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Die Einsame.

Die Einsame. Es war am Neujahrstage, als die Baronin Irma von Ber­

ton zum ersten Male Herrn Albert Marnet begegnete. Alljährlich an diesem Abend veranstaltete die reizende Jr­länderin mit den sinnenden Augen, Frau' Realey ein ,, Souper der Alleinstehenden", zu dem nur solche Freunde geladen wurden, die weder Gewohnheit noch Neigung am häuslichen Herde festhielt, um im Kreise der Familie das Fest zu begehen. Solch ein köstlich anmutender Abend entfachte die Neigung zwischen der Baronin und Herrn Marnet.

Sie war eine sehr junge Frau, kaum dreiundzwanzig Jahre alt und dennoch lag ein wehmütiger Zug- die Er innerung an eine schmerzerfüllte Vergangenheit auf dem jugendlichen Gesicht. Mit siebzehn Jahren hatte man sie an einen Mann von vornehmer Lebensstellung, jedoch von vorgerückten Lebensjahren, verheiratet, den die An­mut dieser knospenden Jugend bezauberte. Der blasierte Kavalier bereute jedoch bald die unüberlegte Tat. Die siebzehn Jahre seiner Frau, die ihn anfangs so sehr ent­zückten, waren ein Gegenstand der Verzweiflung für ihn geworden.

Es kam schließlich so weit, daß er Irma tyrannisierte, und er hätte sie gewiß zu irgend einem heftigen, ver­zweifelten Entschluß getrieben, würde ihn nicht plötzlich ein schmerzhaftes, gichtisches Leiden an das Krankenlager gefesselt haben. Die Ärzte verordneten ihm den Süden, und der Baron von Berton begab sich nach Nizza, während er seine Frau in Paris zurückließ.

Seit zwei Jahren lebte sie nun allein und ruhig, als angehende Witwe.

Man sagte ihr natürlich häufig, daß man sie liebe, doch sie glaubte nicht daran und war fest entschlossen, sich die Ruhe ihres Herzens zu bewahren.

Dann kam jener Abend, den sie in einem Winkel des Salons O'Realey im traulichen Gespräch mit Marnet verbrachte. Beide empfanden die lebendige Freude, bei dem anderen die geheimnisvollsten Regungen der eigenen Seele wiederzufinden. Irma sagte sich nicht, daß er schön sei; auch er bemerkte vielleicht nicht einmal die regel­mäßige Schönheit ihres feinen, goldumwellten Kopfes, ihrer schlanken, herrlichen Figur; sie dachten an nichts und gaben sich unwillkürlich dem Zauber eines sie seltsam bewegenden Glückes hin.

Am folgenden Tage stattete Albert der Baronin von Berton einen Besuch ab, dann bald einen zweiten. Nach und nach war es ihnen zur Gewohnheit geworden, sich täglich zu sehen, ohne zu merken, daß irgend etwas in ihrem Leben verändert sei. Irma erkannte bald die Leere, die eine Reihe von bitteren Enttäuschungen in dem Herzen ihres Freundes zurückgelassen hatte, das sich nach einer wahren, innigen Zuneigung sehnte.

In diesem oftmaligen Beisammensein herrschte kein Gedanke, welcher der Reinheit ihrer Beziehungen wider­sprochen hätte.

Als sie an einem herrlichen Maiabend vor dem offenen Fenster, das nach dem Garten ging, nebeneinander standen und Albert die Hand der jungen Frau an seine Lippen führte und mit bewegter Stimme murmelte: ,, Wie ich sie anbete, teure Freundin," da hätte er schwören können, daß seine irdischen Wünschen völlig entrückte Seele kein unlauteres Gefühl erfüllte.

