Ausgabe 
25.2.1911 Erstes Blatt
 
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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mif., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. Erscheint

jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 48.

( 1. Blatt)

Ein eigenartiger, fortschrittlicher

Parteikandidat.

Die Herren von der Fortschrittlichen Volkspartei lieben es jetzt, vielleicht aus Rücksicht auf ihre Verbrüderung mit den nationalen" Liberalen und( trotz unseres Ries­ser") angeblichen Agrarzollbeschützern ihre Agrarzollfeind schaft bei der Landagitation in der Reisetasche zu lassen. Wenn es aber mit Rücksicht auf den rauhen Zug von noch weiter links her" nötig wird, so hängt man sich schnell das Mäntelchen der Ausrede um, man wolle die " Brot- und Fleischwucherzölle" nicht sofort ausrotten, son­dern dem agrarischen Hunde diesen Schwanz stückweise abhaden. Wie groß die Stücke bemessen, wie schnell hintereinander die schmerz­hafte Operation wiederholt werden soll, darüber aber schweigt man sich vorsichtig nach rechts und links hin

aus.

Ein ganz eigenartiges Verhalten kann man in dieser und anderer Hinsicht besonders an einem der vielen fort­schrittlichen Pastoren- Kandidaten für den Reichstag be­obachten. Pastor Korell, der schon jetzt um den Köhler­schen Wahlkreis im Konkurrenzkampf steht, soll sich nach Mitteilung der Deutsch. Soz. Bl." nicht nur wie schon 1907 als Agrar 3öllner aufspielen wenigstens auf dem Lande", sondern er verheißt dem gewerb­lichen Mittelstande auch sein Eintreten für eine Wa­renhaussteuer.( Wird Korell nicht auch vom Han­sabunde unterstützt? Vielleicht gerade mit den braunen Lappen des Warenhäusler- Schußverbandes. D. Schriftl.) Dieser fortschrittliche Parteikandidat ist aber nicht nur ein Zöllner, sondern er soll auch offen zugeben, daß sein Freisinn ein großes Sünden Re­gister habe, aber er sei persönlich doch nicht verant­wortlich dafür zu machen. Die freisinnigen 3eitungen in den Großstädten verstän Den nichts von der Landwirtschaft, und sie müßten weiter Rücksicht nehmen auf ihre großstädtischen Leser und Inserenten.

B

Mit Recht geben die D. Soz. Bl." ihrem Erstaunen darüber Ausdruck, daß die großstädtische Freisinnspresse noch nicht Stellung genommen habe zu diesem Partei­kandidaten, der ihr heiliges Programm und sie selbst so schroff verleugne.

Run, diese Parteiorgane und die Fortschrittlichen Parteihäuptlinge drücken hier wohl gern beide Augen und Ohren zu. Sie wissen, daß ihr Pastorkandidat wohl nur nach dem auch bei ihnen beliebten Grundsatz handelt: Der 3 wed heiligt die Mittel! Wenn der politische Rekrut Korell auf sozialdemokratischen Krü­cken in den Reichstag gelangen sollte, dann würden ihm Hauptmann Müller und Exerzierkorporal Kopsch schon den richtigen Parteischritt beibringen und ihn alle Ver­sprechungen an die Wähler vergessen machen.

Als Kurtosum erwähnen die D. S. Bl." noch, daß Pastor K. zwar immer aus Rücksicht auf die frommen Bauern sein neues Testament( nicht einmal die ganze Bibel) bei seinen Wahlfahrten mit sich führe und Trost darin suche, daß aber trotzdem die alttestamentlichen Ju­den eifrig für ihn arbeiteten. Die deutschen Bauern im Wahlkreise blickten staunend auf solche Zweckverbindung von Moses und Luther" und auf diesen Kandidaten.

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Reichstagswahlvorbereitungen.

