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Gießener Beitung
( Neueste Nachrichten)
Bezugspreis 50 pig. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen
oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. Erscheint Mittags 3 Uhr. Die„ Illuftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Nedaktion: Seltersweg 83.- Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 120.
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Telephon: Nr. 362.
Der Kaiser über den Frieden.
Der Kaiser ist bei seinem Besuche in England fortgesetzt der Gegenstand lebhaftester Aufmerksamkeit des Publikums sowohl wie der Presse gewesen, die täglich nicht nur spaltenlange Artikel über den Aufenthalt des Kaisers in London brachte, sondern auch mehr oder minder zutreffende anekdotische Mitteilungen. Aus dieser Mischung von Dichtung und Wahrheit, verdienen Mitteilungen hervorgehoben zu werden, die die Wochen schrift„ Everybodys Weekly" macht, weil sie nicht uninteressante Aeußerungen wiedergibt, die der Kaiser über politische Fragen gemacht hat oder wenigstens ge= macht haben soll. Es handelt sich um Gespräche, die der Kaiser angeblich mit einem englischen Künstler der Name wird nicht genannt geführt haben soll. Ein Telegramm der„ N. Fr. Pr." teilt über diese Veröffentlichung u. a. mit:
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An der Spitze der Veröffentlichung steht ein leidenschaftliches Friedensbekenntnis des Kaisers:„ Der dreißig jährige Krieg", sagte er,„ hat Deutschland auf dem Wege der Zivilisation um hundert Jahre zurückgeworfen. Jetzt sind wir mit Euch nahezu auf einem Niveau. Wo wären wir, wenn wir statt des dreißigjährigen Krieges 30 Jahre Frieder gehabt hätten? So lange ich im Rate Europas eine kontrollierende Stimme habe, soll 3 11 meinen Lebzeiten fein Schuß abgefeuert und kein Schwert gezogen werden." Der Kaiser sagte, daß Europa jetzt durch die internationalen Bande von Finanz und Handel so eng verbunden ist, daß in einem europäischen Krieg der Sieger mehr verlieren würde als er gewinnen könnte. Deutschland habe auf dem Gebiete der angewandten Kunst solthe Fortschritte gemacht, daß weder er, der Kaiser, noch sein Volk, die Position, die es friedlich, aber sicher durch die Charlottenburger technische Hochschule und ähnliche Institutionen gewinne, auf dem Schlachtfelde in Gefahr setzen würden. Andererseits verteidigte der Kaiser die militärischen Rüstungen. Deutschland als Kontinentalmacht könne sich nur dann seiner friedlichen Arbeit mit Sicherheit hingeben, wenn es auf allen Seiten von einer Hecke von Bajonetten umgeben sei. Ihr Engländer, die ihr das Meer als natürliches Bollwerk besitzt, könnt nicht die Gefühle einer kontinentalen Macht verstehen, welche diese veranlassen, sich aufs Schwert zu stützen."
Der englische Künstler gewann aus den mehrtägigen Unterredungen mit dem Kaiser den Eindruck, daß des Kaisers größte Sympathie der arbeitenden Mittelklasse seines Landes gehört. Die grundbesitzende und militärische Aristokratie ist ein Mechanismus, den er zwar geerbt hat, aber nur zum allgemeinen Besten benützen will. Aber er glaubt nicht, daß die Massen sich selbst regieren können. Er ist ein Schüler von Thomas Carlyle, dessen Studie über Friedrich den Großen eines der größten Bildungselemente für den deutschen Kaiser gewesen ist. Er will durch seine Autorität den langsamen, gedankenlosen Teil der Menschheit rascher vorwärts treiben, und zwar in der Richtung, die er selbst bestimmt. Er hat den Ausdruck vom„ big stick"( großen Stock) von Theodore Roosevelt gebraucht.
