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Eine entsetzliche Fahrt.

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Eine entsetzliche Fahrt.

or einigen Jahren ereignete sich auf der Londoner Station Kings croß, von der die meisten zwischen London und dem nördlichen England und Schottland verkehrenden Schnellzüge abgelassen werden, ein im Eisenbahnverkehr einzig dastehender Fall, der wegen der bei demselben bewiesenen menschlichen Ausdauer, Zähigkeit und Geistesgegenwart verdient, der Ver­gessenheit entrissen zu werden.

Es war am 28. Juni 1898, einem Sonnabend, als der damals 59jährige Werkführer und Kontrolleur John Eke wie gewöhnlich auf der Station Kings croß seines Amtes waltete. Seine Aufgabe war es, die Bremsen der abgehenden Züge vor ihrer Abfahrt zu prüfen.

Es war kurz vor 2 Uhr nachmittags. Er hatte gerade die Vakuum- und Westminsterbremse des für Manchester bestimm­ten Schnellzuges kontrolliert und alles in Ordnung gefunden und stand jetzt auf dem Behnsteige neben dem Zuge.

Der Manchester Expreß", einer der bekanntesten Schnell­züge Großbritanniens, verläßt Punkt 2 Uhr Kings croß, um ohne Unterbrechung bis Grantham durchzufahren. Grantham ist fast 200 Kilometer von Kings croß entfernt. Um 4 Uhr, also nach zweistündiger Fahrt, trifft der Zug in Grantham ein. Er hat also auf dieser Strecke mit einer Durchschnitts­geschwindigkeit von 100 Kilometern die Stunde zu fahren. Da an mehreren Punkten eine nicht unwesentliche Herabseßung der Fahrtgeschwindigkeit nötig ist, wird sie an anderen wieder gesteigert und erreicht stellenweise eine Höchstgeschwindigkeit von 130 Kilometern.

Während John Eke neben dem Zuge stand, hörte er in seiner Nähe unter einem der Wagen ein leichtes Zischen, das ihm bewies, daß troß seiner sorgfältigen Untersuchungen an der Bremse etwas nicht ganz in Ordnung war. Groß konnte der Schaden nicht sein und sicher ließ er sich in wenigen Sc= funden beseitigen. Er sah nach der Uhr. Es fehlten noch drei Minuten bis zum Abgange des Zuges. Er hatte also genügend Zeit. Schnell entschlossen sprang er vom Bahnsteige unter die Räder des Wagens und machte sich an die Arbeit, um die Un­dichtigkeit zu beseitigen.

Doch lassen wir John Gke über seine weiteren Erlebnisse seibst berichten:" Ich konnte die schadhafte Stelle nicht sofort finden, sondern mußte eine Weile suchen, um dann den Schaden schnell und ganz zu heilen. Dies muß längere Zeit in Anspruch genommen haben, als ich in meinem Gifer ver­mutete. Auch als der Wagen, unter dem ich hockte, etwas an­ruckte und sich langsam vorwärts bewegte, beachtete ich es nicht. Ich wußte, daß ein Zug, wenn die Handbremse, was gewöhnlich kurz vor der Abfahrt geschieht, gelockert wird, immer eine schwache Bewegung macht.

Diesem Umstande schob ich den leichten Stoß zu und blieb ruhig bei meiner Arbeit, während ich mit dem sich bewegenden Wagen ein bis zwei Schritte vorwärtsging.

Als den beiden ersten Schritten weitere folgten, wurde mir erst klar, daß der Zug sich in Bewegung befand. Wie sollte ich jetzt nur unter dem Wagen herauskommen? Seit­wärts zwischen den Rädern das Freie zu erreichen, war unmög­lich. Sie wären über mich dahingegangen und hätten mich zermalmt, und hätte ich mich platt auf den Boden geworfen, so wäre ich jedenfalls von den Wagen schwer beschädigt worden. Mein Entschluß war schnell gefaßt. Meine einzige Hoff­nung bestand darin, daß ich mich auf der Bremse flach aus­streckte. Ich stützte meine Beine auf eine Querstange des Wagens und legte den Körper, so gut es ging, der Länge nach auf die Bremse.

Das Ganze spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab, und jetzt war es mir klar, daß sich der Zug wirklich in volle Fahrt seßte, daß dies der Anfang einer zweistündigen Reise war, in der ich in meiner unbequemen Rage 200 Kilometer ohne Unterbrechung zubringen mußte. Würden meine Kräfte hierzu ausreichen? Mich befiel eine fürchterliche Angst, wäh­rend der Zug immer schneller und schneller am Banhnsteige entlang lief.

