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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
Bezugspreis 50 Pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mif., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. Erscheint
jeden Werktag früh.- Die„ Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.
Nr. 48.
( 1. Blatt)
Ein eigenartiger, fortschrittlicher
Parteikandidat.
Die Herren von der Fortschrittlichen Volkspartei lieben es jetzt, vielleicht aus Rücksicht auf ihre Verbrüderung mit den„ nationalen" Liberalen und( trotz unseres Riesser") angeblichen Agrarzollbeschützern ihre Agrarzollfeind schaft bei der Landagitation in der Reisetasche zu lassen. Wenn es aber mit Rücksicht auf den rauhen Zug von noch weiter links her" nötig wird, so hängt man sich schnell das Mäntelchen der Ausrede um, man wolle die " Brot- und Fleischwucherzölle" nicht sofort ausrotten, sondern dem agrarischen Hunde diesen Schwanz stückweise abhaden. Wie groß die Stücke bemessen, wie schnell hintereinander die schmerzhafte Operation wiederholt werden soll, darüber aber schweigt man sich vorsichtig nach rechts und links hin
aus.
Ein ganz eigenartiges Verhalten kann man in dieser und anderer Hinsicht besonders an einem der vielen fortschrittlichen Pastoren- Kandidaten für den Reichstag beobachten. Pastor Korell, der schon jetzt um den Köhlerschen Wahlkreis im Konkurrenzkampf steht, soll sich nach Mitteilung der Deutsch. Soz. Bl." nicht nur wie schon 1907 als Agrar 3öllner aufspielen wenigstens auf dem Lande", sondern er verheißt dem gewerblichen Mittelstande auch sein Eintreten für eine Warenhaussteuer.( Wird Korell nicht auch vom Hansabunde unterstützt? Vielleicht gerade mit den braunen Lappen des Warenhäusler- Schußverbandes. D. Schriftl.) Dieser fortschrittliche Parteikandidat ist aber nicht nur ein Zöllner, sondern er soll auch offen zugeben, daß sein Freisinn ein großes Sünden Register habe, aber er sei persönlich doch nicht verantwortlich dafür zu machen. Die freisinnigen 3eitungen in den Großstädten verstän Den nichts von der Landwirtschaft, und sie müßten weiter Rücksicht nehmen auf ihre großstädtischen Leser und Inserenten.
B
Mit Recht geben die D. Soz. Bl." ihrem Erstaunen darüber Ausdruck, daß die großstädtische Freisinnspresse noch nicht Stellung genommen habe zu diesem Parteikandidaten, der ihr heiliges Programm und sie selbst so schroff verleugne.
Run, diese Parteiorgane und die Fortschrittlichen Parteihäuptlinge drücken hier wohl gern beide Augen und Ohren zu. Sie wissen, daß ihr Pastorkandidat wohl nur nach dem auch bei ihnen beliebten Grundsatz handelt: Der 3 wed heiligt die Mittel! Wenn der politische Rekrut Korell auf sozialdemokratischen Krücken in den Reichstag gelangen sollte, dann würden ihm Hauptmann Müller und Exerzierkorporal Kopsch schon den richtigen Parteischritt beibringen und ihn alle Versprechungen an die Wähler vergessen machen.
Als Kurtosum erwähnen die„ D. S. Bl." noch, daß Pastor K. zwar immer aus Rücksicht auf die frommen Bauern sein neues Testament( nicht einmal die ganze Bibel) bei seinen Wahlfahrten mit sich führe und Trost darin suche, daß aber trotzdem die alttestamentlichen Juden eifrig für ihn arbeiteten. Die deutschen Bauern im Wahlkreise blickten staunend auf solche Zweckverbindung von Moses und Luther" und auf diesen Kandidaten.
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Reichstagswahlvorbereitungen.
Wetzlar, 25. Febr.( Privattelegramm.) Der nationalliberale Reichstagskandidat für den Wahl freis Wetzlar, Dekonomierat Kreuz- Bonn, hat laut „ Deutscher Tageszeitung" seine Kandidatur zurückgezogen.
*) Herford. Was unsere Freunde sich merken wollen! Herr Hoffmann, soziald. Reichstagstandidat für Herford- Halle, hat auf der am Sonntag in Herford stattgefundenen Generalversammlung des sozial demokratischen Vereins für Herford- Halle laut„ Volkswacht"( Nr. 44 vom 21. Februar) ausgeführt:
„ Die Nationalliberalen sind in letter Linie schuld an der Tabaksteuer, denn ohne deren Vorgehen hätte das Zentrum kaum diese Steuer so bewilligt und mit den Konservativen ein Bündnis abgeschlossen, um zur Regierungsmacht zu gelangen."
. ,, Die Liberalen sind, wie schon gesagt, nicht frei zusprechen von der Schuld an der Tabaksteuer. Der Abgeordnete Contze( nationalliberal) hat zwar nicht mitgemacht, aber wir wählen doch nicht nur den Mann, sondern die Partei."
Bisher haben wir oft von sozialdemokratischer Seite hören müssen: Die Christlich- Sozialen sind Schuld der Tabaksteuer. Wir freuen uns, daß jetzt Herr
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Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei Amtes
Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.