Und dennoch war von dem Tage an, da dieses erste Liebeswort gesprochen wurde, ihre Situation eine andere geworden. Sein Charafter hatte sich verwandelt; er wurde ungerecht gegen Irma. Oft quälte er sie mit seiner Eifer­sucht und oft wieder verfiel er in die düsterste Apathie. Auch sie hatte einst, wie alle es in einer Stunde getan, den schönen Traum eines Lebens geträumt, das man an der Seite eines geliebten Wesens durchwandelt; ohne Zweifel war dies unmöglich. Und sie fragte sich schließlich, ob sie das Recht habe, gegen den Einzigen, an dessen wahre Zuneigung sie glaubte, unerbittlich zu sein. Welche Pflicht hielt sie zurück, ihm ein inniges Wort zu sagen, nach dem sein Herz schmachtete? Sie stand allein auf der Welt, sie hatte keine Kinder, ihre Eltern waren tot. Und ihr Gatte! Was war sie ihm?

Ihr ganzer weiblicher Stolz lehnte sich jedoch dagegen auf, Marnet zu verraten, was sie empfand. Er sollte nie etwas von den Kämpfen erfahren, die sie siegreich bestand, nie etwas von ihrer Sehnsucht nach Liebe und Glück.

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Eines Tages machte Irma ihm eine niedliche Geschenk, wie eine ganz ähnliche auf ihrem Tische stand. Beide hatten nun dieselbe Empfindung der fliegenden Zeit, wenn sie, jeder bei sich zu Hause, einander gedachten. Hingegen sandte ihr Albert eine herrliche Radierung, einen Christuskopf darstellend, die sie ihrem Bette gegenüber aufhing, ganz so, wie er es in seinem Zimmer mit einem zweiten Exemplar getan, und so fiel sein und ihr erster Blick beim Erwachen auf dasselbe Bild.

Wissen Sie was" sagte ihr eines Tages Marnet ich möchte gern eine Wohnung haben, die der ihrigen vollkommen gleicht. Ich habe deshalb gekündigt und bin auf der Suche."

,, Suchen Sie, ich werde Ihnen helfen," erwiderte Irma. Und nach einigem Zögern fügte sie mit einem ver­wirrenden Lächeln hinzu, das in manchen Augenblicken ihrem Kopf jenen geheimnisvollen Zauber verlieh, der in den Frauenaugen Leonardo da Vincis liegt: Es wird ebenso sein, als hätten wir dasselbe Heim."

Ein Hoffnungsstrahl überflog Alberts Gesicht. Sie gingen beide auf die Suche nach einer Wohnung, doch Irma hatte an jeder etwas auszusetzen; es war, als wolle sie die endgültige Wahl ihres Freundes hintan­halten.

Eines Tages erhielt sie folgenden Brief von Albert Marnet: Ich glaube, die geträumte Wohnung gefunden zu haben, eben habe ich sie in aller Eile in Augenschein genommen. Sie können sich nicht vorstellen, wie sym­pathisch mir diese Räume sind, ich empfand eine gewisse Bewegung, etwas von jenem Zauber, der mich in Ihrem Salon, in Threm Garten, überall, wo Sie sind, stets erfaßt. Bitte kommen Sie heute um 3.Uhr, damit ich Ihnen dieses Haus zeige. Es wird Ihnen gefallen, ich bin dessen Albert." sicher. Ganz der Thre, teure Freundin!

,, P. S. In meiner Begeisterung vergaß ich, Ihnen die Adresse anzugeben. Rue d'Athènes 43."

Rue d'Athènes? fragte sich Irma. Und plötzlich durch­kreuzte ihren Kopf die Nummer des bezeichneten Hauses.

Nummer 43 war das ehemalige Haus ihrer Eltern, das Haus, in welchem sie siebzehn Jahre ihres Lebens ver­bracht hatte.

Die Augen ſtarr auf das hohe, in Eichenholz ge­schnitzte Haustor mit der Bronzeklinke gerichtet, entstieg sie dem Wagen. Als sie dieses Tor zum letztenmal gesehen, stand es weit offen unter der schwarz behängten Wölbung des Hausflurs und Kerzen warfen ihr gelbes, zitterndes Licht auf einen mit Blumen bedeckten Sarg. Dann hatte man sie fortgeführt und, als sie drei Monate später nach Paris zurückkam, war das Haus verkauft.

