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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

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oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. Erscheint Mittags 3 Uhr. Redaktion: Seltersweg 88. Für Aufbewahrung oder Nücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" 6. m. b. H.

Nr. 172.

Telephon: Nr. 362.

Das Milizwesen.

Der französische sozialistische Abgeordnete Jean Jau­res hat soeben eine Schrift veröffentlicht, in der er seine Ansichten über die Heeresreform" ausspricht. Jean Jau­res will ohne weiteres das Milizwesen der Schweiz auf Frankreich übertragen. Die heranreifende Jugend soll in einer Refrutenschule ausgebildet werden, die von al­len 21 Jahre alten Jünglingen besucht werden soll. Nach dem Besuch der Rekrutenschule beginnt der eigent­liche Dienst in dem sogenannten Bürgerheere, in dem der Soldat 14 Jahre bleibt. In dem Bürgerheere soll er im ganzen 8 Uebungen machen. Von diesen Uebun­gen haben 4 eine Dauer von 21 Tagen mit Schluß= manöver, 4 eine elftägige Dauer zur besonderen Aus­bildung. In der übrigen Zeit ist der Bürgersoldat von jedem Dienst befreit. Dann kommt er vom 34. bis 40. Jahre in die Reserve, in der fein Dienstzwang besteht; vom 40. bis 45. Lebensjahre gehört er dem Land= sturm an, natürlich gleichfalls ohne Dienstzwang. Die Rekrutenschule soll von Berufsunteroffizieren und Be­rufsoffizieren geleitet, der Vorbereitungsunterricht von Bürgeroffizieren erteilt werden. In dem Bürgerheere In dem Bürgerheere sind die Unteroffiziere durchweg Bürgerunteroffiziere, während die Offiziere nur zu einem Drittel Berufsoffi­ziere sind.

Die höheren Offiziere sollen fast ausschließlich den Abiturienten der höheren Schulen entnommen, und den Universitäten sollen besondere Abteilungen angegliedert werden, die für die militärische Ausbildung der höheren Offiziere zu sorgen haben. Diese Auserwählten sollen indessen vor jeder Beförderung einen mindestens drei­wöchigen Lehrgang durchmachen. Weiter befürwortet er freiwillige Schieß- und Marschübungen außerhalb der eigentlichen Wiederholungskurse. Sie sollen durch ver­schiedene Mittel besondere Förderung erhalten.

Diese Reformvorschläge" haben bei unseren Sozial­demokraten begeisterte Aufnahme gefunden. Da ist es nicht mehr als billig, an einen nicht allzu weit zurück­liegenden Vorgang zu erinnern: an die begeisterten Ver­suche der Berliner Studentenschaft, nach dem Tode Kö­nig Friedrichs 7. von Dänemark im Herbst 1863 ein Freikorps zur Befreiung der Elbherzogtümer vom dä­nischen Joche zu begründen.

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Feierlich war er ins Leben gerufen worden unter der Führung von Berliner Studenten, und mit jugendlicher Begeisterung wurde sofort für die nötige Kriegstüchtig keit desselben durch fleißige Uebung des langsamen Schrittes und eines freiwilligen Kriegsmarsches" sorgt. Zum Glück für diese Helden machte aber der Himmel an dem für den Marsch festgesetzten Tage ein furchtbar griesgrämiges Gesicht. Es regnete in Strö­men. Die unangenehme Folge war zunächst, daß min­destens zwei Drittel dieses Bürgerheeres" vorzogen, überhaupt zu Hause im warmen Bett zu bleiben und den Marsch Marsch bleiben zu lassen. Ein mutiges Drittel war aber doch bereit, den Kampf gegen das nasse Element mit den nötigen Regenschirmen aufzu nehmen. Mit diesen bewaffnet, zog das Heer vom Ren­dezvousplatz am Neuen Tore aus, geteilt in 2 Storps, den" Freund" und den" Feind", tapfer der Jung­fernheide zu. Es kam aber nur bis Moabit. Um sich zunächst die nassen Füße ein wenig zu trocknen und zu erwärmen, ging der Feind" gleich bei der Ahrensschen Brauerei in Stellung, und das mutete den Freund", als er es durch seine Kundschafter erfuhr, so an, er ebenfalls seine Marschrichtung dorthin nahm. So er­folgte der erste Zusammenstoß auf der Veranda des da­mals viel besuchten Brauhauses. Diese Marschübung" zog sich bis nach Mitternacht hin, wo endlich mit der zehnten Tonne ahnungsvoll die letzte der Düppeler Schanzen erstürmt wurde und Freund und Feind" manchen Braven auf der Walstatt ließen.

