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Deutscher Reichstag.

Nicht gemeingefährlich!

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Raiser machte am Freitag trotz des schlechten Wetters eine Ausfahrt im offenen Wagen.

Die französische Kammer hat einen sozialistischen An­trag abgelehnt, den Ausbau der Flotte zu verschieben, bis Frankreich sich mit England und Deutschland über die Einschränkung der Rüstungen besprochen habe.

Der Reichstagsabgeordnete Müller- Meiningen sprach jüngst im Reichstage von einer Lücke im Gesetz, was den persönlichen Schutz anlange. Er erwähnte, wie sein Kol­lege Buddeberg von einem Narren mit Schmähbrie= fen überhäuft werde, und wie solche auch dem Reichstags­präsidium zugingen, ohne daß eine Handhabe da wäre, dem Manne das Handwerk zu legen. Ueber diesen Mann und fein Vorgehen erfährt der B. Lok.- Anz." folgendes: Der Briefschreiber ist ein gewisser Ludwig Trummler, der sich selbst als Architekt bezeichnet. Er stammt aus dem Zit­tauischen und verfolgt nun seine engeren Heimatsgenossen. Sein schmähliches Tun begann er mit den schändlichsten brieflichen Verdächtigungen, die er gegen eine in Wien lebende hochangesehene Dame richtete. Nachdem diese län= gere Zeit die Zuschriften mit der gebührenden Verachtung behandelt hatte, sah sich schließlich genötigt, Strafantrag zu stellen, und das Gericht zu Baußen verurteilte Trumm­ler angesichts seiner unglaublich ehrlosen Gesinnung zu sechs Monaten Gefängnis. Gegen dieses Urteil erhob er Widerspruch, und die zweite Instanz Iteß ihn mit der Be­gründung, daß er unzurechnungsfähig sei, straf­Io8 ausgehen. Diesen Freispruch betrachtet Trummler seit­dem als einen Freibrief. An das Präsidium des Reichs­tages schreibt er, wie es dazu komme, einen Mann wie Herrn Buddeberg im Reichstag zu dulden, und wie dieser, so wird der Sohn von diesem Menschen verfolgt. Wie ge­fährlich dessen Treiben nicht nur in moralischer Beziehung ist, dafür nur ein Beispiel: An einen angesehenen Archt­tekten richtete Trummler eine Karte des bei ihm üblichen schmutzigen und verdächtigenden Inhalts. Der Architekt war verreist, und so gelangte das Schriftstück in die Hand der Gattin, die erst vor wenigen Tagen niedergekommen war. Da sie nicht wissen konnte, daß es sich nur um ein Bubenstück handelte, so geriet die Arme in die größte Auf­regung, deren verderbliche Folgen glücklicherwetse noch, ab­gewendet wurden. Es hat nicht an Anträgen gefehlt, T., da er vor den Strafrichter nicht zu bringen ist, in eine Ir­renanstalt zu schaffen. Diese Anträge sind aber damit abgelehnt worden, daß es sich nicht um einen gemeinge= fährlichen Menschen handele. Wie derartige Naturen un­schädlich gemacht werden können, ist demnach eine Frage, die einer Lösung dringend bedarf.

