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dem älteren Personal so auffäfftig gewesen, daß von einer geordneten Lehre keine Rede sein konnte. Die Verneh­mung eines Beugen ergab die überraschende Tatsache, daß sich etne Art von Spielervereinigung gebildet hatte, die in dem Hinterzimmer einer Konditorei Nächte durch tagte". Der Beuge befundete, daß der Lehrling St. hervorragenden An­teil am Spiel nahm. In einer Nacht hatte. 190 Mart verloren. Sein Portemonnaie sei aber auch oft voll von Hundertmarkscheinen gemesen. Gespielt wurden Mau­scheln"," Gottessegen bei Cohn"," Podern" und" Meine Deine". Unter den 10 bis 15 jungen Leuten, die dort spiel­ten, befanden sich nach Aussage des Zeugen viele, die er nicht einmal dem Namen nach fannte. Das Gericht hielt es für angebracht, daß die Lehre in diesem Falle nicht fort­gesetzt werde, und auf seinen Vorschlag hin bekam der Lehrling ein Lehrzeugnis über die Dauer der Lehrzeit, so daß er jetzt als ausgelernt" gelten fann. Der Vorsitzende redete dem jungen Menschen aber eindringlich ins Gewis­sen, nunmehr ein anderes Leben zu beginnen.

Vermischtes.

Die streltende Feuerwehr. Donnerstag abend wurde ber Hunsrüd von schweren Gewittern heimgesucht, welche Ueberschwemmungen, Hagel- und Blikschläge im Gefolge hatten. In Ellern( Kreis Simmern) brannte infolge Blitzschlages etn Anwesen nieder, wobei es zu bedauerlichen Ausschreitungen tam. Die Mehrzahl der Pflichtfeuerwehr leistete der Aufforderung des Bürgermeisters von Rhein­Föllen, zu dessen Polizeiverwaltungsbezirk der Ort gehört, feine Folge, sondern entfernte sich von der Brandstätte. Danach wurden die Hydranten der Wasserleitung böswillig abgestellt und die Schläuche zerschnitten. Als der Bürger­meister einen der Beteiligten auf der Tat ertappte und verhaften wollte, wurde er von einer ganzen Rotte über­fallen und schwer mißhandelt.

Ueber die Wärmeftauung unter dem Hute gibt eine graphische Stizze auf der Hygiene- Ausstellung in Dresden folgende interessante Darstellung: Bei einer Außenwärme ron 36 Grad Celsius ist die Wärme unter der Kopfbe= deckung bei der Jachtklubmüze 37 Grad, dem Helm 36% Grad, der englischen Müze 34% Grad, dem steifen schwar­zen Hut 33% Grad, dem Zylinder 32 Grad, dem weichen Filzhut 30 Grad, dem leichten Strohhut 26% Grad, dem Panamahut 25% Grad.

Die Jungfrau von Merifo". Eine Abteilung der merikanischen Revolutionäre im Staate Sonora wird von einer Jeanne d'Arc geführt. Die ersten Nachrichten über die neue Kriegsheldin bringt die Daily Mail" in einem Telegramm aus Neuyork: Die Rebellen des Staates So­nora- so liest man dort führt eine Frau, die schon so viele Beweise von Tapferkeit gegeben, und schon so viel Siege davongetragen hat, daß die amerikanischen Zeitungen sie die Jeanne d'Arc von Meriko getauf. haben. Sie ist die Witwe eines Herrn Talamantes, und ist gegen die Regie­rungstruppen ins Feld gezogen, weil diese ihr den Mann und zwei Söhne kriegsgerichtlich erschossen Laben. Das er­bitterte sie derart, daß sie sich sofort vornahm, den Tod ihrer Lieben zu rächen und sich an die Spitze der Insurrektion zu stellen. Die Talamantes ist eine Frau von 45 Jahren, eine noch immer elegante, stattliche Erscheinung, die aus einer reichen und einflußreichen Familie stammt. Als der Aufstand im Staate Sonora ausbrach, brachten Talamantes und seine beiden Söhne ein kleines Bataillon zusammen; dieses Bataillon wurde jedoch schon nach wenigen Tagen von dem Obersten Klappes, dem von der Regierung ein­gesetzten Kommandanten der Provinz, gefangen genommen. Der Oberst ließ ein Kriegsgericht zusammentreten, und die dret Offiziere des Bataillons aburteilten; sie wurden zum Tode verurteilt und an der Mauer ihres eigenen Hauses erschossen. Die Regierungstruppen hatten sich aber faum entfernt, als Frau Talamantes hunderte von Landarbet­tern, die in ihren Diensten standen, zu bewaffnen begann; sie selbst übernahm den Befehl über die Truppenabteilung und griff mit großer Zähigkeit alle Wachtposten und Streif­wachen der Regierungstruppen an. Auf den Kopf des Obersten hat sie einen Preis von 40 000 Mark gesetzt. Ste will, wenn sie seiner Habhaft werden kann, ihn mit eigener Hand töten, wie er ihren Mann und ihre Söhne getötet hat. Die von der Witwe Talamantes geführten Streitkräf= te haben jetzt im ganzen Staate Sonora die Oberhand ge= wonnen; den Obersten aber hat die verwegene Frau noch nicht in ihre Gewalt bekommen.

