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Gießener Zeitung

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Nr. 53

Telephon: Nr. 362.

Familien- Krankenkassen.

Eine segensreich wirkende Einrichtung sind die von vielen industriellen Gesellschaften gegründeten Fami lientrantenfassen, die den Familienangehöri­gen der Mitglieder in Krankheitsfällen freie ärztliche Behandlung und zum Teil eine Beihilfe zu den Arznei­loften gewähren. Jm rheinisch- westfälischen Industriebe zirk bestehen solche Kassen, deren Kosten in der Regel pon den Arbeitgebern allein getragen wer­-ben, fast auf allen Zechen. Als Familienangehörige werden angesehen: die Ehefrau und Kinder sowie Ver­wandte und Verschwägerte der Mitglieder, wenn sie in demselben Haushalt mit ihnen leben und mit ihrem einfäßchenunterhalt ganz oder größtenteils auf den Arbeitsver- Johannisbeerwetsdienst der Mitglieder angewiesen sind. Den angestellten fiehlt Merzten wird von den Zechenverwaltungen ein bestimm­merkorn, ler Satz für das Jahr und jede Familie vergütet. Die

fäffer bütten

erfte Familienkrankenkasse wurde im Jahre 1880 vom Bleichteake 12. Inter Bergwerksverein ins Leben geru­verkauf. als eine Wohlfahrtseinrichtung in dem Gedanken, bak häufig bei Erkrankung von Frau und Kind der reichhalt. Lager Rosten wegen die ärztliche Hilfe nicht in Anspruch ge­Mylords, Halb Geschäfts und nommen wird, zumal in schlechten Zeiten". Dieses Bei­aller Art, nepiel fand bald auf anderen Werken Nachahmung. Im [ 21/3 Jahre 1904 hatten von 93 Zechen des Ruhrreviers Butzbach. on 62 Familienkrankenkassen. Heute sind, wie ge= immer zu vermagt, derartige Kassen fast auf allen Werken vorhanden. -Allee 31 p. Auf einigen Zechen, die für die Zwecke der Familien= tantenpflege feine besondere Kasse besitzen, wird den Fa­fach milienangehörigen, wie es 3. B. auf sämtlichen Zechen Bimmer es Bergreviers Ost- Effen üblich ist, auf Zechenkoſten Schottfte. 10. teie ärztliche Behandlung gewährt. Die aus freier Ent­hließung getroffene soziale Einrichtung verursacht den Werfen nicht unerhebliche Kosten. Beispielsweise be­Zimmer gen die Ausgaben hierfür im verflossenen Jahre bei Liebigft. 7. r Gelsenkirchener Bergwerks- Aktien- sellschaft 169 294 Mark und bei der Harpener Bergbau- Aktien- Gesellschaft 150 210 Mr. Auf einigen Zechen ist man in den letzten Denton su berm. enpflege in die Familienkrankenpflege einzuschlie

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Samstags liegt für die Stadtabonnenten der

Illustrierte Wochen- Anzeiger

gratis bei.

Expedition: Seltersweg 83.

Writtwoch, den 3. Juli 1912.

der Wöchnerinnen zu führen. Jn Bedürftigkeitsfällen werden auch Erstlingsausstattung, Wäsche für die Wöch nerin, Milch und Nahrungsmittel gewährt. Die Ein richtung erfreut sich bei den Arbeitern großer Beliebtheit, wie aus der Zunahme der gestellten Anträge auf Wöch nerinnenpflege hervorgeht. Im letzten Geschäftsjahre wurden 1138( im Vorjahre 820) Anträge gestellt und 1004( 655) Pflegen mit 10 932( 6445) Pflegetagen aus­geführt.

Politische Rundschau.

Deutschland.

Der Kaiser, Prinz Adalbert und Prinzessin Viktoria Luise sind vorgestern abend kurz nach 10 Uhr im Sonderzug von Station Wildpark nach Danzig ab­gefahren, von wo er die Reise nach Rußland antreten wird. Für die Auslandsreise werden sich in Danzig an Bord der Hohenzollern" einschiffen: Reichskanzler von Bethmann Hollweg, Wirkl. Legationsrat Graf Mir­tischtschew. Mit dem Kaiser reist nach Danzig und Ruß­land Prinz Adalbert; nach Danzig Prinzessin Viktoria Luise.

