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Eine Schredensfahrt im Ballon. Freitag abend riß sich In Dork in England ein Geffelballon, der mit acht Per­fonen besetzt war, los und ging 15 Kilometer entfernt nie­der. Die Paffagtere sprangen unter großer Gefahr heraus und entkamen mit heftigen Erschütterungen und leichten Berlegungen. Der Ballon flog davon.

Ein leichtfertiger Schüße hat in dem westfältschen Orte Mork bei Hamm großes Leid über zwei Familien gebracht. Dieser, ein junger Bechenarbeiter, legte im Scherz mit einem Gewehr auf eine Schar spielender Kinder an. Ein Schuß ging los und zwei Knaben im Alter von 7 und 4 Jahren wurden von der vollen Schrotladung getroffen und verstarben. Der Täter wurde verhaftet.

Einen Patienten vergiftet. Der Arzt Dr. Nawitsch in Petersburg wurde unter dem Verdacht, einen Patienten vergiftet zu haben, um 25 000 Rubel Versicherungsgeld zu erlangen, verhaftet. Dte Affäre erregt in Petersburg gro­Bes Auffehen.

Dolkswirtschaftliches.

Lehrlingsnot. Im Monat April konnte an den öffent­lichen Nachweisen noch nicht einmal die Hälfte des Bedarfs an Lehrlingen befriedigt werden. Es tamen bet männlichen und weiblichen Lehrlingen zusammen auf je 100 offene Stellen durchschnittlich nicht ganz 48 Arbeitsuchende! Bet Lehrlingen aller Art stellte sich der Andrang im Durch schnitt auf 44,7, bei Lehrmädchen betrug er 74,0. Das An­gebot von Lehrmädchen ist demnach nicht ganz so unge­nügend wie bei Lehrjungen. Vornehmlich in Schlesien, Bayern, Württemberg und Baden besteht zwischen Ange­bot und Nachfrage männlicher Lehrlinge ein krasses Miß­verhältnis.

Vermischtes.

Vor dem Jahndenkmal auf dem Turnplatz in der Hasenheide bei Berlin ist jetzt von den Berliner Turn­gauen der schon erwähnte große Granitfindling aufgestellt worden. Er hat auf der Vorderseite in Goldbuchstaben folgende Inschrift erhalten: 3ur Erinnerung an die Sundertjahrfeier der Eröffnung des ersten Turnplages in der Hasenhetde durch Friedrich Ludwig Jahn im 50. Jahre nach der Grundsteinlegung seines Denkmals errichtet von den Berliner Turngauen 17. Juni 1911".

Ein Bayernschädel. In Ruderting in Niederbayern brachte ein Dienstknecht seine Meinungsverschiedenheit mit einem Maurer im Wirtshause dadurch in landesüb­licher Weise zum Austrag, daß er seinem Opponenten sein Salbliterglas an den Kopf warf. Das Glas zersprang, und der Getroffene trant dann gemütlich weiter.

Ein erschütterndes Drama auf einem Dorfkirchturm wird aus Juniville bei Reims gemeldet. Dort nahm der Dachdeckermeister Turpin mit einem 60jährigen Arbeiter namens Reigen eine Reparatur an der Turmuhr vor, als plöglich der Arbeiter, vom Schwindel erfaßt, niedersant und hinabgestürzt wäre, wenn Turpin ihn nicht noch im letzten Augenblick bei den Kleidern ergriffen und über dem Abgrunde festgehalten hätte. Aber seine Kräfte ver­sagten allmählich und seine Hilferufe wurden von den Dorfbewohnern nicht vernommen; schließlich gab der Arm unter der Last nach, die Hände Iteßen los und der unglück­liche Reigen stürzte aus einer Höhe von 20 Metern auf das Pflaster, wo er tot aufgehoben wurde.

