Ausgabe 
13.1.1912 Zweites Blatt
 
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Gießener Zeitung

Bezugspreis 40 pfg. monatlich

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( Neueste Nachrichten)

Erscheint

verteljährlich 1,20 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweige ausgabestellen vierteljährlich 90 Pfg. Mittwochs und Samstags. Redaktion: Selters­weg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 4.

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( 2. Blatt).

Samstags liegt für die Stadtabonnenten der

Illustrierte Wochen- Anzeiger

gratis bei.

Expedition: Seltersweg 83.

Samstag, den 13. Januar 1912.

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 20 pfg.

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die 44 mm breite Inseratenzeile. 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pfg. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Druck der Gießener Verlagsdruckerei.

Telephon: Nr. 362.

Die Reichstagswahlen am 12. Januar 1912.

Gießen, 12. Jan. 1912. Ein falter Vormittag. Nur ein paar Grad Kälte freilich, aber ein schneidender Wind. Die armen Zettel­verteiler, die vor den Wahllokalen stehen, können einem leid tun. Es ist gewiß kein Vergnügen; Trost findet man nur in der Kameradschaft, denn der antisemitische Zettelverteiler spricht gemütlich mit dem sozialdemokrati­schen und dem fortschrittlichen. Verstohlen kreist auch einmal im Dunkel des Haustores das Bierglas, und wenn der Sozi, um die erfrorenen Lebensgeister zu he= ben, auf eine Viertelstunde verschwindet, übernimmt wohl auch der Liberale oder ein anderer seine Zettel. Um 12 Uhr kam mein Junge: Vater, wen hast du gewählt?"" Junge, es ist doch geheime Wahl, das fann ich dir doch nicht sagen!"-" Schade, wir haben heute mit Mutti von weiter nichts als von den Wahlen

gesprochen."

Welche Aufregung hat da in mancher Familie ge­herrscht. Die Straßen waren belebter als sonst, aber es geht alles ruhig seinen Pflichten nach. An den Anschlag­fäulen allerdings Plakate, die den und jenen Kandida­ten empfehlen. Es war dieses Mal für jeden Wähler flar, welchem Kandidaten er seine Stimme geben will.

blieb aus. Dafür schwenkte ein Teil ins Antisemitenla­ger ab, das versiegelte die Niederlage. Jetzt weiß der Liberalismus ganz genau, wie start sein Anhang ist. Es wird einer jahrelangen, mühevollen und zielbewuß­ten Arbeit bedürfen, wenn der Liberalismus beim näch­sten Mal eine andere Rolle spielen will. Jetzt wird sich auch erst zeigen müssen, ob die liberale Einigung von Dauer ist und ob die beiden Parteien, nicht nur in einem kurzen Wahlkampf, sondern auch in langjähriger Auf­flärungsarbeit Schulter an Schulter arbeiten können. Das Ergebnis der Wahl im Wahlkreis Gießen Grünberg- Nidda zeigt mit aller Schärfe, daß ein der= artig zusammengesetzter Wahlkeeis wie unser der inten­sivsten, anhaltenden Bearbeitung schon Jahre vor dem Wahltag bedarf, wenn eine Partei in ihm erfolgreich sein oder gar einen gut verschanzten Gegner hinauswer: fen will. Der gute Wille allein genügt da ebensowenig wie ein kurzer, mit noch so großem Elan ausgeführter S, urmangriff; nur langwierige unermüdl.he zähe Be­lagerung kann da die Eroberung bringent.

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24. Jahro.

10. Wahlbezirk.( Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 8): Ludwigsplatz, Bergstraße Nr. 1 bis 9, Stephanstraße, Bruchstraße, Kaiser- Allee Nr. 12 bis 122, Eichgärten, Eichweg, Wolfstraße, Neue Kaserne. Beckmann 116, Erkelenz 181, Dr. Werner 66 Stimmen.

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Die Wahlen im Großherzogtum Hessen. Alsfeld Lauterbach- Schotten: Bindewald( D.S.) 6174, Heck( Natl.) 3214, Möbus( F. V.) 2799, Vet­ters( S.) 3029; Stichwahl zwischen Bindewald u. Heck. Friedberg- Büdingen( bisher Busold, Soz.). Stichwahl zwischen Busold( Soz.) und Strack( Natl.). Darmstadt( bisher Ntl.). Quessel( S.) 18 323,

Njann( Ntl.) 11 169, Strecker( F.) 7268 Stimmen. Stichwahl: Quessel- Osann.

