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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
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vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. Erscheint Mittags 3 Uhr. Die„ Illuftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 116.
Telephon: Nr. 362.
Schutz der Jugend.
Die Parlamente hallen wider von den Worten Sozialpolitik und Sozialreform, die Parteien laufen mit einander um die Wette, sobald es den Arbeiterschutz gilt, die Regierungen füllen das Programm von 1881 und 1890, das der Kaiserlichen Erlasse, immer weiter aus
furz, wir sollten annehmen, daß alles im besten Zuge und eine besondere außerparlamentarische Anregung zur Fortführung der Sozialreform unnötig sei. Trotzdem existiert die„ Gesellschaft für Sozialreform" unter Leitung des früheren Ministers Freiherrn von Berlepsch in großem Segen, und wie nützlich und notwendig sie sein kann, das zeigt die Fülle der Anregungen, die man von der jetzigen in Berlin tagenden Hauptversammlung der Gesellschaft wieder erhalten hat.
Ein Thema hebt sich besonders markant aus der Tagesordnung hervor, das des Schutzes der jugendlichen Arbeiter, und es erhält seine besondere Aktualität ja auch noch durch die jetzigen staatlichen Bestrebungen in Preußen, die Jugendpflege in nationalem Sinne jährlich mit einer Million Mark zu unterstützen. Unter welchen Bedingungen diese Jugend lebt, deren man sich annehmen will, das zeigten uns nun die in Berlin versammelten Sozialreformer, und man muß gestehen, daß man erschütteet die Tagung verließ. Das Hauptreferat des Professors Dr. von Gruber- München über diese Frage schließt mit folgenden Forderungen an die Gesetzgebung:
Die arbeitenden Jugendlichen sollen beständig- unter ärztliche Kontrolle gestellt werden. Das Schutzalter sollte bis zum 20. Lebensjahre, mindestens aber bis zum 18. Lebensjahre ausgedehnt werden. Weiter hätte ein Verbot der Nachtarbeit auch für männliche jugendliche Arbeiter einzutreten. Die Fortbildungs= schulzeit soll in den Maximalarbeitstag eingeschlossen werden. Es muß Gelegenheit zu ausgedehnten förperlichen Uebungen gegeben werden. Die schlechten Wohnungsbedingungen der arbeitenden Jugend, zum Beispiel das Schlafstellenwesen, sind zu ändern. Man sieht also, daß es noch einiges zu tun gibt und daß wir von einem„ Abschluß“ der Sozialreform noch nicht gut sprechen können. Es ist begreiflich, daß die Forderungen der Gesellschaft für Sozialreform nicht überall Anklang finden, daß namentlich die Anschauung laut wird, eine weitere Einschränkung der Arbeit Jugendlicher vermehre übermäßig die Produktionskosten vieler Industrien bei uns. Der Dozent Kaup von der Zentrale für Volkswohlfahrt fand auf der Tagung für diese Bedenken ein glückliches Wort. Er sagte, die in ternationale Konkurrenzfähigkeit werde durch die geplanten Schutzmaßregeln nicht beeinträchtigt, sondern im Gegenteil würden dadurch nur die Riesenkosten für vorzeitige Invalidität herabgedrückt. So etwas läßt sich zahlenmäßig nicht nachweisen. Wenn wir irgend eine bleiche Puzzarbeiterin von 16, 17 Jahren sehen, so können wir uns wohl denken, wie gut ihr die Einführung etwa der Halbtagsschicht bekäme; oder wenn ein ebenso alter junger Mensch aus der Schusterwerkstatt spät am abend uns unsere Stiefel bringt, so bedauern wir es,
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daß er nicht nachmittags auch einmal Fußball spielen fann. Ob aber die eine oder der andere nicht vorzeitig invalide würde, wenn das geschähe, das können wir natürlich nur schätzen.
