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Gießener Zeitung
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( Neueste Nachrichten)
Bezugspreis 50 Pfg. monatlich oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt.- Erscheint Mittags 3 Uhr. Die„ Illustr. Weltrundschau“ liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 125.
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Telephon: Nr. 362.
Der neue Bundes[ taat. Mit 211 gegen 93 Stimmen bei 7 Stimmenenthaltungen ist am Freitag das große Werk der elsaß- lothringischen Verfassungsreform vom Reichstag endgültig in dritter Lesung angenommen worden. Man mag über den vielen Einzelhindernissen und Parteiwirrnissen wäh= rend der langwierigen Kommissions- und der Plenar
Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
des Großherzoglichen Polizei Amfes sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.
( Haus Brüder Schmidt.)
Dienstag, den 30. Mai 1911.
sichtswinkel kann man mit doppelter Spannung dem immer näher rückenden Entscheidungskampf um die weitere Entwickelung der innerdeutschen Verhältnisse in den nächsten Jahren gelegentlich der bevorstehenden Reichstagswahlen entgegensehen! Und so hat das elsaß- lothringische Verfassungswerk national- politische Bedeutung im weitesten Sinne des Wortes erlangt!
beratungen hie und da den Blick für die Größe und die Belfischer Fortschrittlicher Parteitag.
Dem Parteitag am Sonntag ging eine Besprechung des Engeren Ausschusses voraus, in der eine Reihe von taktischen Fragen besprochen wurde. Kurz vor 10 Uhr eröffnete Justizrat Gallus- Darmstadt den Parteitag, zu dem zahlreiche Delegierte und Parteigenossen aus dem ganzen Lande erschienen waren. Der Vorsitzende begrüßte die Gäste und gab eine Reihe telegraphischer Grüße zur Kenntnis. Solche waren u. a. eingelaufen: Vom Verein„ Jung- Frankfurt", von den Vereinen der Fortschrittlichen Volkspartei Griesheim a. M., Wiesbaden, Diez a. L., Heidelberg, Baden- Baden, Stuttgart. Auch der neugewählte Gießener Landtagsabgeord= nete Justizrat Grünewald, der beruflich am Erscheinen verhindert war, hatte ein Begrüßungstelegramm abgesandt. Gleichfalls wegen seiner Berufspflichten mußte Pfarrer Korell den Beratungen am Sonntag vormittag fernbleiben. Justizrat Dr. Gutfleisch- Gießen war aus Gesundheitsrücksichten am Erscheinen verhindert.
Bedeutung des nun abgeschlossenen Abkommens übersehen haben. Tatsächlich ist das Deutsche Reich um einen Bundesstaat vermehrt worden, gewiß ein außerordentliches Begebnis! Elsaß- Lothringen ist in die Reihe der sitz und stimmberechtigten deutschen Bundesstaaten eingetreten. Es kann fortan seine eigenen Angelegenheiten selbständig ordnen, es kann an allen Aufgaben der deutschen Volksgesamtheit aktiv mitarbeiten. Es ist der letzte Schritt vor der vollen Autonomie. Diese steht insofern noch aus, als die Verfassung, die dem Lande jetzt vom Reich verliehen wurde, auch nur vom Reiche wie der geändert werden kann. Aber jedenfalls sind die jetzt schon gewonnenen Errungenschaften so große, daß gewiß Jahrzehnte vergehen werden, bis sich das Reichsland in den neuen Verhältnissen heimisch gemacht und sich der großen deutschen Mutter so innig und endgültig auch innerlich verbunden hat, daß jenem letzten Schritte, der absoluten Selbständigkeit, nichts mehr im Wege steht. Elsaß- Lothringen hat Großes als Geschenk erhalten, Größeres, als es im Hinblick auf bestimmte unliebsame Erscheinungen am Volkskörper zurzeit vielleicht noch verdient hat. Aber dennoch war die Reform eine nationale Notwendigkeit. Und diesen Umstand klar erfaßt zu haben, ist das nicht hoch genug einzuschätzende Verdienst des Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg.