Am Freitag wurde in namentlicher Abstimmung zu nächst die Vorlage über die Erhöhung der Friedenspräsenz= # tärke des deutschen Heeres mit 247 gegen 63 Stimmen an= genommen; 11 Mitglieder enthielten sich der Abstimmung; bann wurde der Gesetzentwurf, durch welchen die Zulassung von Hilfsmitgliedern im Kaiserlichen Patentamt um 3 Jah­re, nämlich bis zum 81. März 1914, verlängert werden soll, in erster und zwetter Beratung unverändert angenommen. Hierauf trat das Haus in die zweite Lesung des Militär­etats ein, zu der die gestrige Debatte bereits ein Vorspiel war. So konnten Wiederholungen nicht ausbleiben. Zent rum, Fretsinnige und Sozialdemokraten haben Anträge eingebracht, die teilweise alljährlich wiederkehren und ent­fprechend beim Marineetat gestellt werden. Sie beziehen fich auf Berücksichtigung der Handwerkerinnungen bei Hee­reslieferungen, Förderung der Tarifverträge, Zulassung Jüdischer Offiziere und ähnliche Forderungen. Der Bent­rumsredner Abg. Erzberger fand manches Erfreuliche am diesjährigen Etat, vor allem die sparsame Aufstellung. Er forderte eine Verminderung der Kontrollversammlungen und bat, bet Anlegung von Truppenübungspläßen Enteignungen zu vermeiden. Die Verwaltung sollte ihre Bedürfnisse bet dem Produzenten selbst decken und der Monopolstellung ein­zelner Firmen entgegenwirken. Abg. Noske( Soz.) forderte eine Erhöhung der Mannschaftslöhne. Dann beklagte er, daß die Zahl der Militäranwärter so sehr anschwelle und hielt das ganze System für verfehlt. Die Offiziersehren­gerichte hätten keine Spur von Existenzberechtigung. Abg. Müller- Meiningen vertrat die alten Fortschrittsforderun gen bezüglich der angeblichen Bevorzugung des Adels u. a. und wünschte vor allem das Recht freier Kritik und freten Verkehrs mit Parlamentariern auch für die aktivenOffiziere. Dann nahm der Kriegsminister das Wort, indem er u. a. ausführte: Ueber die Notwendigkeit des Ausbaues unseres Heeres sind wir alle einig, nur nicht über den Weg. Un­bedingte Disziplin und Gehorsam sind die Voraussetzungen für unsere Armee. Ueber die Verhältnisse in der Frem denlegion wollen wir gern im Volf Aufklärung schaffen mit Unterstützung der Presse. Es gibt aber Blätter die die Fremdenlegion geradezu verherrlichen. Das ist ein Verbrechen an dem deutschen Volf. Schmerzlich berührt es mich, daß ich nicht Forderungen für die Erhöhung der Mannschaftslöhne habe einstellen können. Eine Verkürz ung der Dienstzeit für körperlich gut ausgebildete Personen ist jedoch nicht angängig, da sie zur Ausbildung der jünge­ren Mannschaften herangezogen werden. Die Fälle, wo Soldaten während eines Streiks verwendet wurden, liegen doch anders, als hier dargestellt wurde. Wo ein öffentlicher Notstand vorliegt, werden die Soldaten auch eingreifen. Wenn schwere Verbrechen in der Armee nachgelassen haben, so liegt das an unserer zielbewußten Arbeit, namentlich fettens des Kompaniechefs. Der Prozentsatz des bürger­lichen Elements im Offizierskorps ist erheblicher gestiegen als der des adligen. Eine besondere Ehre hat der Offizier nicht, aber wir verlangen von ihm eine besondere Unbe­Scholtenheit. Politik muß von der Armee ferngehalten werden. Die Armee muß das Rückgrat des Staates bilden. Abg. v. Liebert( Rp.), der darauf zu Worte fam, ist stolz auf die Homogenität des Offizierkorps und wie eine ŋs renzulage für die Veteranen. Den Schluß machte Abg. Werner( Nfp.), der eine weitgehende Berücksichtigung der Militäranwärter wünschte und eine Reform der Militär­verwaltung, namentlich des Intendanturwesens, für er forderlich hielt.- Am Sonnabend geht die Beratung weiter.

Eine Tagung des Hansabundes.

Die

Rundschau vom Cage. Politisches.

Der Kaiser und die Kriegervereine. Der Kaiser hat, wie der Tägl. Rdsch." berichtet wird, genehmigt, daß bei den Fahnen der Kriegervereine, die bestimmungsgemäß den preußischen Adler als Hauptemblem zu führen haben, das Fahnentuch in der Weise an der Stange befestigt wird, daß der Blick des Adlers auf die Fahnenstange gerichtet ist. Bei Anträgen von Kriegervereinen auf Erteilung der Ge­nehmigung zur Fahnenführung sind entsprechende Fahnen­zeichnungen vorzulegen.