Ein Hotel in Neuyor! von Räubern überfallen. Ge­ftern morgen drangen am hellen Tage acht mit Revolvern Bewaffnete in das Hotel Royal am Broadway, der beleb­testen Straße der Metropole ein, bedrohten die Hotelange stellten, plünderten den offenen Kassenschrank und eilten mit der geraubten Summe davon. Die Hotelbeamten wa ren von dieser ungeheuren Frechheit so üherrascht, daß ste sich im ersten Moment ganz passiv verhielten; als sie sich endlich aufmachten, hatten die Räuber schon das Hotel ver­lassen. Als diese sich verfolgt sahen, machten sie von ihren Waffen Gebrauch und verwundeten mehrere Personen; trotzdem ihnen Polizei auf den Fersen war, gelang es doch sechs von ihnen, zu entkommen; nur zwei konnten ver­haftet werden.

Von der Schloßherrin zur Diebin. Ein trauriges Ge= schick hat die Frau eines in Rußland einst vielgefeierten Cellisten ereilt. Das Ehepaar hatte sich ein großes Ver­mögen erworben; fast zwei Jahrzehnte lebten beide in einem prächtigen alten russischen Schloß. Mit dem Reich­tum des Künstlers, der ebenso wenig wie seine Frau haus­zuhalten verstand, sollte es aber wieder zu Ende gehen. Er mußte wieder zum Wanderstab greifen und von neuem Konzerttourneen unternehmen. Schließlich landete er in Berlin und kaufte in Pankow einige Grundstücke an der Maximilianstraße. Der Alkohol, dem der Künstler seit mehreren Jahren verfallen war, brachte ihn immer mehr zurück, und es dauerte nicht lange, da mußte er die Grund­stücke wieder verkaufen. Nach seinem Tode befand sich die Frau in der größten Armut. Sie suchte Trost im Genuß von Alkohol. Gestern wurde die ehemalige Schloßherrin beim Holzdiebstahl in der Schönholzer Heide abgefaßt.

Eine waghalsige Seereise. Einer Neuyorker Meldung zufolge hat soeben Thomas Day mit zwei couragierten amerikanischen Begleitern von Providence im Staate Rho­des Jsland aus auf seiner winzigen 5,70 Meter langen Jacht die projektierte abenteuerliche Reise nach Rom und von hier längs der Atlantischen Küste weiter nach London angetreten. Die Miniaturfacht, die den Namen Sea Bird" führt, hat eine hundert Quadratmeter wenig überragende Segelfläche und ist mit einem dret Pferdekräfte indizieren­den Motor ausgerüstet, der aber nur im Falle der Not in Betrieb gesetzt werden soll. Einschließlich der Mannschaft und der Vorräte an Proviant, Wasser und Heizmaterial befördert das Boot eine Last von nicht mehr als 1200 Kilo­gramm. Dan gedenkt die 2200 Meilen bis zu den Azoren in einer Tour zu machen und von hier über Gibraltar durch die Bonifaziusstraße nach Rom zu gelangen. Man nimmt an, daß die Reise 40 Tage in Anspruch nehmen wird. Die Sea Bird" ist zwar mit großer Sorgfalt konstruiert und durchaus seetüchtig, trotzdem aber erachteten die Sachkun­digen, die der Abfahrt betwohnten, das Unternehmen als ein tollfühnes Bravourstück, das bei stürmischem Wetter Day und seine Gefährten mehr als einmal in Lebensgefahr bringen dürfte. Und die wagemutigen Reisenden bekamen auch kaum, daß ste auf See waren, schon einen Vorgeschmack von dem, was sie erwartet. Sie hatten sofort mit einem heftigen Sturm zu kämpfen, der die winzige Nußschale, die den Kurs nach Europa nahm, wie einen Strohhalm auf den Wellen tanzen ließ.

Vom Trauzeugen verhaftet. Von einer ungewöhnlichen dramatischen Szene auf dem Standesamt weiß ein Lon­doner Blatt aus dem kleinen Schweizerstädtchen Burgdorf im Kanton Bern zu berichten. Hier wurde einem jungen Paar auf dem Standesamt die unangenehme Ueber­raschung, daß einer der Trauzeugen ausgeblieben war.