Ich schrie so laut ich konnte: Halt! Halt! und wiederholte den Ruf wohl ein dußendmal. Ich sah es an den Gesichtern der Leute auf dem Bahnsteige, daß meine Rufe gehört wur­den. Augenscheinlich wußte man aber nicht, woher sie kamen. Ein Kollege lief neben dem Zuge her, er blickte auf das Wagen­dach, seine Augen folgten der Reihe der Kupeefenster, und sie schauten auf die sich immer schneller drehenden Räder. Mich, den Hilfsbedürftigen, den Verzweifelten, hatten sie aber nicht entdeckt, und somit wurde auch kein Haltesignal gegeben.

Und doch konnte und durfte ich die

Hoffnung nicht auf­geben. Vielleicht bemerkte mich einer der Beamten auf der Strecke und veranlaßte das mich befreiende Signal, oder auch man würde mich auf Station Kings croß vermissen. Der eine oder andere hatte mich vielleicht kurz vor der Abfahrt zwischen den Rädern verschwinden sehen, man würde daraus und aus den unerklärlichen Hilferufen schließen, daß ich unfreiwillig die Fahrt unter einem der Wagen mitmache, und würde den Zug telegraphisch zum Halten bringen.

Wirre Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, während der Zug mit immer größerer Geschwindigkeit dahineilte. Es schien mir unmöglich, daß man mich so allein lassen, daß man mir nicht zu Hilfe kommen, daß niemand mich hören oder sehen sollte. Immer schneller und schneller wurde die Fahrt, immer lauter und lauter das Rasseln und Keuchen des Zuges. Dr packte mich wilde Verzweiflung, da schwand jede Hoffnung. Nie und nimmer würde ich der Anstrengung gewachsen sein, die eine Fahrt, wie diese, mit sich bringen mußte.

Plötzlich fielen mir aber meine Lieben zu Hause ein. Was sollte aus Frau und Kindern werden, wenn ich nicht wieder zu ihnen zurückkehrte? Dieser Gedanke verivischte alle Zwei­fel, flößte mir neuen Mut ein und verlieh mir die Geistes­gegenwart, ohne die ich nie mit dem Leben davongekommen wäre.

Klar und deutlich überschaute ich meine Lage, und ich sagte mir als Trost, daß sie noch schlechter sein könnte. Glück­licherweise war ich unter einen der mittleren Wagen geraten, und dieser Wagen hatte zum Glück eine Röhre unter sich, die andere Wagen nicht haben. Sie bot mir einen willkommenen Halt. So lag ich auf der Bremse, um die ich das eine Bein geschlungen hatte, während ich das andere gegen die schon er­wähnte Querstange stüßte. Die Röhre hatte ich fest mit beiden Händen umklammert. Auf diese Weise richtete ich mich so bequem und sicher wie möglich ein und sparte mir meine Kraft und meinen Mut für die Zeit vor und hinter Peterborough auf, in der der Zug die rasende Geschwindigkeit von 130 Kilo­metern erreichen würde.

Die Strecke von Kings croß bis Polter's Bar beträgt 24 Kilometer. Ich fühlte mich schon ganz lahm, als wir mit immer wachsender Geschwindigkeit durch die Weichen dieser Station flogen. Der Welwye Tunnel, 40 Kilometer von London, war das nächste Ziel, das ich in der Erinnerung hatte. Als wir in den Tunnel einfuhren, schloß ich meine Augen und öffnete sie erst, als ich wieder einen Lichtschein wahrnahm. Die Geschwindigkeit war jetzt 110 Kilometer die Stunde. Ich wurde fürchterlich vom Rauch der Maschine ge­plagt, der mich zeitweise gänzlich einhüllte, auch mußte ich mich hüten, nach unten auf den Bahndamm zu sehen, der, wie es mir schien, in schwindelnder Fahrt unter mir weggerissen wurde. Mein Gesicht fing an, von Kies und kleinen Steinen zerschnitten zu werden, die, von dem Luftzuge aufgewirbelt, mit der Gewalt großer Hagelförner beim Sturme mich um­schwirrten, während das Getöse des immer schneller und schneller dahinrasenden Zuges mir fast die Besinnung raubte.

Wieder kam ein Augenblick der Schwäche, in dem ich den Anstrengungen zu unterliegen fürchtete. Ich veränderte meine Lage ein wenig und fühlte mich in der neuen Stellung be quemer und sicherer. Statt die Röhre wie bisher mit beiden Händen zu umflammern, genügte es mit einer, und ich fonnte häufiger wechseln. Den schlimmsten Teil der Fahrt hatte ich aber noch vor mir. Würden die Kräfte ausreichen oder würden sie im Laufe der Zeit versagen und ich ohnmächtig und ermattet zu Boden sinken, um

Der Gedanke war entsetzlich.