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In der Debatte kam noch eine Fülle guter Gedanfen zum Ausdruck, die unzweifelhaft auf richtiger Beobachtung beruhen. So wurde erwähnt, daß die Ernährung der jugendlichen Arbeiter notorisch schlecht meist nicht aus Mangel an Mitteln ist, sondern aus Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen in der Welt serer Arbeiterfrauen. Das entfesselte selbstverständlich den Redestrom der Männer, die in der Konkurrenz der Frauen auf dem Arbeitsmarkt die Wurzel des Uebels, die Zerstörung der Familie erblicken. Die soziale Frage besteht eben, das sieht man bei jeder derartigen Erörterung, aus einer Kette von Einzelfragen, die miteinander zusammenhängen und nur Glied nach Glied werden können. Der Schutz der Jugendlichen wird bald spruchreif sein. Und trotz alles dessen, was Regierun gen und Parlamente schon von selber tun, ist es sehr dankenswert, daß die Gesellschaft für Sozialreform auch hier Pionierdienste leistet.
Hessischer Landtag.
bearbeitet
Be
Die 3 weite Kammer setzte gestern ihre ratungen fort. Am Mittwoch wird mit der Beratung des Gemeindeumlagegesetzes begonnen. Am Dienstag findet ein parlamentarischer Ausflug nach Ju
der Großherzoglichen Bürgermeisterei
des Großherzoglichen Polizei Amtes Behörden Oberhessens sowie vieler anderer Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)
Donnerstag, den 18. Mai 1911.
genheim statt, zu dem auch die Parlaments presse eingeladen ist. Ende nächster Woche werden die Verhand
lungen bis Anfang Juli vertagt. Der offizielle Schluß findet Mitte Juli statt. Hierauf werden die Ersatzwah len der Abgg. Schulrat Dr. Münch und Rechtsanwalt Dr. Backsheimer für gültig erklärt. Zu dem Antrag des Abg. Ulrich u. Gen., die Ausbildung der Volksschullehrer betreffend, beantragt Abg. Bach in eingehender Begründung, daß die Ausbildung der Volksschullehrer einer zeitgemäßen Revision unterzogen wird. Ministerialrat Süffert lehnt eine Aenderung der Ausbildungsvorschriften vorerst ab, da sich dieselben als zeitgemäß und gut bewährt haben. Die Regierung werde aber alle Anregungen unparteiisch auf ihren Wert prüfen.
Eine größere Debatte entspann sich bei den Vorstel lungen der Steueraufseher 2c., betr. Anstellungs- und
bis
Gehaltsverhältnisse. Die Forderungen werden im Prin 3ip als berechtigt anerkannt und das Material der Regierung für die nächste Besoldungsvorlage überwiesen. Die Anträge der Abgg. Pagenstecher, Dr. Schmitt und Genossen, betr. die Gemeindesteuern der hessischen Beamten der Eisenbahngemeinschaft wurden angenommen. Bei den Anträgen der Abgg. Haas und Genossen, die Verlängerung der Nebenbahn Weinheim- Fürth Reichelsheim und die Bahn Reinheim- Reichelsheim macht Abg. Schönberger verschiedene Ausführungen, worauf Finanzminister Dr. Braun zum ersten Male nach seiner Genesung das Wort ergreift und die Angriffe Schönbergers auf seinen Amtsvorgänger Gnauth enerjei der eifrigste Förderer der hessischen Eisenbahnpolitit gisch zu entkräftigen versucht. Finanzminister Gnauth gewesen und ihm verdanke Hessen seinen wirtschaftlichen Aufschwung.
Aus Stadt und Cand.
Gießen, den 18. Mai.
