Ausgabe 
21.1.1911 Erstes Blatt
 
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in Gießen.

Gießener Zeitung

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( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. Erscheint jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83.-Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 18.

1. Glatt.

Aus dem Reichstag.

-- Der einige Liberalismus. Bei der zwei­ten Beratung des Zuwachssteuergesetzes bieten sowohl die nationalliberale Fraktion wie auch die Fortschrittliche Volkspartei ein ultiges Bild des Durcheinander. Bei fast jeder A b= stimmung, und solche fanden mehr den ein= hundert statt, stimmten stets ein Teil der Natio= nalliberalen dafür, der andere dagegen. Ganz genau so uneinig stimmte die Fort= schrittliche Volkspartei. Wäre jede Abstim­mung namentlich erfolgt, so hätte das ein unglaubliches Durcheinander von Kraut und Rüben" gegeben. Fraktionsgemeinschaft Wirtschaftl. Vereinig ung" stimmte bei allen Abstimmungen stets völ­lig geschlossen. Die liberalen Agitatoren wird aber diese Tatsache nicht abhalten, fernerhin in den Versamm­lungen zu falsch behaupten, daß die Abgeordne­ten der Wirtschaftl. Vereinigung uneinig" und die libe­ralen Abgeordneten einig" seien. So sind sie eben!

Aus dem Parteileben.

Die

§ Um das Erbe Köhlers scheint sich ein scharfer Kampf zu entspinnen. Dabei spielen die National liberalen, die in Oberhessen, außer bei den Akade­mikern und Beamten, so wird uns geschrieben, wenig Anhang besitzen, eine recht eigenartige Rolle. In ihrer bekannten Bescheidenheit hoffen sie wohl den Landtags= wie den Reichstagssiz, den Köhler inne hatte, für sich einzuheimsen. Da ihr Reichstagskandidat Prof. Gi­sevius von den Rechtsparteien nicht unterstützt wird, suchen sie den Bund der Landwirte für diese Kandidatur zu erwärmen. Fortwährend unterhandeln sie daher mit den hessischen Führern des Bundes. Interes­sant ist es aber, daß sie gleichzeitig auch mit den Freisinnigen in Unterhandlung stehen und nicht abgeneigt sind, sich mit diesen auf die Kandidatur des Prof. Biermann zu einigen und Prof. Gi= sevius fallen zu lassen. Für den Landtagswahlbe­zirk Köhlers haben die Nationalliberalen ihren Partei­angehörigen, Bürgermeister Fendt Hungen in Aussicht genommen. Schon vor einigen Tagen ist von der Gießener natlib. Geschäftsstelle ein anonymer, hektographierter Zettel an die Landtagswählmänner des Bezirkes Hungen Lich versandt worden, in dem Bürgermeister Fendt als Kandidat empfohlen wird. So sucht man auf der einen Seite die Unterstützung des Bundes für die Reichstagswahl zu erhalten, andererseits aber sucht man dem Bund ein ihm sicheres Landtags= mandat aus den Händen zu spielen und auch dieses für die natlib. Partei einzustecken. Werden denn bald die hessischen Führer des Bundes der Landwirte erkennen, welch' doppel tes Spiel die Nationalliberalen mit ihnen treiben?

Sozialdemokratische Wahlhilfe für Konservative.

Durch die freisinnige Presse geht folgende, bis heute unwidersprochen gebliebene Meldung:

Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei- Amtes sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Samstag den 21. Januar 1911

servativ! Und im Kreise Wetzlar tun die Sozialde­mokraten, als wenn konservativ wählen für Nichtkonser vative ein Verbrechen sei. Die sozialdemokratische Agi­tation ist doch recht unwahrhaftig!

*

Reichstagswahlvorbereitungen.

Als Termin der Reichstagswahlen bezeichnet eine Berliner Korrespondenz den 28. Novbr. Wenigstens sei dieser Tag an maßgebender Stelle ins Auge gefaßt worden. Das sei jedenfalls sicher, daß in den letzten Tagen des Monats November die Entscheid­ung fallen werde.

