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Gießener Zeitung
Bezugspreis 50 pfg. monatlich
( Neueste Nachrichten)
vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, fret ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den ZweigErscheint ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mf.
jeden Werktag früh.- Die„ Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.
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Nr. 24.
( 2. Blatt.)
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Zu diesem Thema erhält die„ südd. nationalliberale Korrespondenz" nachstehende Ausführungen von norddeutscher nationalliberaler Seite, die um so bemer= lenswerter sind, als sie aus des Rechtsliberalismus bisher nicht suspekten Kreisen stammen:
„ Mit Nachdruck ist in Kassel von allen Seiten betont worden, daß festgehalten werden solle an dem traditionellen Charakter der nationalliberalen Partei als einer
von
Ing. Dorf- Sung Mittelpartei, unabhängig gegen rechts wie gegen links. Und unzählige Male ist das draußen im Lande 9,22 Fit Barlamentariern und anderen berufenen und unberufe= 8,80 Finnen Leuten weiterkolportiert worden. Aber auch hier 1,22 Ft fann man erfahren, daß das Goethewort von der grauen Theorie noch immer gilt und sich die Dinge in praxi ein wenig anders gestalten. Herr Träger meinte in seiner Glossierung des Kasseler Parteitages im„ Berliner Tageblatt", ein Engagement zum Schunkelwalzer müsse der Freisinn ablehnen. Nun, seines Herzens Sehnen scheint sich zu er= füllen, das Sehnen nach dem Marschieren in gleichem Herren Schritt und Tritt. Ueberall, wohin man sieht, sucht sucht 1.Kreifen, wel die nationalliberale Parteileitung Anschluß nach links, und glücklich überall findet eine Arbeitsteilung zwischen den hen, wenden f beiden Parteien statt, so 3 war, daß die natio= nalliberale die Arbeit leistet und der rankfurt a. Freisinn den Segen ein heimst. Nicht als ob das Zusammengehen mit der Linken a tout prix zu verurteilen wäre, aber man bedenke doch auch hier, daß wir eine Mittelpartei sind, die ihre Front ändert, wenn sie einzig und allein nach links gravitiert. Diese enge Liaison ist einfach nicht mit den in Kassel betondie ten Grundsätzen vereinbar. Sie geht davon aus, gesamte Rechte bewußter Weise zu ignorieren, die Geeinen gensätze noch zu verschärfen, die ganze Partei Rud nach links tun zu lassen. Wir verstehen unter einer Mittelpartei eine, die vermitteln will zwischen rechts und links, die das Vakuum ausfüllen will, das sonst zwischen den beiden großen entgegengesetzten Richtungen bestände, die daher aber auch Vertreter haben muß, die sich an die Rechte, wie solche, die sich an die Linke in ihren Anschauungen anlehnen. Und
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Eines Tages erhielt ich einen Brief, der mich waltig aus dem seelischen Gleichgewicht brachte. Er fing an:„ Schon seit langer Zeit verfolge ich mit dem größten Interesse Ihre publizistische Tätigkeit. Sie sind der geborene Journalist! Vertauschen Sie den Lehrstuhl mit der Feder! Je eher, je besser!" Der Rat war gut, Journalistenlos! die Ausführung schwer. Ich kenne die Sache! Aber nach langem Hin- und Herüberlegen reifte dennoch der Entschluß: Ich wag's!
Jch entschloß mich, nach dem Südwesten Deutsch= lands gehen, und zwar sollte die gute alte Stadt Wetzlar der Mittelpunkt meiner ersten beruflichen journalistischen Tätigkeit werden. Um schon in der Heimat ewas Fühlung mit den noch unbekannten Verhältnissen
Serm. Shm zu gewinnen, revidierte ich meine geographischen und
düngen
ache sich
und Praxis
zur Regel.
geschichtlichen Kenntnisse; aber trotz scharfen Grübelns wollte außer einigen historischen Ereignissen aus Wetzlars Vergangenheit nichts über die Schwelle des Bewußtseins steigen. Dem sollte aber schnell abgeholfen werden. Aus dem Bücherschrank winkten mir in schmu den Einbänden, tadellos ausgerichtet wie Soldaten auf dem Exerzierplatz, die einzelnen Teile von Meyers KonBand Nr. 17. versations- Lexikon hilfreich entgegen.
Nach kurzem Hin- und Herblättern war das Gewünschte schnell gefunden: Wetzlar, Kreisstadt, 145 mtr. ü. d. äure- Düngung Meeresspiegel, hat ein Gymnasium, Amtsgericht, zwei üngu
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Oberförstereien, 3 optische Institute, Wollspinnerei, Handshuhfabriken, ein Walzwerk, und so ging es noch eine halbe Spalte in monotoner Weise weiter. Meine hungrige Seele verlangte mehr: Fleisch, Blut, Leben! Nicht trockene Aufzählungen! Und so suchte ich mir im Geiste das Fehlende auszumalen. Herrliches Lahntal! Schon dieser einzige Begriff zauberte tausend farbenfrohe Bilder vor mein geistiges Auge: Jm Tale das lieblich gewundene Silberband der Lahn, zu beiden Seiten bewaldete Höhen mit malerischen Rundblicken, zu Füßen das schmucke Städtchen mit seiner bienenfleißigen Bevölkerung, dort fruchtbares Ackerfeld.