Heirat und Wertzuwachssteuer. In einer Berliner Fachzeitung fand sich dieser Tage folgende zeitgemäße An­nonce: Hausbesiberin sucht Käufer für ihr Grundstück. Hei­rat zur Ersparnis der Zuwachssteuer nicht ausgeschlossen." Sollte die findige Hausbesitzerin Glück haben und mit der Hand auch ihr Grundstück loswerden, dann hat der Fiskus das Nachsehen, denn nach dem Gesetz kann in diesem Fall die Wertzuwachssteuer weder von der Verkäuferin noch von dem Käufer erhoben werden. Bet Millionenobjekten würde sich unter Umständen eine Hochzeit schon bezahlt ma­chen. Auch wenn ein Eigentümer seinen Sohn oder seine Tochter verheiratet, und ein Grundstück als Mitgift über­trägt, ist keine Zuwachsstener zu entrichten.

Vier Brüder in der Kolonialarmee. Eine Familie in Wangten in Schlesien kann sich wohl des seltenen Falles rühmen, daß alle vier Brüder in der Schutztruppe dien­ten. Stellmachermeister August George in Wangten, der Vater der vier Brüder, ist Veteran des Feldzuges von 1870-71 und hat damals unter dem Kronprinzen an ver­schiedenen Kämpfen teilgenommen. Der älteste Sohn war unter den Truppen, welche seinerzeit auf dem Woermann­dampfer nach Südwestafrika fuhren, um an den ersten Kämpfen daselbst sich zu beteiligen. Später zog er mit einer anderen Schuhtruppe nach China und kämpfte in fleinen Gefechten auch da. Jetzt hat er sich als Farmer in der Nähe von Grootfontein niedergelassen. Sein Bru der Frizz ließ sich auf 5 Jahre für die deutsche Schutztruppe nach Kiautschon in China anwerben. In einem Gefecht wurde er verwundet und kehrte als Halbinvalide und für den Tropendienst unfähig wieder zurück. Jetzt ist er Mi­litäranwärter in Breslau. Der dritte Bruder, May, fam anfangs auf zwei Jahre nach Südwestafrika. Dort hatte er Gelegenheit, sich an den schwierigen Kämpfen gegen die Hereros und Hottentotten zu beteiligen. Später ging er nach Kamerun. Er ist augenblicklich in Knibi in Kamerun als Polizeimeister. Der Jüngste, Oskar, wollte seinen Brüdern nicht nachstehen und diente anfangs 3 Jahre im Mutterlande in der Sanitätskolonne, später 2 Jahre in China.

Disziplin. Ein Mitarbeiter erzählt der Frankf. 3tg." folgendes fleine Erlebnis aus Südfrankreich: Daß der deutsche Soldat eine andere Disziplin hat wie sein Kollege in Frankreich, weiß ein jedes Kind. Wie breit aber der Spalt ist, der sie trennt, ist mir erst auf dem Festungsberge pon Nizza aufgegangen. Mein Freund und ich waren von der Rhone nach Nizza geradelt. Wir hatten noch einen freien Nachmittag im Reiseprogramm. Zur Wahl stand ein Sprung nach Monte Carlo hinüber oder eine Wanderung über den Höhenkamm von Nizza, dem Meer entlang. Diese Wanderung aber war schöner und sicher auch billiger als der Spielsaal in Monte Carlo. Darum stiegen wir den Festungsberg hinauf.... Auf dem Plateau übten hinter etnem Drahtgitter ein halbes Dutzend Artillerierefruten. Lafettenübungen oder so was ähnliches. Viele Mädchen mit Kinderwagen fahen zu. Der Unteroffizier schrie, die Rekruten klavoten nach und schossen Böcke. Jetzt wurde