Der Verkaufstag der Großherzogin, der am Dienstag, 13. Juni, hier in Gießen stattfindet, soll zur Verstärkung des Fonds der Großherzogin zum Besten unbemittelter tuberkuloser Personen in Hessen dienen, für die keine Versicherung eintritt oder für deren Heilbehandlung andere Mittel nicht zur Verfügung stehen. Wie segensreich dieser Fonds bisher gewirkt hat, ist aus den folgenden Mitteilungen zu ersehen: Im Jahre 1909 wurden auf Kosten des Fonds in Heilstädtenbehandlung bezw. in Krankenhäuser oder Bäder 87, und 1910 88 Personen aufgenommen, wozu noch die im Jahre 1910 stattgefundenen Wiederholungskuren für 24 Personen kommen. Im Jahre 1911 wurden bis jetzt 93 Personen( einschl. 13 Wiederholungsturen) in Heilstätten, Strankenhäuser oder Bäder aufgenommen, wofür ins gesamt 11 197,41 Mark für Verpflegungen verausgabt wurden. Im Jahre 1909 sind 20 673,32 Mark und 1910 32 994,86 Mark Kosten hierfür entstanden. Weiter wurden aus dem Fonds Unterstützungen gewährt für Beschaffung stärkender Lebensmittel, zur Beschaffung von Betten, zur Beschaffung von Zahnersatz und künstlichen
Gliedern, Uebernahme der Hausmiete für die Familie während der Dauer eines Kuraufenthaltes, Zuschüsse zu Kurkosten, Zuschüsse zu Badekuren, sowie Beiträge zur Errichtung von Kinderheilstätten, Beiträge an den Heilstättenverein und an Fürsorgestellen für Lungenkranke. Hierfür sind 1909 640,35 m.; 1910 4209,10 Mk. und 1911 bis jetzt 2317,50 Mark verausgabt worden. In folgenden Heilanstalten, Krankenhäusern und Bädern waren auf Kosten des Fonds Kranke untergebracht: Eleonoren- Heilstätte bei Winterkasten, Ernst Ludwig- Heilstätte bei Sandbach, Lungenheilstätte von Göttmann Witwe zu Reichelsheim im Odenwald( Dr. Fischer), Alice- Hospital zu Darmstadt, Krankenhaus in Langen, Evangelisches Krankenhaus in Lampertheim, St. Boni fatius- Krankenhaus zu Hirschhorn, Kreiskrankenhaus zu Viernheim, Villa Friedrichsruh in Wimpfen, ElisabethHaus in Bad- Nauheim, Konitzkystist in Bad- Nauheim, Mathildenhospital zu Büdingen, Kreiskrankenhaus Alsfeld, Städt. Krankenhaus in Worms, Nassauische Heilstätte bei Naurod im Taunus, Städt. Krankenhaus Frankfurt a. M., Akademisches Krankenhaus zu Heidelberg und Ernst- Ludwig- Heilanstalt von Dr. Lossen in Darmstadt. Seit Bestehen des Fonds wurde bis jetzt von 452 Personen um Unterstützung aus ihm nachgesucht und in 335 Fällen konnte dem Gesuche entsprochen werden. In 117 Fällen konnte dies nicht geschehen, da die um Unterstützung Nachsuchenden zum Teil bei der Landes- Versicherungsanstalt gegen Invalidität versichert waren, was eine Gewährung von Unterstütz
zu
( Gießener Tageblatt)
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Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
ung aus dem Fonds bestimmungsgemäß ausschließt, teils wurden die Gesuche von den Bittstellern wieder zurückgezogen. In letzter Zeit konnte wegen der außer=
ordentlichen Inanspruchnahme des Fonds und der dadurch bedingten Erschöpfung der Mittel eine größere Reihe von Gesuchen leider nicht mehr berücksichtigt werden, weil nach der von der Großherzogin getroffenen Anordnung der verzinslich angelegte Fonds nur bis zu einer bestimmten Summe, um für die Zukunft ein ist deshalb aufs innigste zu wünschen, daß der GießeStammkapital zu behalten, aufgebraucht werden soll. Es ner Verkaufstag der Großherzogin dem so segensreich wirkenden Fonds einen recht erheblichen Betrag zuführt.
* Der Rhein- Mainische Verband für Volksbildung hält seine diesjährige Jahresverhandlungsgegenstand bildet das Thema:„ Jugendpflege sammlung am 20. und 21. Mai ab. Den Hauptverund Volksbildung". Mit der Versammlung sind
die
Besichtigungen der Mainzer Museen, sowie der Stadt
bibliothek verbunden. Bei schönem Wetter findet eine Rheinfahrt nach Eltville statt.
