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und thr Liebhaber, ebenfalls ein Bergmann, wegen Beihilfe verurteilt. Die Frau erhielt fieben, ihr Geliebter sechs Jahre Buchthaus.

Vermischtes.

Ein Briefträger zum Nühemelfen gesucht. Das Lu­zerner Tageblatt" vom 16. Juni enthält folgende Anzeige: Briefträger. Bu sofortigem Eintritt gesucht ein gesunder, fräftiger, intelligenter, solider junger Bursche im Alter von 16 bis 25 Jahren als Briefträger. Einer vom Lande, der melfen fann und die landwirtschaftlichen Arbeiten auch ver= steht, wird bevorzugt. Familiäre Behandlung und schöner Lohn zugesichert. Anmeldungen mit Schul- und Leumunds­zeugnissen sofort an Fridolin Banz, Postablagehalter, Michlischwand bei Escholzmatt. Das ist jedenfalls eine neuartige Bestallung" eines Verkehrsbeamten.

Ein Weiberaufstand auf Samoa. Der Rhein.- Westf. 3tg." wird von einem Weiberaufstand geschrieben, der im April in Samoa stattgefunden hat. Der Pflanzer Mi­chaelis hatte in der Sam. 3tg." neuen Ansiedlern empfoh­len, sich ihre deutsche Frau gleich mitzubringen, da sie sonst gar bald in die Arme einer braunen oder halb­braunen Schönen sinken würden. Dies empörte alle die Samoanerinnen, die mit Weißen in mehr oder minder le­gitimer Ehe leben, und sie brachen nach Michaelis Farm auf, die ihnen angetane Schmach blutig zu rächen. Eine der racheschnaubenden Hyänen schwang voll Wut eine Reit­peitsche. Andere hatten sich mit Stöden bewaffnet. Es war aber auch schwere Montur vertreten. Die Frau eines an Lepra verstorbenen Schmiedes hatte die Schmiedezange mitgenommen. Eine besondere Abteilung trug einen gro­Ben Teereimer und einen Korb voll Federn. Teils barfü­Big, teils beschuht, trabte das Amazonenheer an uns vor­über." Michaelis wurde aber noch rechtzeitig von einer Schar Polizisten gewarnt und in Schutzhaft genommen. Es wurde dann sogar versucht, das Gefängnis zu stürmen und man zerstreute sich erst, als die Polizisten zu feuern drohten. Am Abend fand eine Versammlung der weißen Ehemänner und Liebhaber der mutigen Amazonen in der Markthalle statt. Man verfaßte eine Protestnote_gegen den Beleidiger der Rassenehre und verlangte die Entfer­nung aus dem Schutzgebiete. Michaelis wurde zwei Tage später unter polizeilicher Bedeckung auf den Australdam­pfer gebracht und mußte das Land verlassen.- Nach der Zuschrist hatte Michaelis gerade mit Freimut in eine of­fene Wunde gegriffen. Es soll in Samoa die größere Hälfte aller Weißen mit farbigen Frauen oder Wirtschafterinnen leben. Sogar von den 30 Beamten des Gouvernements hätten nur acht weiße, 12 hingegen farbige Frauen. Be­reits gebe es 1100 Mischlinge bei 500 Weißen.

Der Perlenschmuck der Zarin. Die gewöhnlich in Lon­don weilenden russischen Polizeiagenten Alexander Rozoff und Jwan Arwat befinden sich angeblich auf einer myste­riösen Mission in Amerika. Es soll der 3arin ein äußerst wertvoller Perlenschmuck, der zu den prächtigsten Klein­odien des Hauses Romanoff gehört, abhanden gekommen sein und seinen Weg über London nach Neuyork gefunden haben. Die Neuyorker Polizeibehörden haben ihren rus­fischen Kollegen jedoch einen Wink gegeben, der sie nach Neuorleans geführt hat. Inzwischen hält auch die Lon= doner Geheimpolizei fleißig Umschau nach dem Schmuck und den Dieben.

