Ausgabe 
30.9.1911 Erstes Blatt
 
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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

oiertelfährlich 1,20 Mr., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 90 Pfg.- Erscheint Dienstags, Donnerstags, Samstags. Redaktion: Seltersweg 83.- Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

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( 1. Blatt.)

des Großherzoglichen Polizei Amtes

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der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Samstag, den 30. September 1911.

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Inseratenzelle.- Stellen gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg.- Die 90 mm breite Zeile im Neklameteil 50$ ig.- Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Bettreibung oder bei Koukurs in Wegfall. Plagvorschriften ohne Berbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Krieg zwischen Italien und der tenen bisherigen Abg. Uebel- Dieburg Poſtmeister Wie| Wolf, das Geständnis zu wiederholen, das er

Türkei.

gand- Heppenheim als Kandidat der Zentrumspartei auf­gestellt. W. nahm die Kandidatur an.

An Stelle des verstorbenen Vorsitzenden der fort= Schneller als mancher geahnt, ist der europäische schrittlichen Volkspartei in Mainz, Ju­Friede durchbrochen worden. Nicht Marokko ist der 3ank- stizrat Börckel, wurde Rechtsanwalt Sold an zum apfel, sondern das türkische Tripolis, worauf Italien Vorsitzenden gewählt. erhebt. Es liegen folgende Meldungen vor:

Anrecht

Die Kriegserklärung.

) Rom, 29. Sept.( Tel.) Da die otto= manische Regierung die Forderun= gen des italienischen Ultimatum s nicht angenommen hat, sind Italien und die Türkei seit heute nachmit= tag.3 Uhr im Kriegszustande. Die Blockade von Tripolis und Cyre­naika wird den Mächten sofort noti­fiziert werden.

*) Konstantinopel, 29. Sept.( Telgr.) Auch hier ist die Kriegserklärung be­fannt gegeben worden.

Es ist anzunehmen, daß die Landung des italieni schen Expeditionskorps in Tripolis bereits erfolgt ist. 12 italienische Kriegsschiffe warfen vor Tripolis Anker.

Eine Seeschlacht in Aussicht.

*) Paris, 30. Sept. Mehrere türkische Kriegs= schiffe verließen Beiruth. Ein Renkonter mit der italie­nische Flotte wird für heute als wahrscheinlich betrach­tet.

Oesterreich auf der Wacht.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 30. September 1911.

n) Der Großherzog hat den Anatomiediener bei der Landesuniversität Heinrich Balser auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen und treuen Dienste, mit Wirkung vom 1. Oktober 1911 an in den Ruhestand versetzt und als dessen Nachfolger den Vizewachtmeister Jakob Kranz aus Biedesheim nannt.

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n) Jm Saale des Hotels Zum Einhorn" finden am Mittwoch, den 4. und Donnerstag, den 5. Oktober ds. berammergauer Passionsspiele in Js. die Aufführung der Original- Aufnahmen der riesengroßen, elektrischen Projektionsbildern statt und zwar nachmittags 5 Uhr für Schüler, abends Uhr für Erwachsene. Diese Vorführungen sind von der auswär­tigen Presse sehr günstig beurteilt worden. Den Vor­trag zu dieser Aufführung hält Herr Ingenieur Haal aus Mainz, bekannt durch seine wissenschaftlichen Pro­jektionen.

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*) Wien, 29. Sept. Die österreichisch- ungarischen Geschwader sind fast vollständig in den dalmatischen Ge­wässern stationiert und bewachen das ganze Küstenge- stem Erfolg bestehende I andwirtschaftliche Win­

biet.

*) Wien, 29. Sept. Nach griechischen Meldun­gen begannen von türkischer Seite Truppenkonzentratio­nen an der thessalonischen Grenze. 28 Kanonen sind in Elassona eingetroffen.

Was sagt Deutschland?

*) Berlin, 29. Sept. Der Reichskanzler von Bethmann- Hollweg ist hier eingetroffen. Das Staats­ministerium ist heute zu einer Sizung zusammengetre­ten. Deutschland ist in diesem Streite zwischen Jta­lien und der Türkei auf eine harte Probe gestellt.

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Parteipolitisches.

Reichstagswahlen 1912.

- Der Parteitag der Fortschrittlichen Volkspartei ist auf den 20. Oktober nach Berlin einberufen worden.