Möge das Reichsland sich der großen Gabe nunmehr würdig erweisen. Und möge es nie vergessen, daß es diese Gabe in erster Linie der Großmut eines Startes verdankt, für den es oft genug noch hämische Blicke und Worte hatte, der Großmut Preußens. Jetzt, da das Werk abgeschlossen ist, muß diese Tatsache einmal nach drücklich ins rechte Licht gerückt werden. Preußen hat ein enormes Opfer gebracht. Und man mag parteipolitisch denken wie man will, so kann man doch den Konservativen nachfühlen, wenn sie die Größe dieses Opfers als zu bitter empfanden, um bedingungslos darin einstimmen zu sollen. In durchaus würdiger, von wahrhaft politisch- sittlichem Ernste getragener Weise hat diese Stellung der so oft als„ Spaßmacher" verschriene Abg. v. Oldenburg- Januschau vertreten, und während seiner Rede hat sich niemand im Saale einer tiefgehenden Wirfung entziehen können. Es bleibt die Tatsache bestehen, daß die süddeutschen Staaten, die doch geographisch wie auch gemäß ihrem Volkscharakter und ihrer Konfession dem Reichsland um vieles näher stehen wie Preußen, das Geschenk eines stimmberechtigten Bundesstaates an Elsaß- Lothringen von sich aus nicht gegeben hätten. Sie hätten lieber Elsaß- Lothringen in der alten abhängigen Stellung belassen, als daß sie Preußen drei Bundesratsstimmen mehr bewilligt hätten! Und da ward das gewiß nicht Alltägliche Ereignis: Preußen willigte darein, daß die drei reichsländischen Bundesratstimmen gezählt werden sollen, wenn sie zugunsten Preußens abgegeben werden! Nur ethische Werte können für diesen Verzicht von Preußen und vom Kanzler in die Wagschale gelegt werden, nicht politische, nicht schlechtweg staatskluge-, das darf man nicht vergessen, wenn man nicht ungerecht gegen die Haltung der preußischen Konservativen als politischer Partei werden will!
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Aber die Verhandlungen im Reichstag haben noch über die eigentliche Materie hinaus eine nicht zu übersehende Bedeutung erlangt, wobei wir uns besonders an die Adresse der Linken zu richten haben. Es geht nicht gut mehr an, im Wahlkampf von einem„ schwarzblauen Block" um jeden Preis zu sprechen.„ Block"- Manier ist es wahrlich nicht, wenn die beiden Kontrahenten auf völlig entgegengesetztem Boden stehen und darauf bis zur Entscheidung verharren! Und ebenso sicher ist, daß man der Reichsregierung nicht mehr nachsagen kann, sie stehe absolut im Schlepptau jenes „ Blocks", wie man den Konservativen nicht mehr in die Schuhe schieben kann, sie seien bedingungslose Regierungs- Jasager! Anderseits muß aber auch hervorgehoben werden, daß die Linke nicht mehr als absolute Opponentin der Regierung angesprochen und die Sozialdemokratie nicht mehr als prinzipielle Neinsagerin um jeden Preis hingestellt werden kann. Es hat in gewissem Sinn eine völlige Umwertung aller bisherigen parteipolitischen Werte stattgefunden, es hat mehr als eine große Ueberraschung gegeben! Unter diesem Ge
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( Gießener Tageblatt)
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23. Jahrg.