Folgenschwere Spiritusexplosion. Im Gebäude der Sächsischen Spiritusgesellschaft in Dresden entstand am Mittwoch nachmittag auf bisher unaufgeklärte Weise eine Spiritusexplosion. Die sofort herbeigeeilte Feuerwehr fand an der Unfallstelle den 31 Jahre alten Abfüller Schalm unter den Trümmern auf; er gab nur noch schwache Lebens­zeichen von sich und starb bald darauf. Der Kontorist Wolf hat erhebliche Verletzungen davongetragen, so daß man an seinem Aufkommen zweifelt. Schwere Brandwunden erlit= ten ferner der Direktor Schmidt, ein Steueraufseher und ein Feuerwehrmann, die sämtlich nach dem Krankenhaus überführt wurden. Mehrere Personen wurden leicht ver­letzt. Es sind mindestens 40 000 Liter Spiritus ausgelaufen. Banditendreistigkeit. Als gestern nachmittag der Pfar­rer und die beiden Kapläne von Eintrachthütte bet Beu­then( Oberschlesien) bei Tische saßen, betraten zwei Indi­viduen das Pfarrhaus. Einer der Kapläne öffnete und fragte nach ihrem Begehr. Dabei wurde er gewahr, daß einer der beiden Männer einen Revolver bei sich trug. Er ging in das Zimmer zurück und meldete dem Pfarrer, daß die beiden Männer ihn zu sprechen wünschten. In diesem Augenblick schossen die beiden auf die Geistlichen. Diese schlugen die Türe zu und riefen um Hilfe. Der Kutscher, der die Rufe hörte, ließ die Hunde los. Außer­dem fam Volt und Polizei herbeigeeilt. Die Banditen ergriffen hierauf die Flucht, wurden aber sofrt verfolgt. Bet der Verfolgung wurden Schüsse gewechselt. Hierbet wurde ein Polizist an der Hand verletzt und einer der Verfolgten am Kopfe. Schließlich wurden die Banditen festgenommen. Sie verweigern die Angabe ihrer Perso­nalien.

Große Arbeiteraussperrungen. Um am Sonnabend ben Vieruhrschluß zu erzwingen, streiken in der Färberei von Batte in Meerane sämtliche Arbeiter. Der Verband sächsisch- thüringischer Färbereten wird infolgedessen am 28. Juni 7000 Arbeiter aussperren, falls die Arbeit in der genannten Fabrik nicht bis zum 23. Junt wieder aufge­nommen wird. Der angedrohte Streik der norwegischen Bergleute ist gestern eingetreten. Er umfaßt 4000 Arbets ter. Nach dem Ultimatum der rbeitgeber wird die früher angekündigte Riesenaussperrung am Sonnabend verkün­digt werden und am 8. Jult in Kraft treten. Sie wird 30 000 bis 40 000 Arbetter betreffen.

Vereitelte Flucht aus dem Gefängnis. Als ein Ge­fängnisschließer des Untersuchungsgefängnisses in Schöne­berg bei Berlin gestern abend die Zelle eines Untersu= chungsgefangenen, eines 34jährigen Uhrmachers, betrat, be= merkte er, daß sich dieser gerade aus dem Fenster des er­ften Stockes schwingen wollte. Nach hartem Kampf gelang es dem Aufseher, den Gefangenen zu überwältigen, der bewußtlos zusammenbrach. Man brachte ihn nach der Un­fallstation, da ihm zwei Finger der rechten Hand fehlten. Bet dem Fluchtversuch hatte er das eiserne Fenster mit der Hand zurückgebogen. Dabei war das Rahmengestell zu­rückgeschnellt und hatte ihm beide Finger abgeklemmt

Kinderleichen im Koffer. Bei Ankunft des Dampfers , Cordoba" im Hafen von Cadiz fanden die Zollbeamten in den mit doppelten Boden versehenen Koffern des Ehe­paares Garcia- Gomez die Ueberreste zweier Kinderleichen. Die Nachforschung der Behörde ergab in Uebereinstimmung mit den Aussagen des Paares, daß dieses vor der Abfahrt in Buenos Aires die Leichen seiner beiden erst vor kurzem verstorbenen Kinder hatte ausgraben lassen, um sie mit über den Ozean in das spanische Heimatland zu nehmen und hier von neuem beizusehen.