Lokal- Dachrichten.

wird

-h= Lahnkanalisation. Aus Berlin uns gemeldet, daß der 19er Kommission( Schiffahrtsab­gaben) des Reichstages die auf die Kanalisation der Lahn( Gießen Rhein) bezüglichen Materialien von der Reichsregierung vorgelegt worden sind.

* Der Adel. Das Großherzogtum Hessen gehört zu den wenigen deutschen Bundesstaaten, in denen der Adel bei Besetzung der höheren Verwaltungsstellen keine Vorrechte genießt. Von den 3 Ministern sind 2 bürger­licher und 1 adeliger Abkunft, von 14 Ministerialräten sind nur 2, von 18 Kreisräten nur 3 adelig. Also un­ter den 35 höheren und höchsten Verwaltungsbeamten nur 6 Adelige.

)( Gießen. Der am Landgericht Gießen ange= stellte Gerichts diener Franz Andres wurde zum Kanz­leidiener bei diesem Gericht ernannt.

-g- Gießen. Heinrich Knote, der gegenwär­Stimme an Glanz nur noch von der Carusso's über­tig als der erste Wagnertenor der Welt gilt und dessen troffen wird, hat für den Wagner- Liszt- Abend am 30. Januar, der im Stadttheater stattfindet, eine ganz er= lesene Auswahl getroffen. Er wird zum Vortrag brin­gen aus den Meistersingern Am stillen Herd" und das Preislied" Morgenlicht leuchtend", aus Lohengrin die Gralserzählung In fernes Land, unnahbar" und aus der Wallküre Sigmund's Liebeslied Winterſtürme wi­chen dem Wonnemond". Ebenso auserwählt ist das Klavierprogramm des Hofpianisten Ernst Riemann, der von Liszt die Fantasie quasi Sonate( apres unelekture de Domte), die Wasserspiele der Villa d'Este, Sposalizis und die Polonaise Nr. 2 in E- dur spielen wird. Die Preise sind so billig gehalten( von 75 Pfg. an), daß auch minderbemittelte Kreise sich diesen außergewöhn= lichen Genuß verschaffen können.

-m- Krofdorf. Bei der ersten Holzversteigerung aus dem Schutzbezirk Waldhaus( Sauerhege und Lich tenberg) am letzten Dienstag wurde Brennholz sehr begehrt. Buchenscheit zahlte man durchschnittlich mit 9 Mark, Buchenknüppel mit 7 Mark und Reisigholz mit 1 Mark pro Raummeter. Die am gleichen Tage in Wismar stattgefundene Holzversteigerung aus den Distrikten Reitzensteinerwald und Kennelsheck brachte durchschnittlich normale Preise; erstklassiges Buchenscheit­holz wurde per Rm. bis 10 Mark bezahlt. Es waren viele Käufer aus Ruttershausen, Lollar und Marburg anwesend.

Rodheim a. d. B. Unser Gastwirtever­band Krofdorf- Rodheim feierte am Donnerstag zu Fel­lingshausen im Rupp'schen Saale sein Winterfest. Der Vorsitzende Gastwirt Bender von hier hielt eine treff liche Ansprache und händigte den Kollegen Stort­Rodheim und Schlierbach- Bieber, die jetzt 25 Jahre als Gastwirt tätig sind, mit besten Glückwünschen Dip­lome aus. Die ganze Feier war recht nett.

*

aus

Langgöns, in Washington; Philipp Klotz, 64 J., aus Lampertheim, in Chilicothe; August Marrhausen, 77 J., in Detroit; Joh. W. Schaum, 54 J., in Milwaukee.

