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( 8.1)

Bom eigenen Bruder verhaftet. Einen eigenartigen Ointergrund hatte eine Gerichtsverhandlung, die am Mitt­woch vor dem Kriegsgericht der 1. Gardedivifion in Berlin tattfand. Der Grenadier Frieß vom Gardefüfilierregiment erhielt furz vor Ostern einen Tag Urlaub, und er fuhr zu seinem in Wandlig wohnenden Bruder. Abends fehrte er nach Berlin zurüd, doch wagte er sich nicht in die Kaserne, weil er einem Kameraden ein Paar Stiefel entwendet hat­te. Noch in derselben Nacht fuhr er wieder nach Wandlit in ber Mark zurück, wo der Bruder bald Verdacht schöpfte. Der Deserteur zog den Zivilanzug des Bruders an. nahm beffen Rad und fuhr davon. Er langte schließlich im Rhein­land an, und jetzt erfaßte ihn die Neue. Der Angeklagte wollte seine in Cöla wohnenden Eltern besuchen, und dort sollte ihn sein anderer Bruder, der Schußmann ist, verhaf­ten und der Militärbehörde übergeben. Der Wunsch des Ausreißers sollte auch erfüllt werden. F. wurde vom eige­nen Bruder der nächsten Militärwache abgeliefert. Er war inzwischen drei Wochen von seinem Truppenteil weggeblie­ben. Da das Gericht der Ueberzeugung war, daß der De­ferteur nicht die Absicht gehabt hatte, dauernd der Truppe fernzubleiben, so nahm es nicht Fahnenflucht, sondern nur unerlaubte Entfernung an. Es erkannte auf zwei Monate Gefängnis.

Wissenschaft, Kunst und Literatur.

Ein wiedergefundener Rembrandt? Aus Halle wird ben Münch. N. Nachr. gedrahtet: Kunstmaler Garschagen aus Amsterdam, der seit vergangenem Herbst nach einem großen Gemälde aus Rembrandts Nachlaß, das 1770 aus Holland nach Deutschland gelangt war, Nachforschungen an­stellt, glaubt bestimmt, das Rembrandtbild in Bad Harz­burg entdeckt zu haben. Das Bild soll gut erhalten sein. Garschagen wird das Bild der Kunstwelt in Berlin, Dres­ben und Brüssel vorführen.

Eine Sternschnuppen- Warte. Seitdem die nahe Bezie­hung zwischen Sternschnuppenfällen und Kometen festge= stellt worden ist, hat die Beobachtung der Meteoriten eine erhöhte Bedeutung gewonnen. Es ist deshalb wünschens­wert, daß eine Zentralstelle geschaffen werde, in der sämt= liche Beobachtungen von Sternschnuppen gesammelt und wissenschaftlich bearbeitet werden. Der zurzeit wohl beste Kenner der Meteoriten, Prof. Denning in Birmingham, hat zwar etwas ähnliches versucht, es ist ihm aber nicht gellungen, eine eigentliche Organisation zu begründen. Eine solche will jetzt Dr. Birkenstock von Hamburg aus in die Wege letten, und ersucht alle Astronomen und Liebhaber der Himmelskunde, ihm Mitteilungen über Sternschnup­pen zu machen. Er hofft zugleich, daß diese Beobachtungen nunmehr sowohl häufiger vorgenommen, als mit größerer Schärfe ausgeführt werden, um dies zu fördern, hat er eine Vorschrift zur Beobachtung von Sternschnuppen ent­worfen, die jedem zugesandt wird, der seinerseits an diesen Bestrebungen fich zu beteiligen wünscht. Dies kann um so eher geschehen, als irgendwelche wissenschaftliche Vor­fenntnisse außer denen einer gewisse Bekanntschaft mit dem Sternenhimmel nicht erforderlich sind.

Aus dem Reiche der Technik.