Hanau, 30. Sept. In dem Reichstagswahl= freis Hanau- Gelnhausen- Orb wird mit Bestimmtheit der gesamte Liberalismus in einheitlicher Kampfform auf­marschieren. Die Fortschrittliche Volkspartei ist bereit, eine nationalliberale Kandidatur zu unterstützen.

Hessische Landtagswahlen 1911.

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bereits in der Voruntersuchung abgelegt hatte. Wolf er zählte hierauf seinen Lebenslauf, erwähnte auch, daß sein Vater ein entmündigter Trunkenbold war und daß er selbst früh in Fürsorgeerziehung fam und nach Be endigung seiner Lehre von Nieder- Mörlen nach Frank­furt und Offenbach in Arbeit ging. In Offenbach ar­beitete er 14 Tage, bis er etwa Ende Mai stellenlos wurde. In jener Zeit lernte er den Chauffeur Erbe kennen, der mit seiner Schwester ein Verhältnis hatte. Auf Befragen des Vorsitzenden gibt er an, daß er mehrfach Gelder, die er von Verwandten zur Unterstütz ung erhalten hatte, an Erbe abgeben mußte, der das Geld durchbrachte. Wolf erzählte ausführlich, wie infolge des Geldmangels der ganze Plan gereift sei und wie sie dann die Vorbereitungen zu dem Morde selbst trafen. Ueber die Ausführung der Tat erzählt er, daß sie die Frau, die allein im Hause war im er­sten Stock antrafen, als sie gerade ihr Zimmer verlassen wollte. Erbe sei sofort auf sie zugeeilt und habe sie mit beiden Händen am Halse gepackt, dann habe er sie zu Boden geworfen. Erbe kniete auf ihr und rief Wolf zu, den Stock zu nehmen und der Frau auf den Kopf zu schlagen. Dies führte Wolf auch mehrmals aus. Die Frau schien daraufhin vollständig leblos. Erbe holte dann ein Stück Leinen herbei, wickelte es der Frau um den Hals und dann zogen beide an den beiden Enden so lange, bis die Frau erdrosselt war. Dann durchsuch­ten die Mörder das Zimmer, fanden Geld und einige Wertsachen und machten sich davon. Im Walde war­tete die Schwester Wolfs auf die Mörder. Mit ihr gin­gen sie nach Friedberg und fuhren dann alle drei nach

angeklagten Erbe, der in außerordentlich selbstbewuß­ter Weise auftritt und frech e Antworten gibt. Die Beantwortung der Fragen nach seinen Familienver­hältnissen verweigert er, da er das vor dem Publikum nicht nötig habe. Als er bei der Vernehmung über sein Liebesverhältnis fortwährend lachte und ihm das vom Vorsitzenden verboten wurde, antwortete er: Ich bin halt ein lustiger Mensch".

o) Friedberg, 28. Sept. Auf dem hiesigen Obst- rankfurt reriger gestartete ja die Vernehmung des mart wurden folgenrelbinen 20 Mart pro 100 Pfd., Italienische Zwetschen 10, Hauszwetschen 6 bis 8, Pflaumen 8-10 Pfg. pro Pfund. Kelteräpfel 15-16 Mart pro Malter( 100 Kilo) frei Bahnstation. o Lich, 29. Sep. Die hier seit 6 Jahren mit be­terschule beginnt am 6. November d. Js. einen neuen Winterkursus. Die Ueberzeugung von der Nütz­lichkeit einer weiteren fachberuflichen Ausbildung für un­sere jungen Landwirte bricht sich immer weiter Bahn, so daß die landwirtschaftlichen Schulen in Hessen trotz deren großen Anzahl doch immer sehr gut besucht sind. Die Licher Schule ist mit Lehrkräften und Lehrmitteln sehr gut versehen, wie auch die Verpflegung der jungen Leute in soliden Bürgersfamilien billig ist. Anmeldun gen sind an den Schulvorsteher Dekonomierat Weitzel in Lich baldigst zu richten.

o) Das Provinzial- Wasserwerk bei Jn= heiden ist jetzt vollendet und seit einigen Tagen un­unterbrochen im Betrieb. Am 1. Oktober beginnt die Wasserlieferung für Frankfurt, Borsdorf und Ober­Widdersheim. Inheiden wird in wenigen Wochen an­geschlossen und erhält das Wasser kostenlos.

