Ausgabe 
25.3.1911 Zweites Blatt
 
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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

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oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. Erscheint jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 72.

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( 2. Blatt.)

Aus dem Reichstag. ( Spezialbericht der Gießener Zeitung".) Gelegentlich der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern legte der Abg. von Saphengst, einer der wenigen sozialgerichteten konservativen Abgeordneten, folgende Resolution vor:

der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichs­fanzler zu ersuchen, bei den Landesregierungen dahin zu wirken, daß sie dem Verein für soziale innere Ko­lonisation Deutschlands E. V. zum Zwecke der Für­

sorge für vorübergehend Arbeitslose nachhaltige För­

derung und Unterstützung zuteil werden lassen.

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amtes

=

Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Samstag den 25. März 1911

schaftl. Vereinigung nahm der Abgeordnete Behrens das Wort zu folgenden Ausführungen:

Meine Herren, ich glaube, daß der sozialdemokrati sche Herr Vorredner eigentlich nicht ganz klar darüber ist, was Herr v. Kaphengst gewollt hat. Es handelt sich bei den Anregungen des Herrn v. Kaphengst nicht da rum, der Landslucht entgegenzutreten, sondern er will mit der Tätigkeit des Vereins die Kolonisation von Ded­ländereien erreichen und die brachliegenden Arbeitskräfte der industriellen Arbeiter während der Arbeitslosigkeit in die richtige Verbindung miteinander bringen. Das Problem, das der Verein für soziale und innere Kolo­

und ich glaube, daß er seinen Freunden darüber Vortrag halten wird; denn diese Sache ist für die Ge­werkschaftsbewegung außerordentlich wichtig.

von

nisation sich gestellt hat, ist sehr umfangreich, aber dafür auch sehr segensreich. Ich habe mich gefreut, daß in der Abg. von Kaphengst ist Vorsitzender dieses Vereins. ersten Versammlung, die Herr v. Staphengst zur Grün­Mitbegründer und Vorstandsmitglieder sind von dung dieses Vereins einberufen hat, Vertreter nicht nur Wirtsch. Vereinigung die Abgg. Behrens und Kölle. Der fast aus allen Parteien des Hauses, sondern auch Män­Verein, dem Männer aller politischen Parteien ange= ner aus allen politischen Richtungen draußen im Lande hören, hat sich zur Aufgabe gestellt, den arbeitslosen In sich zusammenfanden, unter diesen auch ein Herr aus der dustriearbeitern dadurch lohnende Arbeit während der Gewerkschaftsbewegung, die dem Herrn Severing sehr Zeit der Arbeitslosigkeit zu verschaffen, daß durch ein nahe stehen. Dieser Herr hat sich über die Tätigkeit, die geeignetes Zusammenwirken von Staat, Gemeinden, öf- dieser Verein entwickeln soll, sehr anerkennend ausge fentlichen Körperschaften, Vereinen und Arbeitergewerksprochen- es war ein Herr vom Buchbinderverbande schaften die Voraussetzungen zur kulturellen Erschließ= ung der Dedländereien herbeigeführt werden. Wir ha­ben im deutschen Vaterland noch über 400 Quadrat- meilen unkultiviertes Umland, meist Moore, zu liegen. In den Industriegegenden und Großstädten, insbeson­dere im Winter und in den Krisenjahren liegen zehn tausende gesunde arbeitsfreudige Arbeiterhände brach. Diese Arbeitslosen sind ebenfalls ein brachliegendes Rie­senkapital. Abg. Kaphengst will nun diese Arbeitslosen bei gutem Lohn in den Dienst der Innenkoloni sation Deutschlands stellen. Dadurch würden die Gewerkschaften hunderttausende Mark Arbeitslosen- Unter­stützung sparen und der Armenetat der Gemeinden ent­lastet werden. Das Problem der Arbeitslosen- Versiche rung, daß verschiedene Großstädte( Köln, Straßburg, Genf 2c.) mit großen Mitteln zu lösen versuchen, würde durch den von Kaphengst'schen Vorschlag in wahrhaft großzügiger Weise seiner Lösung näher gebracht. ( Wenn einige Politiker in unserem Kreise die Frage der Arbeitslosen- Versicherung als Faullenzer- Versicherung" abzutun suchen, so zeigt das, daß sie von der ganzen Sache gar keine Ahnung haben. Nebenbei bemerkt, ist der Abg. Behrens niemals im Reichstag für eine Reich s arbeitslosen- Versicherung eingetreten. Diese Behauptung gewisser Politiker und Parteisekretäre ist, wie manches andere von jener Seite behauptete, u n- sinn.)