Es läßt sich, wie gesagt, nicht kontrollieren, ob und in wieweit diese Mitteilungen den Tatsachen entsprechen jedenfalls liegt das Gespräch schon längere Zeit zu rück, da es mit einem Künstler geführt sein soll, der nach den Angaben der englischen Zeitschrift„ bei der Ausschmückung der kaiserlichen Nacht tätig war". Die Stellung des Kaisers zu den darin angeschnittenen Fragen ist aber bekannt und deckt sich mit der aus obigen Darlegungen erkenntlichen. Die Mitteilungen des„ Everybody Weekly" bedeuten also keine„ Enthüllungen“, wohl aber eine starke Unterstreichung der Lebensanschauungen des Kaisers, die also sehr wohl zutreffend sein können.
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Reichstagswahlvorbereitungen.
Frankfurt a. M., 23. Mai. In der gestern stattgefundenen nationalliberalen Volks- Versammlung im Kaufmännischen Verein sprach man sich dahin aus, daß in den kommenden Reichstagswahlen unter allen Umständen die Front nach rechts, nicht nach links gerichtet werden müsse; das gebiete mit Naturnotwendigkeit die Forderung der gegenwärtigen politischen Lage.
* Worms, 22. Mai. Gutsbesitzer Becker- Bartmannshagen wurde in einer Versammlung der Ver=
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der Großherzoglichen Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei Amfes Behörden Oberheffens
Expedition: Seltersweg 83.
( Haus Brüder Schmidt.)
Dienstag, den 23. Mai 1911.
trauensmänner der Fortschrittlichen Volkspartei Worms einstimmig zum Reichstagskandidaten aufgestellt.
Hus Stadt und Cand.
Gießen, den 23. Mai.
( Gießener Tageblatt)
Anzeigenpreis 15 Pfg.
die 44 mm breite Inseratenzeile. Stellen: gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg.- Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pig. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungszieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. S.
Teiephon: Nr. 362.
Jahrg 23.
| herzlichen Begrüßungsansprache von Pfarrer WagnerBeuern sämtliche anwesende Vereine Proben ihres Einzelfönnens ablegien, womit sie den Beifall der Zuhörer fanden. Hier überbrachte auch Kirchenrat D. SchlosserGießen dem Jubelverein die Glückwünsche des Vor= standes des Evangelischen Kirchengesangvereins für Hessen und des Prälaten D. Flöring- Darmstadt, beider Glückwunschschreiben verlesend, dann die des Gießener
Ein starker Temperaturst ur 3 ist seit einigen Tagen eingetreten. Das Thermometer sant stel- Kirchengesangvereins, des ältesten im Dekanat. Im weilenweise in der Nacht unter Null. Hoffentlich hat dieser Witterungsumschlag in den Gärten keinen erheblichen Schaden angerichtet.
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3u Oberlehrern ernannt wurden die Lehramtsassessoren Aloys Appelmann an dem WolfgangErnst- Gymnasium zu Büdingen und Dr. P. Ehrhard an der höheren Bürgerschule zu Grünberg.
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Die Landwirtschaftskammer für das Großherzogtum Hessen beabsichtigt anfangs Juli eine Studienreise für hessische Landwirte nach Hannover und Oldenburg zu veranstalten. Die Reisezeit ist auf 6 Tage festgesetzt. Es sollen in Hanno ver hervorragende Ackerbau- und Saatzuchtwirtschaften, ferner kleinbäuerliche Wirtschaften mit Elektrizitätsbetrieb und Schweinezuchtbetrieb besichtigt werden. In Oldenburg soll den Moorkolonien ein kurzer Besuch abgestattet werden, ferner Betriebe mit Schweinezucht, Rindviehzucht und Pferdezucht angesehen werden.
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Besteuerung der Eisenbahner in Hessen. Zum Einkommen in Hessen werden neuerdings bei der Veranlagung der Eisenbahnbeamten der verschiedenen Dienstgrade auch etwaige Reise- und Tagegelder gerechnet, wodurch sich die von den Beamten zu zahlende Einkommensteuer vielfach erheblich erhöht. Da die Eisenbahnverwaltung die Reisekosten nur Ersatz für bare Auslagen ansieht, steht die Ansicht des hessischen Steuerfiskus im Gegensatze zu der der Eisenbahnverwaltung.