Kurz vor Peterborough erreichte die Fahrt ihre höchste Geschwindigkeit, 130 Kilometer die Stunde. Ich mußte, daß sie während des Passierens der Station nicht unbedeutend ver­ringert würde, und ich beschloß, mit allen Kräften nach Hilfe zu rufen. Vielleicht würde der eine oder andere auf dem Bahnsteige mich hören und meine Befreiung aus der entsetz­lichen Lage zu bewirken. Inzwischen hatte ich ein vollstän­diges Bombardement mit Kies und Steinen zu bestehen, die unaufhörlich wie Peitschenhiebe in mein Gesicht schlugen, das bluttriefend, vom Rauche und Staube geschwärzt, bis zur Un­kenntlichkeit entstellt war. Wir sausten durch ie Station, und als ich wahrnahm, daß meine Rufe ungehört verhallten. bemächtigte sich meiner wieder eine grenzenlose Mutlosigkeit und Verzweiflung. Als ich aber überlegte, daß wir von den 200 Kilometern bis Gramtham schon 142, also über zwei

Frühlingstage auf Korfu.

Drittel zurückgelegt hatten, kehrte mein Vertrauen zurück und ich rüstete mich von neuem zum Kampfe um mein Leben. Ich sagte mir, daß ich, da ich einmal so weit gekommen war, auch ferner aushalten müsse. Und wieder kehrten meine Gedanken zu den Lieben daheim zurück.

So sehr ich mich aber auch aufraffte, so fühlte ich doch, daß meine Kräfte allmählich schwanden, daß sie zu erschlaffen be= gannen. Dabei wußte ich, daß die Fahrtgeschwindigkeit kurz bor Grantham noch einmal auf längere Zeit gesteigert würde. In meiner Angst und Not bat ich den Allmächtigen um seinen Beistand. Das Gebet wurde erhört. Ich fühlte mich frischer und stärker, mein Vertrauen kehrte wieder, und selbst als ich merkte, daß wir immer schneller und schneller fuhren, als das Werfen der Steine vom Bahndamme stärker und die Schmerzen im Gesichte größer wurden, verzagte ich nicht. Es bemächtigte fich meiner ein traumartiger Zustand. Ich war zu Hause bei den Meinen, ich erzählte und berichtete ihnen von meiner grauenvollen Fahrt und glücklichen Grrettung. Sie lauschten alle andächtig und ängstlich und waren überglücklich über den Verlauf der unfreiwilligen Reise.

Ich fühlte mich frisch und gestärkt, die Schmerzen ließen nach, meine Lage erschien mir nicht mehr so verzweifelt.

Da merkte ich, daß der Zug nicht mehr so schnell fuhr, daß die Fahrtgeschwindigkeit von Sekunde zu Sekunde abnahm, daß wir langsam und sicher durch die Weichen in die Station Grantham einliefen. Ach ja, da war ja auch die große, mir so wohlbekannte Uhr! Und richtig, ihre Riesenziffer verkün­deten die vierte Stunde! Unsere Linie hatte, wie ich mit Stolz feststellte, wieder ihre altbewährte Pünktlichkeit bewiesen. Ge­nau Schlag 4 Uhr stand unser Zug unbeweglich am Bahnsteige. Ich hatte eine recht ungewöhnliche Arbeit hinter mir: 200 Kilo­meter in zwei Stunden auf der Bremse unter dem Manchester Expreß liegend zu durchfahren, war eine Leistung, die mir nicht jeder nachmacht.

Meine Hände waren so steif, daß ich sie kaum von der Röhre trennen konnte, und die Beine waren wie gelähmt. Als der Beamte kam, um die Räder zu revidieren, hatte ich mich gerade aus meiner entseßlichen Lage befreit. Er riß die Augen weit auf, als er meiner ansichtig wurde. Dann schwand

aber sein Erstaunen, und ein verständnisvolles Lächeln ver­klärte sein Antlitz. ,, Hallo, alter Junge!" rief er aus, eine Vergnügungsreise umsonst gemacht, wie?" Na, kommt mal mit zum Stations­borstande!"

Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Es war so wunderbar nicht, daß er mich für einen blinden Passagier hielt, der auf diese Weise eine billige Reise machte. Wie mußte ich ausgesehen haben, das Gesicht von Blut, Rauch und Staub unkenntlich.