Das Tor wurde geöffnet und eine alte Frau mit wachsbleichem Gesicht und glänzenden Augen geleitete die junge Frau in das Innere des Hauses. Irma sah auf die Uhr. Es war drei viertel drei Uhr, sie hatte also noch einige Minuten Zeit.

,, Kann ich die Zimmer besehen?"

" Gewiß, gnädige Frau, ich will Sie führen. Es ist alles im besten Zustande. Der Herr, der zuletzt hier wohnte, war ein Amerikaner, ein Millionär, der alles glänzend ausstatten ließ, er mußte jedoch plötzlich in seine Heimat."

Irma hörte nicht zu. Sie blickte um sich her wie selbstvergessen, sie wurde wieder zum jungen Mädchen, zum Kinde. Sie sah sich, wie sie hier, unter dem hohen Hausflur, als Backfisch in irgend einen Kurs eilte, von dem Wunsche beseelt, viel zu wissen und alles zu verstehen. Welch illusorische, unzureichende Stütze diese geistigen Errungenschaften ihr in traurigen Stunden gewesen waren! Gedichte und Symphonien, dachte sie, können den Reiz eines glücklichen Lebens erhöhen, doch sie genügen nicht, eine gequälte Seele zu trösten.

Hier ist der große Salon, der auf die Galerie geht." Es war ihr erster Ball, der jetzt vor ihr vorbeizog Hier, in diesem Saal hatte sie ihn mitgemacht. An jede Einzelheit erinnerte sie sich noch genau, als sie sich mit heftigen Kopfschmerzen um 1 Uhr nachts zu Bett legen mußte. Sie seufzte. Seit einigen Augenblicken empfand sie jenen peinlichen Eindruck, der uns erfaßt, wenn wir das Antlitz einer teuren Person plötzlich fast bis zur Unkenntlichkeit berändert wiederfinden. Der Amerikaner hatte alles in diesem patriarchalischen Haus umwandeln

Die Einsame.

lassen. Kostbare Gobelins bedeckten die Wände und weiche Teppiche die Parketten, über die sie als Kind so oft ge= laufen.

Hier ist das Badezimmer mit den neuen Einrich­tungen für faltes und warmes Wasser."

Irma trat an das Fenster und blickte hinab in die Alleen des weiten Parkes. Wie sich doch alles verändert hatte!

,, Hier ist noch ein Salon, der an das kleine Schlaf­zimmer grenzt."

Die Frau mit dem wachsbleichen Gesicht fuhr in ihren Erklärungen fort, ohne daß Irma darauf achtete.

Hier ist das schönste Zimmer mit der Aussicht auf die Straße.

Irma stand an den Schwelle still. In diesem Zimmer war ihre Mutter gestorven. Ein Sonnenstrahl fiel in jene Ecke, in der einst ein ähnlicher Strahl zum letzten Male die weißen Locken gestreift, welche das schmale Gesicht der Sterbenden umrahmten. Die arme Frau hatte viel ge= litten! Die Scheidende hatte Irma das schmerzerfüllte Leben einer verlassenen Frau enthüllt. Und ihr war es, als hörte sie durch das Gemach noch die schwache, brechende Stimme flingen: Gegen das Geschick kann man sich nicht auflehnen. Man muß ertragen lernen, der Tod erlöst von allen Schmerzen. Glaube mir, das Einzige, was uns in schweren Stunden noch Kraft verleiht ,... ist der Gedanke trotz allem... bis zum Schlusse... den rechten Weg Nach diesen Worten hatte sie aus­gegangen zu sein." gelitten.

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Japan im Schnee.