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* Neue Westerwaldbahnen. Die seit Jahren durch die Eisenbahndirektion Frankfurt eingeleitete wirtschaftliche Erschließung des Westerwaldes durch Nebenbahnen wird noch weiter fortgesetzt. Wie verlautet, hat der Eisenbahnminister soeben die Genehmigung zu Vorarbeiten für zwei neue Westerwaldstrekten erteilt. Die erste Linie zweigt bei Haiger von der Strecke Gießen- Betzdorf ab und führt über Breitscheid nach Gusternhain dabei Langenaubach berührend. Die zweite Linie zweigt von der Strecke Gießen- Koblenz bei Stockhausen a. d. L. ab und führt über eine Reihe von Ortschaften nach Beilstein. Für später ist dann eine Verbindung der beiden Endstationen der Bahnen durch eine dritte Strecke Beilstein- Driedorf- Gusternhain in Aussicht genommen, sodaß dann eine neue fast genau von Süden nach Norden führende Westerwaldbahn besteht, welche die beiden so verkehrsreichen Hauptstrecken GieBen- Betzdorf und Gießen- Koblenz verbindet.
-m- Beuern, 21. Mai. Heute nachmittag feierte, vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt, unser Kirchengesangverein das Fest seines 25jährigen Bestehens, womit zugleich auch das erste Kirchengesangvereinsfest des Dekanats Gießen verbunden war. Das ganze Dorf prangte in stattlichem Schmuck, und als um 3 Uhr die Glocken zum Festgottesdienste riefen, konnte unsere schön geschmückte, geräumige Kirche die Festbesucher gar nicht alle fassen, und viele mußten wieder umkehren. Auch aus den umliegenden Gemeinden waren viele Festgäste herbeigekommen. Die gottesdienstliche Feier sollte das Lob Gottes aus den Werken der Schöpfung zum Ausdruck bringen, was auch in den gewählten Liedern, Schriftverlesung und Gebet einheitlich durchgeführt wurde. Die Chöre waren teils Einzelchöre der Vereine von Gießen und hier, teils Massenchöre der sämtlichen Vereine des Dekanats; anwesend waren die Vereine von Beuern, Annerod, Burkhardsfelden, Gießen, Großen- Linden, Klein- Linden, Langgöns, Leihgestern und Treis a. Lda. Die Massenchöre wurden dirigiert vom Musikdirektor Prof. Trautmann- Gießen und leisteten geradezu Meisterhaftes, ein Zeichen für die gute Schulung der einzelnen Vereine. Zum Vortrage kamen nach einem prachtvollen Orgelvorspiel aus Händels„ Messias", gespielt von Lehrer Görlach- Gießen, die Chöre„ Lobe den Herrn, o meine Seele",„ Geh' aus mein Herz und suche Freud'",„ Komm heil'ger Geist umhülle mich" u. mehr. Außerdem trug der Schülerchor von hier zwei reizend gesungene Lieder vor. Die packende Festpredigt hielt Pfarrer Schulte- Großen- Linden über Psalm 103, V. 1 und 2. Nach der gottesdienstlichen Feier fand eine gleichfalls gutbesuchte Nachversammlung in der Sommerladschen Gartenwirtschaft statt, bei welcher nach einer
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teren Verlauf des Festes verlas Pfarrer Wagner- Beuern das Glückwunschschreiben des Gründers des Vereins, des Pfarrers Vogel- Seeheim, der leider am Erscheinen perhindert war. Später überreichte er im Namen des hiesigen Vereins den beiden Vereinsmitgliedern, die dem Verein seit seiner Gründung angehören, Friedrich Arnold und Heinrich Schneider je ein Ehrendiplom und ein von Anfang an geleitet hat, ein gerahmtes Bild: dem verdienten Dirigenten, Lehrer Musch, der den Ver„ Der geigende Eremit" von Böcklin. Gegen 7½ Uhr fand die schöne Feier nach einigen Dankesworten des hieſigen Pfarrers ihr Ende. Möge das in allen seinen Teilen wohlgelungene Fest dazu beitragen, daß die schöne Sache der Kirchengesangvereine im Dekanat Gießen weitere Fortschritte mache, und bald keine Gemeinde ohne einen solchen Verein sein.