Kleine Nachrichten.

Zum Leutnant ernannt worden ist der bisherige Wachts meister Ketliẞ im brandenburgischen Dragonerregiment Nr. 2 in Schwedt a. D., der lange Jahre der älteste Unter­offizier der deutschen Armee war und schon als solcher den Krieg 1870 mitgemacht hatte.

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Eine Bierlingsgeburt. In Petersburg brachte eine 39­jährige Bäuerin zwei Knaben und zwei Mädchen im Ent bindungshaus zur Welt. Mutter und Kinder befinden sich vollkommen wohl. Das seltene Ereignis interessiert die ge­samte Aerztewelt Petersburgs.

Zur Romreise des Kronprinzenpaares schreibt die Nordd, Vün. Zig.": Der von uns gestern angekündigte Besuch des Kronprinzenpaares zum italienischen National­fest in Rom ist in den größeren deutschen Zeitungen sym­pathisch aufgenommen worden. Eine Ausnahme machen zunächst nur das Berliner Tageblatt" und die Bossische Zeitung", die in rührender Uebereinstimmung wieder einmal an einer Entschließung der Regierung herum­mäfeln: Die Vossische Zeitung" schreibt die Entschließung über den Kronprinzenbesuch in Rom als Sieg dem Vati­wird den beiden Blättern überlassen werden können, die Frage, welches von beiden nun recht hat, unter sich aus­zufechten.

Ein Kind mit zwei Köpfen soll nach einer Meldung ei­nes Berliner Blattes aus Mailand in Dari geboren wor­den sein. Die herbeigerufenen Aerzte nahmen in einer Ope ratton den zweiten Kopf ab. Das Kind soll gesund und le= bensfähig sein.

Nach dem Genuß von Kartoffelsalat ist im sächsischen Orte Grüna eine ganze Familie unter Vergiftungser­scheinungen schwer erkrankt. Während sich Mann und Frau auf dem Wege der Besserung befinden, schweben ein dret­fähriges Mädchen und ein sechsjähriger Knabe in Lebens­gefahr.

Wegen Nahrungssorgen ertränkt haben sich die Witwe des Ingenieurs Wohlfahrt in Dresden und ihre Tochter. Die beiden Leichen wurden geborgen.

in

Durch einen Schuß in den Kopf getötet hat sich der Korpsälteste der Kapelle des Fußartillerieregiments Mainz. Er hatte als 16jähriger Junge eine Gefängnis­strafe von 14 Tagen erhalten sich aber dann während seiner 18jährigen Militärzeit tadellos geführt. Bei der Postver­waltung bewarb er sich jetzt um eine Stelle. Die Postver= waltung schrieb ihm aber zurück, daß er wegen der Vor­ftrafe nicht angenommen werden könne.

Der Vorstand des Bundes der Viehhändler Deutsch­lands hat, wie die Allgemeine Fleischerzeitung" mitteilt, einstimmig beschlossen, beim Bundesrat vorstellig zu wer= den, in Rüdsicht darauf, daß über die Hälfte des in Schleswig- Holstein vorhandenen Magerviehs infolge der hohen Viehpreise bereits zur Abschlachtung und zum Kon­sum gelangt ist, zu gestatten, daß als Erfaz dänisches Magervieh, selbstverständlich unter Berücksichtigung aller Vorsichtsmaßregeln, nach Schleswig- Holstein eingeführt werden darf." Der Bund befürchtet, daß infolge Mangels an Magervieh die großen Weideplätze in den Marschen in diesem Jahre brach liegen werden, woraus sich eine große Fleischteuerung ergeben könnte.

Infolge des Sturmes eingestürzt ist in Dinslaken im Rheinland ein Fabrikneubau. Zwei Arbeiter wurden töd­lich, mehrer leichter verletzt.