Um die Trauung nicht aufschieben zu müssen, schidte man einen Jungen mit dem Auftrage auf die Straße, den ersten Mann, den er treffen würde, zu bitten, als Zeuge mit heraufzukommen. Der Zufall fügte es, daß der Junge beim Heraustreten aus der Tür just einem Geheimpolizisten begegnete, der sich auch bereit erklärte, der Bitte, als Zeuge zu fungieren, zu entsprechen. Als der Name des Bräutigams aufgerufen wurde, stutzte der als Zeuge ge­worbene Detektiv, und als die Trauungszeremonie, wäh rend der er den Bräutigam unausgesetzt beobachtete, zu Ende war, schritt er auf den jungen Ehemann zu und ver­haftete ihn. Ungeachtet des Protestes der jungen Frau und ihrer Mutter führte er seinen Gefangenen, der ebenso wie die junge Frau einer wohlhabenden Familie angehört, zum Polizeiarrest.

Vom Hufschmied zum Börsenpräsidenten. Eine roman­tische Laufbahn, wie sie wohl nur im Lande der unbegrenz­ten Möglichkeiten sich heute noch vollzieht, hat in der Wahl des Millionärs James J. Townsend zum Präsidenten derChi­cagoer Börse thren Höhepunkt gefunden. Noch vor 22 Jah­ren war dieser große Finanzmann ein einfacher Huf­schmiedegeselle, der an nichts weniger dachte, als an große Geldspekulationen. Seine Geschichte und die Art, wie er zum Börsenmann wurde, hat Townsend selbst mit schlichten Worten erzählt: Ich kam hierher mit fast nichts in met­nen Taschen und sah mich nach Arbeit um. Nach einigen Tagen fand ich denn auch eine Beschäftigung bei einem Hufschmied namens Martindale, der jetzt schon tot ist. Bei dem blieb ich 10 Jahre und beschlug eine Menge Pfer­de. Es tam noch ein Mann in unsere Schmiede, der hatte sehr hübsche, teure Pferde, und wenn sie beschlagen wur­den, so sah er dabei zu. Den lernte ich also kennen, und er war so mit mir zufrieden, daß er alle seine Pferde nur von mir beschlagen lassen wollte. Eines Tages, als er wie­der dabei stand, wie ich seine Pferde beschlug, sagte er: Jimmy, warum läßt Du nicht das sein und tust was an­beres?" Jch lachte und sagte ihm, da gäb's nichts anderes, was ich tun könnte. ,, Doch", meinte er, ,, wenn ich Dir et­nen Platz in meinem Bankbureau verschaffe, willst Du thn annehmen?" Na, das war eine schöne Ueberraschung. Den nächsten Tag schnallte ich meine Lederschürze ab und ging mit meinem Bekannten. John A. King, der damalige Präsident der Fort Dearborn Bank, war es, der mich zu einem Finanzmann machte. Mein Lebtag werde ich ihn nicht vergessen." Sechs Monate lernte nun der junge ,, Jim­my", dann machte er sich selbständig und wurde allmählich Millionär und eine der führenden Persönlichkeiten an der Chicagoer Börse.

Detektivs bei der englischen Königströnung. Die Lon­doner Polizeibehörde rechnet für die bevorstehenden Fest­tage mit einer Masseneinwanderung von dunklen Ehren­männern aus den Vereinigten Staaten, die die Reise über den Ozean in der Absicht antraten, im Trubel der Krö­nungsfestlichkeiten leichte Beute zu machen. Sie hat sich in Erwartung dieser unwillkommenen Gäste deshalb an das bekannte Pinkertonsche Privatdetektivinstitut in Chi­tago mit der Bitte gewandt, ihr zur Unterstützung des Ueberwachungsdienstes eine Anzahl von erprobten Beam­ten zur Verfügung zu stellen. Zur Wahrnehmung dieses polizeilichen Ueberwachungsdienstes werden die amerika­nischen Detektivs an allen Festlichkeiten der Krönungs­tage teilnehmen und, wo es angezeigt ist, in der Rolle amerikanischer Millionäre auftreten. Für die Krönungs­tage find 3000 pensionierte englische Polizisten zum Dienst herangezogen worden, die helfen sollen, die Vorstädte ab­zupatroullieren, während andere auf den Straßen, die der Krönungszug passiert, tätig sind. Auch Berliner Krimi­nalpolizisten sollen die Londoner Polizei unterstützen.

