Ausgabe 
16.11.1912 Erstes Blatt
 
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Gießener Zeitung

Bezugspreis 40 Pfg. monatlich

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( Neueste Nachrichten)

eljährlich 1,20 Mr., vorauszahlbar, frei ins Haus. bgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­gabestellen vierteljährlich 90 Pig. Erscheint Sittwoche und Samstags. Redaktion: Selters­Für Aufbewahrung oder Rücksendung ist verlangter Manu ripte wird nicht garantiert. Berlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b.$.

83.

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r. 92.

1. Blatt.

Vom Balkankrieg.

Europa darf gegenwärtig etwas erleichtert aufat­Die allgemeine Lage hat sich gebessert. Sowohl in nals auch in Petersburg sieht man die wieder günstiger an, und in London ver= man mit Nachdruck, daß England nur die Er­iglich des allgemeinen Friedens im Auge habe. Noch GALA entlicher ist aber die Tatsache, daß Rußland ganz von Serbien abrüdt. Auch in Kon= STELLUtinopel bekennt man sich jetzt mit weniger Vor­

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als bisher zum Frieden. Der Balkan­Be= o wird vielleicht bei der Formulierung der woch, San ngen und der Aufteilung der Beute allerlei innere Sonntagierigkeiten zu überwinden haben. Namentlich auch Jutunft Salonikis wird nicht so leicht zu re­ein. Die Griechen scheinen diesen wichtigen Hafen­ichon ganz als den ihren anzusehen Bulga soll dagegen wünschen, daß Saloniki Frei mittags wird. Wie in dieser Frage, so werden auch wohl bei anderen Gelegenheiten die Wünsche und Ab­der auf der Sieger bei der Teilung der Beute nicht zu= en halbetimmen.

Die neue Lage auf dem Balkan.

then, 13. Nov. Gestern vormittag kamen der

Expedition: Seltersweg 83.

Samstag, den 16. November 1912.

( Gießener Tageblaft)

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Telephon Nr. 362.

24. Jahrg.

Iu sind hier angekommen. Die Zahl der Flüchtlinge| rujen worden sein durch die großen Erfolge der Bul­wird auf 70 000 geschätzt. Die türkische Regierung beellt sich, diese unglücklichen Opfer des Balkankrieges neu anzusiedeln und hat für sie unbebaute Gegenden in Klein Asien in den Kreisen Modania, Brussa, Panderma, Jsmid und Carassi zur Verfügung gestellt.

Die europäische Schutzflotte vor Kon­stentinepel ist jetzt auf 40 Schiffe angewachsen.

Athen, 12. Nov. Das zweite offiziöse Organ der Regierung, die Patris", fordert nicht nur fatego risch, daß die Türkenherrschaft ganz aus Europa, ein­schließlich Konstantinopels, verschwinde, sondern fündigt ferner an, daß die Balkanstaaten als Vertreter der 3i­vilisation und Freiheit ihre Fürsorge auch auf Klein­alien ausdehnen und dort Reformen und Garantien für deren unverkürzte Durchführung verlangen müssen. Die Entschädigung dafür, daß es seine alten Ansprüche auf Thrazien und Konstantinopel seinen bulgarischen Freunden opfern mußte, hat Griechenland somit jenseits des Acgäischen Meeres bereits gefunden.

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Waffenstillstand?

Zwischen dem türkischen und bulgarischen Ar me e- tommandanten sind im Augenblick die Verhand­lungen über einen Waffenstillstand zwischen Bulgarien und der Türkei im Gange. Man glaubt, daß die Tür­der Abschluß des Waffenstillstandes unwahr= scheinlich ist.

änger Bring Georg und Prinzessin Alice kei schwerlich die Bedingungen annehmen werde, so daß

Sonderzug in Saloniki an, wo sie auf dem Imhof von dem Thronfolger, den übrigen Prinzen dem Metropoliten empfangen wurden. Der König ab sich in die Stadt, begrüßt von dem Jubel einer Zeitungenblöpfigen Menge. Die Häuser waren mit Flaggen n anstaten griechischen Nationalfarben und denen der Ver­bgegeben een geschmückt. Nachträglich wird aus Sofia und Sie nicht üb gemeldet, daß bei der Einnahme von Saloniki cht- Wanne! die serbische und die bulgarische Armee durch Trup­Inzeige erhalbteilungen vertreten waren.

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Weltausstell

Athen, 13. Nov. Die Jahrgänge 1896 und 1897 le" und au Rationalgarden sind zum Dienst einberufen worden. nig mit der Petersburg, 13. Nov. Der Minister des dt. Listenprei berechnet. Feren verständigte den serbischen Gesandten, Ru- adies- Emall werde zur Hafenfrage keine dirette nkt, also ewung nehmen, sondern die Austragung ledig= ca. 170 cm en österreichisch- serbischen Verhandlungen überlassen. Bulgarien wünsche, daß aus Konstantino und Saloniti Freistädte gemacht Die Bulgaren würden vor Konstantinopel halt achen und die Geschicke dieser Stadt der Entscheidung pas überlassen.