( Haus Brüder Schmidt.)
Samstag den 25. Februar 1911
Hoffmann der Wahrheit die Ehre gibt und feststellt, daß die Liberalen schuld an der Schaffung der Tabaksteuer sind.
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Siegen. Jm alten Stöckerschen Wahlkreise Siegen- Wittgenstein- Biedenkopf ist als Kandidat der Fortschrittler Pfarrer Spieß in Bottenhorn aufgestellt worden. Das ist der 13. oder 14. fortschrittliche Pfarrer= kandidat.
Düsseldorf. Als christlich- sozialer Reichstagskandidat für Düsseldorf wurde Pfarrer Tetzlaff- Solingen aufgestellt.
* Mülheim( Ruhr). Der Christlich- Soziale Verein hat den Pfarrer Keu del als Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Mülheim- Duisburg- Oberhausen aufgestellt. Pfarrer Keudel hat die Kandidatur
nommen.
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Aus Stadt und Cand.
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Gießen, den 25. Februar. Gießen. Für den verstorbenen Kommerzienrat Heyligenstaedt wurde Bankier Jakob Grünewald mit 98 Stimmen in die Handelskammer wählt. Kaufmann Rudolf Nowack erhielt 84 Stimmen. Von den 450 wahlberechtigten Firmen machten 197 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch 6 weibliche Firmen inhaber waren persönlich an der Wahlurne erschienen.
Gießen. Zu dem am 13. März in Mainz stattfindenden Handwerkertag haben nicht nur Gewerbetreibende, sondern alle Interessenten Zutritt.
* Gießen. Wie verlautet, soll im Kolosseum ein modernes Lichtspieltheater eröffnet werden.
= r= Gießen, 25. Febr. Sonntag, den 12. März,
( Gießener Tageblatt)
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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungszieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
mit einem großen Futterausfall zu rechnen haben. Viele Kleestücke sind, weil total ausgefressen, schon im Herbst umgeackert worden, und was stehen blieb, fiel dem hungrigen Ungeziefer während des Winters zum Opfer. Es muß daher für zeitige Nachsaat von Ersatzfutter gesorgt werden.
Löhnberg. Der Postgehilfe Ott bestand die Postassistentenprüfung.
Lixfel di Während man in anderen Bezirken über teuere Holzpreise flagt, zeigt sich hier, daß in diesem Jahre das Holz 25 Prozent billiger ist wie sonst. Man schreibt diesen unerfreulichen Preissturz der bevorstehenden Inbetriebsetzung der Biedenkopf- Dillenburger Bahn zu, die es ermöglicht, bequem und bedeutend billiger als bisher Kohlen zu beziehen.
* Kassel. Für das vaterländische Soldatenheim auf dem neuen Truppenübungsplatz des 11. Armee= korps bei Ohrdruff sind bis jetzt 32 773 Mark eingegangen, während die Gesamtkosten zirka 94 220 Mark betragen.
Hundert Jahre deutsches Turnen.
Kein Volk der Erde hat ein Turnvereinsleben von solch gewaltigem Umfange und einer so imponierenden Organisation, wie das deutsche. In keinem Volke der Erde lebt unter den Turnern aller Gaue in Stadt und Land, in Nord und Süd, im Osten und Westen der Geist der Zusammengehörigkeit und der Disziplin, wie ihn Vater Jahn, der Unsterbliche, als heiliges Erbe seinem Volke hinterlassen hat. In höchster Blüte steht sein Werk da, in dem er in bisher unerreichter Genialität die längst vergessenen Leibesübungen in ein System zu
nachmittags 5 Uhr, veranstaltet der Bauersche sangverein in der Aula der Universitat, hus un- sammenfaßte und dieses dem Grundsatz,„ das Turnen laß seines 47. Stiftungsfestes, ein Konzert. Es werden in demselben eine ganze Anzahl Kunstchöre und Volkslieder zum Vortrag kommen; auch das Quartett des Vereins wird einige Lieder zu Gehör bringen. Frau Ella Steffens- Harnischfeger aus Frankfurt a. M.( Sopran), und Pianist J. Hahn- Gießen wirken in dem Konzert
mit.
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Gießen. Ein Unbekannter hat mehrfach Studentenwohnungen in Abwesenheit des Bewohners aufgesucht. Bei dem Zimmervermieter gab er an. daß er dem Herrn einen Notizzettel schreiben wolle. Dies tat er auch, es stellte sich aber nachher heraus, daß er aus dem Zimmer Wertgegenstände entwendet hatte. Der Dieb gibt sich als Student aus.
* Annerod. Der Volksschriftsteller Heinrich Naumann aus Nanzhausen im Hinterlande sprach hier auf Veranlassung des Ev. Bundes über Heimat und Heimatliebe". Die 1. Schulklasse trua durch Darbietuna passender Gedichte und Lieder zum Gelingen der Veranstaltung wesentlich bei.
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Hungen. Als Beigeordneter wurde H. Seibert 7.( früher Beſiker des Gasthauses zum Löwen. jekt Rentner) mit 102 Stimmen gewählt; der Gegenkandidat erhielt 100 Stimmen.