Jedoch nun in die rauhe Wirklichkeit zurück! Klatschend schlugen die Regentropfen gegen die Fensterschei
Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei Amtes
Behörden Oberhessens
Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)
Samstag den 28. Januar 1911
( Gießener Tageblatt)
Anzeigenpreis 15 pig.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungszieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
schuldiger Rücksichtnahme auf diese ihre Zusammensetz=| schen Landtagswahlen war die Lage ähnlich. Auch daung nicht einfach der Rechten den Rücken wenden kann und nur noch Geschäfte mit der Linken machen, und ebensowenig umgekehrt. Aber die Dinge, wie sie sich jeht vorbereiten, und die auf eine regelrechte Jsolierung aller rechts stehenden Gruppen herauslaufen, sie bedeuten eine Verlegung dieser schuldigen Rücksichtnahme, eine Brüskierung der ihrer Art und Provenienz nach den zu isolierenden Gruppen nahestehenden
Parteifreunde. Nun geht man immer wieder frebsen mit dem Gezeter über die Finanz- Reform, über die Fehler, die die konservative Politik gemacht hat. Gegenüber der Aufforderung zur Versöhn ung wird immer gesagt, damit sei nicht gedient, daß- man sich nun wieder die Hände reiche, erst müsse man eine Besserung sehen können, erst müßten die Fehler abgesich ändert, die Mißstände beseitigt sein. Was man dabei wohl so denkt. Die nationalliberale Partei soll also noch solange in dem rühmlichst bewährten Schmoll winkel stehen bleiben, bis die Konservativen in reumütiger Zerknirschung dem ehemaligen Block genossen die gebührende Genugtuung gegeben haben, vielleicht durch Annahme der Erbschaftssteuer oder etwas Aehnliches. Die nationalliberale Partei soll also auch fernerhin ihre vermittelnde Tätigkeit darin sehen, daß sie sich gemeinsam mit dem Freisinn in die Ecke stellt und von der Schlechtig keit der übrigen politischen Welt nichts sehen will. Es hat 3eiten gegeben, wo solch kindliche Ansichten kaum einen Verfechter in der Partei gefunden hätten. Und das waren nicht die schlechtesten 3ei ten.
mals warnten einsichtige Leute, die die Stimmung richtig einschätzten, nachdrücklich vor der einseitigen Frontnahme gegen rechts, der Erfolg gab ihnen recht, denn um 13 Mandate geschwächt fehrte die Landtagsfraktion zurück. Damals glaubte man in der Wahlreform eine auf die Massen wirkende Wahlparole ge= funden zu haben und mußte erleben, sie feinen Hund hinter dem Ofen vorlockte. Heute wird genau derselbe Fehler ge
daß
macht; man glaubt mit einer Steuerparole wirfen zu können und wird freilich zu spät einsehen, daß Steuerfragen anders als ge= hofft auf die Massen wirken.
Man treibe doch ein klein wenig auch praktische Politik. Auch bei den nächsten Wahlen wird der liebe Gott mit den stärksten Bataillonen sein, und die sind nicht bei der Linken. Man wird immerhin annehmen dürfen, daß der Zuwachs, den die Sozialdemokratie erfahren wird, in erster Linie ihr aus den benachbarten Reihen kommt. Und was von rechts absplittert, was dort seiner Verärgerung Luft machen will, das wird auch in 9 von 10 Fällen nicht dem Liberalismus, sondern den extremsten Radikalen zu gute kommen. Es ist in der Beziehung zweifellos ein Fehler gewesen, die Finanzreform agitatorisch auszuschlachten, wie es vielfach geschehen ist; dem Liberalismus ist keine Stärkung daraus geworden. Und überdies hat die Ausschlachtung der Finanzreform zum Teil zu einer Unaufrichtigkeit und unwahrhaftigkeit der Agitation geführt, die zwar den meisten garnicht bewußt, die aber deshalb nicht minder zu bedauern ist. Und durch rückschauendes Lamento ist noch nie etwas gebessert worden. In diesem Fall verschlechtert es sogar insofern, als es die Möglichkeit der Heraufführ
nismus zwischen rechts und links immer wieder aufs neue betont wird. Wenn diese Politik der Verärgerung noch lange getrieben werden soll, dann schadet sich die nationallib.