Ein interessantes Zugeständnis wurde am Sonntag im Wahlkreise Sagan- Sprottau, in Küpper, dem Wohn­ort des konservativen Reichstagsabgeordneten v. Bolko, in einer konservativen Wählerversammlung gemacht. Dem Abg. v. Bolko war am Mittwoch vorher in einer geg= nerischen Versammlung der Vorwurf gemacht worden, daß er sich im Jahre 1907 die Stichwahlhilfe der so­zialdemokratischen Partei gegen seinen fortschrittlichen Ri­valen durch das Versprechen, gegen alle indirekten Steu­In Amerika gestorbene Hessen. Ph. ern zu stimmen, gesichert, aber sein gegebenes Wort nicht Köhler, 78 J., in Troy; Heinrich Horn, 64 J., aus gehalten habe. Nach dem Bericht des Sagan. Wochen- Schlierbach, in Dayton; Johann Herbel, 82 J., blattes" hat Abg. v. Bolko diesem Vorwurf gegenüber erklärt, daß er seinerzeit infolge der Anstrengungen bei der Wahlbewegung erkrankt sei und in diesem Zustande Herrn Häckel( den Führer der Sozialdemokraten in Sa­gan- Sprottau), welcher ihn freiwillig auf­gesucht, empfangen habe. Er habe Erklärungen ab­gegeben, aber nie daran gedacht, daß man daraus spä Daß die ter einen Strick gegen ihn drehen wolle. Erklhrungen befriedigende" gewesen sind, beweist der Umstand, daß der Sozialdemokrat Häckel seine Partei genossen in Sagan- Sprottau zur Wahl des erzkonserva­tiven Abg. v. Bolko ausgefordert hat, der denn auch tatsächlich mit Hilfe der Sozialdemokraten gewählt wurde, obwohl er mit einem Freisinnigen in Stichwahl stand."

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Das ist ja interessant, also der Führer der Sozial demokraten bietet den Konservativen Wahlhilfe und die Genossen wählen dann prompt kon­

* Aus dem oberen Vogelsberg. Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, beabsichtigt die Gewerk­schaft Vogelsberg, mit dem Sitz in Gießen, welche im Jahre 1908 Schürfungen in vielen Gemart­ungen des Vogelsberges unter Leitung des Herrn Berg- Ingenieurs Wilhelmy vornehmen ließ, im Laufe dieses Frühjahres ihren Bergwerksbetrieb in den Ge­markungen Hartmannshain, Herchenhain und Sichen= Wie weiter verlautet, beabsich­hausen zu eröffnen. tigt Obermedizinalrat Dr. Fischer aus Darmstadt, ein Landhaus, wozu Herr Baumeister Renles den Plan angefertigt hat, auf der Herchenhainer Höhe, am sogen. Lamberg, am Rande des Oberwaldes zu erbauen. Die Vergebung der Bauarbeiten soll demnächst erfolgen.-

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( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

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Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Seit Eröffnung der Vogelsbergbahn werden die wildrei­chen Wälder unseres Gebirges auch von Jägern aus der Ferne( Frankfurt und Gießen) bevorzugt und haben sich die Pachtsummen mancher Gemeinden, deren Jagdgebiete von der Bahn bequem zu erreichen sind, bedeutend gesteigert, ja mitunter verdoppelt.

-m Schliz. Am 11. Januar fand in der Turnhalle dahier eine Versammlung der Mitglieder sämtlicher Fest­ausschüsse des diesjährigen Gauturnfestes statt. Der Besuch war ein äußerst zahlreicher. Vorbehaltlich der Genehmigung des Gauausschusses wurde das dies­jährige Gauturnfest auf Sonntag, den 9. Juli gelegt. Der Graf von Schlitz hat das Protektorat übernommen, während Bürgermeister 3inßer von Schlitz zum 1. Fest­präsidenten und Oberamtsrichter Geh. Justizrat Wahl in Schlitz zum 2. Festpräsidenten ernannt wurde. Die einzelnen Ausschüsse wählten ihre Vorstandsmitglieder, bestehend in dem 1. und 2. Vorsitzenden sowie dem Schriftführer und war somit die Tagesordnung der heu­tigen Versammlung erschöpft.