" Othellos" Leichenbegängnts. Eine sonderbare Zu­schrift wurde einem Theater einer schlesischen Sommer­bühne zugestellt. Man führte in dem Theater den Othello" auf, das Publikum spendete reichen Beifall. Um so überraschter war die Direktion, als am nächsten Tage das Schreiben eines Bauern einlief, der sich die Aufführung von Othello" gleichfalls angesehen hatte, der auch seine Befriedigung über das Stück aussprach, dennoch aber sein Geld zurückverlangte, weil die Sauptsache" bei der Auf­führung gefehlt hätte. Die Hauptsache bei der, Othello" Aufführung aber war, wie aus dem Schreiben hervorging, ,, die schöne Leich" Das Bäuerlein meinte, daß ein Theater, welches eine solche Aufführung zustande brächte, doch ge­wiß imstande sein müsse, ein besonders schönes Begräbnis herzustellen, und daß dieses, auf die Bühne gebracht, die Zuschauer lebhaft interessieren müsse. Er set enttäuscht nach Hause gegangen und habe in dem Theater nicht zu sehen bekommen, was er erwartet habe. Er bitte also, daß man ihm sein Geld, 1,50 M, zurückerstatte, oder aber Othellos Leichenbegängnis in den Spielplan aufnehme. Die Direktion beantwortete das Schreiben, indem sie dem Kläger ein Billett zu einer anderen Vorstellung zuschickte, denn Othellos Leichenbegängnis in den Spielplan aufzu­nehmen, wagt sie doch nicht.

Die Hundertjahrfeier des Turnplages in der Hasen: heide, von den Turnern Berlins angelegt, wird als ein großes Turnfest durchgeführt werden. Bum Vorsitzenden des Festkomitees ist der Kreisvertreter Profeffor O. Reinhardt, zum Vorsitzenden des Turnausschusses der Kreisturnwart E. Kregenom gewählt worden. Am Jahn- Denkmal in der Hasenhetde hält am Sonnabend der Kultusminister die Begrüßungsrede, auf die der nunmehr 85jährige erste Vor­fizende der Deutschen Turnerschaft, Geh. Sanitätsrat Dr. Göz, erwidert. Prinz Oskar wird bet dem Fest seinen fat­serlichen Vater vertreten. Das kostbare Banner der Deut schen Turnerschaft wird durch eine Abordnung von Frank­furter Turnern unter Führung des Prof. Bender, der 1908 Leiter des Frankfurter Turnfestes gewesen ist, von Frank­furt a. M. nach Berlin gebracht werden. Die Leitung des militärischen Turnens am Sonntag hat Oberstleutnant von Hülsen vom Königin- Augusta- Garde- Grenadierregiment Nr. 4 übernommen. Nach der Aufstellung am Sonntag vor­mittag um 11 Uhr vor dem Brandenburger Tor wird der Festzug seinen Weg durch die Wilhelm-, Hedemann- und Bellealliancestraße nach dem Tempelhofer Feld nehmen. Auf diesem kolossalen Platz find 150 Meter lange Tribünen mit 10 000 Sipplägen errichtet worden. Vor den Tribünen befindet sich für Sondervorführungen ein 250 Meter bret­ter und 400 Meter langer Platz. Das ganze Feld ist durch Drahtzäune in Spielfelder eingeteilt und bietet Raum für mehr als 20 000 Spieler.

Fürstliche Reiseobliegenheiten. Eine lustige Statistik der Verpflichtungen, die der jetzige König Georg als Kron­prinz bei seiner Weltumsegelung auf der Ophir" erfüllen mußte, stellt eine englische Zeitschrift zusammen. Danach hat König Georg auf dem Schiff nicht weniger als 38 000 englische Meilen zurückgelegt, 3000 englische Meilen auf anderen Schiffen und 12 000 Meilen auf der Eisenbahn. Dabet hatte der jetzige König genau 86 große Reden zu halten, mußte über hundert Grundsteine legen, Paraden über mehr als 60 000 Soldaten abnehmen, genau 4329 Kriegsmedaillen auf die Brust wackerer Veteranen heften,

142 Titel verleihen und mit genau 84 987 Menschen je etnen Händedrud wechseln.

Streik im Berliner Buchdruckgewerbe. In der Druce rei der Firma August Scher! haben sich gestern abend die Maschinenmeister geweigert, den Berliner Lokalanzeiger zu drucken, weil auf Grund eines Urteils des von Drudern und Prinzipalen zu gleichen Teilen besetzten Tarifamts awet Maschinenmeister entlaffen worden waren. Darauf haben sich die Firmen Ullstein und Rudolf Mosse mit der Firma August Scher! solidarisch erklärt und beschlossen, thre Zeitungen zunächst nicht erscheinen zu lassen.