Der Kaiser Wilhelm- Kanal" erreicht, wie der Korre­spondenz Heer und Politik" aus Marinekreisen geschrieben wird, jetzt bei dem Erweiterungsbau Riesenmaße, die ihn zu einem Wunderwerk der Technik machen. Die neuen Shleusen des Kanals, die vor ihrer Fertigstellung stehen, find mit einer Länge von 330 Metern, einer Breite von 45 Metern und einer Tiefe von 14 Metern überhaupt die größten Schleusenanlagen der Welt. Diesen gewaltigen Sahlen entsprechend wird auch die neue Eisenbahn- Hoch­brücke" sein, die gleichfalls mit der Erweiterung des Kaiser Wilhelm- Kanals" hergestellt wird. Die Länge des Eisen­gerüftes ist auf 1400 Meter berechnet. Die Gesamthöhe der Britde beträgt 58 Meter, die Höhe über dem Wasserspiegel 42 Meter, da die Tiefe des Wassers auf 11 Meter ver­größert worden ist. Die bisherige Tiefe betrug 9 Meter. Besonders bedeutsam für den Schiffverkehr auf dem Kanal dürfte die Verbreiterung des Kanals auf 102 Meter werden.

Vermischtes.

Brinz Heinrich über den Konflikt Zeppelin- Hergesell. Während des oberrheinischen Zuverlässigkeitsfluges in Straßburg äußerte sich Prinz Heinrich von Preußen zu ei­nem Vertreter des Wolffschen Bureau zu der Angelegen­heit Graf Zeppelin- Hergesell. Prinz Heinrich erklärte, daß an der ganzen Sache fein wahres Wort set; weder haben jemals Mighelligkeiten zwischen Graf Zeppelin und Pro­fessor Sergesell bestanden, noch sind die Ergebnisse der Studienreise nach Spizbergen, wie behauptet wurde, der­artig gewesen, daß bei irgendwelchen Teilnehmern der Ex­pedition Unzufriedenheit oder Mißbilligung entstanden ist. Graf Zeppelin und Professor Hergesell werden auch in Zu­funft stets miteinander arbeiten.

Einsturz eines Glockenturmes. Eine historisch interes­ante Kirche in Frankreich ist durch den Einsturz ihres Glockenturmes schwer beschädigt worden. Mittwoch früh fürzte der Glockenturm der 700 Jahre alten Johannes­firche von Troyes ein. Zwei kleine Nachbarhäuser wur­den zerstört, die zum Glüd seit wenigen Tagen unbe bohnt waren, weil der Glöckner bereits verdächtige An­etchen wahrgenommen und die Bewohner gewarnt hatte. Baltenstüde und Schutthaufen bedecken die Umgebung. Auf ein Bäckerhaus war das pilzförmige Turmdach ge= fallen. Das zuletzt unter Heinrich III. restaurierte Kir­henschiff und der Chor zeigen arge Verwüstungen.

Strandung eines englischen Passagierdampfers. Der Basagierdampfer Jvernia" von der Cunardlinie, der mit 28 Passagieren von Boston nach Liverpool ging, stieß, als er Mittwoch mittag bei dichtem Nebel in den Hafen pon Queenstown einfuhr, gegen den Daunt- Felsen und er­hielt ein enormes Leck am Vorderteil. Sofort wurden die basserdichten Türen geschlossen, so daß die einstürzenden Bassermassen auf eine vordere wasserdichte Abteilung be­hränkt blieben. Die Passagiere erhielten einen heftigen Schrecken bei dem Krach des Aufstoßes auf den Felsen, be­uhigten sich aber, als ste sahen, daß keine Gefahr vor­lag. Sie wurden völlig wohlbehalten zu Queenstown ge­landet. Die Jvernia" hat 25 Fuß Wasser im Vorder­taum. Sie wurde im inneren Hafen von Queenstown verankert. Mehrere Dampfer legten bei ihr an, um, wenn ötüg, Hilfe zu leisten. Sie ist ein Doppelstahlschrauben­dampfer von 14,067 Registertonnen und wurde 1900 ge= baut.