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bach, General à la suite russischer Generalmajor Ta­

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Die Kaiserin mit der Prinzessin Viktoria Luise von Preußen und großem Gefolge wird bereits am 15. Juli auf Schloß Wilhelmshöhe eintref­fen und etwa 4-5 Wochen Sommeraufenthalt nehmen. Der Kaiser wird nach Beendigung der Nord= landreise am Ende der zweiten Augustwoche ebenfalls auf Wilhelmshöhe mit großem Gefolge eintreffen und bis Ende August dort verbleiben.

* Berlin, 1. Juli. Der öffentliche Betrieb auf der deutsch- ostafrikanischen Mittellandbahn ist heute bis Tabora 848 Kilometer ab Dar- es- Salam von der Ost­afrikanischen Eisenbahngesellschaft übernommen worden.

München. Das Amtsblatt" des Reichspost­Postverwaltung verlieren die bayerischen Post amts teilt mit: Nach Mitteilung der Kgl. bayerischen wertzeichen der älteren Ausgabe mit Ablauf des Juni ihre Gültigkeit.

*

Die Gutehoffnungshütte in Ober­aufen gibt über diese Einrichtung in einer Zusam­nenstellung über die vorhandenen Wohlfahrtseinrichtichen Abgeordnetenkammer bei der Rede des Ministers ingen nähere Mitteilungen, die für die Deffentlichkeit chten vohl von Interesse sind. Der ganze Hüttenbezirk ist in wei Bezirke eingeteilt, an deren Spitze je eine aufsicht chuppenflechte ihrende Schwester steht. Den aufsichtführenden Schwe­< roph. Ekzema, lern unterstehen die Pflegerinnen, die teils ständig an­2 Füße estellt im Monatslohn stehen, teils von Fall zu Fall ge, Aderbeine, gen Tagelohn angenommen werden. Als Pflegerinnen alte Wunden verden besonders Witwen und Töchter von Arbeitern ir hartnäckig. vergeblich aufs Werks verwendet; sie haben den gesamten Haushalt

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Unter Feinden.

Roman von Karl Matthias.

( Nachdruck verboten.) " Wie wird sie es ertragen?" dachte er mit innigem Mitgefühl. Nach drei schrecklich langen Tagen und Nächten lief ber 3ng endlich in Orleans ein. Steif und zerquetscht, wie zerschlagen von dem unaufhörlichen Rütteln und Shitteln entstiegen die Insassen dem Militärzug. Alincourt beeilte sich, seinen Schüßling unter Dach zu ingen.

Aber die Hotels waren überfüllt, die Bürgerquar­Here voll Soldaten. Nach der Schlacht von Coulmiers batten die Bayeren die Stadt geräumt und waren nach Nordwesten abgezogen. Infolgedessen hatten sich sämt=

haltiges Muster- the französische Armeekorps, das fünfzehnte, sechzehnte

Nr. 10.

de Herren

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Bitter

Pb.- Caf. 50 Bf.

Sellersweg 77.

md ein Teil des siebzehnten um Orleans zusammenge= Bogen. In diesem Kriegslager war es ein Wunder, ein Blätzchen zu finden, wo Desiree ausruhen konnte; aber Der Graf vollbrachte es.

Bou einem Sanitätsoffizier geführt, gelangten die Obdachsuchenden in ein Quartier in der Nähe der Blace de la vierge". Es war dort soeben ein verwun­Deter Offizier verschieden; die Mannschaften hatten den foten Krieger faum hinausgetragen, als jene anlang= n. Sie fanden ein kleines freundliches Stübchen bei Einer Mubame Josnes, einer gefälligen, alten Witwe, Die fich der Dame sofort annahm und sie mit allem ver­orgte, was sie selbst aufzutreiben im Stande war.

d'incourt verabschiedete sich von Desiree. Ich uche das Regiment 204 auf, wo es auch stehen mag, md rtnge Ihnen Nachricht, verspracht er. Bleiben Ble subig hier. Ich benachrichtige Ihren Vater und Brings ihn hierher, mit Gewalt, wenn es sein muß." Das Mädchen dankte dem Manne mit nassen Au­Wie groß, wie edelmütig bandelte er an ihr! Als

