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Nummer 19.

13. September 1911.

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Welt- Rundschau

Verlag der Gießener Verlagsdruckerei Klein& Fischer, Gießen.

Jllustrierter Stadt- Anzeiger

Islandreisen.

Es ist modern geworden, seinen Reiseweg nicht mehr aus­schließlich nach dem Süden zu richten. Man fängt an, sich auch mehr und mehr dem hehren, gewaltigen Zauber­kreise des Nordens zuzuwenden. Es liegt für den Durchschnitts­touristen etwas Prickelndes in dem Gedanken, auch einmal den Fuß hineingesetzt zu haben in das Land der Eisbären, Walrosse und Blaufüchse. In neuester Zeit hat sich über­raschend schnell ein drittes Land zu einem bereits stark be­gehrten Touristen­

ziele des Nordens herausgebildet, und das ist Island. Seine geheimnis­volle Anziehungs­kraft wächst von Jahr zu Jahr.

Island ist ein ganz merkwürdiges Land. Zusammen­gebraut aus Feuer und Eis, den beiden Gewalten, die sich sonst aufs feindlichste gegenüberstehen, liegt dieses alte Sageneiland wie ein weit ins Meer hinausgeschleuderter Meteor steinhart an der Grenze der

arktischen Zone.

klaren, nordischen Sonne in prächtig- himmelblauer Farbe. Am Fuße der Gletscher finden sich brausende Wasser­stürze, die oft unmittelbar ins Meer hineintoben. Den Rahmen eines solchen köstlichen, nordischen Eisgemäldes bilden der tiefbaue Himmel und das wogende grüne Meer mit seinen weißen Schaumkämmen, aus dem hier und da die Dampf­und Wasserstrahlen der bei Island ziemlich zahlreichen Wal­fische emporsteigen. Der Gedanke schweift zurück in die

Reitende isländische Landpost.

Nirgends in der ganzen Welt findet dieses Feuer- und Eis­land etwas auch nur entfernt Ähnliches.

Man mag sich Island nähern, von welcher Seite man immer will: überall wird das Auge gebannt durch Land­schaftsbilder von so großartiger Kühnheit des Aufbaus und so eigenartigem Kontrast starker Farben, daß sie auch den nüchternsten Kopf in ihren Bann zwingen. Breite, weiße Gletschermauern steigen scheinbar unmittelbar aus dem Meere zum Himmel. Tiefe Risse und Runzeln durchfurchen das Antlitz dieser Eisriesen, und diese Spalten leuchten in der

fernen Zeiten, in denen vor diesen Eis­mauern die schild­geschmückten, hoch­geschnäbelten Wikingerschiffe er­schienen, die dem Lande die ersten Ansiedler, rauhe Recken aus adligem norwegischem Blute brachten. Sie ließen sich durch den starren Eiswall nicht ab­schrecken. Vom Lande selbst war damals wie heute nichts zu sehen. Und doch liegt hinter dem Eisgürtel ein zweites Land voller wel­liger Bergzüge und grüner

Ebenen, in denen reißende Flüsse ungehemmt sich breiten. Die wildzackige Bergwelt ist tot wie einst. Man darf Island nicht bloß sehen, man muß es fühlen und erleben. Am Abhange donnern gewaltige Wasserfälle in tief ausgewaschene Rinnsale und lassen ihren feinen Wasser­staub in die Lüfte steigen. Die klare Sonne webt einen farbenprächtigen Regenbogen hinein. Am welligen Hügel­rücken entströmen weiße Dampfsäulen der Erde. Nach ihrem Zischen und Fauchen scheinen sie Anzeichen einer im Innern der Erde vor sich gehenden, ungeheuren Dampfentwicklung