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Gießener Zeitung
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verteljährlich 1,20 Mr., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unierer Expedition oder in den Zweig. ausgabestellen vierteljährlich 90 Bfg.- Erscheint Mittwochs und Samstags. Redaktion: Selters. meg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.
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Nr. 81.
2. Blatt.
Bedeutung und Betrieb der Spiele.
Von J. Wit- Wien.
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Expedition: Seltersweg 83.
Mittwoch, den 9. Oktober 1912.
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horsams. Die freie Betätigung seiner Kräfte gewährt ihm nur der Spielplah. Hier folgt es dem Gebote des von ihm selbst gewählten Führers und gehorcht mit ihm freiwillig dem Gesetz des Spieles. F. W. Klumpp, der das Werk J. Ch. Fr. Guts Muths Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und des Geistes" neu herausgegeben hat, schreibt im Vorworte zur 4. Auflages dieses Buches: Das Spiel ist die erste Poesie des Kindes, der Spielplatz das eigentümliche Gebiet der Jugend und muß ihm unverfümmert bleiben. Wie sich auf ihm die Glieder regen und dehnen und tum meln, so gewinnt ebendaselbst auch der Geist wieder neue Freudigkeit und neue Schnellfraft, strömt in aufjauchzende Lust aus und spannt sich doch in freier Tätigkeit und oft merkwürdig schaffender Kraft. Denn wie finderisch ist der rechte Knabe im frischen jugendlichen Spiele, wie umsichtig und besonnen, und doch, wenn es gilt, wie entschlossen und fühn! Wie tritt hier jede Eigentümlichkeit, jede geistige Anlage, jede moralische Kraft in aller Frische hervor, wie lernt er bei dem Spielen gebieten und zugleich gehorchen, Anstrengungen und Schmerzen, ja auch Kränkungen ertragen und doch sein Recht wahren und verteidigen. Kurz, der Spiel plate ist seine Republik! Hier gelten ihm keine fonventionellen Rücksichten, fein anderes Vorrecht, als das der körperlichen Kraft, des geistigen Talentes, des Mu tes und der sittlichen Tätigkeit. Darum ist auch der Spielplatz in seiner freien Bewegung und Entfaltung zugleich eine treffliche Vorschule für die selbständige fräf tige Entwickelung des Charakters, ein fruchtbarer Bildungsort für den fünftigen Mann. Ohne Spiel ist der Anabe tein rechter Knabe, er lebt nur halb, er
In der„ Deutschen Turnkunst" schreibt Jahn:„ Chne Innspiele lann das Turnwesen nicht gedeihen, ohne Spielplatz ist ein Turnplatz gar nicht zu denken." Seinen Worten entsprach sein Tun. Auf dem Turnplake auf der Hasenheide nahmen in dem unter seiner Leitung fich entfalteten fröhlichen Treiben der Jugend die Spiele einen hervorragenden Raum ein. Jn Schnepfenal, der Wiege des Schulturnens, pflegten Salzmann und Guts Muths gar eifrig das Spiel. Wenn man in neuaer Zeit in Schule und Haus, in Vereinen und im heere den Spielen eine größere Beachtung schenkt, so bedeutet das eine Reformation, eine Rüdbildung, die Ridlehr zu alten, bewährten Grundsätzen, die man ange, viel zu lange unbeachtet ließ. Wie oft wechseln -Branche Meinungen, die Ansichten! Es gab Zeiten, wäh rend welcher die Geistesbildung die Alleinherrschaft uptsächlicht. Ein Gelehrter Dieſer Zeif jagte:„ Eine hule en Stoffen einem Gefängnisse, wo Schläge, Tränen und Geeul wohne Ende find. Hat etwas einen, seinem Wesen widersprechenden Namen, so ist es die Schule, da es nights Strengeres und allem Spiel Widerstrebenderes geben lann als sie." Wir