Ende voriger Woche kam es in der bayeri­des Innern, Frhrn. v. So den, zu stürmischen Auf­tritten, hervorgerufen durch die Sozialdemokra= ten. Der Minister rechtfertigte die Haltung der Regier­ung bei der Nichtbestätigung sozialdemo­kratischer Bürgermeister. Er führte dabei aus, daß es im Interesse des monarchischen Staatswesens liege, sozialdemokratische Bürgermeister nicht zu bestätigen. Das sei eine Politik der Selbsterhaltung des monarchischen Staates.

er das Haus verlassen hatte, fam die Wirtin zu der Einsamen und fing an zu erzählen, was sie bewegte, vom Kriege und von Kriegsnöten und von der dauern­der inquartierung.

,, Ausgeruht, liebes Fräulein?" fragte Frau Josnes freundlich. Ja, so ein ungestörter Schlaf ist oft besser als Essen und Trinken, wofür ich übrigens auch gleich sorgen werde. Da hatte ich einen Kapitän im Quartier, so einen traurigen, lieben Herrn, der von Kummer ge= beugt und von Märschen und Kämpfen ganz zerschlagen hier bei Nacht ankam. Der warf sich mit Stiefeln und Sporen ins Bett und ich ließ ihn schlafen, obwohl er meine Kissen arg beschmußte. Als er endlich erwachte, wurde er ein ganz anderer Mensch. Freilich lustiger wurde er nicht. Er wünschte immer zu sterben. Armer Mann! Sein Wunsch ist erfüllt worden; drüben an der Ecke haben Sie ihn niedergestochen, Nun liegt er in der kühlen Erde."

War Herr von Alincourt noch nicht hier?" fragte Desiree, die kaum zugehört hatte. Ich meine, den Herrn, der mich hierhergebracht hat?"

,, Nein, liebes Fräulein. Er wollte ja zu den 204ern hat er gesagt. Aber mein Gott, wo stehen die? Der Herr Oberst Lancier, dem sie heute die Füße zuerst aus diesem Zimmer getragen haben, sagte, die 204er hätten tapfer gefochten. Ach. liebes Fräulein, wenn man daran denkt, wie viel Menschen sterben müssen in diesem schrecklichen Kriege! Es ist schade um alle, Freund und Feind. Auch Bayern habe ich im Quartier gehabt, aber die waren lauter gute Leute und gesund, trotzdem sie ebenso viel mitgemacht hatten mie unsere Soldaten."

Horch, ging da nicht die Türe? Es tam jemand," sagte Desiree, nervös zusammenfahrend.

Ich habe nichts gehört, aber ich will nachsehen," sprach das Mütterchen und ging hinaus. Der Luftzug warf hinter ihr die hentür ins Schloß Auf der Kom­

( Gießener Tageblatt)

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Telephon Nr.: 362.

24. Jahrg.

Sechs Millionen Soldaten. Zu der nun vollständig beschlossenen Wehrreform in e- sterreich- Ungarn, die durch die Zustimmung aller Häuser in den zwei Reichshälften zum Gesetz geworden ist, schreibt die Neue Freie Presse" in Wien: 3 wei Millionen Soldaten wird die österreichisch. ungarische Monarchie fünftig ins Feld stellen fön­пеп. Die Kriegsarmee des Deutschen Reiches wird auf vier Millionen geschätzt, und jeder Feind, der sich an einem der beiden Verbündeten ver­greifen wollte, müßte damit rechnen, daß ein Block von 6 Millionen vortrefflich ausgerüsteter Soldaten zur Ver­teidigung bereit wäre und in steter Schlagfertigkeit den Kampf aufnehmen würde. Ein Blod von sechs Milli­oner: Soldaten zwingt auch den übermütigsten und vom Haß verblendeten Gegner zum Nachdenken über die Ge­fahren des Friedensbruches. Deshalb ist das Wehrge­setz, das dem Volke die zweijährige Dienstzeit bietet, zu­gleich eine Befestigung der Bündnispolitik, ein Schutz der Arbeit und des Wohlstandes und eine Notwendig­keit, der sich kein Staat entziehen kann. Sechs Millionen Soldaten! Das ist eine Warnungstafel, aufgestellt an den Grenzen der verbündeten Reiche; das ist ein Druck auf die Leichtfertigen, die im Westen und im Norden vielleicht Lust haben sollten, sich in Abenteuer zu ver­lieren. Das Wehrgesetz ist ein europäisches Er­eignis, das im Zusammenhange mit den jüngsten militärischen Beschlüssen im Deutschen Reiche durch die bundesmäßige Vereinigung von geschichtlich in solchem Ausmaße niemals aufgebotenen Kräften ein hoher Damm gegen Ruhestörer sein wird."- Diese von Freude und Stolz erfüllten Worte verdienen sehr wohl auch in Deutschland Widerhall zu finden, wo schon lange in der Deffentlichkeit die Erkenntnis durchgedrungen ist, daß die stete und starke Bereitschaft die sicherste Gewähr für den Frieden bildet.

