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26.10.1912 Zweites Blatt
 
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ergebenst

A

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Nichtschuldig.

eine Eiswaffel fauft. Mit der Miene eines Gönners wirft er der Berfäuferin gewöhnlich Fellahweiber, die unverschleiert gehen dürfen einen Sou hin und greift mit beiden Händen voll hinein in den Kuskus. topf. Was er dabei erwischt, ist sein. Jeder Griff fostet einen Son; wobei die Kinder beide Hände, die Erwachsenen aber nur eine Hand gebrauchen dürfen. Das gibt dann ein Schlecken und Schmaßen. In der nächsten Sefunde ist die Hand rein geleckt und am Burnus abgewischt.

Auf der andern Seite des Marktes stehen Buden; äußerlich richtige europäische Schaubuden. Aber was in ibnen gezeigt wird, dürfte sich von dem, was wir in Europa zu sehen bekommen, unterscheiden. Aus der einen Bude tönt monotoner Gesang und der rhythmische Schlag des Tamtams. Ein großer Araber fündet mit voller Lungenfraft an, daß Fatima, die schöne berühmte Fatima, darin den Schwertertanz und den Haremstanz und den Bauchtanz vollführt. Der Europäer zaudert wohl einen Moment, ehe er eintritt; er fürchtet viel leicht eine auf dem Fremdling berechnete unechte" Mache. Das ist aber ein Fehler; der Schaubudenbesitzer rechnet weniger auf den Zuspruch des Fremden, der ihm in genügender Anzahl doch nicht die Bude füllen könnte, als in erster Linie auf die arabische Bevölkerung. Und daß er denen in arabischen Dingen fein für ein U machen kann, versteht sich wohl von selbst. So sieht der Tourist zum ersten Male wirklich arabische Tänze. In der Nebenbude drehen sich vielleicht Derivische.

Hoch oben auf dem Berge liegt, wie schon gesagt, Mustapha superieur; zum Unterschiede von Mustapha inferieur oder dem Teil der Stadt Algier, den ich eben beschrieben habe. Und zwischen Mustapha, inferieur

und superieur liegt die echte, rechte Araberstadt. Schmale Gäßchen; so schmal, daß man mit ausgestreckten Händen rechts und links die Wände berühren fönnte. Und ein ganz klein wenig unheimlich); namentlich am Abend. Denn dann deutet feine Laterne den Weg; man ist ganz und gar auf das Licht des Mondes angewiesen. Dann huschen hier und da ein paar verschleierte Frauen­gestalten schen an dem einsamen Wanderer vorüber, oder ein Araber fehrt in sein Haus zurüd. Und was der Tourist schon vom Schiff aus bemerkte, das fällt ihm jetzt doppelt auf. Denn er sieht wohl die Türen der Häuser; niedrige, schwere, eichene Türen, die nicht unähnlich den fleinen Toren sind, die früher durch Festungswälle oder Stadttore führten. Statt eines Fensters aber, gewöhnlich an irgendeinem Teil der Vordermauer, hoch oben, ein kleines, starf vergittertes Loch. Hat er Glück, und ist es Tag, so fann er hinter diesen Gittern manchmal das verschleierte Gesicht einer arabischen Schönen erblicken. Oder, er sieht oben auf den Dächern den Hausherrn mit seinen Damen, natür­lich auch verschleiert, Siesta haltend. Denn die Dächer sind flach, mit einer halbfugelförmigen Ruppel in der Mitte und den Mauern der Häuser so weit über das Dach hinausgehend, daß sie auch dort eine schützende, umgebende Wand bilden.

Eines der größten Vergnügungen wird der Tourist in seinen Spaziergängen durch die Shufs finden. Shufs sind enge Straßen, in denen sich Geschäft an Geschäft reibt, und zwar dermaßen, daß die Geschäfte feine eigentliche Front haben, sondern der Eingang so groß ist, wie die ganze Front des Geschäftes. Der Ein­druck ist also der eines enormen Bazars, der rechts und links in Teile geteilt ist und durch dessen Mitte ein Gang führt.

Nichtschuldig.

Ein amerikanisches Erlebnis von F. Baumann.

Während meines Aufenthalts in Palestina einer Heinen Stadt in Teras, besuchte ich eines Morgens das Gerichts­gebäude. Ich betrat in dem Augenblick den Sitzungssaal, als der Richter die folgende Worte sprach:

Der Gerichtshof hat ein neues Verfahren gegen den Angeklagten in Erwägung gezogen. Der Angeklagte selbst ist fofort auf freien Fuß zu feßen. Gentlemen, die Verhandlung ist beendet und du, Jimbier wandte sich der Richter zu dem Angeklagten, einem alten Neger du kommit mit mir!"

