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22.3.1911 Zweites Blatt
 
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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 Pfg. monatlich Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

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oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. Erscheint jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 69.

( 2. Blatt.)

Hessischer Blumentag.

Da der Blumentag der Großherzo= gin für die Mutter und Säuglings für sorge in Hessen bevorsteht, interessiert es vielleicht manche, etwas über diese Bewegung zu hören, deren Ziele hier und da noch nicht ganz erkannt werden.

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amtes

Behörden Oberhessens

Expedition: Seltersweg 83.

( Haus Brüder Schmidt.)

Mittwoch den 22. März 1911

Die Besteuerung des kleinen Mannes.

mit

Man kann es den Sozialdemokraten nachfühlen, daß sie den preußischen Staat, dem selbst der Abgeordnete Bebel seine Bewunderung nicht versagen konnte, ihrem ausgesuchten Hasse beehren und ihn beschimpfen, um nicht gestehen zu müssen, daß sie sich an seinem fe­ſten Gefüge die Zähne ausbeißen. So hatte kürzlich der Abgeordnete Ströbel im preußischen Abgeordnetenhause die Forderung erhoben, daß man von den Einkommen von 900 bis 1200 Mt. überhaupt keine Staatssteuer er­heben solle, und im Anschluß daran den preußischen Staat, den die Sozialdemokraten ohnedies als die Ver­förperung der Rückständigkeit in ihrer höchsten Steige rung darstellen, als unsozial bezeichnet. Darauf hatte ihm Finanzminister Lentze in der nächsten Sitzung eine Ant­wort erteilt, die es wohl verdient, in den weitesten Kreisen bekannt zu werden.

Zur Widerlegung der sozialdemokratischen Behaup­

setzgebung des Deutschen Reiches hin, die allerdings nicht von der Sozialdemokratie anerkannt werde, dafür aber die Bewunderung der ganzen Welt erregt habe. Sie habe die völlige Billigung der preußischen Regierung gefunden, auf deren Anregung im Reiche überhaupt die meisten Gesetze zurückzuführen seien. Eine zweite soziale Tat ersten Ranges sei die 1888 erfolgte Aufhebung des Schulgeldes für die Gemeindeschulen und die Ueber­nahme der Schullasten auf Staat und Gemeinden. Heu­tigen Tages wende der Staat für die Volksschulen allein 170 Millionen Mark auf und die Gemeinden wenig= stens ebenso viel; 75 v. H. bis 100 v. H. der Staats­steuern und mehr werde von den Gemeinden zugunsten der Volksschulen verwandt. Allerdings erhebt der preu­ßische Staat von den Einkommen von 900 Mt. an eine Einkommensteuer von zwei Drittel v. H. gleich 6 Mt. im Jahre, doch steigt diese Steuer fortschreitend bei den größeren Einkommen bis zu 5 v. H.; außerdem wird daneben noch eine fortschreitende Vermögenssteuer er­hoben.