den angenommen. Ferner erfolgte die Wahl des Vorstandes, des engeren Ausschusses und eines Kontrollausschusses. Nach einer kurzen Aussprache wurde der Parteitag geschlossen. Am Nachmittage erfolgte ein gemeinsamer Ausflug nach dem Nationaldenkmal, wo eine patriotische Kundgebung stattfand.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 30. Mai. Richterverein hielt am Samstag seine HauptversammHessischer Richtortag. Der Hessische referierte über das Thema:„ Die Vorbildung der Julung in Mainz ab. Landgerichtsrat Schudt referierte risten". Der Redner trat ein für eine Erweiterung des Kreises der obligatorischen Vorlesungen auf der Universität, größere Rüdsichtnahme auf den praktischen Zwed des Rechts. Weder die Unterbrechung des Studiums durch einen praktischen Vorbereitungsdienst, noch die Einleitung des Studiums durch einen solchen ist zu empfehlen, wohl aber die Einführung einer Zwischen= prüfung, die den Studenten mehr wie bisher schon in den ersten Semestern zur Arbeit erzieht, ungeeignete Elemente zu ihrem eigenen Vorteil möglichst frühzeitig ausbereitungsdienst wäre auf 3 oder 3½ Jahre zu bemesscheidet und die späteren Prüfungen entlastet. Der Vorsen. Die Versammlung schloß sich den Leitsätzen des Referenten grundsätzlich an. Nach Schluß der VersammMittagsmahl im Gutenberg- Kasino. Eine Rheinfahrt, lung vereinigten sich die Teilnehmer zum gemeinsamen auch Damen teilnahmen, bildete den Abschluß. Die die vom herrlichsten Wetter begünstigt war und an der nächste Hauptversammlung wird in Gießen stattfinden.
Den Geschäftsbericht erstattete Parteisekretär Kuhlmann. Redner streifte die Reichstagsersatzwahlen von Alzey- Bingen, Friedberg- Büdingen und Gießen Nidda. Sie waren so führte er aus- ein Beweis für das Aufwärtsstreben der freisinnigen Bewegung in Hessen. Die Erfolge der Partei hierbei sind erzielt worden durch die zielbewußte Agitation der Freunde und vornehmlich durch die aufopfernde Tätigkeit Korells. Die rege Betätigung bei den Ersatzwahlen ermöglichte zugleich den Ausbau der Organisa- Mart, tion. Heute zählt die Organisation 113 Vereine mit rund 9500 Mitgliedern, davon sind im letzten Winterhalbjahr 15 Vereine mit 658 Mitgliedern neu entstanden.
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Staatsschuld. Nach der soeben erschie nenen Landesstatistik beläuft sich die gesamte verzinswofür insgesamt 13 131 135 Mark als Zinsen bare Staatsschuld Hessens auf 438,833,308 jährlich aufzubringen sind.
Viehseuche und Jungviehweide. Der Landwirtschaftstammer- Ausschuß für Oberhessen erläßt an alle Landwirte, welche die Jungviehweiden zu Lauterbach, Zell, Hungen und Wenings mit Vieh beschickt haben, ein Ausschreiben, daß das Besuchen der Viehweiden seitens der Weidebeschicker wegen der be= stehenden Maul- und Klauenseuchegefahr verboten sei. Zum Schutze der Weiden sei diese Maßregel unbedingt nötig. Die Landwirte sollen dem Weidepersonal Vertrauen schenken; dasselbe werde schon für das Wohlergehen der Tiere Sorge tragen. Sollte ein Tier vielleicht bedenklich erkranken, so wird der Besitzer rechtzeitig benachrichtigt. Selbstverständlich ist der Besuch der Weiden auch anderen Personen strengstens untersagt.
Friedberg, 29. Mai. Jm Walde zwischen Vilbel und Bergen wurde am Freitag vormittag ein Radfahrer aus Kassel erschossen aufgefunden. Der Tote trug größere Barmittel bei sich. Anscheinend liegt Selbstmord vor.
- Gedern, 27. Mai. Auf der Jungvieh= weide Hof„ Enten fang" bei Birstein ist die Maul- und Klauenseuche unter dem Rindvieh ausgebrochen. Ein Tier ist bereits der Seuche erlegen. In Mittel- Seemen wurde bei der heutigen Bürgermeisterwahl das seitherige Oberhaupt H. Peppel mit 29 Stimmen wiedergewählt. Sein Gedenkandidat erhielt 28 Stimmen. In Volkartshain wurde der seitherige Bürgermeister H. Winnecker einstimmig wiedergewählt.