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die Kanone ein Stüdlein fortgerollt. Die sechs Soldaten mußten egerzieren. Das ging foso lala. Zwischendurch drehte sich der Unteroffizier herum, gegen das Drahtgitter zu, und sah zu uns heraus. Da es war Stillgestanden! fommandiert büdte sich einer der Rekruten im Rüden seines Vorgesetzten, hob ein kleines Kieselsteinchen auf und warf es ihm gut gezielt auf den aufgeklappten Kragen. Mein Reisekamerad gedienter Einjähriger und Gefrei­ter packte mich entsetzt am Oberarm. Ich glaube, wir hatten alle beide das Gefühl eines Alps im Traume und erwarteten eine Katastrophe, Blitz und Donner.... Aber da drehte sich der Unteroffizier mit mäßiger Geschwindig­feit herum und drohte mit erhobenem Beigefinger, vä­terlich und gütig. Die Soldaten grinsten, die Dienstmäd­chen lächelten, mein Freund aber verftel in einen tosenden Lachkrampf, so laut und überwältigend, daß Militär und Zuschauer uns ebenso besorgt wie verständnislos ansahen. Ich gestehe gern: wenn ich dies fleine Erlebnis irgendwo gelesen und nicht selbst gehabt hätte, würde ich's nicht glau­ben. Aber Deutsche, die schon lange in Frankreich waren, fagen mir, solche Dinge fämen gar nicht selten vor; und wenn ich's einem Franzosen erzählen würde, fände der nicht ein Körnchen Wit heraus. Ich frage mich noch heute, was wohl auf einem deutschen Kasernenhof geschehen wäre, wenn ein Soldat mit Steinchen nach dem Vorgesetzten geworfen hätte.

Wird König Georg die Bürgermeisterin tüffen? Das ist die Frage, auf deren Lösung ganz London gespannt tst. Man muß nämlich wissen, daß König Georg sich ein paar Tage nach der Krönung unter großer Prachtentfal­tung zur Guildhall begeben wird, um dort als Gast des Bürgermeisters zu speisen. Der erste Beamte der City wird ihm bei dieser Gelegenheit seine Gattin, die Lady Mayoreß, vorstellen, und es ist seit den Tagen der Königin Anna Sitte, daß die Dame bei der Vorstellung vom König gefüßt wird. Dieser schöne Brauch wurde nur einmal ge= brochen, und der ihn brach, war was als ein böses Omen gelten könnte, ein Georg, nämlich Georg 1. Als der Monarch die Guildhall betrat, streckte ihm die damalige Lady Mayoreß die züchtigen, verschämten Wangen zum Kusse hin. Ob der König in seiner Verwirrung das nicht Jah, oder ob er ungalant genug war, es nicht sehen zu wol= Ien, weiß man nicht: Tatsache ist, daß der erhoffte Kuß nicht gegeben wurde, und daß die Lady Mayoreß, die das als einen Schimpf betrachtete, dem verblüfften Herr­scher den stolzen Nacken zeigte und die Tür zuschlagend, den Saal verließ. Georg 5. wird nicht ein Gleiches tun. Die Frage ist nur, ob er die Wange, die Stirn oder den Mund der Mady Mayoreß füssen wird. Eines aber ist gewiß: daß die Königin Maria nicht eifersüchtig werden wird, sintemal die Lady Mayores bereits Großmutter ist.

Table d'hote in den Neuyorker Schulen. Die vor eini­ger Zeit in mehreren Neuyorker Schulen probeweise einge­führte Einrichtung, Kindern während der Mittagspause einen Jmbiß zum Selbstkostenpreise zu verabfolgen, hat sich bewährt und soll jetzt auf alle, im öffentlichen Schulsystem einbegriffene Institute, also auch die Hochschulen ausge= dehnt werden. Bei der Zusammensetzung des Speisezettels trägt die Schulbehörde nach Möglichkeit den Eigentümlich­feiten der verschiedenen Nationalitäten und Religionsge­meinschaften in Neuyork Rechnung.

Wie Geschäftsgeheimnisse verraten werden.