" Ich verbiete das Fliegen." Das englische Ministerium des Innern hegt große Besorgnis, daß die gewaltige Men­schenmenge, die während der Krönungstage in den Straßen Londons umherziehen wird, durch allzu wagemutige Flie ger in Gefahr kommen könnte, und um diese Befürchtung gegenstandslos werden zu lassen, hat der Minister Churchill jetzt einen kategorischen Erlaß verbreitet, der in schneidigem Stile ankündigt: Ich verbiete die Steuerung jeder Art von Luftfahrzeugen über der Grafschaft London am 22., 28. und 29. Juni. Ich verbiete das Fliegen jeder Art von Luftfahrzeugen über der Grafschaft London und über den Distrikten von Pengle und Beckenham am 30. und ich ver­biete das Fliegen jeder Art von Luftfahrzeugen über dem Park von Windsor am 3. und 4. Juli. Wer diesen Erlaß übertritt, wird mit sechs Monaten Gefängnis oder 400C Mark Strafe oder mit Gefängnis und Geldstrafe belegt."

Das Land der Erdbeben.

Zu der letzten Erdbebenkatastrophe in Merito wird der Magd. Ztg. geschrieben: Die telegraphischen Berichte über die mexikanische Erdbebenkatastrophe lassen gewiß an furcht­barer Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Daten der letzten zwei Jahre ergeben ein furchtbares Bild, das durch das letzte Unglück von neuem belebt wird: Am 14. Februar 1909 fand eine heftige Eruption des in Meriko gelegenen Vulkanes Rico de Colima statt. Am 31. Juli des­selben Jahr es wurde ein großer Teil von Mexiko, vor al­lem die Stadt Acapulco, von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Am 6. Mai 1910 ist der größte Teil der Haupt­stadt von Costa Rica, Cartago, von einem Erdbeben zer­stört worden, wobei über 500 Menschen ums Leben kamen. Am 11. Mai hat in ganz Mittelamerika ein heftiges Erd­beben stattgefunden. Am 4. Juni sind in Santiago de Cuba infolge eines Erdbebens zahlreiche Gebäude zerstört wor­den. Am 19. Dezember sind bei einem Erdbeben in San Salvador mehrere kleine Inseln ins Meer versunken; auf einer Insel des Jlopangosees bei San Salvador find allein 170 Menschen ums Leben gekommen.