Die letzte Aufforderung des Vorsitzenden an den Ange­flagten, wie schon eben erwähnt, einen alten Neger, über­raschte mich im höchsten Grade. Wird doch nirgends auf den Rassenunterschied in Amerika so viel gehalten, als besonders im Süden; nun sah ich den ehrenwerten Richter ganz gemüt lich mit dem Schwarzen fortgehen.

Der Saal leerte sich schnell, und auf meine Frage betreffs des Falles usw. bekam ich nur ungenügende Auskunft. Nach denklich verließ auch ich schließlich das Gerichtsgebäude. Ein Ritt zu einer Farm in die Nachbarschaft von P. und einige Besuche an demselben Tage nahmen meine Zeit in Anspruch, sodaß ich nicht mehr an die Sache dachte.

Als ich aber beim Frühstück am nächsten Morgen die Zei tung las, sollte mir dennoch Aufklärung über den sonderbaren Fall werden. Da stand in einem Bericht über eine Gerichts­verhandlung folgendes:

Der Staatsanwalt hatte sein Plaidoyer beendet, sich niedergesetzt und erwartete die Rede des Verteidigers. Seine triumphierende Miene verkündete, daß er auf eine sichere Ver­urteilung des Angeklagten rechnete. Der Angeklagte war ein alter Neger. Während der Dauer der Verhandlung hatte er nicht aufgehört, den Richter scharf ins Auge zu fassen; als er in den Saal geführt wurde, hatte er zu dem ihn begleitenden Sheriff gesagt: Bei Gott, das ist Mr. Green, mein alter Rapitan." Sein Mund hatte sich zu einem befriedigten Grin­sen verzogen. Die belastenden Zeugenaussagen hatten den alten Neger wenigstens nicht weiter beunruhigt, und nur mit leidig hatte er den ihm vom Gericht gestellten jungen Rechts. anwalt angesehen, als sich zu des Alten Verteidigung dieser erhoben hatte.

Der Verteidiger hatte seine Rede beendet, der Richter sich aufgerichtet, feine Brille geputzt und dann erklärt: Der An­

geklagte ist des Diebstahls schuldig befunden! Hat der Ange­flagte persönlich noch etwas zu seiner Verteidigung hervor zubringen?" Der ernste Blid des Richters zwang den alten Neger, die Augen niederzuschlagen. Dann aber erhob er sich, und sein Gesicht zeigte große Entrüstung als er begann: " Jawohl! Herr Richter, ich habe etwas zu sagen, und werde es sagen. Sehen Sie her, Mr. Green, Sie kennen mich gerade so gut, wie ich Sie fenne. Ich kenne Sie von Kindheit an, und Sie haben nie etwas Böses getan, nur jetzt- wo Sie mich verurteilen wollen. Man hat mich verhaftet und hierher­gebracht, weil ich einen Hahn gestohlen haben soll. Ja, ich habe den Hahn genommen, mir aber dabei nichts Schlimmes ge= dacht. Mr. Green, erinnern Sie sich noch, daß ich während des Bürgerkrieges Ihr Diener war? Mußte ich damals nicht immer für Nahrung sorgen, für Sie und Ihre Kameraden, besonders wenn die Rationen knapp waren? Und haben Sie nicht immer meine Findigkeit und Fertigkeit gelobt und ge= sagt: Jim, du bist die treueste Seele und der beste Fourier?" Ich habe Hühner, Truthähne und Zidlein auf dem Wege von Chattanooga bis Atlanta für Sie gestohlen. Damals haben Sie nie etwas gesagt oder eine Frage gestellt; daher möchte ich wissen, ob das, was Sie damals Fouragieren nannten, heute Diebstahl ist? Ja- und denken Sie noch daran, Mr. Green, als Sie eines Tages zu mir tamen und sagten:" Jim, morgen ist Weihnachten und wir müssen einen guten Braten haben?" Und bin ich nicht fouragieren gegangen und habe einen Trut­hahn, einen Sch.nken und zwei Flaschen Whisky gebracht? Und luden Sie nicht Ihre Kameraden ein und feierten fröhliche Weihnachten? Und was nun domals Fouragieren war, soll heute Diebstahl sein?