Von einem Turmgewicht erschlagen wurde in Johan niskirchen in Niederbayern der 12jährige Sohn eines Straßenwärters. Der Knabe wollte die Turmuhr aufziehen, dabei riß das Seil und das schwere Gewicht zermalmte ihn. Eine schwere Eisenbahnkatastrophe hat sich am Freitag in Chile ereignet. In der Provinz O'Higgins ent­gleiste ein Bug auf einer Brücke und stürzte in die unter der Brücke befindliche Schlucht. Die Zahl der getöteten und verlegten Personen beträgt 50.

Am Freitag tagte in Berlin die zweite Hauptversammkan, das Berliner Tageblatt" sich selbst aufs konto. Es lung des Gesamtausschusses des Hansabundes. Neben den Vertretern der Großkaufmannschaft und Industrie sah man zahlreiche Angehörige der bedeutendsten faufmännischen und gewerblichen Unternehmungen des Reiches. Sizung wurde durch den ersten Präsidenten des Bundes. Geheimrat Rieser, eröffnet mit einem Hoch auf den Kaiser. Dann hielt der zweite Präsident Landrat a. D. Rötger eine Ansprache, in der er betonte, daß der Hansabund weniger agitatorisch als aufklärend wirken wolle. Der Hansabund hoffe auf einen Ausgleich der Gegensätze zwischen Arbeitern und Arbeitgebern. Nachdem Präsident Rieser mittgeteilt hatte, daß im Frühjahr ein erster allgemeiner deutscher Hansatag in Berlin stattfinden sollte, wurden einige ge= schäftliche Angelegenheiten erledigt. Alsdann erstattete der Direktor des Hansabundes, Bürgermeister a. D. Knobloch, den Geschäftsbericht. Der Hansabund zählt jetzt 51 Landes­gruppen und 603 Ortsgruppen. Er besitzt 1432 Vertrauens­leute und 637 wirtschaftliche Vereinigungen sind ihm ange= schlossen. Darauf behandelte Generaldirektor Waldschmidt industrielle Forderungen, Stadtrat Schulz- Memel die Lage des deutschen Detailhandels und Schmiedemeister Scholz das Handwerk der heutigen Zeit. In seinem Schlußwort beleuchtete Obermeister Rahardt die gemeinsamen Inter­essen zwischen Gewerbe, Handel und Industrie. Geheimrat Professor Rieser hob zum Schluß hervor, daß der Hansa­bund nicht daran denke alles herunterzureißen, aber es fön­ne ungemein viel gebessert werden. Damit schloß die Sizung.

1)

Das Familiengeheimnis.

Roman von L. Walter. Nachdruck verboten.

1.

Eine schwüle Augustnacht lag über der Erde. In den Straßen der volfreichen Handelsstadt Memel war es schon still, obgleich die Glocken kaum die zehnte Stunde ver­tündet hatten. Der volle Mond, der klar am tiefblauen Fienamente schwebte, sandte sein helles Licht herab. Die Häuser waren verschlossen und nur hier und dort sah man matt erleuchtete Fenster. Wer die Stadt sonst gesehen, mußte sich über die traurige Stille wundern; denn noch vor wenigen Wochen herrschte reges Leben in den Stra= Ben bis Mitternacht, und in den Promenaden sah man zahlreiche Gruppen von Spaziergängern, die nach des Ta­ges Arbeit Erholung suchten. Die der Freude geweihten Orte waren heute geschlossen. Jammer und Leid schwangen das schwarze Szepter. Die Cholera wütete unter der tä­tigen Bevölkerung, sie zerriß schenungslos die glücklichsten Bande, trennte die Braut von dem Bräutigam, die Eltern von den Kindern und die Schützer von den Beschützten. Die reichen Leute flohen die Unglücksstätte, die Armen mußten zurückbleiben und dem schrecklichen Dämon Trok bieten.

Vor einem der Häuser in der Hauptstraße hielt ein Fiafer. Er brachte einen Reisenden von der Eisenbahn, einen jungen Mann, der mit seiner leichten Handtasche ausstieg, den Kutscher bezahlte und entließ und dann die Glocke zog. Es dauerte lange, ehe die Tür geöffnet ward. Ein alter Diener stand an der Schwelle.