In seiner Begründungsrede führte Abg. von Kap­hengst u. a. folgendes aus:

Als vor 30 Jahren der Pastor v. Bodelschwingh seine Tätigkeit begann und Arbeiterkolonien schuf, war von den großen sozialen Gesetzen, inauguriert von Kai­ser Wilhelm 1. und von Bismarck, noch nicht die Rede. Damals bedeutete das Vorgehen( christlich- sozialen) Bo­delschwinghs eine soziale Tat ersten Ranges. Aber jetzt, nachdem 25 Jahre ins Land gegangen sind, muß man sich doch die Frage vorlegen, ob hier nicht angebracht und nötig ist, auch die Arbeiterkolonien. zu modernisieren. Dieses Modernisieren müßte darin bestehen, daß den Leu­ten nicht mehr Almosen gegeben werden, sondern ein wohlerworbener, wenn auch vielleicht zunächst etwas zu hoch bezahlter Verdienst. Almosengeben ist nicht jeder­manns Sache, aber ich glaube, daß die Kommunen und die Allgemeinheit sehr zufrieden sein könnten, wenn man den Leuten sagen könnte: ihr bekommt auskömmlichen Lohn, das habt ihr auf ehrliche Weise verdient, und fönnt eure Familien in der Großstadt über Wasser hal­ten. Für die Unterstützungsverpflichteten wäre solch so­fortiges Eingreifen auch sehr viel billiger, Kurkosten, Ar­menlasten, würden gespart.

Warum soll denn heute ein Arbeiter nicht einmal auf einige Wochen oder Monate auf die Landarbeit gehen? Wir müssen uns da die Amerikaner zum Vorbild neh­men. In Amerika genieren sich die jungen Studenten absolut nicht, in der Zeit der Ferien auf den Farmen zu arbeiten, was für sie, ihre Nervenkraft und ihr Por­temonnaie recht gut ist.

Wenn das Reich, die Einzelstaaten und die Kom­munen in richtiger und wahrhaft patriotischer Weise sich die Hand reichend hier zusammenarbeiten, dann würde bei dieser zentralisierten Wohltätigkeit ein Neuland un­begrenzter Möglichkeiten in Deutschland entstehen."

Jm zustimmenden Sinne äußerten sich der Redner der Nationalliberalen, der Fortschrittspartei und des Zentrums. Der Sozialdemokrat Severing konnte nicht umhin, den Grundgedanken als gut an zu erkennen, jedoch suchte er sich an die Landwirte in Sachen der Landflucht, schlechte Behandlung ihrer Ar­beiter 2c. zu reiben, um schließlich ein unbegründetes Mißtrauen zum Ausdruck zu bringen. Für die Wirt|

Die Fragen des Arbeitsnachweises und der Arbeits­losenversicherung sind hierbei in recht gute Verbindung zu bringen, und wenn das Problem, daß Herr Kaphengst aufgeworfen hat, in Verbindung von Staat, Gemeinde und auch den verschiedenen Organisationen beiterorganisationen, gemeinsam aufgenommen und durch­im Lande, den Wohlfahrtsorganisationen wie auch Ar­geführt wird, läßt sich sehr wohl ein segensreicher Er­folg für die Arbeiterschaft und das Vaterland insofern, bar gemacht werden, gewinnen. als brachliegende Arbeitskräfte und Dedländereien frucht