Und weiter, Mr. Green, erinnern Sie sich noch, als Sie terwundet waren und schließlich gefangen wurden und ich Sie pflegte, daß Sie mir eines Tages einen Brief und Ihre Schärpe gaben und sagten: Jim, geh' und trage dieses zu Ihr"! Und wanderte ich nicht über 100 Meilen durch Feindesland und eilte zu -Jhr". Als ich tor das Haus tam, da stand sie am Gartentor; als sie mich erkannte, begann sie zu weinen und stotterte: Er ist tot! er ist tot!" Ich beruhigte sie und sagte ihr, daß Sie lebten und ihrer gedachten und bald wiederkommen wür= den, und dann verwandelten sich die Schmerzens- in Freudens tränen!" Und nun hören Sie, Mr. Green: Meine alte

In Aegypten.

Frau, meine Schwiegertochter und drei fleine Kinder find drüben in unserem Blodhaus, nahe Sam Kerrys Farm. Wir hatten nichts zu essen; als ich bei Kerrys Hühnerstall vorüber. fam, bemerkte ich den Hahn. Es war nur ein fleines mageres Tierchen. Aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen bei dem Gedanken an meine hungrige Familie und nahm ihn. Ich wollte nur einmal wieder fouragieren, wie damals. Nein, Mr. Green, das können Sie nicht stehlen nennen- und Sie werden Ihren alten Diener deshalb doch nicht ins Gefängnis schiden?"

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Nachdem der alte Neger geendet hatte herrschte im Saale tiefes Schweigen. Die Leute, welche zuerst gelächelt hatten, als der Alte zu sprechen begann, waren ernst geworden. Richter Green hatte zuerst aufmerksam zugehört, nach und nach waren seine Züge jedoch unruhig geworden, seine Augen schließlich feucht, endlich sprach er die Worte, die ich bei meinem Eintritt in den Saal vernommen. Jetzt war mir flar, warum der ehr. same Richter mit einem Reger durch die Straßen gewandelt

war.

In Aegypten.

ir figen unter dem von der Sonne glühend durchleuch. teten roten Markisendach, das in der vom Balajt der Khediva- Mutter herstreichenden Meerbrise immerfort leise flappert und sich auf und niederbeutelt, oben auf der Dach terrasse einer Mietvilla in Ramleh. Mit seinen in prächtigen Gärten sich anmutig bettenden Villenkolonien, mit seinen Seebädern, Hotels und Basaren, seinen Spielfälen, Theater und Konzerthallen bildet dieser außerdem mit mehreren bornehmen Schlössern geschmüdte, von üppigster, reich ge­pflegter Vegetation umgrünte reizende Vorort Alexandriens für Kairo und einen nicht unbedeutenden Teil der nord­afrikanischen Küste die Riviera Aegyptens". Am Strand scheint irgend ein Sportereignis, ein Wettschwimmen oder eine Segelregatta für heute angekündigt zu sein. Unten in den Straßen ist ein ungewöhnlich lautes und von bunten Farben durchmischtes Getriebe. Die elektrischen Bahnen, die von Alexandrien ankommen, fizen vollgepreßt wie die Kiepen wandernder Vogelhändler. Helle Sportanzüge flettern daraus hervor, dahinter braune Raftane, gelbjeidene Bur nusse, schmutzige Fellachenweiber mit Obstförben an den Armen, die rauh wie Haarbürsten sind. Weiße Gelehrten­turbane und dunkelblaue von Seftierern freisen in der durcheinanderstrudelnden und sich dann zum Strand hin ergießenden international gemischten Volksmenge. Knallende Peitschen und ein Paar stolzer nachtschwarzer Berber rappen sprengen, mit bläulichen Sonnenreflegen auf den Flanken und vom Fnnkeln des Silbergeschirrs umblißt, vor einer fronengeschmüdten Equipage durch die mit Geschrei auseinander sich zerrende Wlenge. Grelle Negerblide globen zu uns herauf und ein vertrauliches Grinsen der weißen Zähne setzt sich gleich mit uns oben auf dem Dach ungeniert in Stontakt. In das Geschrei der Ausrufer, die überall mit ihrem nnnügen Kram sich durchdrängen, in das Stimmen getöse dieser fich uur mit schmetterndem

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Acgyptische Fellachenfrau.

Wortprunt un­terhaltenden Anwohner des Orients brül. len noch stimm gewaltiger die Hupen der Au­tos, die eben­falls zu der lich­ten Versamm lung weißschim mernder Segel am Strande hinunterjagen, leicht wie eine Segeljacht die vor ihnen flu­tenden Massen auseinander­werfend. Aber wir lassen uns nicht aus un­jerm Buen Retiro heraus. loden. Alegan drien mit sei­nen glutheißen Straßen haben wir satt. Auch die gesellschaft. lichen Annehm lichkeiten bes dortigen Le­bens reizen uns

nicht mehr. Die Place Mehemed Ali, wo sich alles versam melt, was den Stempel europäischer Stultur an der Stirn trägt, hat ihre verführerische Lodung berloren.