Darmstadt. Der Zweiten Kammer ist ein Gesetzentwurf, den Arbeiterschutz und die UnBefall verhütung bei Bauten betr. nebst gründung zugegangen. Auf Grund dieses Gesetzes soll dem Gr. Ministerium des Innern die Ermächtiguna verlieben werden. Schutzvorschriften auf dem Wege der Verordnung zu erlassen: die Aufsicht über die Ausführung diefer Vorschriften liegt den Bauvolizeibehörden oh.
Ferner ist eingegangen eine Regierungsnorlage betreff end Bekämpfung der Rebschädlinge. Dornach soll für die Bewilligung von Reihilfen der Retron von 24 000 M. 311 Lasten von Verwaltungsüberfchiffen des Rechnungsinhres 1910 genehmigt werden.
Wetzlar, 25. Febr. In dem von der Lan= Hessen- Nas desversicherungsanstalt
sau in Hofgeismar eingerichteten, zur Aufnahme von männlichen Rentenempfängern bestimmten Invalidenheim sind zur Zeit einige Plätze frei. Rentenempfänger, welche in das Invalidenheim, wo sie vorzugsweise mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt werden, aufgenommen zu werden wünschen, fönnen ihre Aufnahme bei dem Vorstand der obengenannten Versicherungsanstalt in Kassel beantragen.
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Braunfels, 25. Febr. Wilhelm Schwei
3 er. Sohn des hiesigen Küfermeisters Schweizer, hat die Prüfung als Obst- und Gartenbaulehrer bestanden und hat an der Königl. Sächs. Lehranstalt Anstellung ge= funden.
an Vom Lande. Als eine Folge des Mäuse= fraßes werden die Landwirte in diesem Frühjahr
Die
zeit- und volisgemäß zu treiben nach den Bedürf= nissen von Himmel, Land und Volk" unterordnete. Damit hat Jahn seinen Turnern die Spuren seiner Entstehungszeit und auch des Volkes Eigenart eingeprägt, und nur so war es möglich, in der„ Deutschen Turnerschaft" eine volkstümliche Organisation von nationaler Bedeutung zu schaffen, die heute mit 9000 Vereinen und nahezu einer Million Mitgliedern einen achtunggebietenden Faktor in unserem öffentlichen Leben bildet. Turnerei ist gerade in unseren Tagen mehr als je Gemeingut des ganzen Volkes in allen seinen Schichten und Altersklassen beider Geschlechter geworden, sodaß es sich zu einem nationalen Gute von unschätzbarem Werte entwickelt hat.„ Mens sana in corpore sano"," In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist". Das ist der Leitstern, der Vater Jahn voranleuchtete, als er- ein Führer auf den dunklen Pfaden der Zwietracht und des Bruderhasses- dem ganzen Volke neue Wege geebnet hat, auf denen es Höhen gewinnen fonnte, von denen aus ihm die machtvolle Ueberlegenheit über die Völker und Nationen des Erdballs mühelos in den Schoß fiel. Mehr wie je haben wir in unseren Zeitläuften, da unser deutsches Volk von Feinden rings umgeben ist, die seinen Einfluß auf die Geschicke der Menschheit und seine ausschlaggebende Stellung im Rate der Mächte schon längst mit eifersüchtigen Blicken betrachten, alle Ursache, dieses teuere Erbe unseres unvergeßlichen Vaters Jahn, das uns die Kraft und den Mut erhält, das uns groß gemacht hat, zu pflegen und weiter zu entwickeln.
In Offenbach hat man schon vor sieben Jahrzehnten die große Bedeutung der Erbschaft Jahns zu würdigen gewußt und getreu der von ihm aufgestellten ge= Richtlinien die edle Turnerei zu der hohen Blüte bracht, die heute jeden, der Sinn und Verständnis für die schöne und gute Sache zu haben vermag, von Herzen erfreuen muß. Einer der ältesten Turnvereine des Deutschen Reiches, der im Jahre 1843 gegründete Of= fenbacher Turnverein hat nahezu 70 Jahre lang in diesem Sinne gewirkt und wird der Ehren große Fülle aufweisen, wenn er im Jahre 1918 sein diamantenes Jubiläum feiern wird.
Für jeden Freund des deutschen Turnwesens wird es von Interesse sein, zu hören, daß sich im kommenden Frühjahr 100 Jahre vollenden, seitdem Vater Jahn in der Hasenheide bei Berlin den ersten deutschen Turn plaz gründete. Dort, wo man die Schmach napoleonischer Unterdrückung am schwersten empfand, wo man am heißesten den Tag der Erhebung des Volfes herbeisehnte, sollte die deutsche Turnerei ihre Geburtsstunde erleben. Im ganzen Deutschen Reiche wird man dieses Tages gebührend gedenken, man wird sich an diesem Tage mit ehrfurchtsvollem Dank gegen den Geist des unvergeßlichen Turnvaters daran erinnern, was Jahn jedem echten Turner und dem ganzen deutschen Volke gewesen ist.