Wetzlar, 25. Febr.( Privattelegramm.) Der nationalliberale Reichstagskandidat für den Wahl freis Wetzlar, Dekonomierat Kreuz- Bonn, hat laut Deutscher Tageszeitung" seine Kandidatur zurückge­zogen.

*) Herford. Was unsere Freunde sich merken wollen! Herr Hoffmann, soziald. Reichstagstan­didat für Herford- Halle, hat auf der am Sonntag in Herford stattgefundenen Generalversammlung des sozial demokratischen Vereins für Herford- Halle laut Volks­wacht"( Nr. 44 vom 21. Februar) ausgeführt:

Die Nationalliberalen sind in letter Linie schuld an der Tabaksteuer, denn ohne deren Vorgehen hätte das Zentrum kaum diese Steuer so bewilligt und mit den Konservativen ein Bündnis abgeschlossen, um zur Regierungsmacht zu gelangen."

. ,, Die Liberalen sind, wie schon gesagt, nicht frei zusprechen von der Schuld an der Tabaksteuer. Der Ab­geordnete Contze( nationalliberal) hat zwar nicht mit­gemacht, aber wir wählen doch nicht nur den Mann, sondern die Partei."

Bisher haben wir oft von sozialdemokratischer Seite hören müssen: Die Christlich- Sozialen sind Schuld der Tabaksteuer. Wir freuen uns, daß jetzt Herr

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Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amtes

Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Samstag den 25. Februar 1911

Hoffmann der Wahrheit die Ehre gibt und feststellt, daß die Liberalen schuld an der Schaffung der Tabaksteuer sind.

*

Siegen. Jm alten Stöckerschen Wahlkreise Sie­gen- Wittgenstein- Biedenkopf ist als Kandidat der Fort­schrittler Pfarrer Spieß in Bottenhorn aufgestellt wor­den. Das ist der 13. oder 14. fortschrittliche Pfarrer= kandidat.

Düsseldorf. Als christlich- sozialer Reichstags­kandidat für Düsseldorf wurde Pfarrer Tetzlaff- So­lingen aufgestellt.

* Mülheim( Ruhr). Der Christlich- Soziale Ver­ein hat den Pfarrer Keu del als Reichstagskandida­ten für den Wahlkreis Mülheim- Duisburg- Oberhausen aufgestellt. Pfarrer Keudel hat die Kandidatur

nommen.

*

Aus Stadt und Cand.

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Gießen, den 25. Februar. Gießen. Für den verstorbenen Kommerzienrat Heyligenstaedt wurde Bankier Jakob Grünewald mit 98 Stimmen in die Handelskammer wählt. Kaufmann Rudolf Nowack erhielt 84 Stimmen. Von den 450 wahlberechtigten Firmen machten 197 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Auch 6 weibliche Firmen inhaber waren persönlich an der Wahlurne erschienen.

Gießen. Zu dem am 13. März in Mainz statt­findenden Handwerkertag haben nicht nur Gewerbetreib­ende, sondern alle Interessenten Zutritt.

* Gießen. Wie verlautet, soll im Kolosseum ein modernes Lichtspieltheater eröffnet wer­den.

= r= Gießen, 25. Febr. Sonntag, den 12. März,

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

mit einem großen Futterausfall zu rechnen haben. Viele Kleestücke sind, weil total ausgefressen, schon im Herbst umgeackert worden, und was stehen blieb, fiel dem hung­rigen Ungeziefer während des Winters zum Opfer. Es muß daher für zeitige Nachsaat von Ersatzfutter gesorgt werden.

Löhnberg. Der Postgehilfe Ott bestand die Postassistentenprüfung.

Lixfel di Während man in anderen Bezirken über teuere Holzpreise flagt, zeigt sich hier, daß in die­sem Jahre das Holz 25 Prozent billiger ist wie sonst. Man schreibt diesen unerfreulichen Preissturz der bevor­stehenden Inbetriebsetzung der Biedenkopf- Dillenburger Bahn zu, die es ermöglicht, bequem und bedeutend bil­liger als bisher Kohlen zu beziehen.