Ein für die Handelswelt lehrreicher Fall von geschäft­licher Spionage war in diefen Tagen in London der Gegen­stand einer Gerichtsverhandlung vor der Berufungsinstanz in Straffachen. Zwei Männer, die von den Geschworenen in Newcastle zu sechs und vier Monaten Zwangsarbeit verurteilt waren, hatten Revision eingelegt. Sie waren be straft worden, weil sie durch Bestechungen von Angestellten einer älteren Konkurrenzfirma sich die Kenntnis fremder Fabrikationsgeheimnisse zu verschaffen suchten. Es handelte sich um die Gewinnung und Herstellung gewisser Arten von Kieselerde. Der Lord Oberrichter wies die Berufung nach kurzer Verhandlung zurück, das strenge Urteil wurde aufrecht erhalten.

Der Fall ist nur ein Symptom für das ausgedehnte Spionagewesen, das bei den scharfen Formen des modernen faufmännischen Wettbewerbs immer mehr gewachsen ist und von dessen Existenz alle größeren Betriebsleiter wis­sen, ohne wirklich wirksame Abwehrmittel dagegen zu be­sitzen. Man erfährt von solchen Fällen geschäftlicher Spio­nage nur darum so wenig, weil es in den allerseltensten Fällen möglich ist, den Beweis für die Schuld der einzelnen Angestellten zu erbringen. Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die nur davon leben, Geschäftsgeheimnisse zu er= funden und weiter zu verkaufen, ja, diese kaufmännischen Spione können mit ihrem wenig rühmlichen Handwerk, wenn sie schlau sind und Glück haben, reiche Leute werden. Die meisten von ihnen unterliegen freilich mehr der Ver­suchung einer Gelegenheit, als einem bestimmten Systeme, aber es fehlt doch auch nicht an Individuen, die es sich zum Berufe gemacht haben, in großen Betrieben nur darum eine Anstellung anzunehmen, um während der Arbeit möglichst genau in die Geschäftsgeheimnisse der Brotherren einzu­öringen und sie dann der Konkurrenz gegen schweres Geld zu verkaufen.

Erst vor einigen Jahren erregte in der englischen Ge­schäftswelt die Aufdeckung eines solchen Spionagemanövers großes Aufsehen, ohne daß es möglich gewesen wäre, die Folgen abzuwenden oder auch nur den Täter zu bestrafen. Es handelte sich um ein großes Unternehmen von Holz­und Steinschneidearbeiten. Die Firma besaß ein Geschäfts­geheimnis, durch das gewisse Artikel leichter, besser und billiger herzustellen waren als die Erzeugnisse der Kon­kurrenz. Der Inhaber der Firma hatte seit einem Jahre etnen Beamten engagiert, der durch seine Geschäftstüchtig­keit die vollste Zufriedenheit seines Chefs errang und schließlich auch in den inneren Betrieb des Unternehmens eingeweiht wurde. Eines schönen Tages bat er um seine Entlassung unter der Begründung, daß er in die Kolonien gehen wolle. Sechs Monate später brachte eine Konkurrenz­firma Waren auf den Markt, die ebenso gut und dabei bil­liger waren als die des Hauses, das bisher durch sein Ge­schäftsgeheimnis allen Wettbewerbern überlegen gewesen war. Die Nachforschungen ergaben mit aller Sicherheit, daß das Geheimnis verraten worden war, aber das Beweis­material blieb zu dürftig, der ungetreue Beamte lebt heute als wohlhabender Rentter.

Noch schlimmer ging es einem französischen Seiden­fabrikanten, der ein Verfahren entdeckte, um seine Seiden­stoffe in Aussehen und Wert mit unverhältnismäßig ge­ringen Kosten zu verbessern. Er war ein vorsichtiger Kauf­mann, und um keinen Angestellten ins Vertrauen ziehen zu müssen, führte er die Anwendung des von ihm ersonne­nen Verfahrens in einem geschlossenen Raum eigenhändig und nur mit Hilfe seines einzigen Sohnes durch. Das ging auch eine Zeitlang sehr gut, bis der Sohn in Schul­den geriet und in seiner Bedrängnis das Fabrikationsge­heimnis seines Vaters einem großen amerikanischen Sei­densyndikat für eine Riesensumme verkaufte. Der Ver­räter ist seitdem verschwunden.

Mulay Hafids Hofhalt.