Vandalismus von Schuhhüttenmardern. Vor dem Landgericht Innsbruck hatten sich dieser Tage zwei Reichs­deutsche, die 18jährigen Handwerksburschen Paul Heine aus Dresden und Karl Volkmann aus Ludwigshafen, wegen Ginbruchs in die Turerjochhütte zu verantworten. Die elden Angeklagten haben in der genannten Schutzhütte, die erst in vorigen Jahre eröffnet wurde, in geradezu van alifcher Weise gehaust. Die beiden Einbrecher hielten sich tines Woche lang in der Hütte auf, wobei sie fich an den Vorhandenen Vorräten aütlich taten. Sie tranken für 150

Kronen Flaschenweine und verbrauchten für 100 Kronen Brennholz. Vor dem Verlassen der Hütte ließen sie dann ihrer Zerstörungswut die Zügel schießen. Sie schlugen sämtliche Türen und Fenster entzwei, verstreuten und ver nichteten die noch in der Hütte befindlichen Lebensmittel, zerschlugen alles Wirtschafts- und Küchengeschirr, öffneten die Hähne der Weinfässer, so daß der Wein auslief, zer­schnitten die Deden, das Bettzeug, warfen die Wanduhren auf den Boden, so daß sie zerbrachen, zerschlugen und zer­schnitten die an der Wand hängenden Bilder, furz und gut, alles, was nicht niet- und nagelfest war, fiel ihrer Zer­störungswut zum Opfer. Von dort begaben sie sich noch in fünf oder sechs Alpenhütten, wo sie in gleicher Weise hau­sten. Das Landesgericht Innsbrud hat nun an den beiden Hüttenmardern ein Exempel statuiert und Heine zu zwei und Volkmann zu anderthalb Jahren schweren und ver schärften Kerkers sowie zur Ausweisung aus Desterreich verurteilt.

Goldene Worte an die Jugend sind in einem Flug­und Merkblatt enthalten, das sich gegen das Einfangen von Schmetterlingen, Käfern, Fischen und anderen Tieren ausspricht und in den Schulen zur Verteilung gelangt. ,, Auch die kleinsten Tiere," so heißt es da ,,, hängen an ihrem Leben und fühlen Schmerz, wenn man sie ver­letzt oder tötet. Kein Mensch ist berechtigt, irgendein Tier ohne Not zu töten. Selbst die schädlichen Tiere sollen nicht von Kindern getötet werden. Was haben euch die Tiere zuleide getan, daß ihr die Schmetterlinge, Käfer usw. zer­drückt, zerzaust und tötet und die Fische, Salamander usw. in ein Aquarium einsperrt, wo sie meist elend umkommen? Freut es euch denn nicht, wenn ihr die Tiere in Freiheit seht, wenn die farbenprächtigen Schmetterlinge von Blume zuBlume flattern, die buntschimmernden Käfer im Gestein und im Gesträuch herumkrabbeln und die Wassertiere in Seen und Flüssen ihr lustiges Spiel treiben? Ist das nicht ein schönerer Anblick, als wenn die toten Tierchen aufgespießt im Kasten modern oder die lebenden in der Gefangenschaft ihr kurzes Dasein vertrauern? Wenn ihr etwas sammeln wollt, so sammelt Steine, Muscheln und andere Sachen. Lebende Tiere sind kein Spielzeug!"

Wie man in China die Best bekämpft. In einem Be­richt über die Tätigkeit der italienischen Missionare im Innern des chinesischen Reiches werden aus Gegenden, in denen die Pest wütete, einige merkwürdige Schutzmaßre­geln gegen die furchtbare Krankheit erwähnt. An der Tür eines Krankenhauses hat z. B. das Polizeihaupt der Stadt folgende Ratschläge anheften lassen: Nachdem der Früh­ling begonnen, lasse man Kohlrübensaft kochen, darin eine gewisse Menge Kletterbohnen; genau abzumessen braucht man nicht. Dann wird empfohlen, daß alle, groß und klein, diese Abkochung trinken, so lange sie warm ist. So das ge­schieht, wird die Pest vermieden werden."" Noch besser aber ist folgende Vorschrift: Man nehme ein Stück Pferde­fnochen, wickle es in ein Stück rotes Tuch und lege es in ein Beutelchen, und dann sollen es die Männer auf der linken Seite des Körpers und die Frauen auf der rechten tragen."