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Das war die erste und die letzte Tat des rühmten Bürgerheeres" von 1863. Jn Schleswig- Hol­stein selbst überließ es vorsichtig und flug nunmehr den Vorantritt bei den kriegerischen Operationen der abge­schlossenen Kaste" der 35er und 60er, die als echte Ber­liner Kinder bewiesen, was sie als wohlerzogene, Leib­wache des Königs" zu leisten vermochten.

Reichstagswahlvorbereitungen.

In der in Friedberg stattgefundenen Ver­sammlung der nationalliberalen Vertrauensmänner des Reichstagswahlkreises Friedberg- Büdingen wurde Amts= gerichtsrat Strad zu Gießen einstimmig als Kan­didat für Friedberg- Büdingen für die kommende Reichs­tagswahl proklamiert und es einstimmig für gut ge=

der Großherzoglichen des Großherzoglichen Bürgermeisterei Polizei- Amtes sowie vieler anderer Behörden Oberheffens Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Dienstag, den 25. Juli 1911.

| heißen, daß der Kandidat im Falle seiner Wahl sich| als Hospitant der nationalliberalen Fraktion anschließt. Die Beschlüsse der anderen bürgerlichen Parteigruppen bezüglich Annahme der gemeinsamen Kandidatur Strad stehen noch aus.

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Landtagswahlvorbereitungen.

In der in Darmstadt abgehaltenen Ver­sammlung der sozialdemokratischen Partei wurde Redak­teur Knoblauch als Landtagskandidat für Darm­stadt aufgestellt. In Weinheim fand letzte Wo­che unter dem Vorsitz des Abg. Dr. Borheimer- Worms, als Vorsitzender des Reichstagswahlbezirks, eine aus den Gemeinden des Landtadswahlkreises Heppenheim Viernheim gut besuchte Vertrauensmännerversammlung der Zentrumspartei statt. Der bisherige Abgeordnete Uebel wurde einstimmig wieder aufgestellt. Der Vor­stand des 1. oberhessischen Reichstagswahlkreises Gie­Ben- Grünberg- Nidda der nationalliberalen Partei hielt in Gießen eine Besprechung über die bevor= stehenden Wahlen zum 35. Landtag ab. Es wurde einstimmig die Ansicht ausgesprochen, daß in den einstimmig die Ansicht ausgesprochen, daß in den in Frage kommenden Landtagswahlkreisen ein Zusammen­gehen mit der fortschrittlichen Volkspartei stattfinden solle. Eigene Kandidaten wurden infolgedessen noch nicht in Vorschlag gebracht.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 25. Juli. Ein starkes Gewitter, das den lang= ersehnten Regen brachte, zog in der letzten Nacht gegen 2 Uhr über unsere Stadt. Die erhoffte Abkühlung hat es aber nicht gebracht, sondern nach wie vor sen­det die Sonne mit unverminderter Kraft ihre Strahlen auf die Erde nieder.

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( Gießener Tageblatt)

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Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Biedenkopf, 25. Juli. Der Tierzuchtinspek for Herweg aus Handorf i. W. ist zum Tierzuchtinspel for für das Zuchtgebiet der Vogelsberger Rasse mit dem Dienstwohnsitz Biedenkopf bestellt worden und hat seinen Dienst bereits angetreten.