An der Spitze des marokkanischen Hofhalts steht der Hajib, der über ein kleineres Heer von höheren und nie­deren Hofleuten zu befehlen hat. Der innere Palastdienst setzt sich aus vier Abteilungen zusammen: den Leuten des Bades, den Leuten des Tees, den Leuten des Bettes und

den Leuten der Matten. Die Leute des Bades, fünfatg an der Zahl, ausgesuchte Negersflaven, können wohl am beften als Kammerdiener bezeichnet werden. Die Leute des Tees, ebenfalls Negersklaven, deren Zahl sich auf zehn beläuft, haben nicht allein, wie ihr Name besagt, den Tee für ihren kaiserlichen Gebieter zu beretten, sondern auch das dazu nötige Wasser aus besonderen Brunnen zu be= schaffen und zu destillieren. Die Leute des Bettes rekru tieren sich ausschließlich aus denjenigen Stämmen, die ein erbliches Recht dazu haben. Es sind ihrer zwanzig; ihre hauptsächliche Verrichtung besteht darin, das Zelt des Sul­tans aufzuschlagen und für ihn einzurichten. Außerdem liegt ihnen noch die Pflicht ob, seinen Gebetteppich zu tra­gen, wenn er sich zum Gebet nach der Moschee begibt. Die vornehmsten von allen, die Leute der Matten, gewisser­maßen Kammerherren, sind fast immer mit dem Herrscher verwandt. Für jeden Tag ist einer von ihnen dazu aus ersehen, vor ihm seine Gebetsmatte herzutragen und fie vorschriftsmäßig für ihn auszubreiten. Den kaiserlichen Harem zu Fez darf außer dem Gebieter und den Eunuchen natürlich niemand betreten. Mit Schönen ist er immer reichlich versehen, denn die ergebenen Häuptlinge wettei­fern miteinander, ihrem Herrn hübsche Mädchen zum Ge schenk zu übersenden, und die östlichen Länder werden auch in Anspruch genommen, um die im Orient schnell verblü­henden weiblichen Reize durch frische zu ersetzen. Von den Bewohnern der Hauptstadt wird die Wache des kaiserlichen Harems mehr gefürchtet, als irgend eine andere bewaffnete Schar, besonders nach Eintritt der Dunkelheit, wenn die verschleierten Damen auf retchgeschirrten Mauleseln zur Erholung spazieren geführt werden. Webe dem, der nicht so schnell wie möglich der Kavalkade weit aus dem Wege geht! Ungestraft darf die bewaffnete Begleitmannschaft im Namen des Sultans über ihn herfallen und ihm auf der Flucht soviel Kugeln nachsenden, wie es ihr gerade beliebt.

Londoner Kaisertage.

Vom Aufenthalt des Kaiserpaares in London sind heute wieder allerlei interessante Einzelheiten zu melden. Bu­nächst sei mitgeteilt, was der offiziöse Draht über das Frei­tag- Programm meldet:

Der Kaiser stattete Freitag früh, nachdem er den Vor­trag des Gesandten v. Treutler entgegengenommen hatte, eine Reihe von Abschiedsbesuchen ab, die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise besuchten einige Sehenswürdig­feiten. Nachmittags fuhren der König und die Königin mit ihren hohen Gästen, dem Kaiser, der Kaiserin und der Prinzessin Viktoria Luise, mit dem Prinzen von Wales und der Prinzessin Mary in offenen Wagen nach Kensington zu den See und Landkriegsspielen. Nachdem die Herrschaften in der Hofloge Platz genommen, spielten die Musikhöre die Nationalhymne unter den stürmischen Hoch­rufen der Zuschauer, die sich wiederholten, als der Kaiser die Ehrenwache besichtigte.

Der Kaiser und der englische Sozialistenführer. Der Londoner Korrespondent der Wiener Neuen Freten Presse" berichtet über eine Unterhaltung, die der Kaiser in London mit dem Sozialistenführer Macdo­nald bei dem Frühstück beim Kriegsminister hatte. Aus begreiflichen Gründen könne über den Inhalt des Gesprächs nichts mitgeteilt werden, es set aber höchst interessanter Na­tur und jedenfalls kein alltägliches Ereignis, daß der Deut­sche Kaiser mit einem Sozialistenführer angeregt konver­fierte.