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Zahlreiche mohammeda­

d familien aus den Dörfern der Gegend von Tschor­

Das Glückskind.

Roman von Freue von Hellmuth.

( Nachdruck verboten.).

Turrend und brummend über die gestörte Nacht­blog fich Böhler auf sein Zimmer zurück, während hen, von der Tante begleitet, die verstreuten Sachen hete Angstvoll hatte sie nachgeforscht, ob der Dieb etwas fehlte, der teine, silberbeschlage=

fichern, ift. Doch

geben. Beaften stans versehrt in seinem Versted, er war

vor Able offenbar gar nicht berührt worden.

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Röschen zitterte noch immer am ganzen Körper, erstanden bekalb ließ Aurelta in threm eigenen Zimmer ein wertes Bett aufschlagen und nahm das geängstigte Mädchen mit sich.

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Dankbar schmiegte diese die weiche, blaffe Wange as Geficht der sehr gealtert aussehenden Tante. Du kannst immer, oder doch so lange Du willst, einem Zimmer schlafen, mein armes liebes Kind,"

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Die Friedensbedingungen Bulgariens für einen Waffenstillstand lauten auf Räumung des ganzen europäischen Territoriums von türkischen Truppen, sowie Uebergabe von Adrianopel und Monastir.

Konstantinopel. Der Waffenstillstand, zwi­schen der Türkei und Bulgarien ist noch nicht unterzeich­net, da im letzten Augenblick inbezug auf Adrianopel Schwierigkeiten aufgetaucht seien.

Friedensunterhandlungen.

Cofia, 15. Nov. Hier sind gestern zwei türkische Friedensfunterhändler aus Konstantinopel eingetroffen. Es steht fest, daß die Bulgaren die Tschataldschalinie bei Demton durchbrochen haben. Der Einzug der bulgarischen Truppen in Konstantino­pcl wird für Samstag erwartet.

Sofia, 15. Nov. Die Depesche Kiamil Pa­das, durch die er König Ferdinand um Frieden bittet, ist bei der hiesigen Regierung bereits Mitt= woch abend eingetroffen, wurde aber zunächst geheim Gehalten. Die unerwartete Wendung dürfte hervorge­

Scheidewand zwischen den Böhlerschen Ehegatten er= richtet hätte.

Nicht einmal am Mittag speisten sie mehr gemein­schaftlich, und geschah es je zuweilen, daß sie sich begeg= neten, so trat regelmäßig ein verächtlicher Ausdruck in das Gesicht Aureliens, die keinen Hehl daraus machte, daß sie ihren Mann richtig verabscheute.

Wohl ahnte fie den Zusammenhang jenes nächt­lichen Einbruches, allein selbstverständlich verbarg sie dies im Grunde des Herzens. Sollte sie selbst zur An­aber auf flägerin des Gatten werden? Nein, nein, der Hut wollte sie sein und dem arglosen, geliebten Kinde ihres Bruders eine treue Beschüßerin.

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Einige Wochen waren wieder vergangen, Röschen hatte schon halb und halb ihr nächtliches Abenteuer ver­gessen,- als sie eines Tages zu Tante Aurelia ins 3immer trat und zu ihrem Erstaunen auch den Vor­mund dort traf, was sehr selten vortam. Das war nicht eben angenehm, da sie ohne Erlaubnis ausgegangen, und deshalb, wie gewöhnlich in solchem Fall, eine Straf­

nge Grating fie, zärtlich den lodigen Scheitel streichelnd, be- predigt fürchtete:

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ubinge Dich nur endlich, und versuche einige Stunden fiblafen."

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Dabet ging fie hinaus und kehrte gleich darauf mit vertvollen Kasten zurück, ihn im untersten ge­einen Fache ihres Schreibtisches bergend.

Der ist hier ficherer als bei Dir", meinte fie dann, lart viel hätte gefehlt, und er wäre samt seinem In­alt für immer verloren, man tann nicht vorsichtig ge=

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da sucht niemand etwas."

" Wo warst Du denn eigentlich wieder?" begann denn auch Böhler sogleich in scharfem Ton, ich suche Dich hier, und hörte zu meiner Verwunderung, daß Du fort ſeiest."

Das Mädchen warf tropig die Lippen auf, streifte den Frager mit einem vielsagenden Blick und lat, als hätte es seine Anrede überhaupt nicht gehört.

Die Tante gab ihr einen mahnenden Wink, den Röschen ebenfalls nicht beachtete, so daß die Tante mun eingriff.

