Ausgabe 
20.3.1911 Erstes Blatt
 
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Langer Mankel,

Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mif., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den giveig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Wit.- Grscheint jeden Werktag früh. Die umoristischen Blätter" Redaktion: liegen wöchentlich einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 67.

Telephon: Nr. 362.

Die Fortschrittliche Volkspartei gegen die Sozialdemokratie

Enthält alle amfl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei

des Großherzoglichen Polizei- Amtes sowie vieler anderer Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.

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selbst,

In dem Augenblicke, wo die Fortschrittliche Volks­partei in Gießen Nidda sich mit sehr entschiede­nen Ausdrücken für die Unterstützung des Sozialdemo= fraten bei der Stichwahl einlegte, sah sich der Reichs= tagsabgeordnete D. Naumann genötigt, im Wahl­freise Teltow- Beeskow zum Kampfe gegen die Ge­nossen" aufzurufen. Schon zu lange sei der Wahl= freis sozialdemokratisch vertreten gewesen, also durch eine Partei, die die reine Negation zum Prinzip hoben habe. Wir werden uns deshalb mit der Sozial­demokratie hier( Teltow) vor allem auseinandersetzen müssen, und wenn diese Auseinandersetzung auf eine schärfere Tonart abgestimmt sein sollte, so ist niemand anders daran schuld, als die Sozialdemokratie die in ihrer Presse und in ihren Versammlungen die Liberalen als eine Herde von Dum m köp­fen und Feiglingen hinstellt und in der schlimm sten Tonart sie beschimpft. Die Auseinandersetz ung wird sich aber nicht auf diese Frage des Anstan= des allein beschränken dürfen; wir werden vielmehr auch den prinzipiellen Auffassungen der Sozialdemokratie be­züglich des Klassenkampfes zu Leibe gehen. Es ist ganz undenkbar, daß die politischen Formationen nur den Begriff Klasse" aufgebaut sein können. Wo bliebe denn da das Volk, das gemeinsame Ganze, wenn alle materiellen und geistigen Güter einer Nation wie der deutschen abgemessen und verwaltet werden wollten nur nach Gesichtspunkten der Klasse? Der Klassenbegriff wirkt zersetzend, vor allem aber hindert er, und das müßten die Sozialdemokraten doch selbst einsehen, die Parlamentarisierung; denn ein Parlament ist eben eine Mischung der verschiedenartigsten Kräfte der Nation, die nicht nur materieller Natur sind; deshalb kann eine par­lamentarische Mehrheit, die sich nur auf ein Klassenin­teresse gründet, gar nicht bestehen. Eine Mehrheit, die Bestand haben will, muß sich an den nationalen Ge= danken und die Geschichte der Nation halten; eine Par­

auf

tei aber, die diesen geſchichtlichen Sinn nicht hat, ist nicht fähig, eine Führerrolle im Volke zu spielen. Wir erstreben einen Ausgleich der Interessengegensätze, die Sozialdemokratie ihre Verschärfung."

Man muß zugeben, so meint die Nordd. Allgem. 3tg." mit Recht, daß hier die ominiösen Gie= Bener Töne nicht wiederzuerkennen waren, und es war interessant, daß ein ungemein lebhafter Beifall der Versammelten alle diese Ausführungen begleitete.

( Haus Brüder Schmidt.)

Montag den 20 Wärz 1911

Aus Stadi und Land.

Gießen, den 21. März Beschwerden wegen unregelmäßi= ger Zustellung der Zeitung wolle man u n- verzüglich( nicht erst einige Tage nachher) bei der Geschäftsstelle vorbringen. Es wird dann sofort für gründliche Abhilfe gesorgt werden.

* Gießen, 21. März. Die allgemeine Fort= bildungsschule wurde vom Oktober 1910 bis März d. Js. von 440 Schülern besucht.

g- Gießen. Der Verbandstag Hess. Privat­Architekten findet dieses Jahr am 8., 9. und 10. April in Gießen statt. Mit dieser Tagung beginnt eine Verbandsausstellung von architektonischen Entwür­fen, welche bis Ende April geöffnet bleibt und den Ent­wicklungsgang der in Hessen gepflegten Architekturen dar­stellen soll. 3ahlreiche Anmeldungen aus allen Teilen des Großherzogtums liegen vor und verspricht die Aus­stellung ein übersichtliches Bild der gegenwärtigen Kunst­richtung zu ergeben.