* Kassel. Für das vaterländische Soldatenheim auf dem neuen Truppenübungsplatz des 11. Armee= korps bei Ohrdruff sind bis jetzt 32 773 Mark einge­gangen, während die Gesamtkosten zirka 94 220 Mark betragen.

Hundert Jahre deutsches Turnen.

Kein Volk der Erde hat ein Turnvereinsleben von solch gewaltigem Umfange und einer so imponierenden Organisation, wie das deutsche. In keinem Volke der Erde lebt unter den Turnern aller Gaue in Stadt und Land, in Nord und Süd, im Osten und Westen der Geist der Zusammengehörigkeit und der Disziplin, wie ihn Vater Jahn, der Unsterbliche, als heiliges Erbe sei­nem Volke hinterlassen hat. In höchster Blüte steht sein Werk da, in dem er in bisher unerreichter Genialität die längst vergessenen Leibesübungen in ein System zu­

nachmittags 5 Uhr, veranstaltet der Bauersche sangverein in der Aula der Universitat, hus un- sammenfaßte und dieses dem Grundsatz, das Turnen laß seines 47. Stiftungsfestes, ein Konzert. Es werden in demselben eine ganze Anzahl Kunstchöre und Volks­lieder zum Vortrag kommen; auch das Quartett des Ver­eins wird einige Lieder zu Gehör bringen. Frau Ella Steffens- Harnischfeger aus Frankfurt a. M.( Sopran), und Pianist J. Hahn- Gießen wirken in dem Konzert

mit.

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Gießen. Ein Unbekannter hat mehrfach Stu­dentenwohnungen in Abwesenheit des Bewohners auf­gesucht. Bei dem Zimmervermieter gab er an. daß er dem Herrn einen Notizzettel schreiben wolle. Dies tat er auch, es stellte sich aber nachher heraus, daß er aus dem Zimmer Wertgegenstände entwendet hatte. Der Dieb gibt sich als Student aus.

* Annerod. Der Volksschriftsteller Heinrich Nau­mann aus Nanzhausen im Hinterlande sprach hier auf Veranlassung des Ev. Bundes über Heimat und Heimatliebe". Die 1. Schulklasse trua durch Dar­bietuna passender Gedichte und Lieder zum Gelingen der Veranstaltung wesentlich bei.

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Hungen. Als Beigeordneter wurde H. Seibert 7.( früher Beſiker des Gasthauses zum Lö­wen. jekt Rentner) mit 102 Stimmen gewählt; der Gegenkandidat erhielt 100 Stimmen.

Darmstadt. Der Zweiten Kammer ist ein Gesetzentwurf, den Arbeiterschutz und die Un­Be­fall verhütung bei Bauten betr. nebst gründung zugegangen. Auf Grund dieses Gesetzes soll dem Gr. Ministerium des Innern die Ermächtiguna ver­lieben werden. Schutzvorschriften auf dem Wege der Ver­ordnung zu erlassen: die Aufsicht über die Ausführung diefer Vorschriften liegt den Bauvolizeibehörden oh.

Ferner ist eingegangen eine Regierungsnorlage betreff end Bekämpfung der Rebschädlinge. Dor­nach soll für die Bewilligung von Reihilfen der Re­tron von 24 000 M. 311 Lasten von Verwaltungsüber­fchiffen des Rechnungsinhres 1910 genehmigt werden.

Wetzlar, 25. Febr. In dem von der Lan= Hessen- Nas desversicherungsanstalt

sau in Hofgeismar eingerichteten, zur Aufnahme von männlichen Rentenempfängern bestimmten Invaliden­heim sind zur Zeit einige Plätze frei. Rentenempfänger, welche in das Invalidenheim, wo sie vorzugsweise mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt werden, aufge­nommen zu werden wünschen, fönnen ihre Aufnahme bei dem Vorstand der obengenannten Versicherungsan­stalt in Kassel beantragen.

