Ausgabe 
26.10.1912 Zweites Blatt
 
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( Neueste Nachrichten)

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Nr. 86.

2. Blatt.

Die politischen Lieder und Sprüche der Deutschen im Mittelalter.

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Von Dr. Lion Feuchtwanger- München. Die kürzeren politischen Dichtungen des deutschen Mittelalters bezeichnet man gemeinhin nach dem trefflichen Sammelwerk Rochus von Liliencrons Leonhard hisle rische Volkslieder. Daß indes diese Bezeichnung abach/ M., einigermaßen schief ist, bemerkt schon Liliencron. vielleicht verkehrter Weise chreibt: Ich habe mich mich entschließen mögen, den einmal üblich gewordenen Namen der historischen Lieder, obwohl er gleichmäßig in jeinen beiden Teilen unzutreffend ist, gegen eine andere Bezeichnung zu vertauschen; richtiger hätte es heißen müffen: politische Volksdichtungen. Was nach abge= schlossenem Verlauf zur Geschichte wird, das ist, wäh­rend es geschieht und für diejenigen, unter denen und mit deren Mitwirkung es sich vollzieht, Politik. Zu den bestimmenden Eigentümlichkeiten unserer Dichtungen aber gehört es eben, daß sie nicht, auf einen schon abge­chissenen Verlauf zurückblickend, geschichtliche Begeben heiten in objektiver Auffassung darstellen, sondern daß fie in den noch fortdauernden Verlauf hineingehören, daß sie aus den Begebenheiten selbst als unmittelbare Folge hervorwachsen, und daß ihre nächste Absicht da­hin gerichtet ist, auf den weiteren Gang der Dinge ein­zuwirken, indem sie die Gemüter stimmen und die Gei­fter im Volk für eine bestimmte Auffassung der Sach­lage gewinnen." Sie sind mit anderen Worten durch aus journalistisch, ja, sie sind die wichtigsten journalisti­cheri Denkmäler jener Epoche.

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Wichtiger sogar als die großen Reimchroniken. Ob­gleich nämlich auch diese aus dem Tag geboren und für den Tag bestimmt waren, so schränkte doch ihr Um­jang, ihre Umständlichkeit und ihre Gelahrtheit den Effekt und die Popularität dieser Machwerke ein. Anders die hurzen politischen Dichtungen. Die konnten sich viel leich ter einbürgern. Oft waren sie zum Singen bestimmt, ie gingen von Mund zu Mund, flatterten über weite Gebiete und übten so tiefe politische Wirkungen aus, daß man ihre Bedeutung füglich mit der Importanz der heutigen politischen Tagespresse vergleichen fann. ls gar die Erfindung des Drucks die Verbreitung der politischen Lieder durch Flugblätter ermöglichte, stieg ihre Bedeutung ins Ungemessene.

Zahlreiche Zeugnisse belegen den Einfluß dieser Lieder. Wenn auf eine Schlacht oder sonst auf einzelne Ereignisse Lieder gesungen wurden, dann konstatieren dies die Chronisten gern als eine Sache von Belang. Vor allem die Lüneburger Chronik legt Gewicht auf solche Feststellungen, aber auch sonst findet sich oft ein derartiger Vermerk Zum Jahre 1336 berichtet Justin­gers Chronik, die Berner hätten einem neuen Krieg ohne Besorgnis entgegengesehen, nachdem sie die meisten Schlösser umher zerstört, als dann das an etlichen lie­den gesungen ward, die den herren mit wol gefielent". Und über den alten Züricher Krieg( 1443-46) berich let Tschudi: Es wurden auch diser Zeit mengelei Lied­lin ze Rapperschwil und ze Zürich denen von Schwitz gefungen, daruß vil Widerwillens entstund, und man ein inen andere Lieder hinwider sang, und halff ic Boef das andere meren." Vom Schwabenkrieg( 1499) berichtet Anselm: Hant sich erhoben ohn Zweifel vom haser alles Friedens, dem Tuefel selbs erdachte schänd­liche unmenschliche Schmähwort Lieder und Wucken." Und auch Lenz flagt in seiner Reimchronik des Schwa­bernfriegs, von den Liedern, die man den Eidgenossen zur Schmach weit und breit im Elsaß und in Schwa­bem song, habe sich viel Jammer, Krieg, Brand und Totschlag erhoben. Auch der Ausbruch des Markgrafen friegs 1449-50 wurde vor allem durch Hetzlieder her= beigeführt, ebenso der Krieg zwischen Herzog Wilhelm un den thüringischen Viktumen 1452. Der in der Aufzählung von Nebensächlichem gewiß sehr sparsame Nemeas Sylvus berichtet über den Aufstand der Wiener DOTI 1452: Viri, matronae, pueri innuptaeque puellae acllufi Caesaris carmina cantant." Nach der Eroberung

Leciferrin

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Expedition: Seltersweg 83.