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Gießen, 21. März. Heute abend 7 Uhr hält der kalendermäßige Frühling seinen offiziellen Ein­zug. Es herrscht aber keineswegs warmes Frühlings wetter. Das flüssige Metall des Thermometers ist nach ein paar linden Tagen wieder bedenklich gefallen, sodaß der Winterpaletot nach wie vor das Feld behauptet. Manch frühe Blume wird noch unter den eisigen Nacht­frösten erstarren müssen, bis der wirkliche Frühling ein­gekehrt ist.

Gießen, 21. März. Ueber den Frühling des Jahres 1731 berichtet eine alte Chronik fol gendes: Dieser Frühling war ein großer Jammer un­ter Menschen und Vieh. Kein Heu war zu haben, kein Korn, keine Gerste, außerdem fehlte es an Geld. Jm Darmstädtischen, Stolbergischen und senburgischen war noch etwas Korn und Gerste zu bekommen, allein der Landesherr hatte bei hoher Strafe verboten, daß nichts außerhalb des Landes verkauft werden durfte. Nach Hanau kamen, als viele Menschen vor einer Hungers­not standen, Schiffe mit Korn und Gerste den Main strom herauf. Der Schnee lag bis in den April hinein, ebenso dauerte die Kälte lang an. In der ganzen Wet­terau war das Korn ausgewintert. Alle Felder, die im Herbste 1730 besäet waren, mußten umgeadert und frisch bestellt werden."

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( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pig.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Baum auswärts 20 Bfn.; die 90 mm breite Petitzeile im Reflame teil 50 Pig., auswärts 60 Pig: Tabellen mit 50% Ausschlag. Ertrabeilagen werden nad) Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichleit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

legen, eine Bahn wohl nie bekommen werden, so ist die Gemeinde Ober- Mörlen mit einem Vorschlag her­vorgetreten, sie hat die Oberpostdirektion Darmstadt er­sucht, eine Automobilpost einzurichten. Sie soll von Bad Nauheim über Ober- Mörlen nach Ziegenberg gehen. Von dort aus soll sie über die Taunusdörfer Fauerbach und Hochweisel nach Niederweisel und wieder zurück­führen. Hierdurch würden alle Dörfer im Umkreise Ver­bindung nach einer Eisenbahnstation der Main- Weser­bahn erhalten. Selbstredend müssen die Gemeinden auch Opfer bringen und werden das auch tun.

Wetzlar, 21. März. Gerichtsvollzieher Loren scheit von Runkel wird zum 1. April nach hier versetzt. Reichstagswahlvorbereitungen.-g= Mudersbach, 21. März. Zu dem Todes­Mainz, 17. März. Aus nationalliberalen Ver- fall aus Erda teilen wir mit, daß der Verstorbene nicht trauensmännerkreisen wird mitgeteilt, daß die zwischen Johannes Brück, sondern Johannes Schneider heißt. Zentrum, Bund der Landwirte und Nationalliberalen vereinbarte rechts nationalliberale Kompromißkandidatur Dr. Becker Sprendlingen von der Berliner Zentral leitung der nationalliberalen Partei nicht bewil ligt wurde und deshalb von dort aus keinerlei offi­zielle Unterstützung in der Wahlagitation zu erwarten Dermbach. Als der Bullenhalter aus Wie­habe. Dr. Becker ist bekanntlich aus den in der Berlisenthal nach dem Stall tam, hatte sich der Bulle los= ner Parteileitung innegehabten Ehrenämtern ausgeschie- gemacht und stürzte sich auf den Eintretenden. Dieser erlitt schwere Verletzungen.