Falsche Gerüchte vom Wiener Hofe. Die Gerüchte von einer Romreise des Erzherzogs Franz Ferdinand werden an zuständiger Stelle entschieden dementiert, dagegen ver­lautet mit Bestimmtheit, daß der Thronfolger im Laufe dieses Jahres die Turiner Weltausstellung besichtigen werde. Die Meldungen, daß Kaiser Franz Josef neuer­dings vom Schnupfen befallen sei, sind unrichtig. Das Befinden, Aussehen und die Laune des Monarchen bei dem letzten Hofball in Budapest waren ausgezeichnet. Der

Wer ist denn da?" fragte er traurig. Ich bin es, der Sohn vom Hause!" Herr Karl! Ach Gott, wären Sie doch noch länger geblieben!" Der alte Mann fonnte nicht weiter sprechen; Schluch­

zen erfüllte seine Stimme. Karl drängte ihn zurück auf den Hausflur und schloß die Tür hinter sich.

Eine furchtbare Familientragödie wird aus Walden­burg( Oberschlesien) gemeldet. In dem benachbarten Neu­krausendorf durchschnitt der Bergmann Leuschner in der letzten Nacht seiner Frau und seinen drei Kindern und darauf sich selbst mit einem Rasiermesser den Hals bis zur Wirbelsäule. Das Motiv zu der Tat ist unbekannt.

Aus den Gerichtssälen.

Der Fall Richthofen vor Gericht. Vor der Liegnizer Straffammer gelangte am Freitag die vielbesprochene an gebliche Steuerhinterziehungsangelegenheit des fonservatte ven Landtagsabgeordneten Freiherrn v. Richthofen auf Mertschüß zur gerichtlichen Erörterung, und zwar in einem Strafprozeß, der sich gegen den früheren Inspektor des Frhrn. v. Richthofen Karl Kaften richtet, der den Freiherrn Das Urteil gegen den Angeklagten. Wirtschaftsinspektor 2. Richthofen der Steuerhinterziehung beschuldigt hatte.

,, Engel, um des Himmels willen, was ist denn ge= schehen? Ich habe unterwegs gehört, daß die schreckliche Krankheit ihren Einzug in unsere Stadt gehalten.. hat sie Opfer gefordert aus unserer Familie?"

,, Sie müssen es ja doch wissen, es tann Ihnen nicht verborgen bleiben... machen Sie sich auf das Schreck­lichste gefaßt... Ihr Vater

Herr Gott im Himmel! Liegt er schwer frank?" ,, Man hat den guten Herrn vor zwei Stunden ab­geholt und begraben. Niemand von uns hat ihm das Geleit geben können. Gestern abend ward er krank, heute schon ruht er in der Erde!"

Kasten, lautete auf 500 M Geldstrafe. Der Staatsanwalt hatte 8 Monate Gefängnis beantragt.

Eine Entscheidung über den Urlaub. Eine bemerkens werte Entscheidung fällte die 2. Kammer des Berliner Kauf­mannsgerichts. Eine Verkäuferin hatte im Juni von dem beklagten Kaufhause 10 Tage Urlaub bekommen. Beim Engagement war ihr der Urlaub zugesagt worden, gleich­zeitig mußte sie sich aber verpflichten, sich die Tage vom Gehalt abziehen zu lassen, wenn sie im Laufe des Jahres fündigte. Als die Verkäuferin zum 1. Dezember fündigte, wurden ihr auf Grund dieser Vereinbarung 30 Mark ab= gezogen. Das Kaufmannsgericht sprach der Klägerin die geforderten 30 Mark mit folgender Begründung zu: Der Urlaub ist als eine Schenkung anzusehen, die einer sitt lichen Pflicht entspricht. Diese Schenkungen dürfen nach § 584 nicht zurückgefordert werden. Eine gegenteilige Ab­rede verstößt gegen die guten Sitten und ist rechtsungültig.