Eine schwere Typhusepidemie herrscht, wie berichtet, in der Stadt Schneidemühl. Bis Mittwoch mittag waren etwa 150 Typhusfälle gemeldet worden, so daß das städti­sche Krankenhaus bereits überfüllt ist und Baraden auf­geschlagen werden müssen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Krankheit durch Milch von verseuchten Tieren ein­geschleppt worden. Gegen die Molkereien und gegen sämt­liche Milchhandlungen sind sehr scharfe Maßregeln getroffen worden. Ebenso sind bereits einige Bäckereien und Gast­wirtschaften geschlossen. Die Schließung weiterer Geschäfte steht unmittelbar bevor. Auch sämtliche Schulen wurden geschlossen. In der Stadt herrscht allgemeine Panik, da man nicht weiß, woher die Krankheit stammt. Gestern wurden 35 neue Typhusfälle gemeldet.

Vier Stunden nach der Trauung gestorben. Eine tra­gische Unterbrechung fand in Philadelphia ein Hochzeits­mahl durch den plötzlichen Tod der Braut. Juanita Brown war eben ihrem Gatten angetraut worden und schon versammelte sich die fröhliche Schar der Hochzeitsgäste zum Mahle. Plötzlich fiel Frau Brown ohnmächtig um, als sie aus der Ohnmacht erwachte, erklärte sie, daß sie be­reits seit einigen Tagen heftige Schmerzen im Unterleib gefühlt, aber um die Hochzeit nicht zu verzögern, nichts davon geäußert habe. Sie wurde ins Krankenhaus über­geführt, wo sich die Notwendigkeit herausstellte, sofort eine Blinddarmoperation vorzunehmen. Gleich nach der Ope­ration, vier Stunden nach der Trauung, starb sic.

Jugendliche Verbrecher. Von der Köpenicker Polizei find drei jugendliche Verbrecher dingfest gemacht worden, die durch ihre Raubzüge die Bewohner der Stadt und Um­gebung in Unruhe versezt hatten. 3wet 11- und 12jährige Schüler aus Köpenick, die ihren Eltern entlaufen waren, lebten seitdem von Einbrüchen, bei denen sie eine staunens­werte Kühnheit an den Tag legten. Sie stahlen alles, was sie nur erreichen konnten. Als die beiden in der ge= strigen Nacht reich beladen von einem Beutezug kamen, liefen sie in Köpenick zwei Polizeibeamten in die Hände. Ein dritter jugendlicher Verbrecher, ein 15jähriger Lauf­bursche in Köpenick, zog bei seiner Festnahme einen Re­volver, wurde aber überwältigt. Tegel bei Berlin purden gestern gleich vier junge Verbrecher ergriffen. Burden von 17 und 18 Jahren.

Die findige Post. Zu einem Jenaer Professor tam dieser Tage ein Mann und verkaufte ihm ein Pfund Erd­beeren. Der Professor unterhielt sich mit dem Mann und erfuhr, daß er verheiratet sei, zwei erwachsene Söhne habe und in Hirschberg bei Dornburg wohne. Der Mann ver­Sprach, am Donnerstag wieder zu kommen und dem Profes­for frische Erdbeeren bringen. Da dies nicht geschah, wollte thn der Professor schriftlich darum ersuchen und er schrieb deshalb eine Karte mit der Adresse: Herr?" der eine Frau und zwei erwachsene Söhne hat und am Donnerstag, Erdbeeren bringen wollte, in Hirschberg bei Dornburg. Die Postkarte kam in die richtigen Hände und der Professor bekam seine Erdbeeren.

92 Kilometer auf der Wagenachse. Eine billige Fahr­gelegenheit verschaffte sich ein wandernder Handwerksbur­sche, der zu Fuß nach Halle gelangt war. Er löste sich dort gestern früh eine Bahnsteigtarte für zehn Pfennige, be­nuzte einen günstigen Augenblick, um ungesehen unter den Wagen eines zur Abfahrt bereit stehenden Zuges zu krie chen und machte dann auf der Wagenachse liegend die Fahrt von Halle nach Halberstadt, das sind 92 Kilometer, mit. In Halberstadt entdeckte man thn und übergab ihn der Polizei.

Die polizeiwidrigen Hutnadeln. Das Tragen unge­schützter Hutnadeln wird jetzt in Hamburg bestraft. Die Polizeibehörde hat folgende Bekanntmachung erlassen: ,, Nachdem wiederholte Warnungen nicht den gewünschten Erfolg gehabt haben, hat die Polizeibehörde nun die Schußmannschaft angewiesen, solche Damen, die auf der Straße mit weit hervorstehenden, unverdeckten Hutnadel­spizen anderen Bezsonen lästig fallen können, zur Mel­dung zu bringen, damit die betreffenden Damen bestraft werden. Auch ist den Straßenbahngesellschaften auferlegt, eine schärfere Kontrolle darüber auszuüben, daß Damen mit ungeschützten Hutnadeln von der Beförderung ausge­schlossen werden" Dieser Ukas ist deshalb erforderlich ge­worden, weil in der letzten Zeit wieder zahlreiche Fälle von Verlegungen durch ungeschütte Hutnadeln vorgekom­men sind.