Ein erotischer Krönungsgast. Dem großen Ereignisse dieses Sommers, der Krönung des englischen Königs­paares in der zweiten Hälfte des Monats Juni, werden viele indische Fürsten, als Vasallen der englischen Krone, beiwohnen. Unter ihnen ist eine Prinzessin, die Begum von Bohpal, die durch ihre seltsamen Lebensgewohnheiten und den eigentümlichen Lurus, mit dem sie sich umgibt, schon in Paris, wo sie sich auf der Durchreise jetzt aufhielt, beträchtliches Aussehen hervorrief. Sie ist auf einem fran­zösischen Dampfer nach Marseille gefahren, aber die Mit­reisenden bekamen nicht viel von ihr zu sehen, da sie, nach der religiösen Sitte der Hindufrauen, sich niemals zeigt, ohne ihr Antlitz zu verhüllen, und alle Mahlzeiten, zu denen die Speisen von ihrerDienerschaft zubereitet werden, ganz allein für sich einzunehmen pflegt. Das Fleisch, das den Hauptbestandteil ihrer Nahrung bildet, stammt von Tieren, die von einem Priester ihres Glaubens nach ge­nauem Ritus getötet worden sind. Auf einer früheren Reise nach Europa hatte die Prinzessin sogar, wie man sagt, das Wasser, das sie teils zum Trinken, teils zum Wa­schen benutzte, aus ihrer Heimat in das Land der Ungläu­bigen mitgenommen. Sie ist außerordentlich reich und be-­sitzt Edelsteine und Perlen in ungeheurer Zahl. Fünfzehn Menschen bilden ihr Gefolge und neun Diener und Die­nerinnen harren eines jeden ihrer Winke. Staunen er­regte es, als man ihr Gepäck in Paris vom Bahnhof in das Hotel, wo sie abstieg, brachte. Es umfaßte nämlich die Klei­nigkeit von 200 stattlichen Koffern, und fünfzehn Wagen waren nötig, um es fortzuschaffen.

Ein Kanarienvogel als Krönungsgeschent. Ein Ge­schenk von ganz besonderer Art bereitet die Stadt Norwich zur Krönung König Georgs vor. Norwich ist über Eng­lands Grenzen hinaus bekannt wegen seiner Kanarienvo­gelzucht. 4000 seiner Bewohner sind als Vogelzüchter tätig und exportieren alljährlich rund 40 000 Singvögel, von de nen wenigstens 20 000 nach Neuyork gehen. So ist denn das Geschenk der Stadt Norwich natürlich ein Kanarien­vogel. Der Vogel, dem die hohe Ehre zuteil wird, in des Königs Eigentum überzugehen, ist durch eine Kommission von Fachleuten ausgewählt worden und wird in einem Kä­fige überbracht, der vergoldet und mit den Wappen des Königs und der Stadt Norwich geschmückt ist. Sein Wert wird auf 2000 Mart geschätzt; er ist der schönste, den die Stadt aufzuweisen hat.

Haberfeldtreiben in Thüringen. Eine Sitte, die dem bayerischen Haberfeldtreiben sehr ähnlich sieht, hat sich in einigen Gegenden Thüringens erhalten. In einem Dorfe bet Schleusingen erlebte vor einigen Tagen ein Besucher des Dorfes eine eigenartige Szene. In der zehnten Stun­de abends erhob sich plötzlich auf der Dorfstraße ein Höllen­lärm. Männer, Weiber, Greise, Kinder waren auf den Bet­nen und wogten auf und ab. Auf einem bei dem Dorfe lie­genden kleinen Hügel hatte sich eine große Kette junger Burschen angesammelt, die auf Trompeten, mit Pistolen, Peitschen, Gießfannen, Kuchenblechen, Kuhglocken usw. et­nen ohrenbetäubenden Spektakel vollführten. Schließlich zog der Haufen vor ein Haus, der Lärm verstummte auf ein Kommando, und einer der Burschen hielt eine Strafpredigt. Dieser Aufzug wiederholte sich an drei aufeinanderfolgen­den Abenden und konnte ungestört seinen Verlauf neh­men, denn die Sicherheitsorgane waren der Uebermacht nicht gewachsen. Der Fremde konnte schließlich in Erfah­rung bringen, daß die Katzenmusik der Tochter eines ange­sehenen Einwohners galt, die mit einem auswärtigen Ka­valier ein Verhältnis unterhalten hatte.