!) Mainz, 29. Sep. In dem Prozeß der Poli­zeiassistentin Schapiro und dem Beigeordneten Berndt gegen den Chefredakteur des Mainzer Neuesten Anzei­gers", Hirsch, wurde heute vormittag 9 Uhr das Urteil verkündet. Hirsch wurde zu 6 Monaten Gefängnis, so­wie zur Tragung der Kosten verurteilt. Der Staatsan­walt hatte 1 Jahr 8 Monate beantragt. Der Verurteilte wird Revision einlegen.

Aus dem Gerichtssaal. Schwurgericht

§ Die Einigung der liberalen Parteien für die Landtagswahl in Gießen ist nicht zu Stande ge­tommen. Die Fortschrittliche Volkspartei beschloß bei der Wahl in Gießen- Stadt- Wieseck selbstän­dig vorzugehen. Prof. Ur stadt wurde als Kandidat aufgestellt. Für die übrigen für die diesmalige Land­tagswahl in Betracht kommenden Bezirke des Reichs­tagswahlkreises ist eine Einigung der beiden liberalen Parteien erzielt worden und zwar auf der Grundlage, daß im Wahlbezirk Lich Hungen die Fortschritts partei, und im Wahlbezirk Nid da die nationalliberale Partei den Kandidaten stellt. Auch der im Wahlbezirk von der Großen Linden- Heuchelheim fortschrittlichen Volkspartei in Aussicht genommene Kanther am hellen Nachmittag auf ihrem abgelegenen Ge­didat wird von den Nationalliberalen unterstützt wer­den. Hierfür ist Fabrikant Adolf Klingspor in Aussicht genommen.

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§ Jm Wahlkreis Gernsheim Pfungstadt scheint dort innerhalb der Ordnungsparteien eine Einig­ung auf einen Kandidaten bevorzustehen, um Sieg der Sozialdemokraten zu vermeiden.

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§ Im Wahlkreis Heppenheim- Viern­heim wurde an Stelle des aus wichtigen Gründen von der wieder übernommenen Kandidatur zurückgetre­

Gießen, 28. September. Heute früh begann vor dem Schwurgericht der Pro­zeß gegen den 17 Jahre alten Schneidergesellen Heinr. Wolf aus Nieder- Mörlen und den 23 Jahre alten Schlosser Wilhelm Erbe aus Frankfurt, sowie die 19 Jahre alte Schwester des Angeklagten Wolf, Katharina Wo If. Die beiden ersten Angeklagten sind beschuldigt, am 6. Juli die 61 Jahre alte Ehefrau Katharina Wal­

höft bei Nieder- Mörlen vorsätzlich und mit Ueberlegung getötet und sie um 350 Mt. und mehrere Wertsachen beraubt zu haben. Außerdem wird ihnen noch ein Ein­bruch in Nieder- Mörlen zur Last gelegt, den sie vor der Mordtat ausgeführt hatten. Die Katharina Wolf ist wegen Beihilfe angeklagt; außerdem steht sie noch unter der Anklage der Hehlerei. Wolf macht einen sehr gedrückten und reuigen Eindruck und seine Schwester weint unaufhörlich. Erbe dagegen trägt ein freches und zynisches Wesen zur Schau. Der Vorsitzende ermahnte

Gießen, 29. Septbr.

Die Verhandlung begann heute früh nach 11 Uhr, da sich das Gericht erst mit den Verteidigern und dem Oberstaatsanwalt über die Schuldfragen einigen mußte. Es sind im ganzen 41 Schuldfragen.

Gegen 12 Uhr beginnt dann der Oberstaats= anwalt sein Plädoyer, und zwar weist er darauf hin, daß sich die Tat ganz besonders durch die Frechheit und Scheußlichkeit, mit der sie verübt worden sei, auszeichne. Er sehe sich deshalb veranlaßt, mit großer Entschieden­heit für die Bejahung der Schuldfragen nach Mord und Raub einzutreten. Beide Verbrecher hätten sich des schweren Raubes und Mordes schuldig gemacht. Für Katharina Wolf sei die Frage nach Bei­Hilfe und Hehlerei zu bejahen.

Das Urteil, das spät abends gefällt wurde, lautete gegen

Heinrich Wolf 11 Jahre Gefängnis Katharina Wolf 2 Jahre Gefängnis Wilhelm Erbe zum Tode.

Kathreiners Malzlaffen. Nur echt in geschlossenen Paketen mit Kunipp- Bild; niemals offen oder lofe aŭlgeneogen!

Das Gehalt mocht' 6!