* Der 7. ordentliche Delegiertentag des Vereins der Deutschen Kaufleute " Marinehaus" statt. Auf der Tagesordnung stehen u. a. findet am 21. Mai und folgende Tage in Berlin im zwei Voträge über das Thema:„ Notwendige Reformen des Handelsgesetzbuches". Ferner wird die„ Reichsversicherungsordnung" und die„ Pensionsversicherung der Privatangestellten" zur Sprache kommen.
* Sterblichkeitsziffer in Hessen. Das Ergebnis der Woche vom 30. April bis zum 6. Mai
tim allgemeinen ein recht erfreuliches, nur in Darmstadt und Worms ist eine Steigerung der Todesfälle eingetreten. Verhältnismäßig am günstigsten von den gröBeren hessischen Städten steht Mainz. Dann folgt Gießen mit 7( 11) Todesfällen und der Sterblichkeitsziffer 11,4( 18,3).
*) Heuchelheim, 18. Mai. Dem Schulamtsaspiranten Karl Gorr wurde eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober- Ohmen, Kr. Alsfeld, übertragen.
-sch Hungen, 17. Mai. Der zweite Auftrieb auf die Jungviehweide Tiergarten aus den Gebieten, die wegen der Maul- und Klauenseuche seither gesperrt waren, hat kürzlich stattgefunden. Es wurden 13 Fohlen und 19 Rinder eingeliefert, sodaß der gesamte Weidebestand jetzt 37 Fohlen und 73 Rinder beträgt.
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Friedberg, 18. Mai. Der Wetterauer Geflügelzuchtverein beschloß, unter Mitwirtung der Bad- Nauheimer und Reichelsheimer Vereine zirks- Geflügel- Ausstellung zu veranstalten. Ende September in Nieder- Wöllstadt eine Be
pfangen.
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* Büdingen, 18. Mai. Hauptlehrer MockenHaupt wurde gestern vom Großherzog in Audienz em= Darmstadt, 18. Mai. Die Kunstausstellung Darmstadt 1911 ist heute vormittag 11 Uhr durch einen Rundgang Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs eröffnet worden.
* Darmstadt, 18. Mai. Das großherzogliche Wolfsgarten verlegt. Der dortige Aufenthalt wird nur Hoflager wird am Samstag nach dem Jagdschloß durch eine viertägige Reise nach Gießen, vom 11. bis 16. Juni, und dann durch die Fahrt nach London, die vom 16. Juni bis Anfang Juli dauert, unterbrochen.
* Mainz, 17. Mai. Wegen fahrlässiger Tötung wurde der Wirt K. von der hiesigen Strafkammer zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Als er eines Tages von einer Reise zurückkam, hatte er eine Bierflasche bei sich, die mit Schwefelsäure gefüllt war. Seine Frau bat ihn, ein Faß Bier anzuzapfen. In der Eile stellte er die Bierflasche in den Hausgang. Als er kurze Zeit danach die Flasche wegstellen wollte, sah er, daß die dreijährige Tochter seiner Schwester den Verschluß geöffnet und von der Flüssigkeit getrunken hatte. Er brachte das Kind sofort ins Krankenhaus, wo es am nächsten Tage starb. In einer Revision suchte der Angeklagte die Fahrlässigkeit zu bestreiten. Das Reichsgericht verwarf die Revision jedoch als unbegründet.
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Diez, 17. Mai. Vergangenen Samstag erfolgte die feierliche Eröffnung der von der Ortsgruppe Diez des Vereins für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung veranstalteten Oraniensteiner Ausstellung. Sie enthält Möbel, Gemälde, Altertümer, Münzen und Druckwerke 2c., die aus dem Schlosse Oranienstein stammen und sich im Privatbesitz befinden. Mit der Aus= stellung, die bis 6. Juni dauert, wird am 28. Mai ein Margueritentag verbunden, dessen Ertrag, wie auch der der Ausstellung wohltätigen Zwecken zufließt.