Ein berauschender Hauch von Eufalyytus weht durch die sonnenglänzenden, wie von innerem Jrisieren hin und wieder silbern aufflirrenden Lüfte Aegyptens um uns. Dichte Lorbeerheden werfen bläuliche Schatten auf das Dach und die ausgebreiteten Matten und ragen noch über die weißen Mauern hinauf. In der Ede, wo eine Mischung von Aegypter und Pariser, der momentane Herr der kleinen Villa, über einem geschlossenen Buche träumt, schießt stolz wie eine europäische Treibhauspalme fast vier Meter hoch ein Oleander in seltener leppigfeit über das glühendrote Markisendach hinauf, mit dessen Feuerfarbe die unerhört roten vollen Blüten in ihrem schweren Bluft wetteifern. Gurgelnd rauschen die glänzenden Blasen in dem mattblau gebudelten Stristall­bauch des Nargileh vom Grund herauf, und aus dem Bern­steinmundstüd des roten langen Schlauches zwischen den sinnlichvollen Lippen des Aegypters quillt hin nnd wieder ein grauer Rauch faul in die heiße Luft. Ein Schlud lau­warmen Moffas, ein Schlagen nach den Fliegen, ein Auf­flimmern in der Asche des goldbraunen Meerschaumfopfs auf der Pfeife, von der Haschischduft herüberschwält und ein Diener, schwarz und von Fett glänzend, bringt auf altem, foftbarem Granada- Teller die vorzüglichen Früchte Alegan. driens, jene berühmten dunkelbraunen Ambat- Datteln, und legt neben die Schale auf das niedrige maurische Intarsien­tischchen einen Brief. Dabei spudt er nach allen Seiten um sich, als habe er einen widerlichen Statarrh. Er muß ein fast heiligmäßiger Jünger des Propheten sein wir sind im Fastenmonat Ramadan, da wagt er nicht einmal ben Speichel zu verschluden- bis zu einer solchen Asfeje schwingt sich die Fastentur dieses von Fett Strahlenden auf, den sein Herr Ha- Baal" Sonnengott bezeichnenderweise ge­nannt hat. Augenblidlich allerdings nennt er ihn Changir" - was man nicht anständiger übersehen fann als mit Schwein". Das stört den Fastenden nicht, den es foltert, daß sein Herr Moffa trinkt, außerdem noch raucht und nun gar diese schönen Amhat- Datteln faut! Hernach ergreift der Verächter des Gesetzes des Propheten den Brief; er wird sehr erregt bei der Leftüre, läßt die Wasserpfeife ausgehen, reißt dafür den ganzen Apparat flirrend von dem Hoder und schaut dann unter den schwarzen Brauenbüscheln weg lange auf ein weißes Segel, das fern nach Fort Silsele zum Oft­hafen Alexandriens durch die blaue Mittelmeerflut langsam hinüberschaufelt. Der Brief teilt eine seltsame Testaments. flausel eines Onfels mit, der vor furzem in Kairo das Zeit­liche gesegnet hat und meinen Freund nur als Universalerben anerfennt, wenn dieser im Jahre seines Todes oder im darauf­folgenden die Bilgerfahrt nach Retta macht.

In den nächsten Tagen schon sind wir in Stairo, in dem im neuen Stadtviertel gelegenen stolzen Balais des teils glüdlichen, teile unglüdlichen Erben, der eine Meffafahrt un­verständlicherweise einer Höllenfahrt gleichzusehen scheint. Ich treibe bis zum Aufbruch einige Sprachstudien, die ich auch in den Straßen fortjeße, wenn ich z. B. mit einem Droschtentutscher an der Gamia Sultan Hassan bei der Bita­delle um den Fahrpreis feilsche und allem unverständlichen Geschnatter und flugen Berechnungen mit dem furzen Wört­chen Staratol" ein jähes Ende bereite dies Wörtchen " Polizei" darf sich jeder Besucher dieser merkwürdigen Stadt merken, die in ihrer seltsamen Vermischung von orientalischen und ofzidentalen Elementen einzigartig fesselnd ist. Auch die Eseltreiber Kairos sind halbwegs brauchbare Sprachlehrer nur mißberstehen sie den Europäer so gern.

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In diesen Tagen ist Beiram, da ist es gute Gewohnheit der Herrschaften, zu diesem Fest der Dienerschaft Geschente zu machen. Der Schwarze macht allerdings ein Miserere Geficht! Ich reite in die Stadt zu den Bajaren, um irgend etwas zu faufen. Ein ganz ungewöhnlich lebhaftes und

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