Die Mutter- und Säuglingsfürsorge will nicht in er­ster Linie schwächliche Kinder großziehen helfen, sondern sie will gerade die Schäden so frühzeitig verhindern, daß die gesund Geborenen gesund bleiben. Sie sorgt also vor allem nicht für die Kinder, die in Gefahr sind zu sterben, sondern hauptsächlich für die Kinder, die in Gefahr sind an ihrer Gesundheit Not zu leiden und den Keim späterer Krankheit aufzunehmen. Das Säuglingsheim in Darmstadt, das nächstens er­öffnet wird, ist nur ein kleiner Teil des großen Arbeits­gebietes der Zentrale. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt nicht in Darmstadt; sie errichtet in allen Kreitung wies der Finanzminister zuerst auf die soziale Ge­sen des Großherzogtums Zweigstellen, die das ge­samte Gebiet der Mutter- und Säuglingsfürsorge mit Un­terstützung der Zentrale für ihren Bezirk regeln. Dreizehn Zweigstellen bestehen bereits. Die Hauptaufgabe der Zentrale ist also, die Organisation der Mutter- u. Säug­lingsfürsorge ist in Stadt und Land verschieden. Auf dem Lande handelt es sich in der Hauptsache um die Stillpropaganda, für die die Hebammen, Aerzte, Geistliche und besonders die gebildeten Frauen zu ge­winnen sind. In Gemeinden, die eine gewisse Größe erreicht haben, sind ärztliche unentgeltliche Berat­ungsstellen am Platz, wo die Mutter sich einen ärztlichen Rat darüber einholen kann, wie sie ihr Kind gesund erhalten kann; sie werden jetzt überall errichtet. Außerdem ist auf dem Lande eine geordnete Haus= pflege, Wöchnerinnenfürsorge, Pflege­finder- Ueberwachung von großem Nutzen. Diese ganze Organisation auf dem Lan­de ist Aufgabe der 3 weigstellen, die durch ihre Zusammensetzung dazu berufen und geeignet sind. Die Mitarbeit der Kranken- und Hauspflegerinnen, der Arbeiterschaft, die Unterstützung der Presse und die Ver­bindung der Säuglingsfürsorge mit der Tuberkulose, Krüppel-, Wohnungs- und Trinker- Fürsorge ist dabei wichtig. In den größeren Städten sind die Mutter Beratungsstellen ebenfalls die wich­tigsten Einrichtungen. Sie bestehen jetzt in allen grö­ßeren Städten des Landes mit steigender Frequenz ( Darmstadt 5-600 Besucherinnen, ebenso Mainz). Krip­pen, Stillfrippen, Stillräume, Säuglingspflege- u. Säug­lings Krantenanstalten, Schwangeren- und Wöchnerinnenfürsorge, Milchküchen unter ärzt= licher Kontrolle, eine richtig geleitete Propaganda, die Verbindung mit der Berufsvormundschaft sind weitere Mittel der Mutter- und Säuglingsfürsorge, die besonders in der Stadt wichtig sind.

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In schroffem Gegensatze zu dieser gelinden Heran ziehung der kleinen Einkommen zur Staatssteuer, die außerdem den Zweck hat, das Staatsbewußtsein in dem Betreffenden zu wecken und zu erhalten, steht die Be­steuerung der Armen und Aermsten durch die sozialde­mokratischen Gewerkschaftsbeiträge. Diese sind nicht et­wa freiwillige Beiträge, als welche sie die Sozialdemo­fratie hinstellt, sondern es wird bei deren Einziehung mit weit größerer Härte verfahren, als sie der Staat an­wendet. Hier achtet die Sozialdemokratie weder die von ihr geforderte Steuergrenze von 1200 Mark noch von 900 Mt., sondern erhebt, wie der Finanzminister ein­gehend nachwies, von halb und dreiviertel Arbeitsun­fähigen, die von den Gemeinden mit einem Tagelohn von 3 Mt. und weniger aus Mitleid beschäftigt den, um sie nicht der Armenpflege anheimfallen zu las Diese kurzen Angaben lassen schon erkennen, wie um- sen, als Mindestbeitrag 20 Mk., also rund das Dreiein­fangreich das Arbeitsgebiet der Zentrale und ihrer halbfache der Staatssteuern und steigert diese Beiträge Zweigstellen ist. Daß zur Weiterführung dieser Orga- bei den höheren Einkommen ganz erheblich. Selbst die nisation größere Mittel notwendig sind, niedrig gelohnten Arbeiter zahlen an den Verband wö­ergibt sich von selbst. Die Beteiligung aller sachverstän- chentlich 48 Pfg., und diese Summe steigert sich bei den digen Faktoren und insbesondere aller Aerzte Hessens besser gelohnten auf 1,40 mt., was im Jahre 24,96 an der Organisation bürgt dafür, daß die Mittel, die bis 72.80 Mt. ausmacht! Außerdem müßten die Ge­der Blumentag der Großherzogin bringen wird, zweck- werkschaftsmitglieder auch noch das Gewerkschaftsblatt mäßig verwandt werden. Die Großh. Zentrale ist auf und eine sozialdemokratische Zeitung halten. Allerdings diese Mittel angewiesen, da sie keinen baren Zuschuß seien sie nicht dazu ausdrücklich verpflichtet, aber man vom Staate erhält, die Zuschüsse von Gemeinden und kenne ja die sozialdemokratische Freiheit; wer es nicht Kreisen entfernt nicht ausreichen und sie es im übrigen der caritativen Vereine wegen vermeidet, 3 ahlreiche tue, dem gehe es schlecht. persönliche Mitglieder zu werben.