Bensheim Erbach( bisher Ntl.). Rippel C.­

S.) 4766, Hasenzahl( S.) 7664, Sauer( F.) 3419, Scior ( Ntl.) 4166 Stimmen. Stichwahl: Hasenzahl- Rippel.

Offenbach Dieburg( bisher Ulrich, S03.). Ul­rich( S03.) 24 123, Brank( Natl.) 8489, Nessel( 3tr.) 6882, Carnier( F. V.) 3020, Dern( W. Vgg.) 1361. Ulrich gewählt.

Mainz( bisher David, Soz.). David( Sozdem.) In der Stadt Gießen wurden 5495 Stimmen 17 028, Molthan( 3tr.) 8921, Keller( Natl.) 7060. Da­

Das Wahlgeschäft geht in aller Ruhe vor sich. Ich abgegeben, 324 mehr als im Vorjahre. Die Antiſemi- vid gewählt.

fragte in verschiedenen Wahllokalen nach, und das Er­gebnis war überall dasselbe. Bis 1 Uhr mittags hat­ten schon 40 Prozent der Wähler ihre Stimmen abge­geben. Recht starke Beteiligung gegen sonst, wie? Wer weiß! eine ganze Menge Leute haben keine Ar­beit; da kommen sie schon am Vormittag." Mag sein, aber man hat sich allgemein auf starke Beteiligung ge­faßt gemacht.

Den Hauptansturm bringt natürlich, abgesehen von der Mittagspause, der Abend. Die Arbeiter machen sehr früh Feierabend und strömen zur Wahlurne. Da drängt es sich zeitweise, aber die Leute sind diszipliniert und es geht in Ordnung ab.

Die Vertrauensmänner der Parteien sizzen an einem Tisch in der Ecke und streichen" in ihren Listen an, da­mit die fleißigen Schlepper" in ihren Autos herumgon­deln und die Säumigen" heranholen können. Welch eine Fülle von Arbeit steckt in einer Reichstagswahl! Wie­viel Zählungen, Summierungen, telephonische und tele­graphische Mitteilungen, welcher Ansturm von Depeschen bei den Kreisämtern, den Parteileitungen, bei den Reichsämtern, bei den Zeitungsredaktionen- wenn das alles klappt, und das tut es sicher für gerechte Ansprüche, so hat man wohl einigen Grund, auf die Fortschritte unserer Kultur auf diesem Gebiete stolz zu sein!

Die Wahl im Kreise Gießen- Grünberg- Nidda. Selten ist wohl das Ergebnis der Reichstagswahl in Gießen mit größerer Spannung erwartet worden, als es diesmal geschah. Viel wurde darüber hin- und hergestritten, ob es dem Liberalismus durch seine Einig­ung gelingen werde, sich diesmal im Kampf mit der Rechten und der äußersten Linken zu behaupten. Die Pessimisten haben wieder einmal Recht behalten, wenn auch wohl niemand ein I o Iches Resultat erwartet hatte. Während im Vorjahre die Summe der für beide liberale Kandidaten abgegebenen Stimmen nur um 388 hinter der Zahl der antisemitischen zurückblieb, ist der Unterschied bei der gestrigen Wahl auf 2816 herauf­geschnellt. Statt 23 504 Stimmen der vorjährigen Hauptwahl wurden diesmal 24 696, also rund 1200 Stimmen mehr abgegeben. Dieser Zuwachs wird wohl zum allergrößten Teil den Antisemiten zugefallen sein. Vergleicht man nun die Summe der im Vorjahre für beide liberale Kandidaten abgegebenen Stimmen mit der diesmal für den Einigung s kandidaten abgegebenen, so findet man, daß in sehr vielen Fällen die diesjährige Zahl hinter der vorjährigen zurückgeblieben ist. In einer Anzahl von ländlichen Bezirken ist die Anzahl der anti­semitischen Stimmen um genau den Betrag oder in noch höherem Grade gestiegen, den die liberalen eingebüßt ha­die So= ben, während das ist beachtenswert zialdemokraten in all diesen Fällen keinen 3uwachs, oft sogar nicht unbedeutende Einbußen er­litten haben. Die Zahl dieser Gisevius- Stimmen" be­läuft sich rund auf 700, rechnet man dazu die diesmal mehr abgegebenen Stimmen, so ergibt sich der Zuwachs der Antisemiten von rund 1800 Stimmen. Die Sozial­demokraten haben ihre Einbußen auf dem Lande durch den natürlichen Zuwachs in Gießen, Lollar und Wieseck fast ausgeglichen, sie blieben nur um 32 Stimmen hinter den Zahlen des Vorjahres zurück. Der Liberalismus dagegen büßte 600 Stimmen ein. Der erhoffte Zuwachs aus dem Lager der Nichtwähler