Dem alten Engel rannen die Tränen über die wel­fen Wangen. Karl schwankte zu einer Bank, die neben der Tür stand, wie besinnungslos sant er nieder. Er fonnte es nicht fassen, daß sein Vater, der kräftige Mann, der nie ernstlich frank gewesen, den er in der Fülle der Ge­sundheit vor drei Wochen verlassen, nicht mehr zu den Lebenden gehörte. Mit wirren Blicken sah er um sich; da stand der alte treue Diener und weinte, ein Bild der tiefsten Trauer, des herbsten Schmerzes. Die furcht­bare Nachricht mußte doch wohl wahr sein, so unglaublich sie auch klang.

-

Wo ist Tante Selma?" fragte Karl hastig. Ich glaube, das Fräulein befindet sich in seinem 3immer."

Sagen Sie ihr, daß ich angekommen sei."

Vermischtes.

Wie man auf eine originelle Art Diebe fangen fann, lehrt eine Verhandlung vor der Straffammer in Halle. Ein Gastwirt in Halle- Giebichenstein besitzt einen Ruf als ausgezeichneter Bauchredner. Das hat natürlich zur Fol­ge, daß sein Lokal eine sehr gute Frequenz aufzuweisen hat. Seine Kunst ,,, mit dem Bauche zu reden", konnte er aber auch einmal praktisch in Anwendung bringen. Als er

Der Diener nahm die Reisetasche und stieg die Treppe zu dem ersten Stock hinan, in dem die Wohnzimmer lagen; der junge Mann folgte, schwankend wie ein bis zum Tode Ermatteter. Drei Minuten später stand er in dem Zim­mer seiner Tante, der Schwester des Vaters. Selma, eine lange, hagere Person von dreißig bis zweiunddreißig Jah­ren, saß sinnend in der Ecke des eleganten Sofas. Gie trug ein Kleid von schwarzer Seide und in dem blonden

Haar einen dunklen Kopfputz. Ihre Züge konnte man nicht schön nennen; aber sie flößten doch, wenn man sie näher betrachtete, ein gewisses Interesse ein. In dem großen blauen Auge spiegelte sich Intelligenz ab und eine Charakterfestigkeit, die man bei Frauen nicht oft findet. Ihre Toilette verriet die Sorgfalt des alternden Mäd­chens, das die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, einem Manne zu gefallen.

Karl! Kari!" rief sie, sich erhebend.

Ich weiß schon alles!" murmelte der vaterlose Sohn. Selma wiegte schmerzlich das Haupt. Das ist ein harter Schlag! Wer mir das vor viera undzwanzig Stunden gesagt hätte..."

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Sie verhüllte das Gesicht mit dem weißen Tuch, das sie in der Hand trug. Nun machte sich der Schmerz des Sohnes durch Tränen Luft; Karl weinte bitterlich und rief laut: ,, Vater, Vater, es war mir nicht vergönnt, Dir die treuen Augen zuzudrücken! Ach, wäre ich in der Hei­mat geblieben, statt Berstreuung in der Fremde zu suchen!" Wer konnte voraussehen," tröstete Selma, daß das Unglück so rasch bei uns einziehen würde. Hätten wir ge wußt, wo Du Dich befändest, wir würden Dir des Vaters Erkrankung telegraphisch mitgeteilt haben. Sieh um Dich, forsche in den Häusern der Stadt; überall wirst Du Trauer und Jammer finden. Der Tod reißt gräßliche Lücken in die Familien. Leute, die sich diesen Abend trennen, wissen nicht, ob sie sich morgen wiedersehen. Der Tod kommt über Nacht und holt unerbittlich seine Beute." Selma schilderte nun noch die letzten Stunden des Verklichenen: dann ermahnte sie den Neffen, zur Ruhe zu gehen. Karl zog sich traurig in sein Zimmer zurüd. Er fonnte nicht schlafen, ein tiefes Weh zerschnitt ihm das Herz. Um frische Luft zu schöpfen, öffnete er das Fenster. Die vom Monde erhellte Straße war völlig mens schenleer. Man fühlte, daß ein unheimlicher Gast über der Stadt schwebte.

( Fortsetzung folgt.)

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