- Friedberg, 22. Mai. Der zweite hess. Kolonnentag des Verbandes der hess. freiw. Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz fand hier am Sonntag statt. Sämtliche Hessische Kolonnen waren mit der stattlichen Zahl von zirka 1000 Mann mit Führern, Aerzten 2c. erschienen. Die Verhandlungen wurden von dem Vorsitzenden des Hess. Landesvereins vom Roten Kreuz, Exz. Korwan, durch eine Begrüßungsansprache eingeleitet, worauf der Inspektor Generalarzt Dr. Lindemann- Darmstadt einen interessanten Bericht über den gleichem Interesse wurden die Mitteilungen des KolonStand der hess. freiw. Sanitätskolonnen erstattete. Mit nenführers Oberleutnant Lotheisen- Darmstadt über das Versorgungs- und Versicherungswesen der Hess. Kolonne Alzen bestimmt worden. Nachmittags fand eine Uebung entgegengenommen. Als Ort der nächsten Tagung ist der Kolonne Friedberg unter Beteiligung der Kolonnen Butzbach, Gießen und Babenhausen statt, an die sich eine kritische Besprechung durch Generalarzt Dr. Lindemann anschloß. Es folgte dann ein Vorbeimarsch sämtlicher Kolonnen vor dem Vorsitzenden und abends vereinigte man sich noch zu einer kameradschaftlichen Unterhaltung im Saalbau.
Friedberg, 22. Mai. Die Ehefrau Bornträger aus Schwalheim kam auf der Straße nach Friedberg mit der Frau des Weißbinders Wagner aus demselben Ort in Streit und schlug derart heftig auf die Frau Wagner ein, daß diese bald darauf in Wirtschaft, wohin sie sich geflüchtet hatte, tot zusammenbrach. Man vermutet, daß die Bornträger einen Stein zum Schlagen benutzte. Die Getötete war Mutter von 6 Kindern.
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*) Alsfeld, 22. Mai. Der bei dem hiesigen Amtsgericht beschäftigte Aktuar Karl Plock wurde in gleicher Eigenschaft nach Mainz versetzt.
Marburg, 23. Mai. Der frühere vortragende Rat im Kultusministerium, Universitätskurator Wirkl. Geheimer Obermedizinalrat Prof. Dr. A. Schmidtmann, ist gestern im Alter von 60 Jahren an Herzschwäche gestorben.
-r= Main 3, 22. Mai. Die Jahresversammlung des „ Rhein- Mainischen Verbandes für Volksbildung" begann. Samstag abend mit einem Vortrag von Pfarrer Küster- Höchst über„ Volksbildung und Jugendpflege". Redner wandte sich u. a. gegen einseitige Körper- oder Geistesausbildung und betonte, daß die beste Jugendpflege auf kirchlich und politisch neutralem Boden gedeihe. Das große Ziel sei die Ausbildung der Persönlichkeit. Am Sonntag vormittag wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Im Mittelpunkt derselben stand die Aufnahme fonfessioneller Vereine. Ueber die Neuorganisation des Verbandstheaters durch völlige Uebernahme in eigene Regie des Verbandes sprachen Dr. Ernst Cahn und Direktor Hauser- Frankfurt. Die Tagung schloß mit einer Rheinfahrt.
Literarisches.
Kurhessische Gewerbepolitik von Dr. C. Brauns, Preis Mt. 3.-, Verlag von Duncker u. Humblot, Leipzig. Das vorliegende Werk ist besonders dadurch wertvoll, daß es fast ausschließlich auf archivalischen Studien beruht. Wer sich eingehend über die„ Kurhessische Gewerbepolitik" unterrichten will, dem wird das Buch ein zuverlässiger Führer sein.