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* Mainz, 16. März. In einer nationalliberalen Parteiversammlung sprach gestern Abend Reichstagsabg. Stresemann über die politische Lage. In etwa 2- stündiger Rede rechtfertigte der Redner die Haltung der nationalliberalen Reichstagsfraktion seit den Tagen der Blockära und trat den Angriffen des Frhrn. v. Heyl gegen den Führer, Reichstagsabgeordneten Bassermann, entgegen, unter dessen Leitung die Partei eine Linksschwenkung vollzogen habe.

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Mein Manu un ins Gewerkschaftsbans, sonst bekommt er nichts zu essen". Sollte man einen solchen Unverstand von einer Gießener Frau und Mut­ter mehrerer Kinder sich denken. Und doch ist's so. Ge= radezu roh muß diese Handlungsweise genannt den, wenn man weiter hört, daß sie ihren Mann erst 100 dazu gezwungen hat, sich von seinem Arbeitgeber Mark zu leihen. Er hat das Geld unverzinslich bekom­men, kann es zurückzahlen ganz nach Belieben und nun da die betreffende Firma von den Sozialdemokra= ten boykottiert wird- hält der Mann es für seine Dankespflicht, dem Gewerkschaftshause fern zu bleiben. Anders die Frau! Was würde die Frau sagen, wenn ihr der Mann gehorchte und er dann, von seinem Wohl­täter entlassen, wochenlang ohne Arbeit seine Kinder ( die Frau darf man in diesem Falle nicht mit einbe­ziehen) ohne Brot sind?

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-m Biedenkopf, 17. März. In unserem Kreise macht das Feuerlöschwesen erfreuliche Fortschritte. In­nerhalb weniger Jahre sind 10 Wehren neu gegründet worden. Das diesjährige Bezirksfest soll in Rodheim abgehalten werden.

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Weil münster, 17. März. Bei dem gemel deten Einbruch in die Stationsgebäude in Ernsthausen und Essershausen nahm der Dieb auch ein Fahrrad und einen Mantel des Vorstehers Wolf in Ernsthausen mit. Gestern erhielt der Bestohlene beides zurück. Das Rad tam von der Station Anspach per Fracht, während der Mantel von Frankfurt per Post abgesandt wurde.

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Soden- Salmünster. Das Sanatorium Stolzenberg hat die Zahlungen eingestellt.

* Buzzbach, 17. März. Bei der heutigen Wahl des zweiten Beigeordneten siegte Joh. Jakob Heil mit 221 Stimmen.

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* Offenbach, 18. März. Die Diebstähle un­ter der hiesigen Jugend mehren sich in erschreckender Weise, jede Woche hat die Polizei mehrere angeschul­digte Burschen zu vernehmen. Jetzt ist wieder eine Einbrecherbande, bestehend aus 12-13jährigen Schü­lern festgenommen worden. Sie brachen sogar bei ihrem Lehrer ein, dem sie eine Anzahl Würste stahlen. Im Stadtgarten erbrachen sie die Tür zur Rollschuhbahn und stahlen eine größere Anzahl Rollschuhe und son­stige, ihnen wertvoll dünkende Gegenstände.

Friedberg, 17. März. Gerichtsschreiberaſpi­rant Friedrich Philipp Döll von hier, der in vielen Fällen fingierte Gerichtskostenrechnungen verwendet und die vereinnahmten Gelder zu eigenen Zwecken verwandt hat, ist wegen Betrug verhaftet worden. Er wurde in Darmstadt, wo er sich nach seiner Entlassung bei seinen Schwiegereltern aufhielt, verhaftet.

* Worms. Eine unnatürliche Mutter ist die Ehe­frau eines hiesigen Schlossermeisters. Sie sperrte ihren 12jährigen, unehelichen Sohn in den Hühnerstall und gab ihm nahezu 8 Tage lang nur Wasser und Brot.

* Schotten, 21. März. Das hessische Lehrer heim im Vogelsberg, das während der Wintermonate geschlossen war, hat mit Beginn des Frühjahres seine Pforten wieder geöffnet.