Als ich mich ihm aber zu erkennen gab, war er mir behilf­lich, aus dem Wagen herauszukommen. Dann schüttelte er mir herzlich die Hand und führte mich in das Bahnhofsbureau. Dort wurde mir eine sehr freundliche Aufnahme zuteil und mir ein Zimmer angewiesen, in dem ich mich waschen und meinen Anzug ordnen konnte.

Nachdem ich ein Stündchen geschlafen und mich etwas gestärkt hatte, wurde ich von einer Anzahl Beamten an den Zug gebracht, der mich nach London zurückführte. Ueberaus Herzlich war der Empfang, als der Zug in Station Kings croß einlief, wo sich auch meine Familie, die von meiner selt­samen Fahrt inzwischen benachrichtigt worden war, vollzählig eingefunden hatte."

Soweit der Bericht unseres Helden. Sämtliche englische Blätter brachten ausführliche Beschreibungen der eigenartigen Bahnfahrt und waren des Lobes voll über die Ausdauer, Zähig­feit und Geistesgegenwart, die der nicht mehr junge, förperlich übermäßig starke Beamte während derselben gezeigt hatte. Unter den vielen Anerkennungen und Auszeichnungen, die John Eke zuteil wurden, sei erwähnt, daß König Eduard VII. von England, der damalige Prinz von Wales, ihn in Audienz empfangen und ihm seine Glückwünsche ausgesprochen hat.

John Eke hat durch die entsetzliche Fahrt keinerlei Schaden an seiner Gesundheit genommen. Er waltet nach wie vor seines Amtes auf Station croß. Aber jeden Nachmittag um 2 Uhr, wenn der Manchester Expreß sich in Bewegung setzt, wird er an den schwersten Tag seines Lebens, an die zwei­stündige grauenvolle Fahrt auf der Bremse, erinnert.

Frühlingstage auf Korfu.

Seit Alters genießt die Insel Kerkyra, italienisch Korfu, wo Kaiser Wilhelm II. jetzt wieder geweilt hat, den Ruhm, das Phäakenland Homers zu sein, und noch heute ist fie, wenigstens in der Phantasie des Nordländers, von jenem märchenhaften Glanz umflossen. Wie die Insel der Seligen erscheint sie aus der Ferne dem vom nicht endenwollenden nordischen Winter Geplagten; selig der Mann, dem ein freundliches Geschick vergönnt, Frühlingstage auf Korfu zu

erleben.

Wer zu solcher Jahreszeit an einem schönen Morgen in der Bucht von Korfu erwacht, der ist wie geblendet von der strahlenden Schönheit der Landschaft, die ihn umgibt. Da liegt vor ihm im Glanze der Morgensonne die trogige Zitadelle, ein zur Insel abgegrabenes zweigipfliges Felskap, mit hoch­strebenden Mauern, Kasernen und Bastionen. Ter königliche Lustgarten und das Schloß leiten rechts hinüber zu der malerisch am Felshang sich hinanziehenden dichtgedrängten Häusermasse der Stadt, die nordwärts in einem verfallenden Kastell endigt. Eine flache Felsinsel schützt den Hafen vor größeren Wellen; auch sie trug einst starke Befestigungen, die, von ihren Erbauern, den Engländern, selbst noch gesprengt, jetzt einen wirren Trümmerhaufen bilden. Und zwischen Stadt und Insel der mastenreiche Wald der Schiffe aller Nationen, umschwärmt von den raschen Booten beutelustiger Korfioten.

Um Ostern geht es in Korfu besonders lebhaft zu. Die Anwesenheit des Kaisers lockt nicht bloß gewöhnliche Sterb­liche in größerer Anzahl nach der schönen Insel, auch gekrönte Häupter finden sich ein, begleitet von stattlichen Geschwadern.

Der Ankömmling, der den seltenen Anblick im Landungs­fahne in vollen Zügen genießt, sieht sich jäh aus seiner an­genehmen Beschaulichkeit gerissen, wenn dann beim Betreten des ersehnten Landes die gestrenge Hafenbehörde den Ahnungslosen in strenges Verhör nimmt und nicht eher durchläßt, bevor er sich über seine Person und die Harm­losigkeit seiner Absichten ausgewiesen hat. Wohl dem, der nicht versäumt hat, sich mit einem frisch beglaubigten Paß zu versehen! Er gelangt rascher auf den breiten grellbesonnten Kai und darf sich frank und frei den Behausungen der Kaiser und Könige nahen.

Durchblick von der Zitadelle Korfus zur albanischen Küste.

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