lesen von Knaben im Puund Haarbeutel, von Mädchen im Reifrocke und Hoher Frisur, für die ein lustiges Spiel roh und didlich galt. Gesegnet sei das Wirken eines Rousseau nb ber ihm nachfolgenden Philanthropen, welche den Forderungen der Natur und Vernunft endlich zum Durchbouche verhalfen. Gibt es nicht auch heute noch Mütter, terhöhen, oll Entrüstung die Arme zusammenschlagen, wenn Fie ein frisches Mädchen in der Hose auf den Fahrwickelt sich unfrei und einseitig. Das Spiel muß für ng festene, oder eine fesche Turnerin auf dem Barren und ihn den Ernst der Schule und der sittlichen Zucht erExim fröhlichen Spiele, oder gar ein übermütiges Mäd- gänzen, es ergänzt sie aber auch vollständig zur schönen an auf den Baum flettern sehen? Nur immer schön Harmonie der Kräfte. Durch diese Worte ist der Wert farm und artig sein, wenn auch der blutarme Körper Der Spiele sehr gut gekennzeichnet. In der Gesellschaft en und mit drümmt und dahinsiecht! Auch heute noch gibt es der Spielenden gewöhnt sich das Kind gute Eigenschaf Monteile zu überwinden, aber es geht vorwärts Ueten an und schlechte ab. Es lernt die Unterordnung unche Größe berall her tönt der Ruf:„ Gönnt der Judend freie Beter ein selbst gegebenes Gesetz, die Verträglichkeit, das zugung, gebt dem Körper Gelegenheit zur freien Ent- Eintreten für eine gemeinsame Sache, es muß die etwa vorhandene Empfindlichkeit, Hochmut ablegen, Aus brüche von Rohheit unterlassen. Freilich kann das Spiel auch auf einzelne Kinder nachteilig wirken. Manche in der werden durch das Spiel flatterhaft, mutwillig, fie verlieren die Lust zu ernster Arbeit. Groß ist auch der Gewinn, den die Spiele dem Erzieher bringen. Sie geben ihm ein treffliches Mittel, die Jugend kennen zu lernen, ihre Herzen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Bei der ernsten Arbeit in der Schule steht das Kind immer unter einem gewissen 3wange, es muß seinen Bewegungstrieb zügeln, weil sonst das Arbeiten
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tung seiner Kräfte!" Diesen Ruf dürfen auch Turn reine nicht überhören. Sie haben sich lange genug Frischen den vier Wänden der Hallen verborgen. Nun ges, ihre Scharen, jung und alt, Männer und Frauen, mauszuführen auf den Spielplan und sie tummeln zu jer im fröhlichen Spiele.
Stellen wir vor allem den Begriff des Spieles fest und denken dabei an das Spiel im allgemeinen, im leften Sinne des Wortes. In jedem Menschen lebt Trieb nach Tätigkeit. Fehlt es ihm an Gelegenheit, en natürlichen Trieb zu befriedigen, so empfindet er ung ganz geweile, dieses drückende Uebel. Er sucht sie zu homen, und fehlt es ihm an ernster Arbeit, oder ist bon solcher übermüdet, greift er zum Spiel. Dieses t ihm, indem er sich dabei frei, ohne Zwang, begem fann, nicht bloß Schutz vor Langerweile, sonnach Belustigung, Erholung. Die Mittel, welche Tätigkeit wirksam machen, bilden das Material des Ferieles, die genau bestimmten Vorschriften, welche die Sigleit ordnen, find die Spielregeln. Auch der Zufall
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zu wollen.
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bald mehr, bald weniger, über den Stoff herrschen, mden Spielreiz zu erhöhen und ein Ansporn zur Betätig u muß herangezogen werden, der Spielaffekt. Je boliger der Zufall im Spiele herrscht, desto größer der
des Spieles; das Tarodspiel ist besser als„ Einzwanzig" Je unschuldiger der Affekt, desto wertDolier das Spiel; das Schachspiel ist weit höher zu weren als jedes Kartenspiel.