Den politischen Jahresbericht erstattete Stadtverordneter Henrich- Darmstadt. Dieser griff auf den Bülowblock zurück, an dem die Fortschrittlichen im Reiche nie besondere Freude gehabt hätten. Später hätte sich nach der Reichsfinanzreform herausgestellt, daß die Scheidelinie nicht mehr mitten durch den Liberalismus durch gegangen sei. Die Liberalen hätten sich zusammenge= funden. Die Sache stehe heute so, daß der größte Teil der nationalliberalen Partei im nächsten Reichstagswahlkampfe Schulter an Schulter mit dem Fortschritt in den Kampf ziehe. Allerdings, in Hessen lägen die Verhält nisse anders. Eine Partei, die es über sich gebracht hätte, in der Stichwahl für den Zentrumskandidaten die Parole auszugeben, statt für Korell, bedürfe feines besonderen Leumundszeugnisses. Sie hätten eine Verſtän digung mit den Nationalliberalen tunlichst für alle hessischen Wahlkreise gewollt, auf der Grundlage, daß der aufzustellende Kandidat nicht der Reichsfinanzmehrheit angehöre, ferner mit dem Bund der Landwirte, den Konservativen und den Antisemiten nichts zu tun haben dürfe. Die Antwort der Nationalliberalen sei gewesen: Wir sind bereit uns zu einigen gegen die Sozialdemokratie. Die Mandatsfrage sei untergeordneter Natur gewenn sie wesen. Es wäre ihnen schon recht gewesen, ein Drittel, die Nationalliberalen zwei Drittel der Mandate bekommen hätten. Redner sprach noch über den Landtag und kam dann zu dem Schlusse, daß die Partei in den Wahlen zum Reichs- und Landtag voraussichtlich allein stehen werde. Sie würde in allen Wahlkreisen Kandidaten aufstellen, und zwar 20 zum Landtag, 9 zum Reichstag. Ueber die Tätigkeit im hessischen Landtag sprach Landtagsabg. Reh- Alsfeld. Die ser erklärte, daß die Partei beim Wahlgesetz zu irgendwelcher Arbeit nicht herangezogen worden sei. Er schloß: Nieder mit dem hessischen Reaktionsblock. Wern wir das erreichen, haben wir eine liberale Tat getan. Dann sprach Kopsch- Berlin, der besonders betonte, daß die Meinung Korells inbezug auf die 3ölle die gleiche wie die der Gesamtpartei ist. Er verbreitete sich über die verschiedenen Parteien und die Art ihres Aufmarsches und warnte besonders vor der Unterschätzung der Gegner. Zwei Erklärungen, eine, in der besonders hervorgehoben wurde, daß jede persönliche oder fonfessionelle Bekämpfung der Gegner ausgeschaltet sein soll und eine, in der die Stellungnahme des LandesAusschusses in der Einigungsfrage gebilligt wurde, wur
Marburg, 30. Mai. Das Landgericht verurteilte nach zweitägiger bis in die Abendstunde dauernder Verhandlung die Inhaber der Getreidefirma M. A. Strauß in Marburg, und zwar den Kaufmann A. Strauß wegen betrügerischen Bankerotts, Wechselfälschung und Betrugs zu drei Jahren und drei Monaten, und dessen Bruder German Strauß zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis. Die Schädigungen belaufen sich auf insgesamt 450 000 Mark.
*) Main 3, 29. Mai. Auf einem Bleichplatze vermißte man fast täglich Wäsche, bis sich herausstellte, daß der Dieb ein Hund war. Er wurde auf frischer Tat ertappt, doch wagte niemand, dem knurrenden Burschen seinen Raub abzunehmen, den er nach Hause zu seinem Herrn trug. Im übrigen lenkte der diebische Köter auch schon vor einigen Tagen die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich, als er mit einer weißen Damenhose im Maule durch die Neustadt jagte. Die Wasch frauen der Neustadt haben jetzt dem frechen Wäschedieb einmütig den schärfsten Krieg erklärt.