Der Klub der Barfüßler. Es gibt noch immer selbst­lose Menschen. In Worms hat sich ein Klub der Barfüß­Ter" gebildet, mit dem schönen 3wed, an jedem Sonntag in der Frühe barfuß Ausflüge in die Umgebung zu machen. Zum Präsidenten dieses Klubs ist kein anderer als der Schuhmachermeister Ludwig Ost in Worms gewählt wor­den, der das Amt angenommen hat und für den Verein eifrig Propaganda macht.

Ihre

Der Appetit der Königin Wilhelmine. Königin Wil­helmine von Holland kann wohl als die stärkste Esserin unter den gekrönten Häuptern bezeichnet werden. Lieblingsgerichte sind, wie eine französische Zeitchrift er­zählt, Lammfeule und Ochsenfilet nach englischer Art. Sie nimmt nicht weniger als sechs Mahlzeiten jeden Tag ein. In der Morgenfrühe trinkt sie Kaffee und ißt dazu eine reichliche Menge mit Butter bestrichene Scheiben Schwarz­brot( Pumpernickel); um 10 Uhr frühstückt ste, und zwar werden ihr warme Pasteten und Creme double vorgesetzt, bazu trinkt sie zwei Glas süßen Rotwein. Um 2 Uhr nimmt fte wieder einen reichlichen Jmbiß; um 4% Uhr gibt es Tee mit Sandwichs; um 8 Uhr endlich die Hauptmahlzeit, die in der Regel einem Festschmaus gleicht; um 10 Uhr wird der Tag mit Wein und Biskuit beschlossen. Der Prinzge­mahl hält seiner föniglichen Gattin im Essen die Stange und hat es zu seiner besonderen Aufgabe gemacht, sich um die Versorgung der königlichen Weinkeller zu kümmern, die er reichlich mit Burgunder, Champagner und köstlichem alten Tokayer der besten Art versehen läßt.

Der Distanzritt der Kosakin. Alle Moskauer Zeitungen bringen ausführliche Berichte über die Kosakin Alexandra Kudaschera, die einen Distanzritt von Charbin nach Peters­burg unternommen hat und bereits in der alten Kreml­stadt eingetroffen ist. Frau Kudaschewa ist 36 Jahr alt. Ste stammt aus Turkestan, wo ihr Vater Kosafenoffizier war. Als im Jahre 1904 thr Man starb, begab sie sich nach dem fernen Often, wo sie seitdem gelebt hat. In der letzten Zeit bekleidete sie den Posten einer Rechnungsführerin an der Ussuri- Eisenbahn. Die Kudaschewa trägt volle Kosakenaus­rüstung. Ihre Haare sind kurz geschoren, und das gebräun­te Gesicht zeigt eine sehr energischen Ausdruck. An ihre Weiblichkeit erinnern nur die kostbaren Ohrringe. In Mos­kau hat der Kommandeur der Don- Kosaken der schneidigen Dame ein Zimmer in der Kosakenkaserne anweisen lassen. Ueber ihren Ritt von Charbin nach Moskau erzählt Frau Kudaschewa folgendes: Am 13. Mai 1910 ritt ich von Char­bin aus. Ich ritt ununterbrochen Sommer und Winter, meist auf der großen alten Mostauschen Straße, die oft, wie 3. B. in Irkutsk und Tobolst, sich auf 100-150 Werst von der Eisenbahnlinie entfernte. Die ganze Strecke beträgt etwa 11 000 erst. Die schlimmste Reisezeit war der Win­ter. So ritt ich 16 Werft bei einer Kälte von 42 Grad, wo­bei mir die linke Wange und die Finger erfroren. Im übrigen bin ich sehr zufrieden mit der Reise und fühle mich wohl. Abenteuer habe ich in großer Anzahl erlebt. In Irkutsk wurde ich für einen von der Regierung abgesandten Gemvolizisten gehalten; die Bauern umzingelten das