Samstag, den 26. Oftober 1912.

Konstantinopels durch die Türken bediente

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Telephon Nr.: 362.

24. Jahru.

Kapitelherren seien die Dichter zu finden; die Majestät

offiziöser Reichspoeten, um das Volk aufzuftacheln. Oft möge dieselben an einen Ort bringen lassen, darin fie

ließen es sich die Fürsten schwere Geldopfer kosten, einen gegnerischen Poeten auf ihre Seite zu ziehen. So läßt sich etwa der Meistersinger Rosenblüt, 1459 ein erbitter ter Feind der Fürsten, erkaufen, 1460 pathetische Lob­lieder auf die Bekämpften zu dichten. Für die Verbrei­tung dieser Lieder im Volk spricht auch ihre lange Nach­wirkung. Ein inhaltlich und formal ganz reizloses Lied über den Seeräuber Claus Stortebeker aus dem Jahr 1402 wurde etwa auf Rügen bis ins 18. Jahrhundert, in Friesland noch im 19. gesungen.

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Welch hohe Bedeutung die Zeit diesen Liedern bei­mak, geht am besten aus den Belohnungen und den Strofen hervor, die die Dichter empfingen. Ein Hans von Westernach, der in der Schlacht von Seckenheim ( 1462) gefangen wurde, durfte hoffen, durch ein Lied auf den Sieger sich die Freilassung zu ersingen. Hans vom Hof hingegen, der im Bamberger Immuni­tätenstreit 1435 ein Lied gegen die geistlichen Herrn sang, scheint für sein Gedicht gehängt worden zu sein. Sicher ist, daß der Has. Sänger des Bischofs Johannes von Würzburg( 1455-66), nach des Bischofs Tod um sei­ner Spottverse willen von dem aufgebrachten Janhagel gelyncht wurde. Lorenz Fries berichtet darüber in der Geschichte der Bischöfe zu Wirtzburg: Bischof Johan nes hatte unter anderen seinen Dienern auch einen leibknecht Haaß genannt, einen Burger zu Wirtzburg, leibknecht Haah genannt, einen Burger zu Wirzburg, der konte wohl singen, und was in der ganzen stadt geschah, flein und groß, das erfuhr bischoff Johannes durch diesen Haasen: doch wolte man sagen, daß er nicht allwege die wahrheit fürbrächte, sondern vielmahl mit dem seinen zumischete, nachdem er einem günstig oder seind war, dadurch mancher unschuldiger geschmitzt und dagegen mancher schuldiger ungestrafft bliebe. Dero­wegen ihn fast jedermann abhold und haß trug. Er war auch sehr prächtig stoltz und üppig und was er fürnahm, das unterstund er hindurch zu bringen, da­rum er auch von männiglich geforcht war. aber der bischoff Johannes mit tod verschied, ward er von dem hofgesind gefangen herab in die stadt geant­wortet, und bald darnach gebunden im Mann geworf­fen und ersäufft. Das war sein verdienter lohn, und soll dieser Haaß... einem jeden hofgesinde beispiel und exempel geben, daß sie sich des gemeinen sprich worts lieber fittel reiß nicht, herrndienste sterben nicht erinnern und bey den lebendigen herrn also halten, daß sie sich bei den künfftigen, wo es sich aus ordnung got­tes also zutragen würde, keiner verschuldeten ungnade noch anderer beschwerden besorgen dürften." Es gibt auch einen bissigen Spruch vom Hasen, der in 203 Ver­sen das schlimme Ende und die Höllenfahrt des Sän­1445 verbot Philipp der Gute von Bur­gers meldet. gund, als er den Parteihader der Hoeken und Kab­blious zu unterdrücken trachtete, das Singen oder Her­sagen beleidigender Lieder und Gedichte. Zum Jahre 1457 erzählt Eschenloer, zu Breslau habe der Rat ver­gebens versucht, den von der katholischen Geistlichkeit an­geregten Schmähgedichten gegen Podlebrad Einhalt zu fun; ie mehr und mehr erhuben sich neue Gesenge und Gedichte in den Kretschamheusern und die Prediger da­bei helfende, daß kein Ratman noch kein weiser Man dorwider mehr reden durfte." Zum Jahr 1488 erzählt das Braunschweiger Schichtbok", daß Ludeke Holland und seine Gesellschaft, die das Regiment in Braunschweig an sich gerissen, eine eifrige Untersuchung angestellt we­gen eines schanfernollekens", d. h. Spottgedichts. Und als im Jahr 1493 in Würzburg ein fliegendes Blatt mit einem Spruch gegen den Herzog von Sachsen ver­breitet wurde, ließ der Bischof die Verkäuferin, ein Mäd­chen aus Bamberg, greifen und die noch vorhandenen Exemplare verbrennen; auch wandte er sich an den Bi­schef Veit von Bamberg um Bestrafung des Druckers. Der Herzog von Sachsen gab sich aber damit nicht zu­frieden. Am 17. Mai 1494 erhob er harte Klage zum König Maximilian, Bischof und Kapitel von Würzburg hätten einen Schmähspruch gegen ihn öffentlich verkau­fen und im ganzen Reich verbreiten lassen; unter den