Am nächsten Morgen wurde der Vorfall auf Drän- ihrerseits in dich schon vor einer Stunde eilig bas

Aureltens der Polizei angezeigt, doch trop sorg­Untersuchung fand sich nichts, was irgend einen spunkt zur Ermittelung des frechen Einbrechers md da er nichts, rein gar nichts mitgenommen, man die Sache ruhen.

ioten, als ob jenes Ereignis etne noch größere

Haus verlassen, mein Kind, was hattest Du denn vor?" " Ich war bei der alten Martha, Du weißt doch, Tante, unsere ehemalige Aufwäterin", gab das junge Mädchen jetzt bereitwillig Auskunft, die alte Frau liegt schon seit Wochen trant und kann nichts verdienen; der

garen an der Tschataldschalinie. Die Waffenstillstands­und Friedensbedingungen sind durch die sofort abge= haltenen Regierungsberatungen noch nicht endgültig fest­gelegi, da die Zustimmung des Königs fehlt, zu dem als Vertretung der Regierung der Sobranje- Präsident Danew heute abreist. Als glaubwürdig sind folgende Bunkie zu bezeichnen: Räumung des Restes der Tscha­taldschalinie und entweder Kapitulation der Tschatald­scha- Armee oder Abzug unter Entwaffnung, Räumung von Adrianopel, Skutari, Janina und Monastir, weiter Einzug der bulgarischen Truppen in Konstantinopel, Abtretung der besetzten Gebiete, Internationa­lisierung Konstantinopels, außerdem noch Freie Dardanellendurchfahrt und Zahlung einer Kriegsentschädigung.

Die Verhandlungen über den von der Türkei direkt geficllter Friedensvorschlag sollen zuerst vom Armee­fommando unter Berücksichtigung der militärischen Ge­sichtspunkte geführt werden.

Konstantinopel, 15. Nov. Es verlautet, daß die Pourparlers mit Bulgarien über die Friedens­präliminarien auf dem modifizierten Vertrag von San Stefano beruhen sollen. Dem Jldam" zuioige würde die Pforte verlangen, daß Kirk Kilisse und Adrianopel in türkischem Besitz verbleiben.

Die verbündeten Staaten würden der Pforte einen Tri­but für die überlassenen Territorien bezahlen, die wie das frühere Ostrumelien verwaltet werden würden.

Ein Balfanbundesstaat.

Rom. Der Ballanbund soll, so meldet das Giorale d'Italia" aus Sofia, nach Friedensschluß zu einem Balkan bundesstaat umgewandelt wer­den. Die vier Könige werden sich in Sofia treffen, um einen Staatsbund zu schließen, worin Bulgarien die gleiche Stellung wie Preußen in Deutschland ein­rimimi. Jedes Königreich wird seine Armee behalten, doch unterstehen alle vier Armeen einem gemeinsa­men Oberbefehl mit gemeinsamem Generalstab. Auch die auswärtigen Angelegenheiten des Balkanrei­ches werden von einem gemeinsamen Minister des Aeußeren wahrgenommen werden, während die anderen Ministerien Einzelministern der Staaten ver­bleiben.

Von griechischer Seite wird erklärt, das Balkan bündnis sei nicht zwischen allen Staaten untereinander, sondern von Bulgarien mit jedem der drei anderen Staaten gesondert ab­geschiessen worden. Es vereinbarte eine Difensivallianz gegen die Türkei für die nächsten drei Jahre.- Der

Mann, ein nichtsnußiger Trunkenbold, arbeitet wenig und verbraucht viel, die Kinder wollen essen, so daß die Not dort groß ist; das Herz tut mir web, wenn ich da= ran denke. Da habe ich ein wenig Ordnung geschaffen in dem Haushalt, und den armen Kindern Kaffee ge­tocht. Aber dente Dir nur, nun hat die Aermste aus bitterer Not ihr letztes Stückchen Bett im Leihhaus ver­- da= setzt, sie liegt auf einem blanken alten Strohsack zu ist sie recht trank ich wollte ihr so gerne wenigstens das Bett verschaffen, allein mein Taschengeld reicht nicht ganz. Möchtest Du mir vielleicht einige Mark schenken, Tante? Ich würde dann sofort die Sachen vom Versazhaus holen."

Du sollst haben, was Du brauchst, Röschen; aber ich bitte Dich, geh' morgen Fin, heute mußt Du mich zu Frau Rat Chorbach begleiten, die uns für den Nach­mittag zum Raffe: eingeladen hat, und Du weißt, da darf man nicht zu spät kommen, V die Frau Rat Itebt die Pünktlichkeit über alles", erwiderte Aurelia, freund­lich nickend. 18

Liebe Tante, geh' Du allein hin und entschuldige mich, ich verzichte mit Freuden auf die Einladung." Nein, mein Kind, diesmal mußt Du unbedingt mit, es ist mir das vorige Mal schon sehr verübelt worden, als Du nicht tamst."

" Du weißt, ich hasse Eure Kaffeevifiten mit dem unvermeidlichen Klatsch über Dienstboten und den lieben Nächsten aus dem Grunde meines Herzens, ich würde Dir sehr dankbar sein, wolltest Du mich davon entbinden."

Es geht nicht, Röschen, diesmal

me. Das wadchen; mochte wohl einſeben, daß wetteres

Reden umsonst wäre, und fügte fich, wenn auch seufzend und widerwillig in das Unvermeidliche.

Vielleicht tommen wir bald los, dann tann ich immer noch sehen. was sich tun läßt; eine gute Tat soll man nicht über Nacht aufschieben", meinte Rosa.(&. f.)