Marburg, 25. Juli. Als Rektor der Univer­sität für das Amtsjahr 1911-12 wurde Professor Dr. Schent, Direktor des physiologischen Instituts, ge­wählt.

Frankfurt, 25. Juli. Die diesjährige Rog genernte ist zurzeit auf dem Gelände beiderseits der Mainzer Landstraße in vollem Gange. Den Arbeite­rinnen, die die Aehren in Garben binden, folgen als­bald die großen Leiterwagen, und die Frucht wird direkt" verladen und nach der Scheune gefahren, so daß Roggen, der um 3 Uhr noch auf dem Halme stand, schon um 6 Uhr auf der Tenne lagert. Die Frucht ist überreif, die Halme, ja selbst die Achrenkolben sind von der Hitze derart dürr, daß sie beim Anstoßen abbrechen und viele Körner ausfallen.

*) Heidelberg, 25. Juli. Infolge der ab­normen Hitze sind bei Schweinetransporten aus Nord­deutschland nach den Städten Heidelberg, Mannheim und Neustadt etwa 250 Schweine umgefom­men. Die Ladungen waren vorschriftsmäßig expediert, sodaß weder dem Transporteur noch der Bahn eine Schuld zuzumessen ist.

Der Berliner Zeitungsstreif und die Inferenten.

Was besonders interessiert, das ist die Tatsache, daß durch den Streik den Inserenten unwiderleglich der Wert der 3eitungs Annoncen dargetan worden ist. Eine Rundfrage, die der Zeitungs- Verlag in großen Berliner Geschäften, namentlich in den Wa­renhäusern vorgenommen hat, hat ergeben, daß durch den Wegfall der großen Anzeigen in den Tageszeitun­gen eine wesentliche Besuchs- und Umsatzverringerung in den Geschäften hervorgerufen worden ist. Ueber die Höhe des Ausfalls waren genaue Angaben nicht zu erhalten. Einzelne Geschäftsinhaber gaben rückhaltlos zu, daß sie durch den Fortfall der Insertion einen empfind­lichen Einnahmeausfall gehabt haben. Eine der größ­ten Berliner Firmen hat die schädigende Wirkung des Streiks für die Inserenten sofort erkannt und ohne Zau­dern.ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen. Sie ließ noch am Sonnabend von ihren im Satz bereits stehenden An­

* Aus Oberhessen, 25. Juli. Die Maul und Klauenseuche greift in Oberhessen bedenklich um sich. Auch im Kreise Büdingen, der bisher noch under­feucht war, ist sie gestern ausgebrochen und zwar in dem Orte Hitzkirchen im südlichen Vogelsberg. Die Be­hörden scheinen in Anbetracht der großen Gefahr jetzt noch strengere Maßnahmen anzuwenden, zumal Bauernfest am Sonntag die Seuche nach Bettenhausen brachte. So ist das beabsichtigte Posaunenfest des Ober­hessischen Posaunenchor- Verbandes in Wetterfeld aufzeigen 600 000 Prospekte drucken und diese durch 400 später verlegt worden. Auch die Sperren und andere Sicherheitsmaßregeln werden strenger durchgeführt. In Oberhessen ist jetzt nur noch ein Kreis von der furcht­baren Seuche verschont geblieben, der Kreis Alsfeld. In Holzheim, Ettinghausen, Oberhörgern und Eberstadt breitet sich die Seuche immer noch aus. Wie verlautet, besteht die Absicht, in Holzheim sämtliches Kiauenvieh abzuschlachten.

*) Alsfeld, 25. Juli.( Radfahrerfest.) Der hiesige Radfahrerklub Brabant" feierte sein 10jähr. Stiftungsfest am letzten Sonntag.

*) Offenba ch, 24. Juli. Die feierliche Grund­steinlegung der evangelischen Friedenskirche hat gestern stattgefunden.