Haus, in dem ich wohnte, und ich konnte sie nur dadurch vertreiben, daß ich mehrere Revolverschüsse in die Luft feuerte. In Tobolsk hielt man mich gar für den- Anti­christ. Daß ich eine Frau wäre, wollte fein Mensch glauben. In Orenburg verbreitete sich das kuriose Gerücht, daß mein Pferd, mit dem ich nachts sogar das Zimmer teile, Deutsch sprechen könne. Es erschienen Händler, die mir einen enor men Preis für das sprechende Pferd" boten. In vielen Städten wurde ich feierlich empfangen. Während der 13 Monate, die ich unterwegs bin, habe ich etwa 4000 Rubel ausgegeben. Mein Pferd Mongolit" ist sehr klein. Ich füttere und striegele es selber. Der Zwed meiner Reise ist zu beweisen, daß die Kosakinnen ebenso ausdauernd und wi derstandsfähig sind wie die Männer, und daß sie ebenso leicht Entbehrungen aller Art ertragen können.

Der Krönungstag in London.

Hente werden in der altehrwürdigen Westminsterabtet zu London König Georg von England und seine Gemahlin mit den alten englischen Krönungsinfignien geschmückt wer­den und damit erst die offizielle Weihe erhalten. Als ge­sellschaftlicher Auftakt zu den Festlichkeiten der Krönungs­woche fand Dienstag abend in der Albert- Hall der feit Wochen in den Kreisen der Mitwirkenden und in der Def­fentlichkeit diskutierte

große Shakespeare- Kostümball

statt. Die weiten Räumlichkeiten der Albert Hall waren in einen Garten verwandelt, in dem einige tausend Gestalten aus Shakespeareschen Dramen sich festlich ergingen. Der streng durchgeführte Kostümzwang machte diese Zusammen­kunft der vornehmsten Kreise der Hauptstadt und des Lan­des zu einem Bilde von selbst in London noch nicht ge­sehener Pracht und festlichem Glanze. Gegen Mitternacht erschienen im Festzuge Heinrich VIII., Maria Stuart und Elisabeth, von ihrem Hofstaat umgeben. Dies Gefolge wurde zumeist von den Abkömmlingen jener Staatsmänner und Hofleute dargestellt. 29 Quadrillen- Gruppen, von de­nen fede Gestalten eines Shakespeareschen Schauspiels ver­einigte, tanzten ihren festlichen Reigen vor den Fürsten aus der Vergangenheit und vor den zur Krönungsfeier anwesenden, in drei Logen verteilten Fürstlichkeiten der Gegenwart, darunter der deutsche Kronprinz, die Kron­prinzessin, der Großherzog von Hessen, die Großherzogin von Hessen, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen u. a. Dann folgte der allgemeine Ball, der bis zum frühen Morgen dauerte. Die aus dem Erlös der Billette erzielte Summe, die bei den enormen Preisen, die für die Logen bezahlt wurden, erheblich sein dürfte, geht als Schenkung an den Fonds für das geplante Shakespeare- National­theater.

Der deutsche Festgruß.

Zur englischen Krönungsfeier schreibt die Nordd. Allg. 8tg." offiziös u. a.: Die Krönungsfeierlichkeiten errei chen morgen mit der Zeremonie in der Westminsterabtei ihren Höhepunkt. Auch in Deutschland begleiten weite Streise die Vorgänge, deren Schauplatz die britische Haupt­stadt gegenwärtig bildet, mit warmer Sympathie. Ist uns doch der herzliche Empfang, der vor Monatsfrist un­serem Kaiserpaar und der Prinzessin Viktoria Luise auf englischem Boden bereitet wurde, in lieber Erinnerung. In der Anwesenheit des Kronprinzen und der Kronprinzessin bei den Londoner Feierlichkeiten spricht sich die Teilnahme unseres kaiserlichen und königlichen Hauses und des deut­schen Volkes an den Londoner Festlichkeiten aus. Möge der glänzende Verlauf der Krönungsfeier von symbolischer Be­deutung werden für eine segensreiche Regierung König Georg V. zum Wohle des englischen Volkes."

Bilder aus der Krönungsstadt.