So alt die Menschheit ist, so alt sind die Spiele. Weber die ganze Erde sind sie verbreitet, wir finden sie awohl bei Kultur- als auch bei Naturvölfern. Charakertigenschaften Einzelner und ganzer Völker, deren Band der Bildung, der Grad der Rohheit und Vereinerrung lassen sich an ihnen erkennen, wie sie auch anbearerseits ein wirksames Erziehungsmittel der Einzelnen
ganzer Völker sein können; bei der Erziehung der gernd sind sie nicht zu entbehren.
Ich denke in erster Reihe an die Jugend, wenn ich Wert der Spiele näher bespreche. Einer der wichtig06rundsätze der Erziehung ist, dem Kinde Gelegenu geben, seinem innerlichen Drange folgend, frei schaffen und zu gestalten. Im Hause und in der Sulle steht es in der Zucht seiner Erzieher, der Eltern ider Lehrer, es arbeitet unter dem Zwange des Ge
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möglich wird. Auf dem Spielplatz aber fann es seiner förperlichen und geistigen Betätigung freien Lauf lassen und so fann hier der Lehrer, wenn er nur zu beobachten versteht, jedes Kind genau fennen lernen, seine gu ten und bösen Seitent, sein Gemüt und seinen Geist. Gefördert wird noch dieses Kennenlernen der Schüler, weil sie dem Lehrer offen, unbefangen, zutraulich entgegentreten, wenn sie sehen, daß er auch an ihrer Freude Anteil nimmt; sie sehen in ihm nicht so die unnahbare Amtsperson, als vielmehr den Freund, den Spielge nossen, dem sie für seine Teilnahme an ihrer jugendlichen Lust Dankbarkeit entgegenbringen. Alle Scheu und Zu rückhaltung verschwindet, voll zutrauen und Liebe tritt das Kind dem Lehrer gegenüber, er hat sein Herz im Sturm erobert, was ihm sonst nur schwer, vielleicht gar nicht gelingt. Der Gewinn, der aus diesem Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler für die Erziehung erwächst, kann nicht hoch genug angeschlagen werden. Außerdem bringen die Jugendspiele Erholung von der geistigen Arbeit, sie erzeugen Heiterkeit und Fröhlichkeit und dazu gesellt sich noch der große Nutzen, der dem Körper zugute tommt. Weil die meisten Spiele, und gerade die besten, nur auf einem genügend großen freien Platze am wirksamsten durchgeführt werden können, zwingen sie den Leiter, dte Spieler aus den dumpfen Stuben und Hallen ins Freie zu führen. Bei dem fröhlichen Tummeln in der freien Luft arbeiten die Lungen in allen ihren Teilen, die Brust weitet sich, das Herz schlägt voller und treibt das belebende Blut frisch durch alle Teile des Körpers, Arme und Beine werden gekräftigt, Gewandtheit, Entschlossenheit und der Mut werden gefördert, Körper und Geist werden gestählt für den Lebenskampf.