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Irma traten die Tränen in die Augen. Da fühlte sie sich von den neugierigen Blicken der Portiersfrau be­obachtet und, ihren Schleier rasch herablassend, eilte sie die Treppe hinab und warf sich in ihren Wagen.

Albert war erstaunt und beunruhigt, sie in der Rue d'Athènes nicht angetroffen zu haben und fand sich abends zur gewöhnlichen Stunde bei der Baronin ein.

Der Kammerdiener überreichte ihm einen Brief. Er entsiegelte hastig das graue, duftige Billett und las: Verzeihen Sie mir, mein Freund, ich fühle, daß ich Ihnen Kummer bereite. Aber, geht nicht alles vorüber? Ich wollte Ihnen eine Freundin sein; das genügte Ihnen nicht, deshalb muß ich Sie fliehen. Vielleicht sehen wir uns später einmal wieder. Es ist besser so!"

,, Die Frau Baronin ist vor einer Stunde abgereist," sagte der Diener. Nach Nizza zu dem Herrn Baron."

*

*

Ein paar Monate später kreuzte sich die Equipage, in der Marnet in heiterem Geplauder mit der jungen, ameris kanischen Millionärin saß, die er kürzlich geheiratet hatte, mit dem Wagen der in tiefe Trauer gekleideten Baronin von Berton. Irmas und Alberts Blicke trafen sich. Die Wagen rollten rasch vorüber.

Für einen Augenblic erblaßte Irma, aber gleich erschien ein zufriedenes Lächeln auf ihren Zügen. Sie er­innerte sich, daß ein Weiser einst gesagt: Nichts erfrischt das Blut so sehr, als die Erinnerung an eine Dummheit, die man nicht begangen hat.

Japan im Schnee.

ie meisten Leute stellen sich das Mikadoreich nur als ein ewiges Blüten- Paradies vor, als ein Land, über das ununterbrochen ein sommerlicher Sonnenglanz aus­gebreitet ist, als einen Erdenwinkel, dem der Begriff Winter etwas unbekanntes ist. Und doch hält der Winter mit seinen Begleiterscheinungen, wie Eis, Schnee und Kälte, alljährlich auch in Japan seinen Einzug. Zwar herrscht in den südlichen japanischen Re­gionen nur ein milder Winter, aber im Norden, besonders in Hokkaido, tritt er mit aller Strenge auf und die dortigen Bewohner haben unter den enormen Schneemassen oft erschrecklich zu leiden. Auch der Industrie, besonders der Seidenernte, spielen starke Fröste in den nördlichen Provinzen zuweilen arg mit, denn die Maulbeerbäume gehen infolge der strengen Kälte gänzlich ein. Allerdings ist der japanische Winter gewöhnlich nicht von langer Dauer. Bereits im Februar regen sich die Knospen der frühen Frucht­bäume, die roten und weißen Blüten der

Pflaumenbäume, sowie die gelben Blüten der Oleander, die bei uns erst im März zu blühen beginnen. Auf den Ackern werden schon die kleinen blauen Blumen der Ehrenpreis­arten und die gelben Sterne des Löwenzahns sichtbar. Und im März entfalten sich bereits die duftenden Blüten­sträuße des japanischen Bibasbaumes, die Zitterpap­peln decken sich mit Kätzchen, Mandel- und Pfirsichbäume ziehen ihr prächtiges Frühlings­gewand an und die Kamelien entfalten ihre Herrlichen Rosen. Im April zieht endlich der Lenz als Sieger ein und schmückt das Gebilde, das mit der weltberühmten Kirschblüte seinen Höhepunkt erreicht, farbenbunt.

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In Tokio, wie auch in Yokohama, Kobe und Nagasaki, den Hafenstädten die bekanntlich die Reichspostdampfer des Norddeutschen- Lloyd anlaufen, tritt der Winter ziemlich milde auf. Das Thermometer sinkt am Tage nicht unter Null, während in der Nacht zuweilen bis 10 Grad Kälte zu verzeichnen sind.

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