An die Spitze der zur Krönung befohlenen Trup­pen ist Feldmarschall Lord Kitchener, der bedeutende Or ganisator der englischen Armee, gestellt worden. Man hat die für England sehr große Zahl von 60 000 Mann auf­geboten. Auch eine größere Abteilung indische Kavallerie ist herüber gekommen. Diese Truppenmasse wird in fünf Sektionen geteilt, deren jede ein Generalleutnant komman diert. Die Infanterie kampiert in den Londoner Stadt­parks, die sämtlich in große Zeltlager verwandelt sind. Schon vor Tagesanbruch marschierten die Truppen an ihre Standplätze. Ganz London hat eine unruhige Nacht gehabt, denn selbst die Inhaber der teuersten Plätze mußten äußerst zettig zur Stelle sein, weil ihnen niemand das Durchkom­men garantiert. Trotzdem war die ganze Londoner Gesell­schaft gestern abend auf Bällen, Diners und in der Oper versammelt. Die Frauen der Peers, die sehr früh im vor geschriebenen Staat in der Abtei sein mußten, mußten viel­fach kurz nach Mitternacht sich schon frisieren lassen, weil selbst in London die Zahl der fashionablen Friseure zu tnapp ist. In den Straßer schiebt sich eine unermeßliche Menschenflut. Von den Menschenmassen, die in den fom menden Tagen auf den Beinen sein werden, kann sich kaum jemand eine Vorstellung machen, der nicht dabei ist. Viel­Teicht von wenigen der größten Völkerschlachten abgesehen, waren schwerlich schon irgendwo so viele Individuen auf einem engen Raum beisammen. Wenn man nur rechnet, daß ein Fünftel der Bevölkerung Londons in diesen zwei Tagen dem Westen zudrängt, so fommt man auf 1% Mil­lionen. Und die Hunderttausende aus der Provinz und dem Auslande dürften die Zahl den zwei Millionen nahe bringen. Diese Massen in Schranken zu halten und den Verkehr, der freilich viele Stunden lang auf der Feststrecke vollkommen gesperrt ist, vor und nach der föniglichen Pro­zeffion zu regulieren, ist eine gewaltige Aufgabe für die Polizei.

Der Draht meldet uns ferner:

London, 22. Juni. Anläßlich des heutigen Krö­nungstages sind die Häuser festlich geschmückt. Sie sind mit Teppichen behangen und tragen reichen Flaggen- und Girlandenschmuck. Der Verkehr in den Straßen ist ganz gewaltig. Um 8 Uhr setzte ein leichter Regen ein.

London, 22. Juni. Bei dem Zuge der fremden Fürstlichkeiten und der Vertreter der fremden Staaten nach der Westminsterabtei wurde bemerkt, daß dem deutschen Kronprinzen und der Kronprinzessin sowie dem Prinzen Heinrich von der Bevölkerung eine lebhafte und herzliche Begrüßung zuteil wurde, die einen durchaus persönlichen Charakter trug. Der Regen hat aufgehört.

Drabtnachrichten und neuestes.

Gerüchte über Kaiser Franz Josef.

0 Wien, 22. Juni. In Budapest waren gestern alar= mierende Gerüchte über den Gesundheitszustand Kaiser Franz Josefs verbreitet. Es hieß nämlich, der Monarch hätte nach einer aufgeregten Auseinandersetzung mit dem Erzherzog- Thronfolger, die sich darum drehte, daß sich der lettere bekanntlich geweigert hatte, zu den Krönungsfeier­lichkeiten nach London zu gehen, einen leichten Schlaganfall erlitten. Die offiziöse Korrespondenz Wilhelm" dementiert diese Nachricht mit dem Hinzufügen, daß sich der Kaiser bei bestem Wohlsein befinde.

Der Ertrag des Pariser Blumentages. Paris, 22. Juni. Der am letzten Sonntag in Paris veranstaltete Blumentag zugunsten der in Marokko ver­wundeten französischen Soldaten hat einen Extrag von 160 000 Francs ergeben.

Anschläge gegen französische Krankenhausärzte, Paris, 22. Juni. Der Leiter des Krankenhauses Hotel du Dien erhielt in den letzten Tagen mehrere Briefe, in denen verschiedene Aerzte der Anstalt mit dem Tode bedroht werden. Da man befürchtet, daß das Attentat auf den Arzt Guinard Nachahmung finden werde, werden sämte liche Eingänge zum Krankenhaus streng bewacht.