Bad Nauheim, 18. Jan. Wiederum iſt einer hingeschieden, welcher die Feldzüge 1866 und 1870 und 1871 von Anfang bis Ende mitgemacht hat: Metz­germeister und früherer Gastwirt Heinrich Klinker­fuß 2. Als Zeugführer der Trainkompagnie hat der Verstorbene die furchtbaren Strapazen an der Loire, bei Orleans, Briare 2c. mitgemacht. Bei letzterem Orte war die Bagage- Kompagnie zwischen dem Fluß und dem Eisenbahndamm von Franttireurs vollständig einge­schlossen, nur durch einen Viadukt war ein Entkommen möglich, und daß dieses gelungen, ist nicht am wenig= sten dem Verstorbenen zuzuschreiben. Wer ihn kannte, wird dies begreifen! Mit dem Entschlafenen ist ein Mann heimgegangen, welcher in seiner rauhen Schale einen guten Kern barg.

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Friedberg. Gegen 200 Hausbesitzer mußten hier mit Strafmandaten zu je 2.10 Mark bedacht wer­den, weil sie versäumt hatten, die Straße vor ihrem Hause reinigen zu lassen.

* Weikartshain. Hier fand am letzten Sonn­tag unter Beteiligung der gesamten Einwohnerschaft die feierliche Einweihung der neuerbauten Hochdruckwasser­leitung statt, die von dem Gruppenwasserwerk im Lumdatal, der sogenannten Dieberg- Gruppe, gespeist wird. Das Projekt ist von Herrn Kreisbauinspektor Bau­rat Diehm.

Schotten. Zu Mitgliedern der Handelskammer wurden gewählt die Kaufleute Georg Rockemer und K. Wendeberg.

* Kirchhain. Die Eheleute Tarnow in Ham­burg haben für die Armen der Stadt Kirchhain 20 000 Mark vermacht.

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Hanau. Wegen Gefahr der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche hat der Regierungspräsident in Kassel jetzt auch die Abhaltung des auf den 1. Fe­bruar angesetzten 3ucht- und Fettviehmarktes verboten.

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Rüsselsheim. Bei Aufräumungsarbeiten im Gemeindewald stieß man auf Fundamente, die zweifel­los einem römischen Wachtgebäude angehörten.

* Mainz. Im Vorstandsausschuß des Verkehrs­vereins wurde u. a. beschlossen, mit allen Mitteln ge= gen die Einführung der Billettsteuer zu kämpfen.

Kassel. Eine bedauerliche Einschränkung wird die diesjährige gern erwartete Wanderausstell ung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in Kassel erfahren. Wie die D. Landwirtschafts- Gesellschaft bekannt gibt, soll wegen der Gefahr der Verbreitung der Maul­und Klauenseuche sämtliches Klauenvieh( Rin­der, Schafe, Ziegen, Schweine) von der Ausstell­An Tieren ung ausgeschlossen werden. werden daher in Kassel nur Pferde, Geflügel, Kanin­chen, Fische, Schäferhunde, Bienen ausgestellt werden. Dafür soll aber angestrebt werden, u. a. durch Vermehr­ung der Preise, eine möglichst umfangreiche Beschickung der übrigen Abteilungen herbeizuführen.

* Darmstadt. Eine Submissionsblüte, wie sie doch zu den Seltenheiten gehören dürfte, ist bei der Vergebung von zweimaligem Delanstrich von 1115 Ton­nen Eisenkonstruktion auf dem hiesigen Bahnhof zutage 44 600 Mt., während die Firma Jos. Schmitt u. Sohn gefördert worden. Die Firma Hahn von hier fordert aus Frankfurt mit 4014 Mark zufrieden ist.

Holzverkäufe u. Versteigerung. mittags 10 Uhr, in der Schlierbach'schen Wirtschaft zu Oberförsterei Strup bach. Montag, 23. Januar, vor­Bieber.