* Worms, 16. März. Lehrer und poli­tische Ausbildungskurse. In einer Verfüg­ung an die Kreisschulkommission hat das Ministerium des Innern angeordnet, daß eine Beurlaubung von Lehrern zur Teilnahme an politischen Ausbildungskur­sen nicht stattfinden darf. Dieser Erlaß ist hervorgerufen durch die im Herbst v. Js. erfolgte Beurlaubung dreier Wormser Volksschullehrer zur Teilnahme an dem vom Reichsverband gegen die Sozialdemokratie veranstalteten Kurse in Berlin.

!! Ober Mörlen. Da die projektierte Bahn Nauheim- Usingen in den nächsten Jahren wohl nicht ausgeführt wird, eine Anzahl reicher Dörfer unserer Um­gebung, an den Vorhöhen des nördlichen Taunus ge­

Darmstadt. Die 3 weite Kammer tritt zu ihrer 99. Sizung kommenden Dienstag, den 28. März, vormittags 10 Uhr zusammen. Auf der Tages­ordnung stehen u. a. folgende Punkte: der Antrag der Abgg. Ulrich u. Gen., obligatorische staat- liche Mobiliarversicherung; der Antrag des Abg. Ulrich u. Gen., die nationale Einheits­schule; die Vorstellung der Deutschen Turnerschaft und anderer Körperschaften, die Pflege der Leibesübungen im 14. bis 18. Lebensjahre; der Antrag des verstorbenen Abg. Köhler, Schulferien; die Anfrage des ver­storbenen Abg. Köhler, die Automobilmorde von Ober­mörlen und Dietzenbach und ihre Sühne; die Anfrage der des Abg. Wolf- Stadecken, die Nebenbeschäftigung Volksschullehrer als Rechner ländlicher Genossenschaften. *) Darmstadt, 19. März. Bis zum Reforma­tionsjubiläum( 31. Oktober 1917) will man hier eine neue Kirche, der man den Namen Reformati= onskirche e geben will, errichten.

Darmstadt, 18. März. Die 8. Hauptver= sammlung der Hessischen Landwirtschaftskammer begann Freitag vormittag im Sizungssaale der Zweiten Kam­mer. Vizepräsident Bähr eröffnete die Sizung mit einer Begrüßung der Regierungsvertreter und widmete dann den beiden verstorbenen Mitgliedern Schuch- Schwaben­heim und Köhler- Langsdorf einen warmen Nachruf. Minister des Innern von Hombergt sprach den Wunsch aus, daß Handel, Industrie und Landwirtschaft ein­mütig zusammenarbeiten mögen. Als Freund der Land­wirtschaft gab er der Kammer den guten Rat, daß sie sich bei ihren Beschlüssen von weiser Sparsamkeit leiten lassen möge. Besonders bei Beratung der der Kammer die vorliegenden wichtigen Gesezentwürfe möge man Ansprüche für die Entschädigung bei der Maul- u. Klau­enseuche nicht zu hoch stellen, da weitere als die von der Regierung in Aussicht gestellten Mittel nicht zur Ver­fügung stehen. Der Vorsitzende dankte der Regierung, daß sie trotz der ungünstigen Finanzlage die nötigen Mittel für die Landwirtschaft zur Verfügung gestellt habe. Hierauf erstattet der Vorsitzende den eingehenden Tätigkeitsbericht pro 1910, aus dem die vielseitige Tä­tigkeit der Kammer auf allen Gebieten hervorgeht. Mit­glied Weith- Nieder- Wöllstadt beschwerte sich, daß sein Antrag wegen Bekämpfung der Mäuseplage nicht hin­reichend die Unterstützung des Vorstandes gefunden habe. Ungerecht sei es auch, die Kosten des Giftes den Grund­besitzern aufzuerlegen. Der Vorsitzende teilt mit, daß der Vorstand sich nach den gesetzlichen Bestimmungen, auf die sich die Regierung berufe, habe richten müssen. Eine Abänderung kann nur durch eine Gesetzesänderung ge­schehen. Dekonomierat Leithiger erklärt, daß der Vor­stand der Kammer alles getan habe, was möglich sei. Man habe auf die frühzeitige Bekämpfung der Mäuse­plage rechtzeitig in der Zeitschrift aufmerksam gemacht. Die Regierung sei bereit, allen Wünschen entgegenzu­tommen.