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ten erhielten davon den Bärenanteil von 324 Stimmten. Die Sozialdemokraten gewannen 153, während die Li­beralen 103 einbüßten.

Es wurden abgegeben im

1. Wahlbezirk.( Wahllokal: Altes Rathaus): Marktplatz, Kirchenplatz, Burggraben, Auf der Bach, Lindenplatz, Lindengasse, Wetzsteingasse, Kirchstraße, Hundsgasse, 30zelsgasse, Dammstraße, Walltorstraße, sterweg, Landgrafenstraße, Braugasse. Beckmann 262, Erkelenz 246, Dr. Werner 44 Stimmen.

2. Wahlbezirk.( Wahllokal: Alte Gewerbeschule Asterweg 25): Marburgerstraße, Wiesecker Weg, Am Rodtberg, Nord- Anlage, Schottstraße, Steinstraße, Eder­Werner 109 Stimmen. straße, Weserstraße. Beckmann 183, Erkelenz 339, Dr.

3. Wahlbezirk.( Wahllokal: Schulhaus in der Neustadt): Gabelsbergerstraße, Hammstraße, Lahnstraße, Rodheimerstraße, An der Hardt, Krofdorfer Straße, Schützenstraße, Mühlstraße, Sandgasse, Tiefenweg, Neu­stadt, In Löbers Hof, Kornblumengasse, West- Anlage, Hinter der West- Anlage. Beckmann 280, Erkelenz 281, Dr. Werner 67 Stimmen.

4. Wahlbezirk.( Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 7): Marktstraße, Wettergasse, Rittergasse, Seltersweg, Johannesstraße, Kreuzplatz, Kaplansgasse, Katharinengasse, Mäusburg, Wagengasse, Kanzleiberg, Plochstraße, Maigasse, Schanzenstraße, Grabenstraße, Neuenweg. Beckmann 193, Erkelenz 277, Dr. Werner 67 Stimmen.

5. Wahlbezirk.( Wahllokal: Frankfurterstraße 20, Eisenbahnverkehrsamt): Hofmannstraße, Friedrich= straße, Crednerstraße, Glaubrechtstraße, Wetzlarer Weg, Hillebrandstraße, Am Steeg, Buchnerstraße, Mittelweg, An den Bahnhöfen, Bahnhofstraße, Löwengasse, Wol­tengasse. Beckmann 183, Erkelenz 339, Dr. Werner 109 Stimmen.

6. Wahlbezirk.( Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 11): Weidengasse, Erlengasse, Diezstraße, Neuen- Bäue, Gartenstraße, Bergstraße Nr. 11 bis 22, Sonnen­Gutenbergstraße, Löberstraße, Süd- Anlage, Straße, Schulstraße, Dreihäusergasse, Brandgasse, Brand­play, Landgraf- Philipp- Plaz, Schloßgasse, Kaplanei- gasse, Teufelsluftgärtchen, Goethestraße. Beckmann 152, Erkelenz 280, Dr. Werner 67 S, immen.

7. Wahlbezirk.( Wahllokal: Frankfurterstraße 36, Hotel Prinz Heinrich): Leihgesterner Weg, Erdfau­terweg, Bergwerk, Frankfurterstraße, Klinikstraße, Bud­de- Straße, Wilhelmstraße, Ebelstraße, Wilsonstraße. Beckmann 153, Erkelenz 309, Dr. Werner 105 Stimmen.