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Braunfels, 25. Febr. Wilhelm Schwei­

3 er. Sohn des hiesigen Küfermeisters Schweizer, hat die Prüfung als Obst- und Gartenbaulehrer bestanden und hat an der Königl. Sächs. Lehranstalt Anstellung ge= funden.

an Vom Lande. Als eine Folge des Mäuse= fraßes werden die Landwirte in diesem Frühjahr

Die

zeit- und volisgemäß zu treiben nach den Bedürf= nissen von Himmel, Land und Volk" unterordnete. Da­mit hat Jahn seinen Turnern die Spuren seiner Ent­stehungszeit und auch des Volkes Eigenart eingeprägt, und nur so war es möglich, in der Deutschen Turner­schaft" eine volkstümliche Organisation von nationaler Bedeutung zu schaffen, die heute mit 9000 Vereinen und nahezu einer Million Mitgliedern einen achtunggebieten­den Faktor in unserem öffentlichen Leben bildet. Turnerei ist gerade in unseren Tagen mehr als je Ge­meingut des ganzen Volkes in allen seinen Schichten und Altersklassen beider Geschlechter geworden, sodaß es sich zu einem nationalen Gute von unschätzbarem Werte entwickelt hat. Mens sana in corpore sano"," In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist". Das ist der Leitstern, der Vater Jahn voranleuchtete, als er- ein Führer auf den dunklen Pfaden der Zwietracht und des Bruderhasses- dem ganzen Volke neue Wege geebnet hat, auf denen es Höhen gewinnen fonnte, von denen aus ihm die machtvolle Ueberlegenheit über die Völker und Nationen des Erdballs mühelos in den Schoß fiel. Mehr wie je haben wir in unseren Zeitläuften, da un­ser deutsches Volk von Feinden rings umgeben ist, die seinen Einfluß auf die Geschicke der Menschheit und seine ausschlaggebende Stellung im Rate der Mächte schon längst mit eifersüchtigen Blicken betrachten, alle Ursache, dieses teuere Erbe unseres unvergeßlichen Vaters Jahn, das uns die Kraft und den Mut erhält, das uns groß gemacht hat, zu pflegen und weiter zu entwickeln.

In Offenbach hat man schon vor sieben Jahr­zehnten die große Bedeutung der Erbschaft Jahns zu würdigen gewußt und getreu der von ihm aufgestellten ge= Richtlinien die edle Turnerei zu der hohen Blüte bracht, die heute jeden, der Sinn und Verständnis für die schöne und gute Sache zu haben vermag, von Her­zen erfreuen muß. Einer der ältesten Turnvereine des Deutschen Reiches, der im Jahre 1843 gegründete Of= fenbacher Turnverein hat nahezu 70 Jahre lang in diesem Sinne gewirkt und wird der Ehren große Fülle aufweisen, wenn er im Jahre 1918 sein diamantenes Jubiläum feiern wird.

Für jeden Freund des deutschen Turnwesens wird es von Interesse sein, zu hören, daß sich im kommen­den Frühjahr 100 Jahre vollenden, seitdem Vater Jahn in der Hasenheide bei Berlin den ersten deutschen Turn plaz gründete. Dort, wo man die Schmach napoleonischer Unterdrückung am schwersten empfand, wo man am heißesten den Tag der Erhebung des Vol­fes herbeisehnte, sollte die deutsche Turnerei ihre Ge­burtsstunde erleben. Im ganzen Deutschen Reiche wird man dieses Tages gebührend gedenken, man wird sich an diesem Tage mit ehrfurchtsvollem Dank gegen den Geist des unvergeßlichen Turnvaters daran erinnern, was Jahn jedem echten Turner und dem ganzen deut­schen Volke gewesen ist.