Oberbürgermeistergehälter. Nach einer unlängst er­gangenen Rundfrage beziehen die Stadtoberhäupter in den Großstädten zurzeit folgendes Gehalt: Hannover 24 000 M, Cöln 30 000 M und Dienstwohnung, Elberfeld 20 000 M und 2000 M für Dienstwohnung, Bochum 16 000 M und 2000 M Dienstaufwand sowie Dienstwohnung im gleichen Werte. Crefeld 20 000 Mund freie Wohnung, Düsseldorf

25 000 Mund Dienstwohnung usw. im Werte von 6000 M, Dortmund 21 000 M, Wiesbaden 20 000 M, Frankfurt a. M. 30 000 und 6000 M Wohnungsgeld, Berlin 36 000 M und Dienstwohnung, Charlottenburg 27 000 M. Riel 18 000 M, Halle a. S. 18 000 M, Danzig 21 000 M, Königsberg 22 000 M und freie Wohnung. Bresau 30 000 M, Vosen 20 000 M, Magdeburg 22 000 und freie Wohnung, Caffel 19 000 M, Braunschweig 15 000 M, Dresden 20 000 M Chemnitz 21000 Mark, München 29 000 M. Nürnberg 25 000 und freie Wohnung, Stuttgart 20 000 M. Straßburg 18 000 und freie Wohnung.

Paris obne Antos. Dem Berliner L.-A. wird aus Pa­ris gedrahtet: Der gestrige Mittwoch, ein sonnig schöner Matentag, wurde von den Parisern in ungewohnter Weise genossen. Man glaubte sich beinahe ins alte, gemütliche Pa­ris zurückversetzt, wo es noch keine Automobile gab, hätten nicht zeitweise die ungeschächten Autobusse und private Kraftwagen die Straße gefreuzt. Gegen 6000 Chauffeure streiften. Die schnaufenden Tariautos waren aus dem Straßenbilde verschwunden, mit ihnen ein beträchtlicher Teil von Staub und Gestank. Behaglich konnte man den Straßendamm an den gefährlichstenkreuzungspunkten über­schreiten, ohne Furcht vor den Hippomobilen", die mun wieder die Stadt beherrschten. Die ältesten Droschtenmodelle aus Väterzeit tauchten wieder auf, und man riß sich um sie, so daß die Kuischer nach gutem, altem Brauch bereits wie­der kleine Erpressungsversuche an den Fahrgästen ristie­ren durften. Natürlich gab es auch manche Unzufriedene, die die gute alte Zeit zum Teufel wünschten. Den Chauf feuren selbst hat dieser Demonstrationsstreich den bescheide­nen Ausfall einer Tageseinnahme von gegen 48 000 Fres. gebracht, gering gerechnet.

Der Kampf um Tolstois Erbe.

Die Auseinandersetzungen über das Testament Tolstois unter den Mitgliedern seiner Familie, die bereits beendet zu sein schienen, haben von neuem begonnen. In den letz ten Tagen hat in Moskau die Besprechung der drei Rechts­beistände der Gräfin Alexandra Tolstoi, der Tochter des Dichters, stattgefunden und zu einem Beschluß geführt, der Witwe Tolstois den Prozeß zu machen, um die vollständige Herausgabe aller Manuskripte zu erzwingen, die sich in ihrem Besitz befinden und die sie in verschiedenen Institu­ten niedergelert hat. Die Gräfin Sophia Andreowna nimmt aber auch ihrerseits den Fehdehandschuh auf; sie will nicht nur auf dem juristischen Wege für ihr Recht kämpfen, sondern ist nach Petersburg gefahren, wo sie hofft, die Spißen der Behörden zum Eintreten zu ihren Gunsten zu bewegen. Sie hat sebst eine Audienz beim Zaren nachge­sucht. Sie behauptet, und dassebe behaupten auch die Söhne Tolstois, daß ihr Gatte außer dem Testament, das sie ihrer Rechte beraubt, ein zweites hinterlassen habe, das für sie günstiger gewesen wäre, und daß dieses von den Testaments= vollstreckern unterdrückt worden sei. Die Gräfin rechnet auch sehr auf das Zeugnis des Direktors des Historischen Museums, dem Graf Tolstoi persönlich erklärt hat, daß alle Manuskripte, die er im Museum niederlegte, ausschließ liches Eigentum seiner Gattin seien, und daß das Museum nach dem Tode der Gräfin in ihren Besitz ge langen würde.