Die Bevölkerung dieses Lande der Erdbeben" weiß durch mündliche Überlieferung der Alten und teilweise durch eigenes Erleben, was es heißt. wenn die Erbrinde plötz­lich anfängt, fich zu bewegen. Es gibt für sie keinen größe­ren Schrecken als ein Erdbeben. Bret Harte schildert in feinem Gabriel Conroy" die Ueberraschung einer festlich schmausenden Gesellschaft durch ein leichtes Erdbeben in San Franzteko. Ich habe seine Schilderung stets verständ­nislos gelesen, bis ich dann später in Valparaiso selbst er­lebt habe, was durch Worte nicht verständlich gemacht wer­den kann. Ich war von See hereingekommen und saß eines schönen Vormittags in einem Restaurant am Landungssteg in der Nähe des Denkmals Arturo Prats, da merkte ich plöblich, ohne große Erregung, daß das Haus ein wenig zit­terte, etwa, wie wenn die Haustür einer massiven deutschen Mietsfaserne mit großer Wucht zugeschlagen wird. Daran war ich gewöhnt und meinte daher, es handele sich um irgend einen Hafenfrawall. Mit einem Male erscheint hinter der Bar des völlig menschenleer gewordenen Lokals der Wirt mit bleichem Gesichte und von Entsetzen verzerrten Zügen, mißt wilden Blickes die Distanz um den Ladentisch herum und rast dann wie ein von den Furien Verfolgter hinaus. Das mußte mir schließlich doch auffallen, und ich blickte ihm nach auf die Straße, die von Menschen wimmelte. Kein Laut war hörbar, so sehr hatte der Schrecken alle Menschen gelähmt. Ein älterer Mann winkte mir mit der Hand, und da ich nun merkte, daß etwas ungewöhnliches im Gange war, folgte ich ihm auf die Straße. Ich dachte an einen Mord, eine Feuersbrunst oder eine Schiffsfatastrophe, kurz, an alles mehr als an ein Erdbeben. Sämtliche Läden in der Straße waren leer. Die Menge schob sich nach der Mitte des Denkmalsplates; auf mein Fragen erhielt ich feine Antwort, nur ein Engländer raunte mir etwas zu, das ich mir mit Erdbeben" übersetzte. Minutenlang wurde fein Wort gesprochen. Die Leute warteten auf den zwei­ten Erdstoß. Der blieb aus, und nur ganz allmählich kam Farbe in die Gesichter, man hörte Ausrufe, Erklärungen, es ertönten die Rufe nach den Angehörigen, die Beherz­teren suchten ihre Läden wieder auf; inzwischen fam Mili­tär, und das war auch die höchste Zeit, denn schon hatte sich von den Lagerhäusern her allerlei verdächtiges Gesindel zusammengerottet, um das Plünderungswerk an dem un­bewachten Eigentum zu beginnen. In faum 5 Minuten hatte die durch die Zwangsmittel der staatlichen Autorität niedergehaltene Bestialität ihr Haupt erhoben. Der An­schlag war mißglückt, da das Erdbeben nicht andauerte. Aber in dieser kurzen Zeit sind an 30 Marodeure beim Plündern verhaftet worden.

Nirgends hat jemand versucht, seine Angehörigen zu retten. Man sagte mir nachher, das sei immer so. Der erste Schrecken lähmte alle Instinkte, außer dem der Selbst­erhaltung. Wenn wirkliches Unglück geschehen set, täme vielen die Besinnung wieder, und es geschähen Wunder des Opfermutes. Ich habe in den brasilianischen Vorrevolutio­nen manchen Szenen von Blutvergießung und Verzweif lung beigewohnt und habe auch einen furchtbaren Schiff­bruch miterlebt, niemals aber habe ich folcies starre Ent­setzen gesehen wie bei diesem verhältnismäßig so harmlos abgelaufenen Erdbeben. Bei Mord, Brand und Schiff­bruch kann der Mensch sich wehren oder wenigstens schreien vor Angst. Die Erdbebenangst lähmt selbst die menschliche Stimme. Das ist das Furchtbarste, was erlebt werden kann. Bittert im sächsischen Vogtland die Erde ein wenig, so nimmt mans geruhig hin. In den Ländern aber, wo große Erdbebenverheerungen vorgekommen sind, bleibt die Ueberlieferung des Grausens durch Generationen lebendig.

Drabinachrichten und neuestes.

Tödlicher Antomobilunfall.

Braunschweig, 17. Junt. Gestern abend fuhr auf der Landstraße zwsichen Schöningen und Esbeck das Auto­mobil des Fabrikbesizers Jüterbog gegen einen Prellstein. Der Eigentümer des Wagens, der diesen selbst steuerte, wurde auf der Stelle getötet. Die vier mitfahrenden Pers sonen erlitten zum Teil schwere Verlegungen.

Der Kaiser in Hannover.

Hannover, 17. Juni. Der Kaiser fuhr heute früh furz noch 6 Uhr nach der Fahrenwalder Heide und wohnte dort dem Ererzieren der Königsulanen bei. Um 8 thr führte der Kaiser das Regiment unter den Ovationen des Straßenpublikums nach der Kaserne zurück, wo ein Vor­beimarsch der gesamten Garnison erfolgte.

Wegen Totschalgs verurteilt.

Hirschberg i. Schl., 17. Juni. Der Dachdecker Oskar Brandenburg wurde vom Schwurgericht zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er war bei einem Einbruch von der Frau des Besigere ertappt worden, die ihn festhielt, wo­rauf Brandenburg die Frau so lange wirgte, bis sie tot

war.