Der Hauptausschuß für die nationale Ar­beiterbewegung Deutschlands, dem u. a. scher Arbeitervereine, der Verband seemännischer Berufs­der Bund deutscher Werkvereine, der Bund vaterländi­vereine und andere ähnliche Verbände angeschlossen sind,

hielt am 29. und 30. Juni und am 1. Juli in Essen seine diesjährige Tagung ab, mit der die Haupt- Ver­sammlung des Bundes deutscher Werkvereine verbunden ist. An dieser Tagung nahmen als Ehren­gäste der Oberpräsident der Rheinprovinz, Freiherr von Rheinbaben, sowie eine große Anzahl führender Per­sönlichkeiten aus der deutschen Industrie, teil. Die in dem Hauptausschuß zusammengeschlossenen Verbände find in der deutschen Arbeiterbewegung eine neue Erscheinung. Sie gehen von der Ueberzeugung aus, daß die Interessen der Arbeitnehmer mit denjenigen der Arbeitgeber gleichlaufend sind, in der Hauptsache we

mode, über welcher ein Spiegel hing, fiel eir Nippes­figürchen um und zugleich ein Bild, welches daran ge­lehnt hatte. Desiree erhob sich und stellte beides an sei­nen Plaz. Das ungewisse Licht, fern von der Lampe, ließ sie das Bild nicht gleich erkennen. Eine Frau war's in hellem Kleide, das sah sie mit flüchtigem Blick. Wäh­rend sie die Karte aus der Hand gab, schaute sie in den Spiegel. Wie sah sie blaß und entstellt aus!"

,, Was wird der Vater sagen, wenn ich ihm so unter die Augen treten werde," dachte sie. Er wird mich kaum wiedererkennen. Aber mein Bits wird ihn milde und mitleidig stimmen. In meinen trüben Augen und blet­chen Wangen wird er den Kummer und die Angst lesen, welche ich seinetwegen ausgestanden, und er wird mir verzeihen."

Frau Josnes tam mit einem Tablett, auf welchem sich Brot, Butter und Gier befanden, zurück.

Es war niemand, aber ich habe Ihnen einen flet­nen Imbiß mitgebracht," fagte sie. Nehmen Sie Play, genießen Sie etwas, Sie müssen ja hungrig sein."

Desiree trat vom Spiegel zurück und setzte sich an den Tisch. Sie versuchte von den Schnitten zu essen, wel­che thr die Wirtin vorlegte. Aber die Ungeduld, welche in thren Adern tobte, die Ueberreiztheit ihrer Nerven, ließ wirklichen Appetit nicht aufkommen. Nach vergeb­lichen Versuchen schob sie den Teller von sich und stützte den Kopf, der sie schmerzte, mit der zitternden Hand.

" Beruhigen Sie sich doch, Fräulein," bat die Alte. " Ihr Bräutigam wird schon kommen."

Der Herr Graf ist nicht mein Bräutigam," wehrte das Mädchen ab, er steht mir gänzlich fern."

Doch der Herr hat Sie gewiß sehr gern und will es bloß nicht sagen. Er hat mir auf die Seele gebun den, Sie ja recht zu pflegen, als er fortging. Und Geld hat er mir auch gegeben, einen ganzen Louis, damit es Ihnen an nichts fehle."