Während ihres Aufenthalts in Petersburg hat die Gräs fin auch Verhandlungen mit der Regierung wegen des Verkaufs von Jasnaja Poljana geführt und diese sind fast zum Abschluß gelangt. Der Preis, auf den sich beide Par­teien geeinigt haben, sind 600 000 Rubel. Jasnaja Poljana wird so Nationaleigentum werden. Der Hauptzweck der Reise der Gräfin nach Petersburg war aber, die drei letzten Bände der Gesamtausgabe von Tolstois Werfen zu retten, die von der Zensur verboten und von der Polizei konfis­ziert worden sind. Bisher haben ihre Bemühungen in­dessen noch keine günstigen Ergebnisse gehabt. Das Mos­kauer Berufungsgericht hat die drei Bände verboten und entschieden, aus ihnen alle Artikel auszuschneiden, die für gefährlich erklärt worden sind, und sie verbrennen zu lassen. Die Gräfin Sophia hat auch Vorsorge getroffen, daß Tol stois Grab vor Störungen bewahrt bleist. In den ersten Zeiten nach seinem Tode wallfahrteten zahlreiche Pilger zu dieser Stätte, aber allmählich famen nur noch vereinzelte glühende Bewunderer des großen Dichters, und schließlich wurde das Grab das Ziel von Vergnügungsausflügen, die ihre Spuren in Speiseresten und leeren Flaschen allzu deutlich hinterließen.

Drabtnachrichten und neuestes.

König Georg preußischer Feldmarschall. Berlin. 25. Mai. König Georg von England ist zum Generalfeldmarschall der preußischen Armee ernannt worden.

Der Rücktritt des Präsidenten Diaz.

Nenyork, 26. Mai. Der Rücktritt des Präsidenten Diaz erfolgte nach einem Telegramm aus der Hauptstadt Mexiko gestern nachmittag 4 Uhr 45 Minuten. Mit diesem Beitpunkt ist die provisorische Regierung auf den Minister des Aeußeren Barra übergegangen. In den Straßen der Hauptstadt bewegt sich eine dichtgedrängte Volksmenge. Gewalttätigkeiten sind nicht vorgekommen.

Der oberrheinische Zuverlässigkeitsflug. Frankfurt a. M., 26. Mai. Der Aviatiker Hirth ist mit dem Grafen Spee als Passagier in Mainz Heute früh 5.40 Uhr angekommen. Die Abfahrt erfolgte um 6.27 Uhr, die Ankunft in Frankfurt um 7 Uhr. Der Flug er folgte durchschnittlich in 180 Meter Höhe.

Der Fernflng Paris- Madrid. Madrid, 26. Mat. Der Flieger Vendrine ist als erster auf dem Wettfluge Paris- Madrid heute morgen 7.45 Uhr hier angekommen.

Eine Stadt durch Bergsturz verschüttet. Petersburg, 26. Mat Der Chef des Pamirdetache­ments meldet aus Skobelem, daß der Ort Oroschow durch einen Bergsturz infolge eines Erdbebens verschüttet ist. In vier anderen Orten wurden viele Häuser zerstört. Im ganzen sind 128 Menschen ums Leben gekommen.

Das größte Schlachtschiff der Welt. Philadelphia, 26. Mat. Gestern ist hier das Schlacht­fchiff Wyoming vom Stapel gelaufen. Es ist mit über 26 000 Tonnen das größte Schlachtschiff der Welt.

Bandel und Verkehr.

Den Vierteljahrsschlußverkehr erschwert die Reichsbank, insofern sie bestimmt: Im Effekten- und Wechsellombard wird: 1. für den Darlehnsbestand am Ultimo des Kalender­fahres, 2. für die am ersten Werktage des Kalenderviertel­jahres entnommenen Darlehnsbeträge unter Abzug aller an diesem Tage etwa erfolgten Rückzahlungen außer den laufenden Zinsen ein Zinszuschlag für zehn Tage berechnet, wenn der Darlehnsbestand auch nur an einem dieser beiden, Tage den Betrag von 30 000 M überschreitet." Diese Maßnahme richtet sich gegen die großen Banken und Bant, firmen, denen in der Regel bis zum 26. vor den Quartals­schlüssen Seehandlungsgelder zur Verfügung stehen, wäh rend fie alsdann mit ihren Ansprüchen auf die Reichsbant angewiesen find. Indirekt werden die kleineren Firmen, welche von den Großbanken Geld entleihen, betroffen,