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recht dichten lernten. Bischof und Kapitel wurden dann auch zur Rechenschaft gezogen. Unterm 25. Juni ent= schuldigten sie sich: die strengste Untersuchung, zu der auch die abwesenden Domherren beigezogen worden seien, habe nur die völlige Unschuld ihrer aller ergeben; unt die Bestrafung des Druckers habe man den Bischof von Bamberg sogleich ersucht. Der Drucker, Meister Sporer vermutlich, scheint denn auch infolge dieser An­Auch an­gelegenheit Bamberg verlassen zu haben. läklich der Niclashäuser Wallfahrt 1476 galten die von dem Hirten Böhm, einem religiösen Schwärmer, und seinen Anhängern gedichteten und gesungenen Lieder als ein Hauptmittel der sektiererischen Erregung, und welt­liche und geistliche Behörden suchten diese Lieder durch Verbote zu unterdrücken. In einem Ausschreiben des Königs Wladislaus an die Zittauer, d. d. Ofen 29. Nov. 1496 heißt es: Auch kommt glaubwürdig Uns, wie ihr denen von Görlitz wie auch Uns zu Schimpf aber neue Lieder tichten und singen, auch durch die ewren und in ewrer Stadt viel Schmach zufügen

an

laßt; wo ihr nicht davon abstehet, werdet ihr uns be­wegen, andere Befehle abzufertigen."

Bei dieser Gefährlichkeit der politischen Lichteren" nimmt es nicht wunder, wenn 1492 der Herold Hans Schneider von Augsburg, der füniglichen majestät ( Wiarimilians) sprecher", also flagt:

Man spricht mir oft umb dichten zu ich soll mich brauchen spat und fru, daß ich die newen leuf betracht. Jch pesorg ich wurd darumb veracht Dann niemand will für gut mer han Die straf, die man hat etwan tan: vor zeiten dorften d' Herold strafen, wo trew und warheit wolt entschlafen und wenn die heupter meil entfiengen, daß sie die rechten strak nit giengen, so schneit man in die tischtuch ab, das mindert in der eren hab. Sol man jez solich zipfel schneiden, so muß sich menges tischtuch leiden, doch wil ieder der besser sein!"

Bei der Bedeutung, die dem politischen Lied jener 3eit eignete, läßt sich denken, daß sein Stoffgebiet ein außerordentlich großes war. Es ist sicher, daß ein gro­ßer Teil dieser Dichtungen unterging, sowie die besun­genen Ereignisse aus dem Denken des Volkes schwan­setzte man, wenn das besungene Ereignis verblaßte, all­den; viele auch sind nur verstümmelt erhalten, und oft gemeinere Ausdrücke an Stelle der besonderen und ver­wirrte die Beziehungen. Dennoch läßt sich aus dem er­haltenen Material das Stoffgebiet der politischen Volks­dichtung mit ziemlicher Sicherheit bestimmen.

Man sang politische Lieder überall in deutschen Landen, von der ungarischen Grenze bis zur burgun­dischen, vom Trentino bis zu den friesischen Inseln. Wo Fürster: herrschten, war die Produktion naturgemäß nicht so groß wie in den freien Städten und auf dem Bo­den der Eidgenossenschaft, denn die minder strenge Zen­sur und das stärkere politische Interesse in den demo= kratischen Gemeinwesen förderte die politische Dichtung alberordentlich; vor allem in der Schweiz entstanden sehr zahlreiche derartige Lieder, die auf das rege Jn­teresse breiter Volksschichten an staatlichen Dingen zu­rückzuführen sind.

Allgemeine Richtlinien dafür, was die Wahl des Strffes beeinflußte, lassen sich schwer aufweisen. Ob ein Ereignis politisch bedeutungsvoll war oder nicht, küm­merte die Sänger wenig. Auch die charakteristischen Werte einer prominenten Persönlichkeit wußte man nur selten zu erfassen und zu gestalten. Johann von Lu­remburg- Böhmen ist in feinem dieser Lieder erwähnt, an dem komplizierten Genießertum Kaiser Sigmunds ging die nüchterne Zeit achtlos vorbei, und nirgends in den Liedern über die burgundischen Händel findet sich Verständnis für die Größe Karls des Kühnen. Nur die

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