Wenn irgendeine Partei, so hat die Sozialdemokra­tie nicht das Recht, sich über den unsozialen Geist in Preußen und im Reiche zu beschweren. Allerdings wird von ihr darauf hingewiesen, daß die von ihren Orga­Vorgestern Montag nachmittag hat das provisorische Komitee für den Kreis Gießen im Regierungsgebäude nisationen erhobenen Beiträge zum Wohle der Gewerk­getagt, um mit den Vorarbeiten zu beginnen. Herr Pro- schaftsmitglieder ausgegeben werden, aber das geschieht vinzialdirektor Dr. Usinger legte dar, in welcher doch auch mit den in der Hauptsache von den höheren Einkommen aufgebrachten Staatssteuern, die sogar in Weise am 6. Mai der Blumentag geplant ist. Vor al­überwiegendem Maße für die breiten Massen verwandt werden. Die Sozialdemokratie hat die sozialen Leistun­len Dingen will man alle Bevölkerungskreise für den­gen des Deutschen Reiches nicht nur nicht anerkannt, selben interessieren, denn der Reingewinn kommt ja einem edlen Zweck zu gut. Demgemäß wurde auch sondern die betreffenden Gesetze sogar fast durchgehends abgelehnt. Sie kann sich auch nicht damit entschuldigen, die Zusammensetzung des erweiterten Komitees vorge­nommen. Beamte, Gelehrte, Arbeiter, Handwerker, Kauf- daß das in einer früheren Zeit geschehen sei, wo sie sich über die Tragweite der sozialpolitischen Gesetzgebung noch nicht klar gewesen sei. Denn erst kürzlich hat der leute, Militärs 2c. sind einbezogen und zwar nicht al­Sozialdemokratische Abgeordnete Leinert im preußischen lein aus der Stadt, sondern auch aus jedem Ort des find Abgeordnetenhause ausgeführt, die Versicherungsgesetze Kreises Gießen, der über 1000 Einwohner hat, brächten den Versicherten eigentlich gar keinen Nutzen. mehrere geeignete Herren und Damen dem großen Ko­Die schlimmste Sorge jedoch, die seit altersher auf den mitee angegliedert. Ist das Wetter am 6. Mai schön, armen Klassen gelastet hat, sind Krankheit und Arbeits­hat die Natur das junge frische Grün emporſprießen unfähigkeit des Familienoberhauptes und Ernährers der lassen, dann wird im ganzen Hessenland an diesem Ta- Familie gewesen. Diese Sorge ist zweifellos im Deut­schen Reiche durch die soziale Gesetzgebung von ihnen ge heller Jubel und reine Freude sein.

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 pig.

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Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

genommen, und zwar nicht nur durch von den Arbei­tern selbst erhobene Beträge, sondern vor allem auch dadurch, daß die Unternehmer zur Aufbringung dieser Beträge in erheblichem Maße herangezogen werden.

Ein Staatsbürger, der das nicht anerkennt, fann keinen Anspruch auf soziales Verständnis und sozialen Sinn erheben. Nicht anerkannt wird das aber heutigen Tages ausschließlich von den Sozialdemokraten, die sich an diesen in der ganzen Welt bewunderten sozialen Großtaten Deutschlands nicht beteiligt haben und sie auch heutigen Tages noch bekämpfen. Deshalb haben die Sozialdemokraten auch kein Recht, sich als Vertreter des sozialen Gedankens und als Freunde der Arbeiter aufzuspielen, ganz abgesehen davon, daß sie bei der 3wangserhebung ihrer Beiträge jeden sozialen Gedan­ken überhaupt vermissen lassen und sich als Ausbeuter zeigen, wie sie schlimmer kaum gedacht werden können.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 22. März

- Gießen. Festlegung des Osterfe= stes. Die Petitionskommission des Reichstages bean­tragte zu der Petition betr. Festlegung des Osterfestes folgende Resolution: Den Reichskanzler zu ersuchen, durch geeignete Maßnahmen dahin zu wirken, daß entsprech­end den Beschlüssen des Handwerker- und Gewerbetages und des deutschen Handelstages, die großen zeitlichen Schwankungen des Osterfestes beseitigt und das Oster­fest auf einen bestimmten Sonntag festgelegt wird.