Ich kann daher namens meiner politischen Freunde den Wunsch aussprechen, daß die Bestrebungen des Ver­eins, weil sie wertvoll sind, von Reichs wegen unter­stützt werden. Das Reich soll auch bei den Landesre­gierungen dahin wirken, die Bestrebungen zu unterstü­zen. Nicht der Verein als solcher oder das Reich soll die Aufgabe übernehmen, sondern es handelt sich nehmlich darum, daß der Verein vom Reich als auch von Privaten und anderen Vereinen unterstützt wird, sodaß er die Mittel zur Verfügung bekommt, um seine Bestrebungen volkstümlich zu machen und sie im Lande der praktischen Ausführung so näher zu bringen. Des­wegen unterstützen wir diese Resolution, von der wir hoffen, daß sie Annahme findet.

vor=

Ich möchte noch anführen, daß es den gewerkschaft­lichen Organisationen aller Richtungen zu empfehlen ist, diese Frage ohne Voreingenommenheit, wenn sie auch von einem agrarischen Junker angeregt ist, zu prüfen Ge= und an ihrer Lösung mitzuarbeiten. Wenn die werkschaften aller Richtungen in diesem Verein, der un­ter dem Vorsitz des Herrn v. Kaphengst arbeitet, mit­arbeiten, werden die Bedenken verschwinden, die eben von der Linken laut geworden sind. Ein Zusammen- wirken von Gewerkschaften und Agrariern kann in die­sem Punkt segensreiche Erfolge herbeiführen."

( Bravo! rechts.)

Sozialpoltisches.

Vollständig falsche Urteile über wichtige Vorgänge in der Gewerkschaftsbewegung finden wir in einem Arbeiterbewegungen" überschriebe­nen Artikel der Süddeutschen Nationalliberalen Korre­spondenz( Nr. 15 vom 24. Februar 1911), der in einer Anzahl von Tageszeitungen abgedruckt wurde. Unter anderen schiefen Darstellungen heißt es da: Ein wei­teres Charakteristikum ist die Erscheinung, daß eine ganze Reihe von Streiks, so in der Pforzheimer Metall- und der Krefelder Seidenindustrie, trotz dringenden Abratens der Führer begonnen und natürlich verloren wurden." Das trifft durchaus nicht zu. Beim Pforzheimer Kampf liegt die Sache erwiesenermaßen gerade umgekehrt.. Dort sind die Arbeiter von dem Bezirksleiter Vorhölzer des sozialdemokratischen Metallarbeiterverbandes tatsächlich in den Streik hineingehetzt worden. Ebenso falsch ist eine weitere Behauptung in demselben Artikel, wonach die Teilerfolge der Arbeiter bei den Kämpfen im Bau­gewerbe und auf den deutschen Seeschiffswerften ledig­lich auf das freiwillige Entgegenkommen der Arbeitgeber zurückzuführen seien". Das haben nicht einmal die be­teiligten Arbeitgeber nach dem Abschluß der erwähnten Kämpfe behaupten wollen. Denn auch hier kommt das Gegenteil der Wahrheit näher.

( Gießener Tageblatt)

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Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Reichstagswahlvorbereitungen.

Hier fand am Mittwoch abend eine von der christlich- so­== Ehringshausen( Kr. Wetzlar), 23. März. zialen Partei veranstaltete Versammlung statt, die sehr stark besucht war. Parteisekretär Albertsmeier- Dillenburg referierte über das Thema: Die politische Lage". Seine flaren Ausführungen fanden den lebhaftesten Beifall der Versammlung. In der Diskussion erzählten schiedene Personen, daß der freisinnige Parteisekretär Jakobs im Beisein des Professor Schloßmann in Eh­ringshausen behauptet hätte, der Abg. Behrens für die Zündholzsteuer gestimmt, was selbstverständlich

habe

unwahr ist. Jakobs hat nach Aussage glaubwürdi­ger Personen folgendes gesagt: Wenn Ihr des Mor­gens aufsteht und zündet das Licht an, dann denkt da­hat." Zur besseren Illustration hielt der freisinnige Agi­ran, daß der Abg. Behrens Euch dieses Licht verteuert tator ein Zündholz an die Streichholzschachtel.

noch mit dieser unwahren Behauptung hausieren gegan­Man sollte es kaum für möglich halten, daß immer gen wird.

Aus Stadt und Land.