Die Kaiserin im deutschen Waisenhause. Mit besonderer Liebe beschreiben die englischen Blät­ter den Besuch der Kaiserin im deutschen Waisenhause und deutschen Hospital in Dalston. Die mütterliche Art der Kaiserin, ihre Geduld mit den kleinen, ihre Freude an der Freude anderer und ihre gütige Anteilnahme an den Lei­den der Kranken hat ihr alle Herzen gewonnen. Wie die fleinen deutschen Waisenkinder seit Wochen auf diesen ho= hen Besuch gespannt waren, welche Sorge die Lehrer hat= ten, daß das Lied Deutschland, Deutschland über alles" auch richtig klappte, wie sich die Verwalterin und ihre weib­lichen Hilfstruppen sorgten, die Kaiserin könnte vielleicht einen Fleck auf dem Boden oder eine Stelle entdecken, wo nicht Staub gewischt" war, das kann man sich kaum denken. Was die kleinen Mädchen am meisten interessierte, war die Frage, ob die Kaiserin mit einer Krone auf dem Haupte erscheinen werde. Die Kaiserin kam und trug einen Hut. Ein freundliches Lächeln wich fast nie von ihrem Gesicht, und sie sah weder ungewischten Staub, noch sonst irgend welche Fehler. Den Gesang der Kinder fand sie reizend, obwohl sie davon ein wenig reichlich zu hören bekam. Statt des Heil dir im Siegerkranz" wurde nach derselben Me­lodie folgender Vers gesungen: Heil unsrer Kaiserin! Erste im schönsten Sinn der deutschen Frou'n. Hoheit und Weiblichkeit, Treue, Barmherzigkeit, so lebt im Volk bein Bild, Heil, Kaiserin!" Die Kaiserin sprach mit den Waisen­findern wie eine Mutter, sodaß die Kleinen bald alle Scheu verloren, nur einer nicht: Gustav Müller, der der Kaiserin als Jüngster im Waisenhause vorgestellt wurde. Wie alt bist du, Gustav?" fragte die hohe Frau. Gustav wurde feuerrot im Gesicht, hob bald das eine, bald das andere Bein, aber eine Antwort brachte er nicht hervor. Die Kai­serin streichelte dem verlegenen kleinen Burschen das Haar und ging weiter, ohne auf einer Beantwortung ihrer Frage zu bestehen, und Gustav Müller sah ihr stumm und mit of­fenem Munde nach.

Rückblicke der Londoner Presse auf die Kaisertage.

London, 20. Mai. Am Ende der Kaisertage äußert sich die Londoner Presse wiederum sehr sympathisch über den Besuch des deutschen Kaiserpaares und stellt fest, welch hohe Frende der Besuch dem Gastgeber bereitet und welche Herzliche Anteilnahme die Hauptstadt daran genommen habe. Die alte Volkstümlichkeit des Kaisers bei den Lon­donern habe sich aufs neue bewährt und auch die Kaiserin und die Prinzessin haben einen tiefen Eindruck hinter­lassen.

Drabinachrichten und Deuestes.

Die Abstimmung über das preußische Feuerbestattungsgeseh. Berlin, 20. Mai. Das Abgeordnetenhaus hat heute das ganze Feuerbestattungsgesetz in namentlicher Abstim­mung mit 156 gegen 155 Stimmen angenommen. Dafür stimmten die Nationalliberalen, Freisinnigen, Sozialdemo= fraten, Freifonservativen und ein Teil der Konservativen, dagegen das Zentrum und der größte Teil der Konser= vativen.

Der französische Vormarsch auf Fez.

Paris, 20. Mai. Eclair" teilt mit, daß in Kürze weitere 15 000 Mann an die marokkanische Westküste ent­sandt werden sollen. Sie sollen dazu verwandt werden, den Weg nach Fez freizuhalten. Dem Echo de Paris". zufolge sollen die französischen Truppen vor Fez einge­troffen sein.

Unwetterfatastrophe in der Schweiz.

Zürich, 20. Mai. Ueber die Schweiz sind in den letzten Tagen große Regenmengen niedergegangen, die die Flüsse zum Steigen brachten und stellenweise gewaltige Ueberschwemmungen verursachten. Das Städtchen Wallen­stadt, einer der ersten Waffenplähe der Schweiz, ist zur Hälfte unter Wasser. Unter den überschwemmten Stadt­teilen befindet sich auch das Bahnhofsviertel. Der Ret­tungsdienst wird durch Kähne besorgt. Auch die Umgebung wurde durch die Kanäle überschwemmt. Die letztjährige Katastrophe ist an Ausdehnung bereits überholt und ein Ende der Wassersnot noch nicht abzusehen.