*

Gießen. Der Evang. Pfarrverein im Großh. Hessen wird seine 21. Hauptversammlung am 9. und 10. Mai im Hotel Trapp zu Friedberg abhalten.

von

** Gießen. Ein Mann namens Rosolowski er­schien im Juli 1909 auf dem Polizeiamt Gießen und bezichtigte sich selbst eines in Berlin ausgeführten Dieb­stahls. Er wurde festgenommen, nach Berlin verbracht, widerrief dort in der Hauptverhandlung sein Geständ­nis und fand schließlich nach ärztlicher Untersuchung Auf­nahme in der Jrrenanstalt Herzberge, wo er ein Vier­teljahr verpflegt wurde. Der Ortsarmenverband Berlin verlangte Rückerstattung der entstandenen Kosten dem Landarmenverband Gießen, weil die Hilfsbedürf= tigkeit in Gießen hervorgetreten sei. Auf die Weiger­ung Gießens kam es zur Klage. Berlin erbrachte dann noch ein ärztliches Zeugnis, wonach der Unterstützte an zeitweise stärkeren geistigen Störungen leidet, infolge deren er sich u. a. der Ausführung von Straftaten be­zichtigt. Diese Zustände seien als Geisteskrankheit auf­zufassen und erforderten Anstaltsbehandlung. Gemäß §30b, Satz 2 des Unterstützungs- Wohnsitz- Gesetzes mußte der Provinzial- Ausschuß der Klage stattgeben.

** Büdingen. Im Dezember 1910 wurde auf dem Rinderbügerhof eine Kuh geschlachtet, die an Milz­brand litt. Die Krankheit übertrug sich auf den Metz­ger, der daran starb. Auch der Pächter des Hofes in­fizierte sich später, erkrankte schwer und behielt einen Herzfehler zurück. Bei der vorgenommenen Untersuch­ung stellte sich nun heraus, daß der frühere Pächter des Hofes eine Anzahl im Laufe der Jahre verendeter Tiere wahllos in der Nähe des Hofes in der Erde verscharrt hatte. Es war dabei nicht festzustellen, an welcher Krankheit die Tiere verendet waren. In Anbetracht der start großen Ansteckungsgefahr und der abschüssigen, wasserhaltigen Lage des Hofgeländes erließ das Kreis­amt Büdingen einen Polizeibefehl gegen den derzeitigen Pächter, in dem die Einfriedigung des gesamten Ge­ländes, auf dem Tierkadaver verscharrt worden waren, verlangt, der Weidegang der Tiere untersagt und noch eine Anzahl sanitätspolizeilicher Vorschriften getroffen wurde. Der Vertreter des Pächters erhob dagegen Re­furs an den Provinzial- Ausschuß, indem er nachzuwei­sen suchte, daß einmal nicht bewiesen sei, daß weitere ben Jahr, vorgekommen seien, außerdem aber auch die Fälle von Milzbrand, insbesondere in dem letzten hal­getroffenen Anordnungen zu weit gingen. Der Provin­zialausschuß verwarf die eingelegte Berufung kosten= pflichtig.

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Frankfurt, 16. März. Für das große avi­Baden Frank­atische Unternehmen in der letzten Maiwoche, für den 3uverlässigkeitsflug furt saßen gestern alle deutschen Flugmaschinenfabrikan­ten zu Rate. Es hat dies einen doppelten Zweck füllt: man hat den Leitern des Flugs wichtige Finger­zeige gegeben, sodann aber war sie für die Konstruk­teure insoweit von Wichtigkeit, als sie sich entschlossen, der Frage eines Zusammenschlusses näher zu treten. Den Vorsitz der Versammlung führte Prinz Heinrich von Preußen, ferner waren anwesend: Prinz Wilhelm von Sachsen- Weimar, der Vorsitzende des deutschen Luft­schifferverbandes, v. Nieber und Geheimrat Prof. Her­gesell. Die Konferenz erzielte in allen wichtigen Fragen