitsteufel befallene Tourist läßt sich herrliche landschaftliche, ethnologische und kulturelle Schönheiten entgehen.

Zu diesen bisher etwas stiefmütterlich behandelten Veilchen gehört auch Kanada, das Par- excellence- Land der Touristik, des Sports aller Arten, sowie des Handels, der Industrie und last not least- der Viehzucht. Wer hat nicht von den großen Pferdezuchten in Alberta gehört, dem ,, Kentucky" Kanadas?

Und dann die historische Vergangenheit Kanadas! Einst ein kleines Indianerdorf Stadacona heute das stolze Quebec, das vor einigen Jahren sein 300 jähriges Jubiläum feiern konnte. Welcher Wandel von der Entdeckung des imposanten Lawrencestromes durch Jacques Cartier bis zur Eröffnung der kanadischen Pazifik- Eisenbahn, die Kanada der Welt erschlossen hat, eine Welt der herrlichsten Natur­schönheiten und ungeahnten Bodenreichtums.

Wie familiär aber muß Kanada dem deutschsprechenden Touristen erscheinen, wenn er auf der Fahrt durch das weite Land die blühenden Städte Berlin und Straßburg be­rührt und ihm sozusagen im Herzen Kanadas von den kleinen Newsboys" der ,, Saskatchewan Courier" in deutscher Sprache angeboten wird.

Das große Naturwunder der Welt, die Niagarafälle! Hört man von den tobenden und tosenden Wassermassen sprechen, so heißt es immer: das aquatische Prunkstück der

Amerikaner. Man vergißt, daß auch die Kanadier, um einen mittelalterlichen lateinischen Ausdruck zu gebrauchen, das Niagara- Aquaticum haben und die unten zischenden und gischenden Wassermengen besonders von der kanadischen Seite einen bezaubernden Anblick gewähren. Hat man von der amerikanischen Seite die Hängebrüde überschritten und betritt tanadischen Boden, so glaubt man sich in ein kleines Paradies versetzt. Vor kurzem noch der amerikanische Riesentrubel, der auch angesichts der schönsten Naturwunder nie versagende Yankeegeist und plöglich ein beinahe echt englisches Land­idyll. Entzückende, reizende Landhäuschen, saubere Straßen, gepflegte Blumen- und Obstgärten und europäischer Geschäfts­sinn. Nicht die gefürchtete Amerikanitis", die da hastet, eilt, galoppiert und nie zur Ruhe kommt, sondern ein solides und auf gesunder Basis beruhendes Geschäftsleben. Ein reizendes landschaftliches Tongemälde, zu dem der Niagara die nötige Fortissimo- Musik liefert.

Diese kanadischen Eindrücke wiederholen sich an der ganzen amerikanischen Grenze, und wird endlich der Terminus der transtontinentalen kanadischen Eisenbahn, das interessante Vancouver mit seinen Urwaldriesen im wunderschönen Stanley­Park und seinen umliegenden herrlichen Wäldern erreicht, so glaubt man sich erst recht nach Old England" versetzt, denn die Wohnviertel sind echt englisch an- und ausgelegt. Gelangt man zuguterlegt nach der Hauptstadt von Britisch­Kolumbien, dem reizend gelegenen Victoria, dann genügt schon ein Blick auf den an Westminster erinnernden Turm, um die Americanitis" gänzlich vergessen zu lassen.

Unermeßliche Getreidefelder, saftige Wiesen und endlose Prärien, imposante Wälder, himmelanstrebende eisbedeckte Gletscher, schäumende Gebirgsbäche und Flüsse, blühende Städte und idyllische Ortschaften, weidende Riesenherden von Pferden, Rindvieh, Schafen und Ziegen, nomadisierende, aber friedliche Indianer, ab und zu ein kanadischer Konstabler auf einsamem Wege, jene braven und heldenmütigen kanadischen Hüter der Ordnung, die der Volksmund Sentinels of the silence" getauft hat, das ist das imponierende Gesamtbild des großen Reiches.

Ob man jedoch in der zweirädrigen ,, calèche" durch die Straßen Quebecs fährt oder im schnellen Auto Montrea! durchsaust, einen gemütlichen Bummel durch das so aufblühende Winnipeg unternimmt oder das achteckige Bibliotheksgebäude in Ottawa bewundert, ob man eine aufregende, aber interessante Fahrt über die Rapids" des St. Lawrence unternimmt

Rüftenszenerie bei St. John's, der Hauptstadt von Neufundland.