8. Wahlbezirk.( Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 12): Am Riegelpfad, Schiffenberger Weg, Hessenstraße, Gemarkung Schiffenberg, Liebigstraße, Lud­wigstraße, Alicestraße, Bismarckstraße, Keplerstraße. Beckmann 148, Erkelenz 361, Dr. Werner 109 Stimmen.

9. Wahlbezirk.( Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 15): Roonstraße, Großer Steinweg, Kai­ser- Allee Nr. 1 bis 10, Moltkestraße, Ost- Anlage, Wie­senstraße, Senckenbergstraße, Licherstraße, Landmann straße, Am Nahrungsberg, Bleichstraße, Lonystraße, Henselstraße, Zeughauskaserne. Beckmann 117, Erkelenz 301, Dr. Werner 75 Stimmen.

=

Bingen Alzen( bisher 3.). Korell( F.) 9303, Becker( NI.- 3.) 10 871, Adelung( S.) 2349 Stimmen. Stichwahl Korell- Becker.

Worms( bisher Ntl.). v. Henl 10 297, Uebel ( 3.) 6095, Beder( F.) 4930, Engelmann( F.) 6410 Stimmen. Einige Orte fehlen noch, voraussichtliche Stichwahl: Heyl- Engelmann.

In der Stadt Worms stimmten von über 9000 Wählern etwa 7000 ab. v. Heyl( Nt.) 3138, Becker ( F.) 1416 Engelmann( S.) 2145, Uebel( 3.) 660. v. Heyl verliert gegen die Wahl 1907 in der Stadt Worms über 1400 Stimmen.

Kreis Wetzlar: Altenkirchen. Behrens, Generalsekretär( Christlich- Sozial) 13091 St. vom Rath, Landtagsabg.( Natl.)

Kremser, Gewerkschaftssekretär( S03.) Schloßmann, Professor( F. Volksp.) Schindler, Landwirt( Kons.)

.

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3648

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In den der hessichen Grenze nahegelegenen Orte wurde in folgender Weise gewählt:

Behrens Kremser v. Rath Schindler Schloßmann

Gleiberg Dorlar Dornholzhausen

67

3

3

54

45

20

9

11

59

8

11

11

10

Hohensolms Krumbach

8

9

41

27

8

Lützellinden

19 139

29

5

8

11

28

7

11

43

Hörnsheim

70

14

31

17

Fellingshausen

36

94

50

3

16

Vetzberg

2

52

4

18

27

36

9

23

110

30

13

126

11

29

21

16 153 3

26

18

8

50

21

40

145

21

103

83

14

35

12

55

53

8

27

6

43

27

31

14

249

44

30

48

62

20

1

9

13

1

61

Odenhausen Launsbach Hochelheim Königsberg Dutenhofen Wißmar Gr.- Rechtenbach Kinzenbach Münchholzhausen 34 Krofdorf Frankenbach Rodheim a. d. B. 84

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Die Wahlen in Hessen- Nassau. Dillenburg( bisher Christl.- S03.). Burckhardt ( C.-S.) 10 197, Lohmann( NI.) 5611, Fresenius( F.) 4720, Marofe( S.) 2630 Stimmen. Stichwahl zwischen Burckhardt und Lohmann.

Marburg( bisher DS.). Gerlach( Dem.) 5459, Rupp( DS.) 5423, Bredt( Rp.) 3029, Diehl( Soz.) 986, Böckel 2344 Stimmen. Ein paar Orte fehlen noch. Also Stichwahl zwischen Gerlach und Rupp.

Höchst- Homburg( bisher S03.). Stichwahl zwi­schen Sozialdemokrat und Zentrum.

Wiesbaden- Rheingau( bisher S.). Sturm( F.) 8798, Bartling( NI.) 10 298, Lehmann( S.) 15 207, v. Klöden( Mv.) 7080, Klingender 468, Wilhelmi( K.) 559 Stimmen. Stichwahl zwischen Bartling und Leh­

mann.

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Hanau Gelnhausen( bisher S.). Wohlfarth( N.) 12 559, Reinhardt( K.) 4237, Geiß( 3.) 4280, Hoch ( S.) 21 885. Hoch ist gewählt. Ein Bockenheimer Be­zirk steht noch aus, ändert aber an der Sache nichts. Kassel( bisher DS.). Schroeder( N.) 13 234, Lattmann( DS.) 9532, Hüttmann( S.) 21 781, Breit­