( Gießener Tageblatt)
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Wie steht es nun mit dem Betrieb der Spiele? Ich denke wieder zunächst an die Schuljugend. Da muß doch unbedingt die Forderung aufgestellt werden, daß alle Schüler, mit Ausnahme der Kranken, an den Spie len teilnehmen müssen, sonst kommen die Vorteile, welche die Spiele bieten, nicht allen zugute. Läßt man die Wahl der Teilnahme an ihnen frei, so entziehen sich ihnen gerade diejenigen Schüler, die sie am notwendigsten brauchen, die schwächlichen, die bequemen, die blasierten. Soll das Jugendspiel ein wirksames Erziehungsmittel werden und cur Gesundung des Volkes führen, dann muß es allgemein werden, dann müssen für die Schuljugend verbindliche Spielnachmittage verlangt werden. In den Turnvereinen fann natürlich kein 3wang ausgeübt werden. Hier muß durch verständige Aufklärung und durch gute Beispiele die Ueberzeugung von dem Nutzen der Spiele für jung und alt geweckt werden, um nach und nach alle für sie zu gewinnen Wenn nur zuerst einzelne Spielabteilungen geschaffen werden, so werden bald die anderen mitgeris
fen. Die wichtigste Vorbedingung zur Einführung der Spiele ist ein Spielplay. In der Großstadt ist die Gewinnung eines großen freien Spielplatzes schwer zu be schaffen. In Wien 3. B. ist innerhalb des engeren Stadtgebietes( mit Ausnahme des Praters, über den das Obersthofmeisteramt verfügt) fein entsprechender Spielplatz zu haben. Die Ursache davon ist die unvernünftige, mit Rücksicht auf die Gesundheit der Jugend geradezu als gemütsroh zu bezeichnende Verbauung aller freien Plätze. Die in den letzten Jahrzehnten in dieser Hinsicht begangenen Sünden sind nicht mehr gut zu machen. Wer spielen will, muß weit hinauswandern aus dem staubigen und dunstigen Häusermeer. Die paar fleinen geschotterten sogenannten Kinderspielpläge in den Parkanlagen sind unzureichend. Wie steht es in den Provinzstädten und Dörfern, wo doch freie Plätze leichter zu haben sind? Mit wenigen rühmlichen Ausnahmen viel Teilnahmslosigkeit! Tatsache ist, daß Bahnen für Pferde- Rennen und Tummelplätze für Ochsen, Kühe und Kälber leichter zu bekommen sind als Spielplage für Jungen und Mädchen. Man baut auch lieber Kranken- und Siechenhäuser und bedenkt nicht, daß durch eine bessere Vorsorge um die gesundheitliche Entwidlung der Jugend diese zwar nicht überflüssig, aber doch in geringerer Zahl notwendig sein würden.
Man kann wohl auch auf fleineren Plätzen und felbst in Turnfälen spielen, ist aber dann auf die einfachsten Neckspiele angewiesen, welche bei größeren Anaben und gar bei Turnern wenig Teilnahme erweden. Die Auswahl der Spiele ist aber für die Entfaltung eines lebhaften Spielbetriebes sehr wichtig. Soll der Spielbetrieb den Nuzen schaffen, den er bringen fann,
dann muß man die besten, wirksamsten, die volle Betätigung der Spielenden in Anspruch nehmenden Spiele auswählen und auch jene bevorzugen, die einen Wett bewerb ermöglichen; die Kampfspiele sind ganz beson. ders dazu geeignet, die Spiellust zu wecken und zu erhalten. Solcher Spiele haben wir eine große Menge. Nur auf eins möchte ich besonders hinweisen, auf ein rechtes deutsches Spiel, das geradezu als eine Perle der Spiele bezeichnet werden kann: den deutschen Schlagball. Dieses Spiel zu einem Volksspiel zu machen, follte als erstrebenswertes Ziel der Schulen und Ver eine betrachtet werden. Der deutsche Schlagball fann grundsätzlicher Feind des Fußballspieles, aber auch nicht jetzt alle anderen Spiele, wenigstens in den Schulen, fast zu verdrängen scheint. Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes überschreiten, wenn ich einen Vergleich dieser beiden Spiele durchführen wollte. Ich bin kein grundläglicher Feind des Fußballlpieles, aber auch nicht sein besonderer Freund, schon deshalb, weil es gar zu leicht zu Rohheiten verleitet. Wenn ich für eine eifrige Pilege der Kampfspiele eintrete, so möchte ich doch da
Wichtig für Asthmatiker.
Die Erfahrung des Herrn Herman van der Berg in Wesel muß ein Trost für falle Asthmatiker sein, indem ihnen ein Weg gezeigt, wodurch dieses lästige Uebel sofort gelindert werden kann.
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