*) Offenba ch, 25. Juli. In einer Versamm­lung der Milchhändlervereine von Offenbach und Um­gegend wurde am Montag beschlossen, den Milchpreis vom 1. August an von 22 auf 24 Pfennig zu erhöhen. Darmstadt, 25. Juli. Die hessische Hand­werkskammer teilt mit, daß am 31. Juli der Melde= schluß für die Meisterprüfung ist, und daß nach die­sem Termin Anmeldungen für dieses Jahr nicht mehr angenommen werden.

Aus Rheinhessen, 25. Juli. Der pracht volle Stand der Obstbäume wird durch die Hize un­gemein benachteiligt, da die noch nicht reifen Früchte, besonders aber die Zwetschen wegen Mangels an Feuch tigkeit abfallen.

-b= Weilburg, 25. Juli. In der unlängst statt­gehabten Generalversammlung einigte man sich, daß das Gebiet der Museumserwerbungen vorzugsweise den Ober­lahnkreis, und zwar nicht nur Altertumsgegenstände, sondern auch merkwürdige Funde in historischer Bezieh­ung umfassen soll. Ferner sollen Briefe und Tagebü­cher der Veteranen von 1864, 1866 und 1870-71 ge= sammelt werden. Es ist Aussicht vorhanden, daß die großherzoglich- luxemburgische Schloßverwaltung außer geeigneten Räumlichkeiten im Schlosse auch noch wertvolle Gegenstände aus dem Schlosse, die sich Ausstellung im Museum eignen, leihweise zur Verfü­gung stellen wird.

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Austräger in Groß- Berlin und Vororten verteilen. In­teressant ist es, die durch eine solche Prospektverteilung entstehenden Kosten einmal zu berechnen. Ganz niedrig veranschlagt fosten 600 000 Prospekte, Druck und Pa­pier pro 1000 4 Mart gleich 2400 mt. Verteilen pro 1000 3 Mart gleich 1800 Mart. Summa 4200 Mark. Für ganzseitige Anzeigen in den größten Berliner Blät­tern geben die großen Kaufhäuser aber durchschnittlich pro Insertion 3000 Mark aus, so daß gegenüber der Prospektreklame mit direkter Verteilung von Haus zu Haus bei der Insertion eine Minderausgabe von 1200 Mark zu verbuchen ist, ohne daß die Reklamewirtung eine geringere wird. Im Gegenteil. Die durch den Zeitungsstreit herbeigeführte Einnahmeverminderung auf der einen und Erhöhung der Reklamespesen auf der anderen Seite stellt also einen ganz konkreten Fall dar, der die Bedeutung der Anzeigen für den täglichen Geschäftsverkehr zur Genüge kennzeichnet. Es läßt sich gar nicht leugnen, daß selbst bei stärkster Konkurrenz die Anzeigen in den Ta­geszeitungen eine ganz wesentliche Belebung des Mark­tes durch Steigerung der Kauflust herbeiführen. Die Hausfrau ist heute gar nicht mehr daran gewöhnt, Straße auf Straße abzulaufen, um in den Geschäfts= auslagen nach ihren Wünschen entsprechenden Dingen zu suchen. Es ist ihr vielmehr zur Gewohnheit gewor­den, morgens am Kaffeetisch bereits die Anzeigen in der Zeitung zu studieren, um günstige Einkaufsgelegenheiten festzustellen. Sache der Verleger ist es nun, aus Tatsache, daß durch diesen bestimmten Fall anläßlich des Berliner Zeitungsstreits nicht nur die Nützlichkeit, son­dern vielmehr die unbedingte Notwendigkeit des Inserierens für den täglichen Warenverkehr glatt be­wiesen worden ist, die rechte Nuzanwendung zu ziehen und allgemeine Einwände gegen die Zweckmäßigkeit von Anzeigen durch den Hinweis auf diese beweiskräftige Tatsache zu widerlegen. Der angebliche Mißerfolg der Inserenten hat meistens seinen Grund nicht in der Min­derwertigkeit der Zeitung, sondern vielmehr in der wenig zweckmäßigen Fassung der Anzeige oder in der Absatz. Untauglichkeit des Reklameobjekts für einen größeren

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