Gießen, deu 24. März 1911. Gießen, 24. März. Zur Gründung eines hessischen Schlossermeisterverbandes findet am Sonntag, 26. März, vormittags 11 Uhr, im Saale der Lieder= tafel" zu Mainz eine Versammlung statt.

Wetzlar, 24. März. Prächtiges Frühlings= wetter ist nunmehr eingetreten und hat der Abkühlung, die noch in den letzten Tagen Platz gegriffen hatte, ein Ende bereitet. Während am Montag unter der Herr= schaft kalter Nordostwinde die Temperaturen noch recht niedrig waren, stiegen sie Dienstag rapide empor und erreichten an verschiedenen Orten 15 Grad Wärme. Die starke Erwärmung ist die Folge der Wechselwirkung zwi­schen dem nach Rußland gewanderten hohen Maximum, das auch noch einen Ausläufer nach Skandinavien ent­sandte, und einer anrückenden Depression mit Teilwir­beln im Westen Deutschlands. Dadurch wehen südöst­liche bis südwestliche Winde bei heiterem Himmel. Die Erwärmung dürfte zunächst noch einige Fortschritte ma­chen; nachher stehen westostwärts sich ausbreitende leichte Regenfälle mit etwas niedrigeren Temperaturen in Aus­ſicht.

-h- Braunfels, 23. März. Eine rege Tätigkeit hat sich auf der Neubaustrecke A Ibshausen- Grä= venwiesbach" entfaltet, und eine Wanderung bei dem herrlichen Frühlingswetter durch das schöne Solms­bachtal nach der im Bau begriffenen Eisenbahnstrecke würde sicherlich lohnend sein. Die Strecke vom Bahn­hof Albshausen bis Braunfels( Los 6) wird von der Firma Wiederspahn und Scheffer aus Wiesbaden ge­baut. Zwischen Burgsolms und Albshausen befindet sich ein 100 Meter langer Tunnel, welcher im August fertig­gestellt sein dürfte. Los 5 vom Bauunternehmer H. Werner in Gießen ausgeführt geht vom Bahnhof Braunfels bis an die Thomasmühle unweit Kraftfolms. Auch hier gibt es manches Interessante zu schauen, so die entstehende Brücke über den Solmsbach und die Baggermaschine in der Nähe von Neukirchen. Los 4 wird von der Baugesellschaft C. Kallenbach G. m. b. H. aus Hamm i. W. gebaut und ist soeben in Angriff ge­nommen. In der Nähe von Kröffelbach arbeitet eben­falls eine Baggermaschine. Los 3, welches schon im Kreis Usingen liegt, wird von der Firma A. Klinge u. Comp. aus Eschersheim gebaut und geht schon seiner Vollendung entgegen. Erwähnenswert ist das schöne Bahnhofsgebäude Brandoberndorf, welches von dem Bauunternehmer J. K. Jung aus Brandoberndorf gebaut wurde und als eine Zierde von ganz Brand= oberndorf angesehen wird. Los 2, von der Firma F. Kunz gebaut, ist schon vollständig fertig und geht bis an das Nordende des Grävenwiesbacher Tunnels. In diesem Lose befindet sich das ebenfalls schon fertigge­stellte Bahnhofsgebäude Hasselborn, welches ebenfalls schon fertig ist und auch von der Firma J. K. Jung­Brandoberndorf errichtet wurde. Zwischen Los 2 und Los 1 befindet sich ein 1300 Meter langer Tunnel, der von der Firma Werner, Schreiner, Eberhard u. Siep­mann ausgeführt wird. Die Fertigstellung des Tunnels ( nebenbei der längste in Nassau) ist voraussichtlich Ende April zu erwarten. Eine Sehenswürdigkeit im Innern des Tunnels bilden die verschiedenen Gebirgsformationen. ung gesorgt. Hier steht die Kantine des Wirtes Wid Am Südende des Tunnels ist auch bestens für Erfrisch­aus Grävenwiesbach. Los 1, welches von der Firma ist schon vollständig fertig. Die Verwaltung benutzt diese Wiederspahn u. Scheffer aus Wiesbaden gebaut wurde, Strecke, um ihre Materialien, wie Sand, Cement, Bruch­steine 2c. nach dem Tunnel zu transportieren.