Aber schließlich ist auch das Theorie und die Sache wäre immerhin noch verständlich, wenn in der Praxis etwas für die Partei herausspränge. Wie wenig gangbar aber der Weg des ausschließung besserer Verhältnisse erschwert, indem der Antagolichen Anlehens nach links ist, wie schwa ch die Hilfe, die unserer Partei von dort erwachsen kann, davon, möchten wir vermeinen, haber wir schon Proben gehabt. Im Jahre 1908, vor den preußiben, und ein scharfer Wind pfiff draußen seine grausen Melodien. Unter diesem furioso der Natur suchte ich Königs Kursbuch- selbstverständlich neueste Auflage aus dem Schreibtisch hervor, studierte Abfahrts- und Anund funftszeiten, Anschlüsse, die Anzahl der Kilometer stellte statistische Berechnungen über den Fahrpreis an. Die Bilanz, die sich mir nach wenigen Minuten repräsentierte, hatte ein verteufelt schlechtes Aussehen! 14 Stunden Bahnfahrt, 2 Stunden Wartezeit auf den verschiedenen Bahnhöfen, fast ein halbes Dutzend mal Umsteigen, dazu zwei dickleibige Koffer und ein weiteres Paket, in dem weibliche Fürsorge und Sparsamkeit allerhand schöne Sachen für den„ ersten Angriff" auf der weiten Reise verpackt hatte. Die Perspektiven für eine „ angenehme" Körpermassage standen also nicht schlecht!
Am übernächsten Tage wurde nach herzlichem Abschied von den teuren Familienmitgliedern die Reise angetreten. Nur dem verwöhnten Liebling des Hauses fonnte ich nicht mehr in die Aeuglein schauen. In süßem Schlummer lag er bei der Abschiedsstunde noch in seinem warmen, molligen Bettchen und streckte behaglich seine fleinen Aermchen über die schneeige Decke. Ein Kuß auf die rundlichen Patschhändchen, ein liebevoller Blick über die kleine süße Gestalt und dann eilige Plazierung auf dem schon bereitstehenden Wagen, einem flotten Einspänner, der mich nach der 10 Kilometer entfernten Bahnstation bringen sollte.
Das Wetter hatte sich völlig geändert. In der ganzen vergangenen Woche hatten Wind und Regen das Szepter geschwungen
zerte Renner hielt, die Kupeetüren wurden aufgerissen und schnell verstaute ich mich in ein Nichtraucherkupee. Von Uelzen benutzte ich den D- Zug. In sausender Fahrt ging es durch die mit intimen Reizen ausgestattete Lüneburger Heide. Große braune Heideflächen, die durch die trockenen Blüten einen rötlichen Unterton erhielten, wechselten mit geschlossenen Kiefernwaldungen ab, zwischen die sich ab und zu die weißstämmige Birke drängt. Dort eine kahle Fläche mit einer gelblichen Nuance. Der„ Bocksbart" hatte hier die bestimmende Note.
Hannover war bald erreicht. Das Landschaftsbild änderte sich. Fruchtbares, ebenes Ackerland erstreckte sich zu beiden Seiten der Eisenbahn. Von Brüggen bis Ahlfeld bot sich dem Auge ein wundervolles Panorama: im Vordergrunde die Leine, dahinter in fast regelmäßigen Abständen 8-10 imposante, mit Buchen bewaldete Bergkuppen, welche durch die sinkende Sonne wirkungsvoll beleuchtet wurden. Von Göttingen ab fuhr ich allein. Es fing an langweilig zu werden, da wegen der immer mehr zunehmenden Dunkelheit wenig zu sehen war. Nebelhaft, in verschwommenen Umrissen, tauchten die Ausläufer des Harzes aus der Ferne auf.
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Frische Impulse erfuhr der Verkehr durch das Zusteigen zweier Ausländer. Wie ich erfuhr, waren es Dänen. Der eine erregte mein besonderes Interesse. Da sein Handkoffer zum Verpacken seiner ganzen Habe wohl nicht ausreichte, hatte der Pfiffifus einen originellen Ausweg gefunden. Seine anscheinend neuesten Anzüge hatte er beide übereinander gezogen und damit gleich zwei Einmal Schnee hat die norddeutsche Fliegen mit einer Klappe geschlagen! schonte er die Kleidungsstücke vor den infamen QuetschTiefebene fast noch garnicht gesehen und heute lafalten, zum anderen seine Geldbörse vor einer unliebchender Sonnenschein! Ein Frühlingsahnen ging durch die schlummernde Natur. Ein leiser Nachtfrost hatte die samen Ausgabe. Sollte sich diese Beförderungsweise in schmutzigen Wasserlachen auf Weg und Steg erstarren Deutschland einbürgern; dann ginge mancher Kofferfabrikant schweren Zeiten entgegen! lassen; auf den Feldern lag ein zarter weißer Schleier, der aber unter dem belebenden Blick der warmen SonNach einer Viertelstunde war Gießen erreicht. Da ne bald verschwand, und sieghaft drängte sich das frische der Körper von der langen Fahrt sehr angestrengt war, Grün der Wintersaaten in den Vordergrund. In kurzer Zeit hatten wir die Station erreicht. Nachdem die„ üb- so beschloß ich, erst am anderen Tage nach Wetzlar zu 3ug fahren. Welche Eindrücke ich dort beim ersten Aulentlichen Formalitäten" erledigt waren, brauste der heran, ein kurzes knarrendes Geräusch, der eisengepan- halt empfing, darüber werde ich später berichten.
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